All mein Ringen, all mein Treiben

Kann den Ton nicht übertäuben,

Immer dröhnt mir dumpf und bang

In das Ohr sein hohler Klang;

Und mag ich mir's immer sagen:

Deinen Feind hast du erschlagen;

Ruft der Hölle gift'ger Hohn:

Das war keines Feindes Ton!--

Doch wer naht dort durch die Trümmer,

Eilig schreitend auf mich zu?

Tor! Den Rückweg findst du nimmer,

Ich muß fallen, oder du.

Denn wenn einmal nur der Tiger

Erst gesättigt seine Wut,

Bleibt die Gierde ewig Sieger

Und sein Innres schreit nach Blut. (Er zieht sich zurück.)

(Boleslav kommt.)

Boleslav.

Gott sei Dank! Es ist gelungen,

Ledig bin ich meiner Haft,

Doch von Mauern noch umrungen

Und schon schwindet meine Kraft.

Daß ich ihn doch finden könnte,

Ihn, den Teuern, den ich suche,

Meinen, seinen, unsern Sohn.

Werf ich mich mit Jaromir

Zu des mächt'gen Vaters Füßen,

O dann muß der Richter schonen,

Trifft desselben Schwertes Streich,

Doch den Sohn mit mir zugleich.

Jaromir (hervortretend).

Das ist meines Vaters Stimme!

Boleslav.

Jaromir!--du bist's?

Jaromir.

Ich bin's.

Boleslav.

Sei gesegnet!

Jaromir.

Großen Dank!

Ei, behaltet Euren Segen,

Räubers Segen ist wohl Fluch.

Und woher des Wegs, mein Vater?

Welcher Dietrich, welche Leiter

Führt Euch in des Sohnes Arm?

Boleslav.

Ach, ich war in Feindeshänden.

An dem Weiher dort gefangen,

Ward ich in das Schloß gebracht.

Doch benutzend die Verwirrung,

Die des Grafen jähe Krankheit

Unter seine Diener streute,

Sucht' ich Rettung, und entsprang.

Jaromir.

Und entsprangt? Ihr seid mein Mann!

Seht, so hab ich auch getan;

Denn uns blüht kein Glück, uns beiden,

Unter unbescholtnen Leuten,

In des Waldes Nacht und Graus,

Fühlt ein Räuber sich zu Haus.

Recht mein Vater! Wackrer Vater!

Würdig eines solchen Sohns.

Boleslav.

Solchen Sohns?--Er weiß noch nicht!--

Jaromir, du nennst mich Vater!

Jaromir.

Soll ich nicht?--Wohl, tauschen wir!

Nehmt den Vater Ihr zurück,

Doch erlaßt mir auch den Sohn!

Boleslav.

Wozu mag noch Schweigen frommen,

Ist die Stunde doch gekommen,

Wo die Hülle fallen muß.

Nun wohlan denn, so erfahre

Das Geheimnis langer Jahre:

Wer dir gab des Lebens Licht.

Laß den Dank nur immer walten,

Denn ich habe dir's erhalten,

Wenn auch gleich gegeben nicht.

Jaromir.

Ha!--Wenn gleich gegeben nicht?

Nicht gegeben? Nicht gegeben?

Boleslav.

Nein, mein Sohn, nicht mehr mein Sohn.

Jaromir.

Nicht dein Sohn?--Ich nicht der Sohn

Jenes Räubers Boleslav?

Alter Mann, ich nicht dein Sohn?

Laß mich's denken, laß mich's fassen,

O es faßt, es denkt sich schön!

Ich gehörte mit zum Bunde,

Den verzweifelnd ich gesucht,

Und Gott hätte in der Stunde

Der Geburt mir nicht geflucht?

Meinen Namen nicht geschrieben

Ein in der Verwerfung Buch,

Dürfte hoffen, dürfte lieben

Und mein Beten ist kein Fluch?

(Boleslav hart anfassend.)

Ungeheuer! Ungeheuer!

Und du konntest mir's verhehlen,

Sahst mich gift'ge Martern quälen,

Sahst des Innern blut'gen Krieg,

Ha, und deine Lippe schwieg!

Schlichst dich kirchenräuberisch

In des reinen Kinderbusens

Unentweihtes Heiligtum;

Stahlst des teuren Vaters Bild

Von der gottgeweihten Schwelle,

Setztest deines an die Stelle!

Ungeheuer! Ungeheuer!

Wenn ich im Gebete kniete,

Und des Dankes Gegenstand,

Der, mir selber unbekannt,

In dem heißen Herzen brannte,

Lebensschenker, Vater nannte,

Segen auf ihn niederflehte,

Schlichst du dich in die Gebete,

Eignetest dir, Mörder, du,

Meiner Lippen Segen zu!

Sprich's noch einmal, sprich es aus,

Daß du dir den Vaternamen

Wie ein feiger Dieb gestohlen,

Mörder! Daß ich nicht dein Sohn!

Boleslav.

Ach mein Sohn--

Jaromir.

Sprich es nicht aus!

Deine Zunge töne Mord,

Aber nicht dies heil'ge Wort!--

Nicht dein Sohn! Ich nicht dein Sohn!

Habe Dank für diese Nachricht!

Mörder! Darum haßt' ich dich,

Seit ich Gottes Namen nenne,

Seit ich Gut und Böses kenne.

Darum bohrten deine Blicke

Sich wie Meuchelmörder-Dolche

In des Knaben warme Brust,

Darum faßt' ihn kalter Schauder,

Wenn du mit den blut'gen Händen

Seine vollen Wangen strichst,

Dich zu ihm herunter neigtest,

Auf erschlagne Leichen zeigtest,

Und dein Mund mit Lächeln sprach:

Werd ein Mann, und tu mir nach!

Und ich Tor, ich blinder Tor,

Ich verstand des eignen Innern

Tief geheime Warnung nicht,

Rang mit meinem weichen Herzen,

Rang in fruchtlos blut'gem Ringen

Um ihm Liebe abzudrängen

Für des Mannes greises Haar,

Der der Unschuld Henker war.

Bösewicht, gib mir zurück,

Was mir die Geburt beschieden,

Meiner Seele goldnen Frieden,

Meines Daseins ganzes Glück,

Meine Unschuld mir zurück!

Boleslav.

Gott im Himmel! Höre doch!

Jaromir.

Und wo ist, wer ist mein Vater?

Führ mich hin zu seinen Füßen.

Laß ihn einen Landmann sein,

Der mit seiner Stirne Schweiß

Seiner Väter Erbe dünget.

Hin zu ihm! An seiner Seite,

Will ich gern, ein Landmann nur,

Mit der sparsamen Natur

Ringen um die karge Beute,

Legen meiner Tränen Saat

Mit dem Samen in die Erde,

Froh wenn mir die Hoffnung naht,

Daß noch beides grünen werde.

Laß ihn einen Bettler sein;

Ich will leiten seine Schritte,

Teilen seine dürft'ge Hütte,

Teilen seine Angst und Not,

Teilen sein erbettelt Brot;

Will, wenn späte Sterne blinken,

Auf den nackten Boden sinken,

Und mich reich und selig dünken,

Reicher als kein König ist,

Wenn der Schlaf mein Auge schließt.

Sprich wo ist er? Führ mich hin!

Boleslav.

Nun wohlan, so folge mir!

Nicht ein niedrig dunkler Landmann

Nicht ein Sklav' in Bettlertracht,

Nein, ein Mann von Rang und Macht,

Den des Landes Höchste kennen

Und den Fürsten Bruder nennen,

Dem der Ersten Haupt sich beugt,

Jaromir, hat dich gezeugt.

Heiß den düstern Mißmut fliehn,

Denn dein Los ist nicht so herbe,

Stolz sieh auf den Boden hin,

Du trittst deiner Väter Erbe,

Bist ein Graf von Borotin!

Jaromir (zusammenfahrend).

Ha!--

Boleslav.

Deiner Kindheit erstes Lallen

Hörten dieses Schlosses Hallen,

Hier hast du das Licht erblickt,

Und bei des Besitzers Küssen

Hast du ohne es zu wissen

Vaters Brust ans Herz gedrückt.

Jaromir (schreiend).

Nein!

Boleslav.

Es ist so wie ich sagte!

Komm mit mir hinauf zu ihm.

Des Gesetzes rauhe Stimme,

Hart und fürchterlich dem Räuber,

Mildert seinen strengen Ton

Gegen jenes Mächt'gen Sohn!

Komm mit mir, weil es noch Zeit.

Hart verletzt liegt er darnieder

Und wer weiß, ersteht er wieder,

Denn nur jetzt, in dieser Nacht,

In des Schlosses düstern Gängen,

Unsrer Brüder Spur verfolgend

Traf ihn eines Flücht'gen Dolch.

Jaromir.

Teufel! Schadenfroher Teufel!

Tötest du mit einem Wort?

Glaubst du, weil ich keine Waffen?

Die Natur, die halb nichts tut,

Gab mir Krallen, gab mir Zähne,

Gab zu der Hyäne Wut

Mir auch Waffen der Hyäne!

Natter, laß mich dich zertreten,

Senden dich ins Heimatland!

Können deine Worte töten,

Besser kann's noch diese Hand!

(Auf ihn losgehend.)

Boleslav.

Er ist rasend! Rettung! Hilfe!

(Fliehend ab.)

Jaromir.

Wär' es wahr? Ha wär' es wahr,

Was des Untiers Mund gesprochen?

Und wovon schon der Gedanke,

Nur das Bild der Möglichkeit,

Meine raschen Pulse stocken,

Mir das Mark gerinnen macht.

Wär' es Wahrheit?--Ja, es ist!

Ja, es ist! es ist! es ist!

Ja! tönt's durch die dumpfen Sinne,

Ja! heult's aus dem finstern Innern

Und die schwarzen Schreckgestalten,

Die vor meiner Stirne schweben,

Neigend ihre blut'gen Häupter,

Winken mir ein gräßlich Ja!

Ha und jener Klageton,

Der erscholl in blut'ger Stunde

Aus des Hingesunknen Munde,

Er ist meinem Ohre nah

Und seufzt wimmernd, sterbend: Ja!

Er mein Vater, er mein Vater!

Ich sein Sohn, sein Sohn und--Ha!

Wer spricht hier? Wer sprach es aus?

Aus das Wort, das selbst ein Mörder,

In des Herzens tiefste Falten

Bleich und bebend sich verbirgt.

Wer sprach's aus? Sein Sohn und Mörder!

Ha, sein Sohn, sein Sohn und Mörder!

(Die Hände vors Gesicht schlagend.)

Was die Erde Schönes kennet,

Was sie hold und lieblich nennet,

Was sie hoch und heilig glaubt,

Reicht nicht an des Vaters Haupt.

Balsam strömt von seinen Lippen

Und auf wem sein Segen ruht,

Der schifft durch des Lebens Klippen

Lächelnd ob der Stürme Wut.

Doch wer in der Sinne Toben,

Gottesräuberisch, verrucht,

Gegen ihn die Hand erhoben

Ist verworfen und verflucht.

Ja, ich hör mit blut'gem Beben

Wie der ew'ge Richter spricht:

Allen Sündern wird vergeben,

Nur dem Vatermörder nicht!

Sprenge deine starken Fesseln

Gift'ges Laster, komm hervor

Aus der Hölle offnem Tor.

Laß sie los die schwarzen Scharen,

Die so lang gebunden waren.

Hinterlist mit Netz und Stricken,

Lüge mit dem falschen Wort,

Neid, du mit den hohlen Blicken,

Mit dem blut'gen Dolche Mord!

Meineid mit dem gift'gen Mund,

Gotteslästrung, toller Hund,

Der die Zähne grimmig bleckt

Gegen den, der ihn gepflegt.

Brecht hervor, durchstreift die Welt

Und verübt was euch gefällt.

Was ihr auch getan, getrieben,

Ungestraft mögt ihr's verüben,

Euer Tun reicht nicht hinan,

Nicht an das, was ich getan!

Ha, getan!--Hab ich's getan?

Kann die Tat die Schuld beweisen,

Muß der Täter Mörder sein?

Weil die Hand, das blut'ge Eisen,

Ist drum das Verbrechen mein?

Ja ich tat's, fürwahr ich tat's!

Aber zwischen Stoß und Wunde,

Zwischen Mord und seinem Dolch,

Zwischen Handlung und Erfolg

Dehnt sich eine weite Kluft,

Die des Menschen grübelnd Sinnen,

seiner Willensmacht Beginnen,

Alle seine Wissenschaft,

Seines Geistes ganze Kraft,

Seine brüstende Erfahrung,

Die nicht älter als ein Tag,

Auszufüllen nicht vermag.

Eine Kluft, in deren Schoß,

Tiefverhüllte, finstre Mächte

Würfeln mit dem schwarzen Los

Über kommende Geschlechte.

Ja, der Wille ist der meine,

Doch die Tat ist dem Geschick,

Wie ich ringe, wie ich weine,

Seinen Arm hält nichts zurück.

Wo ist der, der sagen dürfe:

So will ich's, so sei's gemacht!

Unsre Taten sind nur Würfe

In des Zufalls blinde Nacht.

Ob sie frommen, ob sie töten?

Wer weiß das in seinem Schlaf!

Meinen Wurf will ich vertreten,

Aber das nicht was er traf!

Dunkle Macht, und du kannst's wagen

Rufst mir Vatermörder zu?

Ich schlug den, der mich geschlagen,

Meinen Vater schlugest du!--

--Doch wer hält dies Bild mir vor?

Ha, wer flüstert mir ins Ohr?

Halt! Laß mich die Kunde teilen!

Wunden, sprichst du, Wunden heilen

Und Verwundete genesen.

Habe Dank du güt'ges Wesen,

Segensbote habe Dank!

Mit der Hoffnung auf sein Leben

Hast du meines mir gegeben,

Das verzweifelnd schon versank.

Ja, er wird, er muß gesunden,

Heilen müssen jene Wunden,

Die der Hölle gift'ger Trug,

Nicht der Sohn dem Vater schlug.

Ich will hin zu seinen Füßen,

Will die blut'gen Male küssen,

Und des Schmerzes heiße Glut

Kühlen mit der Tränen Flut.

Nein, in jenen düstern Fernen,

Waltet keine blinde Macht,

Über Sonnen, über Sternen

Ist ein Vateraug' das wacht;

Keine finstern Mächte raten

Blutig über unsern Taten,

Sie sind keines Zufalls Spiel,

Nein, ein Gott, ob wir's gleich leugnen,

Führt sie, wenn auch nicht zum eignen,

Immer doch zum guten Ziel.

Ja, er hat auch mich geleitet,

Wenn ich gleich die Hand nicht sah,

Der die Schmerzen mir bereitet,

Ist vielleicht in Wonne nah.

(Die Fenster der Schloßkapelle haben sich während dem erleuchtet, und

sanfte, aber ernste Töne klingen jetzt herüber.)

Was ist das?--Habt Dank! Habt Dank!

Säuselt, säuselt, holde Töne,

Säuselt lieblich um mich her,

Sanft und weich, wie Silberschwäne

Über ein bewegtes Meer.

Schüttelt eure weichen Schwingen,

Träufelt Balsam auf dies Herz,

Laßt die Himmelslieder klingen,

Einzuschläfern meinen Schmerz.

Ja, ich kenne eure Stimme,

Ihr sollt laden mich zum Bund,

Der mich rief in Donners Grimme,

Ruft mich jetzt durch euren Mund.

Laßt ihr mich Verzeihung hoffen?

Ihr tönt fort und sagt nicht: Nein,

Seht die Pforten stehen offen,

Friedensboten ziehet ein!

(Die Töne nehmen nach und nach einen immer ernsteren Charakter an, und

begleiten zuletzt folgende Worte:)

Chor (von innen).

Auf, ihr Brüder!

Senkt ihn nieder

In der Erde stillen Schoß,

In der Truhe

Finde Ruhe,

Die dein Leben nicht genoß.

Jaromir.

Ändert ihr so schnell das Antlitz

Unerklärte Geisterstimmen?

Habt so lieblich erst geschienen,

Zoget ein, wie Honigbienen,

Und jetzt kehrt ihr fürchterlich

Euren Stachel wider mich!

Das sind keine Friedensklänge,

Ha, so tönen Grabgesänge!

Dort in der Kapelle Licht--

Stille Herz! Weissage nicht!

Ich will sehen, sehen, sehen!

Sollt' ich drüber auch vergehen.

(Er klettert an verfallenem Gestein bis zum Kapellfenster empor.)

Gesang (fährt fort).

Hat hienieden

Auch den Frieden

Dir dein eigen Kind entwandt,

Dort, zum Lohne,

Statt dem Sohne

Reicht ein Vater dir die Hand.

Und den Blinden

Wird er finden

Wie er Abels Mörder fand,

Das Verbrechen

Wird er rächen

Mit des Richters schwerer Hand.

Jaromir (wankend und bleich zurückkommend).

Was war das?--Hab ich gesehn?

Ist es Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit,

Oder spiegeln diese Augen

Nur des Innern dunkle Bilder

Statt der lichten Außenwelt?

Starr und dumpf in wüstem Graus

Lag das weite Gotteshaus,

Seine leichenblassen Wangen

Mit des Trauers Flor umhangen;

Am Altar des Heilands Bild

Abgewandt und tief verhüllt,

Als ob Dinge da geschehen,

Die's ihn schaudre anzusehen.

Und aus schwarzverhülltem Chor

Wanden Töne sich empor,

Die um Straf' und Rache baten

Über ungeheure Taten.

Und am öden Hochaltar,

Ringsum eine Dienerschar,

Lag, umstrahlt von dumpfen Kerzen,

Eine Wunde auf dem Herzen,

Weit geöffnet, blutig rot,

Lag mein Vater bleich und tot.

Wie, mein Vater? Mag ich's sagen?

Nein, lag der, den ich erschlagen,

Denn, was auch die Hölle spricht,

Nein, er war mein Vater nicht!

Bin ich ja doch nur ein Mensch,

Meine Taten, wenn gleich schwarz,

Sind ja doch nur Menschentaten,

Und ein Teufel würde beben,

Gält' es eines Vaters Leben.

Hab ich doch gehört, gelesen

Von der Stimme der Natur,

Wär' mein Vater es gewesen,

Warum schwieg sie damals nur?

Mußte sie nicht donnernd schreien,

Als der Dolch zum Stoß geneigt,

Halt! Dem deine Hände dräuen,

Mörder, der hat dich gezeugt!

Und wenn sie, sie die ich liebe,

Liebe?--Nein die ich begehre,

Wenn sie meine Schwester wäre,

Woher diese heiße Gier,

Die mich flammend treibt zu ihr?

Schwester? Schwester! Toller Wahn!

Zieht es so den Bruder an?

Wenn uns Hymens Fackeln blinken,

Wir uns in die Arme sinken,

In des Brautbetts Bindeglut,

Dann erst nenn ich sie mein Blut.

Mir wird Tag. Die Nebel schwinden,

Es erhellet sich die Nacht.

Was ich suchte will ich finden,

Was ich anfing sei vollbracht!

Glaubst du, Wünsche können retten,

Und entsühnen kann ein Wort?

Nie muß man den Weg betreten,

Wer ihn trat, der wandle fort.

Sie muß ich, ja sie besitzen,

Mag der Himmel Rache blitzen,

Mag die Hölle Flammen sprühn

Und mit Schrecken sie umziehn.

Wie der tolle Wahn sie heiße,

Weib und Gattin heißt sie hier

Und durch tausend Donner reiße

Ich die Teure her zu mir.

Hier der Ort und hier das Fenster!

Die Entscheidungsstunde naht

Und mahnt laut mich auf zur Tat.

(Im Hinaufsteigen.)

Schauderst Liebchen? Sei nicht bange!

Sieh, du harrest nicht mehr lange,

In des Heißgeliebten Arm

Ruht sich's selig, ruht sich's warm!

(Durchs Fenster hinein.)

(Hauptmann kommt mit Soldaten, die Boleslav führen.)

Hauptmann.

Suche nicht mehr zu entrinnen,

Du hast Sorgfalt uns gelehrt!

Ruhig und nicht von der Stelle!

Aber wo ist dein Geselle?

Hier, sprachst du, verließest du ihn?

Boleslav.

Ja, mein Herr!

Hauptmann.

Er ist nicht hier!

Soldat.

Herr, an jenem kleinen Fenster

Sah ich es von weitem blinken,

Und es wollte mich bedünken,

Daß ein Mensch in voller Hast

Durch die enge Öffnung steige.

Und ich wette, Herr, er war's;

In des Schlosses innern Gängen

Suchet er wohl Sicherheit.

Hauptmann.

Wohl, nicht mehr kann er entweichen,

Wo er sei, an jedem Ort

Soll die Rache ihn erreichen.

Und nun folgt mir! Eilig fort!

(Ab mit den Soldaten.)

Grabgewölbe.

Im Hintergrunde das hohe Grabmal der Ahnfrau mit passenden Sinnbildern.

Rechts im Vorgrunde eine Erhöhung, mit schwarzem Tuch bedeckt.

Jaromir (kommt).

So! Hier bin ich!--Mutig! Mutig!--

Schauer weht von diesen Wänden,

Und die leisgesprochnen Worte

Kommen meinem Ohre wieder

Wie aus eines Fremden Mund.--

Wie ich gehe, wie ich wandle,

Ziehet sich ein schwarzer Streif,

Dunkel wie vergoßnes Blut

Vor mir auf dem Boden hin,

Und ob gleich das Innre schaudert,

Sich empöret die Natur,

Ich muß treten seine Spur.

(Seine Hände begegnen sich.)

Ha, wer faßt so kalt mich an?

Meine Hand?--Ja, 's ist die meine.

Bist du jetzt so starr und kalt,

Sonst von heißem Blut durchwallt,

Kalt und starr wie Mörderhand,

Mörder, Mörder, Mörderhand!

(Vor sich hinbrütend.)

Possen!--Fort! Gebt euch zur Ruh'!

Fort, es geht der Hochzeit zu!

Liebchen, Braut, wo weilest du?

Berta, Berta, komm!

Die Ahnfrau (tritt aus dem Grabmale).

Wer ruft?

Jaromir.

Du bist's! Nun ist alles gut,

Wieder kehret mir mein Mut.

Laß mich Mädchen dich umfangen,

Küssen diese bleichen Wangen--

Warum trittst du scheu zurück,

Warum starrt so trüb dein Blick,

Lustig Mädchen, lustig Liebe!

Ist dein Hochzeittag so trübe?

Ich bin heiter, ich bin froh,

Und auch du sollst's sein, auch du!

Sieh mein Kind, ich weiß Geschichten,

Wunderbar und lächerlich,

Lügen, derbe, arge Lügen,

Aber drum grad lächerlich.

Sieh sie sagen--Lustig, lustig!

Sagen, du seist meine Schwester!

Meine Schwester!--Lache Mädchen,

Lache, lache sag ich dir!

Ahnfrau (mit dumpfer Stimme).

Ich bin deine Schwester nicht.

Jaromir.

Sagst du s doch so weinerlich.

Meine Schwester!--Lache sag ich!

Und mein Vater--Von was anderm!

Alles ist zur Flucht bereitet,

Komm!

Ahnfrau.

Wo ist dein Vater?

Jaromir.

Schweige!

Schweig!

Ahnfrau (steigend).

Wo ist dein Vater?

Jaromir.

Weib,

Schweig und reiz mich länger nicht!

Du hast mich nur mild gesehn,

Aber wenn die finstre Macht

In der tiefen Brust erwacht

Und erschallen läßt die Stimme,

Ist ein Leu in seinem Grimme

Nur ein Schoßhund gegen mich;

Blut schreit's dann in meinem Innern,

Und der Nächste meinem Herzen

Ist der Nächste meinem Dolch.

Darum schweig!

Ahnfrau (mit starker Stimme).

Wo ist dein Vater!

Jaromir.

Ha!

Wer heißt mich dir Rede stehn?--

Wo mein Vater?--Weiß ich's selbst?

Meinst du jenen bleichen Greis

Mit den heil'gen Silberlocken?

Sieh, den hab ich eingesungen,

Und er schläft nun, schläft nun, schläft!

(Die Hand auf die Brust gepreßt.)

Manchmal, manchmal regt er sich,

Aber legt sich wieder nieder,

Schließt die schweren Augenlider

Und schläft murrend wieder ein.--

Aber Mädchen, narrst du mich?

Komm mit mir, hinaus ins Freie!

Schüttelst du dein bleiches Haupt?

Eidvergeßne, Undankbare,

Lohnst du so mir meine Liebe,

Lohnst du so was ich getan?

Was mir teuer war hienieden,

Meiner Seele goldnen Frieden,

Welt und Himmel setzt' ich ein

Um dich mein zu nennen, mein!

Kenntest du die Höllenschmerzen,

Die mir nagen tief im Herzen,

Fühltest du die grimme Pein,

Könntest Reine du es wissen,

Was ein blutendes Gewissen,

O du würdest milder sein,

O du sagtest jetzt nicht: Nein!

Ahnfrau.

Kehr zurück!

Jaromir.

Ha, ich? zurück?

Nimmermehr! Nicht ohne dich,

Geh ich, Weib, so folgst du mir.

Und wenn selbst dein Vater käme,

Und dich in die Arme nähme,

Mit der grassen Todeswunde,

Die mit offnem, blut'gem Munde,

Mörder! Mörder! zu mir spricht,

Meiner Hand entgingst du nicht.

Ahnfrau.

Kehr zurück!

Jaromir.

Nein, sag ich, nein!

(Man hört eine Türe aufsprengen.)

Ahnfrau.

Horch, sie kommen!

Jaromir.

Mag es sein!

Leben, Berta, dir zur Seite

Oder sterben neben dir.

Ahnfrau.

Flieh, entflieh, noch ist es Zeit!

(Eine zweite Türe wird eingesprengt.)

Jaromir.

Berta! Hierher meine Berta.

Ahnfrau.

Deine Berta bin ich nicht!

Bin die Ahnfrau deines Hauses,

Deine Mutter, Sündensohn!

Jaromir.

Das sind meiner Berta Wangen,

Das ist meiner Berta Brust,

Du mußt mit! Hier stürmt Verlangen

Und von dorther winkt die Lust.

Ahnfrau.

Sieh den Brautschmuck den ich bringe!

(Sie reißt das Tuch von der bedeckten Erhöhung. Berta liegt tot im

Sarge.)

Jaromir (zurücktaumelnd).

Weh mir!--

Truggeburt der Hölle!

All umsonst! Ich laß dich nicht!

Das ist Bertas Angesicht

Und bei dem ist meine Stelle!

(Auf sie zueilend.)

Ahnfrau.

So komm denn Verlorner!

(Öffnet die Arme. Er stürzt hinein.)

Jaromir (schreiend).

Ha!--

(Er taumelt zurück, wankt mit gebrochenen Knieen einige Schritte und

sinkt dann an Bertas Sarge nieder.)

(Die Türe wird aufgesprengt. Günther, Boleslav, der Hauptmann und

Soldaten stürzen herein.)

Hauptmann (hereinstürzend).

Mörder, gib dich! Du mußt sterben!

(Die Ahnfrau streckt die Hand gegen sie aus. Alle bleiben erstarrt an

der Türe stehen.)

Ahnfrau (sich über Jaromir neigend).

Scheid in Frieden, Friedenloser!

(Sie neigt sich zu ihm herunter und küßt ihn auf die Stirne, hebt dann

die Sargdecke auf und breitet sie wehmütig über beide Leichen. Dann

mit emporgehobenen Händen:)

Nun wohlan, es ist vollbracht,

Durch der Schlüsse Schauernacht

Sei gepriesen ew'ge Macht!--

Öffne dich, du stille Klause,

Denn die Ahnfrau kehrt nach Hause!

(Sie geht feierlichen Schrittes in ihr Grabmal zurück. Wie sie

verschwunden ist, bewegen sich die Eingetretenen gegen den Vorgrund zu.)

Hauptmann.

Ha, nun bist du unser--

Günther (eilt dem Sarge zu, hebt die Decke auf und spricht mit Tränen).

Tot!

(Der Vorhang fällt.)

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Grillparzer.

Die Ahnfrau · 第 4 / 4 段