Keine Viertelstunde, so war die Wohnung erreicht. Als beide hier in
den kühlen Flur traten, war Roswitha beim Anblick all des Sonderbaren,
das da herumhing, wie befangen; Effi aber ließ sie nicht zu weiteren
Betrachtungen kommen und sagte: »Roswitha, nun gehen Sie da hinein.
Das ist das Zimmer, wo wir schlafen. Ich will erst zu meinem Mann nach
dem Landratsamt hinüber - das große Haus da neben dem kleinen, in dem
Sie gewohnt haben - und will ihm sagen, daß ich Sie zur Pflege haben
möchte bei dem Kinde. Er wird wohl mit allem einverstanden sein, aber
ich muß doch erst seine Zustimmung haben. Und wenn ich die habe, dann
müssen wir ihn ausquartieren, und Sie schlafen mit mir in dem Alkoven.
Ich denke, wir werden uns schon vertragen.«
Innstetten, als er erfuhr, um was sich's handle, sagte rasch und
in guter Laune: »Das hast du recht gemacht, Effi, und wenn ihr
Gesindebuch nicht zu schlimme Sachen sagt, so nehmen wir sie auf ihr
gutes Gesicht hin. Es ist doch, Gott sei Dank, selten, daß einen das
täuscht.«
Effi war sehr glücklich, so wenig Schwierigkeiten zu begegnen, und
sagte: »Nun wird es gehen. Ich fürchte mich jetzt nicht mehr.«
»Um was, Effi?«
»Ach, du weißt ja ... Aber Einbildungen sind das schlimmste, mitunter
schlimmer als alles.«
Roswitha zog in selbiger Stunde noch mit ihren paar Habseligkeiten in
das landrätliche Haus hinüber und richtete sich in dem kleinen Alkoven
ein. Als der Tag um war, ging sie früh zu Bett und schlief, ermüdet
wie sie war, gleich ein. Am andern Morgen erkundigte sich Effi - die
seit einiger Zeit (denn es war gerade Vollmond) wieder in Ängsten
lebte -, wie Roswitha geschlafen und ob sie nichts gehört habe.
»Was?« fragte diese.
»Oh, nichts. Ich meine nur so; so was, wie wenn ein Besen fegt oder
wie wenn einer über die Diele schlittert.«
Roswitha lachte, was auf ihre junge Herrin einen besonders guten
Eindruck machte. Effi war fest protestantisch erzogen und würde sehr
erschrocken gewesen sein, wenn man an und in ihr was Katholisches
entdeckt hätte; trotzdem glaubte sie, daß der Katholizismus uns gegen
solche Dinge »wie da oben« besser schütze; ja, diese Betrachtung hatte
bei dem Plan, Roswitha ins Haus zu nehmen, ganz erheblich mitgewirkt.
Man lebte sich schnell ein, denn Effi hatte ganz den liebenswürdigen
Zug der meisten märkischen Landfräulein, sich gern allerlei kleine
Geschichten erzählen zu lassen, und die verstorbene Frau Registratorin
und ihr Geiz und ihre Neffen und ihre Frauen boten einen
unerschöpflichen Stoff. Auch Johanna hörte dabei gerne zu.
Diese, wenn Effi bei den drastischen Stellen oft laut lachte, lächelte
freilich und verwunderte sich im stillen, daß die gnädige Frau an all
dem dummen Zeug soviel Gefallen finde; diese Verwunderung aber, die
mit einem starken Überlegenheitsgefühl Hand in Hand ging, war doch
auch wieder ein Glück und sorgte dafür, daß keine Rangstreitigkeiten
aufkommen konnten. Roswitha war einfach die komische Figur, und Neid
gegen sie zu hegen wäre für Johanna nichts anderes gewesen, wie wenn
sie Rollo um seine Freundschaftsstellung beneidet hätte.
So verging eine Woche, plauderhaft und beinahe gemütlich, weil
Effi dem, was ihr persönlich bevorstand, ungeängstigter als früher
entgegensah. Auch glaubte sie nicht, daß es so nahe sei. Den neunten
Tag aber war es mit dem Plaudern und den Gemütlichkeiten vorbei; da
gab es ein Laufen und Rennen, Innstetten selbst kam ganz aus seiner
gewohnten Reserve heraus, und am Morgen des 3. Juli stand neben Effis
Bett eine Wiege. Doktor Hannemann patschelte der jungen Frau die Hand
und sagte: »Wir haben heute den Tag von Königgrätz; schade, daß es ein
Mädchen ist. Aber das andere kann ja nachkommen, und die Preußen haben
viele Siegestage.« Roswitha mochte wohl Ähnliches denken, freute sich
indessen vorläufig ganz uneingeschränkt über das, was da war, und
nannte das Kind ohne weiteres »Lütt-Annie«, was der jungen Mutter als
ein Zeichen galt. Es müsse doch wohl eine Eingebung gewesen sein, daß
Roswitha gerade auf diesen Namen gekommen sei. Selbst Innstetten wußte
nichts dagegen zu sagen, und so wurde von Klein Annie gesprochen,
lange bevor der Tauftag da war. Effi, die von Mitte August an bei den
Eltern in Hohen-Cremmen sein wollte, hätte die Taufe gern bis dahin
verschoben. Aber es ließ sich nichts tun; Innstetten konnte nicht
Urlaub nehmen, und so wurde denn der 15. August, trotzdem es
der Napoleonstag war (was denn auch von seiten einiger Familien
beanstandet wurde), für diesen Taufakt festgesetzt, natürlich in der
Kirche. Das sich anschließende Festmahl, weil das landrätliche Haus
keinen Saal hatte, fand in dem großen Ressourcen-Hotel am Bollwerk
statt, und der gesamte Nachbaradel war geladen und auch erschienen.
Pastor Lindequist ließ Mutter und Kind in einem liebenswürdigen und
allseitig bewunderten Toaste leben, bei welcher Gelegenheit Sidonie
von Grasenabb zu ihrem Nachbar, einem adligen Assessor von der
strengen Richtung, bemerkte: »Ja, seine Kasualreden, das geht. Aber
seine Predigten kann er vor Gott und Menschen nicht verantworten; er
ist ein Halber, einer von denen, die verworfen sind, weil sie lau
sind. Ich mag das Bibelwort hier nicht wörtlich zitieren.« Gleich
danach nahm auch der alte Herr von Borcke das Wort, um Innstetten
leben zu lassen. »Meine Herrschaften, es sind schwere Zeiten, in denen
wir leben, Auflehnung, Trotz, Indisziplin wohin wir blicken. Aber
solange wir noch Männer haben, und ich darf hinzusetzen, Frauen und
Mütter (und hier verbeugte er sich mit einer eleganten Handbewegung
gegen Effi) ... solange wir noch Männer haben wie Baron Innstetten,
den ich stolz bin, meinen Freund nennen zu dürfen, so lange geht es
noch, so lange hält unser altes Preußen noch. Ja, meine Freunde,
Pommern und Brandenburg, damit zwingen wir's und zertreten dem Drachen
der Revolution das giftige Haupt. Fest und treu, so siegen wir. Die
Katholiken, unsere Brüder, die wir, auch wenn wir sie bekämpfen,
achten müssen, haben den 'Felsen Petri', wir aber haben den 'Rocher de
bronce'. Baron Innstetten, er lebe hoch!« Innstetten dankte ganz kurz.
Effi sagte zu dem neben ihr sitzenden Major von Crampas, das mit
dem »Felsen Petri« sei wahrscheinlich eine Huldigung gegen Roswitha
gewesen; sie werde nachher an den alten Justizrat Gadebusch
herantreten und ihn fragen, ob er nicht Ihrer Meinung sei. Crampas
nahm diese Bemerkung unerklärlicherweise für Ernst und riet von einer
Anfrage bei dem Justizrat ab, was Effi ungemein erheiterte. »Ich
habe Sie doch für einen besseren Seelenleser gehalten.« »Ach, meine
Gnädigste, bei schönen jungen Frauen, die noch nicht achtzehn sind,
scheitert alle Lesekunst.«
»Sie verderben sich vollends, Major. Sie können mich eine Großmutter
nennen, aber Anspielungen darauf, daß ich noch nicht achtzehn bin, das
kann Ihnen nie verziehen werden.«
Als man von Tisch aufgestanden war, kam der Spätnachmittagsdampfer die
Kessine herunter und legte an der Landungsbrücke, gegenüber dem Hotel,
an. Effi saß mit Crampas und Gieshübler beim Kaffee, alle Fenster auf,
und sah dem Schauspiel drüben zu. »Morgen früh um neun führt mich
dasselbe Schiff den Fluß hinauf, und zu Mittag bin ich in Berlin, und
am Abend bin ich in Hohen-Cremmen, und Roswitha geht neben mir und
hält das Kind auf dem Arm. Hoffentlich schreit es nicht. Ach, wie mir
schon heute zumute ist! Lieber Gieshübler, sind Sie auch mal so froh
gewesen, Ihr elterliches Haus wiederzusehen?«
»Ja, ich kenne das auch, gnädigste Frau. Nur bloß, ich brachte kein
Anniechen mit, weil ich keins hatte.«
»Kommt noch«, sagte Crampas. »Stoßen Sie an, Gieshübler; Sie sind der
einzige vernünftige Mensch hier.«
»Aber, Herr Major, wir haben ja bloß noch den Kognak.« »Desto besser.«