Effi nahm die Hand der Mama und küßte sie. »Ja, Mama, so bin ich.«

»Ja, so bist du. Ich weiß es wohl. Aber meine liebe Effi, wir müssen

vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach

Kessin kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt,

so lacht man über dergleichen. Und wenn man bloß lachte. Die, die dir

ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter

Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres.«

»Also nichts Japanisches und auch keine Ampel. Aber ich bekenne dir,

ich hatte es mir so schön und poetisch gedacht, alles in einem roten

Schimmer zu sehen.«

Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf und küßte Effi. »Du bist ein

Kind. Schön und poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die Wirklichkeit

ist anders, und oft ist es gut, daß es statt Licht und Schimmer ein

Dunkel gibt.«

Effi schien antworten zu wollen, aber in diesem Augenblick kam Wilke

und brachte Briefe. Der eine war aus Kessin von Innstetten. »Ach, von

Geert«, sagte Effi, und während sie den Brief beiseite steckte, fuhr

sie in ruhigem Ton fort:

»Aber das wirst du doch gestatten, daß ich den Flügel schräg in die

Stube stelle. Daran liegt mir mehr als an einem Kamin, den mir Geert

versprochen hat. Und das Bild von dir, das stell ich dann auf eine

Staffelei; ganz ohne dich kann ich nicht sein. Ach, wie werd ich mich

nach euch sehnen, vielleicht auf der Reise schon und dann in Kessin

ganz gewiß. Es soll ja keine Garnison haben, nicht einmal einen

Stabsarzt, und ein Glück, daß es wenigstens ein Badeort ist. Vetter

Briest, und daran will ich mich aufrichten, dessen Mutter und

Schwester immer nach Warnemünde gehen - nun, ich sehe doch wirklich

nicht ein, warum der die lieben Verwandten nicht auch einmal nach

Kessin hin dirigieren sollte. Dirigieren, das klingt ohnehin so

nach Generalstab, worauf er, glaub ich, ambiert. Und dann kommt er

natürlich mit und wohnt bei uns. Übrigens haben die Kessiner, wie mir

neulich erst wer erzählt hat, ein ziemlich großes Dampfschiff, das

zweimal die Woche nach Schweden hinüberfährt. Und auf dem Schiff ist

dann Ball (sie haben da natürlich auch Musik), und er tanzt sehr

gut ...«

»Wer?«

»Nun, Dagobert.«

»Ich dachte, du meintest Innstetten. Aber jedenfalls ist es an der

Zeit, endlich zu wissen, was er schreibt ... Du hast ja den Brief noch

in der Tasche.«

»Richtig. Den hätt ich fast vergessen.« Und sie öffnete den Brief und

überflog ihn.

»Nun, Effi, kein Wort? Du strahlst nicht und lachst nicht einmal,

und er schreibt doch immer so heiter und unterhaltlich und gar nicht

väterlich weise.«

»Das würde ich mir auch verbitten. Er hat sein Alter, und ich habe

meine Jugend. Und ich würde ihm mit den Fingern drohen und ihm sagen:

'Geert, überlege, was besser ist.'« »Und dann würde er dir antworten:

'Was du hast, Effi, das ist das Bessere.' Denn er ist nicht nur ein

Mann der feinsten Formen, er ist auch gerecht und verständig und weiß

recht gut, was Jugend bedeutet. Er sagt sich das immer und stimmt sich

auf das Jugendliche hin, und wenn er in der Ehe so bleibt, so werdet

ihr eine Musterehe führen.«

»Ja, das glaube ich auch, Mama. Aber kannst du dir vorstellen, und ich

schäme mich fast, es zu sagen, ich bin nicht so sehr für das, was man

eine Musterehe nennt.«

»Das sieht dir ähnlich. Und nun sage mir, wofür bist du denn

eigentlich?«

»Ich bin... nun, ich bin für gleich und gleich und natürlich auch für

Zärtlichkeit und Liebe. Und wenn es Zärtlichkeit und Liebe nicht sein

können, weil Liebe, wie Papa sagt, doch nur ein Papperlapapp ist

(was ich aber nicht glaube), nun, dann bin ich für Reichtum und ein

vornehmes Haus, ein ganz vornehmes, wo Prinz Friedrich Karl zur Jagd

kommt, auf Elchwild oder Auerhahn, oder wo der alte Kaiser vorfährt

und für jede Dame, auch für die jungen, ein gnädiges Wort hat. Und

wenn wir dann in Berlin sind, dann bin ich für Hofball und Galaoper,

immer dicht neben der großen Mittelloge.«

»Sagst du das so bloß aus Übermut und Laune?«

»Nein, Mama, das ist mein völliger Ernst. Liebe kommt zuerst, aber

gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung

- ja, Zerstreuung, immer was Neues, immer was, daß ich lachen oder

weinen muß. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile.«

»Wie bist du da nur mit uns fertig geworden?«

»Ach, Mama, wie du nur so was sagen kannst. Freilich, wenn im Winter

die liebe Verwandtschaft vorgefahren kommt und sechs Stunden bleibt

oder wohl auch noch länger, und Tante Gundel und Tante Olga mich

mustern und mich naseweis finden - und Tante Gundel hat es mir auch

mal gesagt -, ja, da macht sich's mitunter nicht sehr hübsch, das

muß ich zugeben. Aber sonst bin ich hier immer glücklich gewesen, so

glücklich.«

Und während sie das sagte, warf sie sich heftig weinend vor der Mama

auf die Knie und küßte ihre beiden Hände.

»Steh auf, Effi. Das sind so Stimmungen, die über einen kommen,

wenn man so jung ist wie du und vor der Hochzeit steht und vor dem

Ungewissen. Aber nun lies mir den Brief vor, wenn er nicht was ganz

Besonderes enthält oder vielleicht Geheimnisse.«

»Geheimnisse«, lachte Effi und sprang in plötzlich veränderter

Stimmung wieder auf. »Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf,

aber das meiste könnte ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da,

wo immer die landrätlichen Verordnungen stehen. Nun, Geert ist ja auch

Landrat.«

»Lies, lies.«

»Liebe Effi! ... So fängt es nämlich immer an, und manchmal nennt er

mich auch seine 'kleine Eva'.«

»Lies, lies ... Du sollst ja lesen.«

»Also: Liebe Effi! Je näher wir unsrem Hochzeitstage kommen, je

sparsamer werden Deine Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer

zuerst nach Deiner Handschrift, aber wie Du weißt (und ich hab es ja

auch nicht anders gewollt), in der Regel vergeblich. Im Hause sind

jetzt die Handwerker, die die Zimmer, freilich nur wenige, für Dein

Kommen herrichten sollen. Das Beste wird wohl erst geschehen, wenn wir

auf der Reise sind. Tapezierer Madelung, der alles liefert, ist ein

Original, von dem ich Dir mit nächstem erzähle, vor allem aber, wie

glücklich ich bin über Dich, über meine süße kleine Effi. Mir brennt

hier der Boden unter den Füßen, und dabei wird es in unserer guten

Stadt immer stiller und einsamer. Der letzte Badegast ist gestern

abgereist; er badete zuletzt bei neun Grad, und die Badewärter waren

immer froh, wenn er wieder heil heraus war. Denn sie fürchteten einen

Schlaganfall, was dann das Bad in Mißkredit bringt, als ob die Wellen

hier schlimmer wären als woanders. Ich juble, wenn ich denke, daß ich

in vier Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus nach dem Lido fahre

oder nach Murano hin, wo sie Glasperlen machen und schönen Schmuck.

Und der schönste sei für Dich. Viele Grüße den Eltern und den

zärtlichsten Kuß Dir von Deinem Geert.« Effi faltete den Brief wieder

zusammen, um ihn in das Kuvert zu stecken.

»Das ist ein sehr hübscher Brief«, sagte Frau von Briest, »und daß er

in allem das richtige Maß hält, das ist ein Vorzug mehr.«

»Ja, das rechte Maß, das hält er.«

»Meine liebe Effi, laß mich eine Frage tun; wünschtest du, daß der

Brief nicht das richtige Maß hielte, wünschtest du, daß er zärtlicher

wäre, vielleicht überschwenglich zärtlich?« »Nein, nein, Mama. Wahr

und wahrhaftig nicht, das wünsche ich nicht. Da ist es doch besser

so.«

»Da ist es doch besser so. Wie das nun wieder klingt. Du bist so

sonderbar. Und daß du vorhin weintest. Hast du was auf deinem Herzen?

Noch ist es Zeit. Liebst du Geert nicht?« »Warum soll ich ihn nicht

lieben? Ich liebe Hulda, und ich liebe Bertha, und ich liebe Hertha.

Und ich liebe auch den alten Niemeyer. Und daß ich euch liebe, davon

spreche ich gar nicht erst. Ich liebe alle, die's gut mit mir meinen

und gütig gegen mich sind und mich verwöhnen. Und Geert wird mich auch

wohl verwöhnen. Natürlich auf seine Art. Er will mir ja schon Schmuck

schenken in Venedig. Er hat keine Ahnung davon, daß ich mir nichts aus

Schmuck mache. Ich klettere lieber, und ich schaukle mich lieber, und

am liebsten immer in der Furcht, daß es irgendwo reißen oder brechen

und ich niederstürzen könnte. Den Kopf wird es ja nicht gleich

kosten.«

»Und liebst du vielleicht auch deinen Vetter Briest?« »Ja, sehr. Der

erheitert mich immer.«

»Und hättest du Vetter Briest heiraten mögen?«

»Heiraten? Um Gottes willen nicht. Er ist ja noch ein halber Junge.

Geert ist ein Mann, ein schöner Mann, ein Mann, mit dem ich Staat

machen kann und aus dem was wird in der Welt. Wo denkst du hin, Mama.«

»Nun, das ist recht, Effi, das freut mich. Aber du hast noch was auf

der Seele.«

»Vielleicht.«

»Nun, sprich.«

»Sieh, Mama, daß er älter ist als ich, das schadet nichts, das ist

vielleicht recht gut: Er ist ja doch nicht alt und ist gesund und

frisch und so soldatisch und so schneidig. Und ich könnte beinah

sagen, ich wäre ganz und gar für ihn, wenn er nur ... ja, wenn er nur

ein bißchen anders wäre.«

»Wie denn, Effi?«

»Ja, wie. Nun, du darfst mich nicht auslachen. Es ist etwas, was ich

erst ganz vor kurzem aufgehorcht habe, drüben im Pastorhause. Wir

sprachen da von Innstetten, und mit einem Male zog der alte Niemeyer

seine Stirn in Falten, aber in Respekts- und Bewunderungsfalten, und

sagte: 'Ja, der Baron! Das ist ein Mann von Charakter, ein Mann von

Prinzipien.'«

»Das ist er auch, Effi.«

»Gewiß. Und ich glaube, Niemeyer sagte nachher sogar, er sei auch ein

Mann von Grundsätzen. Und das ist, glaub ich, noch etwas mehr. Ach,

und ich... ich habe keine. Sieh, Mama, da liegt etwas, was mich quält

und ängstigt. Er ist so lieb und gut gegen mich und so nachsichtig,

aber ... ich fürchte mich vor ihm.«

Effi Briest · 第 7 / 54 题