XXIV

Du hast mir strenger geschrieben, als ich ertragen kann, und ich glaube

auch, als ich verdiene. Du sagst, ich hätte mit unheiligen Händen das

Heilige zerfleischt, ich hätte getan wie ein Kind, das sein Spielzeug

entzwei macht, um zu sehn, wie es inwendig aussieht; dann starrt es

entsetzt auf seine leeren Hände und die Fetzen. Ja, es ist wahr, ich habe

häßliche Verstandesarbeit getan; aber ich tat sie doch für dich. Erinnere

dich, daß du mir schriebest, ich solle dir Gott beweisen; du tatest es wohl

nur so leichthin, und doch können wir uns nicht verhehlen, daß wir beide an

der Krankheit unseres Zeitalters teilhaben, und selbst wenn wir unserem

Herzen trauen -- was die allerwenigsten tun --, denken wollen, was wir

glauben. Gott ist ja auch kein Spielzeug, überhaupt kein Ding, dem ich

etwas anhaben könnte; habe ich das je vergessen? Zurück können wir nicht;

da wir einmal angefangen haben, das Wort von der Lippe abzulösen und

Menschenworte, grundlose, unfruchtbare, in der Luft schwebende und darum

endlose Gedanken daraus zu machen, müssen wir bis zur Verzweiflung

weiterdenken: darin waren sich alle Reformatoren einig, daß der Glaube

beginnt, wenn wir an uns selbst verzweifeln. Ich meine, die Verzweiflung

durchbricht schon das laute Pochen auf die eigene Kraft. Jetzt müßte ein

Johannes kommen, der predigte: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe

herbeigekommen! Wie schön ist dieses »denn«! Wäre das Himmelreich nicht

nah, so verzweifelten wir auch nicht, die Gnade begegnet schon der Buße.

Auch Luther wirfst du eine gewisse Zweideutigkeit vor; er habe einem den

alten, weihnachtlichen Gottvater im Himmel geraubt, zugleich aber geahnt,

was er den Menschen damit nehme, und darum das letzte Wort zurückbehalten.

Mir scheint, er war nicht zweideutig, sondern zweiseitig: er stand auf

einer schmalen Grenzscheide zwischen dem Reich der Phantasie und des

Glaubens und dem der Wissenschaft und des Denkens, in das seine

Zeitgenossen sich begierig ergossen. Er faßte das Unsichtbare und das

Sichtbare noch einmal gewaltig zusammen; das aber konnte er freilich nicht

ändern, daß es eine natürliche Einheit für ihn auch nicht mehr war. Er

konnte und mußte denken wie alle Gebildeten seiner Zeit; aber er konnte

auch glauben und lieben und aus Liebe handeln, was die andern nicht

konnten. Daß hier und da eine Ritze klaffte, das ihm vorzuwerfen, sollte

die Ehrfurcht vor seiner Größe und Güte verbieten.

Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal über Sätze der

Platonischen Philosophie und gab sich auch Mühe, die Heilige Schrift mit

der scholastischen Philosophie in Einklang zu bringen. Nach seiner eigenen

Aussage gab er es auf, weil es zu schwer sei, die »mehr als tartarische

Verwirrung« zu lösen, die daraus hervorgeht, daß gleiche Ausdrücke für ganz

verschiedene Begriffe gebraucht werden. Die Neigung, den Ideengehalt der

Religion wissenschaftlich zu begründen, das Sein zu beweisen, welches doch

eine bloße Fiktion des Gedankens ist, blieb trotzdem mächtig in ihm und

tobte sich in Anfechtungen aus, da er sie möglichst unterdrückte. Mit Bezug

auf seine gelegentlichen Versuche, von göttlichen Dingen wissenschaftlich

zu reden, haben ihm sogar begeisterte Anhänger vorgeworfen, er tue zuweilen

dasselbe, wofür er die Scholastiker gescholten habe, daß sie von Gott

sprächen wie der Schuster vom Leder.

Wie hätte er das aber ändern können? Seine Gemeinde bestand aus »rohen

Bauern und einfältiger Jugend« und Männern, die überwiegend mit Verstand

begabt waren, Verstand, der nur trennen und deshalb Gott, der gerade im

Zusammenhang ist, gar nicht begreifen kann. Er kannte die Zudringlichkeit

und Indiskretion solcher Menschen, die erst das Geistige, das Hörbare, vom

Sichtbaren trennen, und es dann, weil es unsichtbar ist, für ein Loch

halten, durch das sie eindringen und alles zerstören und zerkleinern zu

können meinen, was sich ihrer Fassungskraft entzieht. Darum war er

ängstlich, das Denken an die göttlichen Dinge herankommen zu lassen, und

beim Abendmahlstreit brach es aus ihm heraus: »Das weiß Gott, ich schreibe

solche hohe Dinge sehr ungern, weil es muß unter solche Hunde und Säue

kommen.«

Hast du die Erfahrung nicht auch schon gemacht, daß die Kritik sich am

dreistesten an die höchsten Dinge macht, weil sie ja sie am wenigsten

versteht und deswegen am meisten haßt?

Daß Luther Deutschland vom Papste losriß und das Recht der freien Forschung

verkündete, das begriffen seine Zeitgenossen, und Theologen, Soziologen,

Juristen und Politiker zogen ihre Folgerungen daraus; daß er die Hand auf

die Bibel legte, um die zentrifugalen Kräfte durch das geoffenbarte Wort an

den Mittelpunkt zu binden, das übersahen sie geflissentlich oder legten es

buchstäblich aus. In seiner liebevollen Sorge um die Menschen, als deren

Genius er sich fühlte, entrollte er sein großes Göttergemälde wie einen

Vorhang, der nicht Gott vor ihrer Dreistigkeit, aber sie vor dem Schicksal

derer behüten sollte, die sich erkühnen, die Majestät mit unheiligen

Fingern zu berühren.

Auf die Ausbildung einer Art Geheimlehre gänzlich verzichtend, erklärte

sich Luther einverstanden mit der Art der Behandlung des Christentums, die

Melanchthon in seinen #loci communes# ausarbeitete: danach sollte über die

göttliche Majestät, Dreieinigkeit, Schöpfung, Menschwerdung nicht

spekuliert werden, sondern man sollte sich an Christus allein halten und

mit den Forderungen des Gesetzes und Verheißungen des Evangeliums begnügen.

Luther, der Gläubige und Wissende, konnte das tun; für die Menge aber hieß

das, aus dem Göttlichen eine Historie machen; man schnitt Christus und sein

Wort ab von seiner mystischen Verbindung mit dem Unsichtbaren, wodurch er

immer blutleerer, flacher und fader wurde. Es hätte nicht aus der Religion

Moral werden können, wenn man das Geheimnis nicht zugedeckt hätte. Das

Evangelium, der Ausdruck des Gottbewußtseins, rauschte nicht mehr wie ein

Strom durch die Welt, sondern lag wie ein erratischer Block darin,

losgelöst von Gott, und der Welt nicht einverleibt. Nicht Luthers Schuld

war das, sondern die seiner Zeitgenossen, die, wie Zwingli, es für geboten

hielten, die beiden Naturen, die göttliche und menschliche, zu trennen, und

damit Gott aus der Welt schafften.

Diese Trennung zu vermeiden, gebot Luther, man solle Gott nur in seinem

Wort und Werk suchen. »Gott ist entweder sichtlich oder unsichtlich.

Sichtlich ist er in seinem Wort und Werk; wo aber sein Wort und Werk nicht

ist, da soll man ihn nicht haben wollen, denn er läßt sich anderswo nicht

finden, denn wie er sich offenbart hat. Sie aber wollen Gott mit ihrem

Spekulieren ergreifen, da wird nichts aus; ergreifen den leidigen Teufel

dafür, der will auch Gott sein.«

Hier sehe ich einen einzigen Fehler darin, daß Luther hätte sagen müssen:

sichtlich ist er in seinem Werk und unsichtlich in seinem Wort.

Unter Spekulieren verstand Luther die Beschäftigung mit einem von der

Erscheinung losgelösten Gott, dem Ding an sich, ein Hantieren mit Begriffen

oder ein angebliches Philosophieren, das nichts als ein Ausspinnen eigener,

willkürlicher Gedanken ist. Daß er gegen ein vernunftmäßiges, das heißt mit

der Idee zusammenhängendes Denken nichts hatte, geht unter anderem aus

folgender Briefstelle hervor; sie ist der Antwort auf die Frage eines

adligen Herrn entnommen, ob der Mensch auch ohne Glauben selig werden

könne.

»Denn da muß der Natur Auge ganz ausgerissen sein und lauter Glaube da

sein. Es gehet sonst ohne gräuliche fährliche Ärgernis nicht ab, und wo

hierein fallen (wie denn gemeiniglich geschieht, daß jedermann am höchsten

will anfahen), die noch jung und ungeübt im Glauben sind und mit der Natur

Licht dies ansehn wollen, die stehen gar nahe dabei, daß sie einen großen

Sturz und Fall nehmen, und in heimlich Widerwillen und Haß auf Gott

geraten, dem darnach schwerlich zu raten ist. Deshalb ihnen zu raten ist,

daß sie mit Gottes Gerichten unverworren bleiben, bis sie baß im Glauben

erwachsen, und dieweil, wie S. Petrus sagt, der Milch sich nähren und

soliden, starken Wein sparen, sich in den Leiden und der Menschheit Christi

üben, und sein leiblich Leben und Wandel ansehn; sonst wird ihnen geschehen

nach dem Spruch Salomonis: #Quis scrutator est Majestatis opprimetur a

gloria.# Wer nach der Majestät forschet, den wird die Herrlichkeit

verdrucken. Sind es Naturvernünftige, hohe, verständige Leute, so meiden

sie nur bald diese Frage; sind es aber einfältige, tiefe, geistliche und

versuchte Menschen im Glauben, mit denen kann man nichts Nützlichers denn

solichs handeln. Denn wie der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist

er der Alten Erquickung des Lebens. -- Wer nicht glaubt, der ist schon

gericht.«

Du siehst, unter naturvernünftigen, hohen, verständigen Leuten versteht

Luther solche, die nur kritisch denken und infolgedessen nur einzelnes

erfassen können; einfältige, tiefe, geistliche, im Glauben versuchte

Menschen sind ihm die, welche das Ganze ergreifen und in der Erscheinung

das ewige Sein sehen können. Jene können sich nur einen außerweltlichen

Gott denken, also etwas, was eigentlich gar nicht ist, etwas Erdichtetes,

womit sie sich gegenseitig täuschen; diese, daß Gott lebt, und Leben ist

Wirken, Wirken der Kraft auf den Stoff, also gerade die Einheit von beidem.

Der kritische Verstand betritt den heiligen Bezirk Gottes ohne Nutzen,

höchstens zu seinem Schaden; aber »der Geist erforschet alle Dinge, auch

die Tiefen der Gottheit«, wie es in den Korintherbriefen heißt. »Der

natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit

und kann es nicht erkennen, denn es muß geistig gerichtet sein. Der

geistige aber richtet alles und wird von niemand gerichtet.«

Wovor Luther besonders warnte, war das Spekulieren über die Absichten

Gottes in der Führung der Menschen; warum es einem Guten schlecht ginge,

warum einem Bösen gut, warum überhaupt der Mensch so viel leiden müsse,

warum der eine die Gnade habe, der andere nicht. Man sieht aus der

Häufigkeit derartiger Fragestellungen, wie weit entfernt die Zeitgenossen

Luthers davon waren, was Gott überhaupt sei, zu begreifen. Sie sahen im

Grunde doch alle einen gutbürgerlichen Vater in ihm, der die Pflicht hat,

für ein standesgemäßes, das heißt wohlhabendes Auftreten seiner Kinder zu

sorgen und ihnen ein reichliche Zinsen abwerfendes Vermögen zu

hinterlassen. Er war der Gott des großen Haufens, der für Erhaltung jedes

einzelnen und Erhaltung der Art aufzukommen hat. Es ist rührend, zu sehen,

wie Luther diese einseitige Auffassung zu berichtigen suchte voll

Besorgnis, sie könnten dann von Gott gar nichts mehr wissen wollen. Es war

ihm lächerlich, daß die Leute Gott und den Heiligen beständig mit den

allerweltlichsten Gebeten in den Ohren lagen, und er stellte ihnen vor, daß

ihm diese Angelegenheiten unmöglich so wichtig sein könnten; aber er

unterließ nicht, freundlich hinzuzufügen, daß er das alles wohl auch noch

überflüssig dazu gebe. Er erinnerte daran, daß schon Sokrates, der Heide,

gesagt habe, man solle die Gottheit nicht um bestimmte Dinge bitten,

sondern daß sie einem das gebe, wovon sie wisse, daß es einem gut und

dienlich sei; aber er wußte, daß die »verkehrte Art« Wunder und Zeichen

verlangte, durch die Gott seine Gottheit beweise, und, wenn er sagte, daß

der Allwissende schon alles zuvor versehen habe, einwandten, Gott müsse

doch den Weltlauf ändern können, wenn er allmächtig sei. Er erklärte, wenn

geschrieben stehe, daß Gott die Niedrigen erhebe, sei das nicht so zu

verstehen, als ob er die Hoffärtigen absetze und die Niedrigen auf ihre

Plätze stelle; sondern es sei ein Erheben in Gott gemeint, wodurch sie

innerlich und im Geiste über die Hohen der Welt erhoben würden. Er suchte

stets die Logik des Geschehens nachzuweisen, durch die Gott sich dartue;

aber zugleich glaubte er und wollte geglaubt haben, daß das Folgerichtige

gut sei. Er wich deshalb niemals davon ab, von Gott als von einer

persönlich menschlichen Kraft zu sprechen, nicht etwa vom Schicksal oder

von der Weltseele, nicht einmal von der Vorsehung. Davon war die Folge bei

anderen eine Vermenschlichung der Idee Gottes, die ihn selbst immer wieder

in Staunen und Schrecken setzte. »Darum«, sagte er, »wenn wir der Gottheit

gedenken, so müssen wir Ort und Zeit aus den Augen tun, denn unser Herrgott

und Schöpfer muß etwas Höheres sein denn Ort, Zeit und Raum.« Immer wieder

stieß er sich an seinen Zeitgenossen, die Gott entweder grobsinnlich sich

vorstellten oder ihn in leere Begriffe auflösten.

Gott als Person erfassen kann nur ein phantasievolles Kind oder ein Mann,

in dessen kraftvollem Ich das göttliche Ich sich spiegelt. Deshalb ist in

kraftvollen Zeiten, wo der Mann männlich und deshalb die Frau weiblich und

das Kind kindlich ist, der Glaube an Gott selbstverständlich: der Mann

erkennt ihn in seinem eigenen Selbst, Frauen und Kinder ergreifen ihn mit

der Phantasie. Das ändert sich in den Zeiten des Alterns, wo die Kraft

sich in Denken auflöst. Wenn Luther sagte, daß Gott in jedem Menschen sei,

so erregte das grobe Mißverständnisse, und man warf ihm vor, er wolle, wie

man sich ausdrückte, die Kreatur zum Schöpfer machen. Die Verbindung des

einzelnen mit Gott fühlt der, den sie betrifft; mit Gottlosen davon zu

sprechen ist gefährlich.

Erst unsere Klassiker haben das inzwischen vorgerückte Weltbewußtsein

wieder mit dem Gottesbewußtsein zu vereinigen gesucht; aber, besonders

Schiller, doch im Geiste ihrer Zeit vom Gedanken ausgehend. Schiller sagte:

»Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. -- Und

warum keine? Aus Religion.« Goethe empfand zwar viel einheitlicher, doch

war auch seine Überzeugung: »Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: ich

glaub ihn? Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd

Himmelsglut.« Das ist durch und durch antilutherisch. Wenn das Brot

überkommt das Nennen von Gott, dann wird es der Leib Christi. Dadurch, daß

Gott die Welt nannte, ward sie. Ich hasse die Flattergeister, sagte Luther

mit David, und liebe deine Gesetze. Gott ist nicht im Unsichtbaren und

nicht im Sichtbaren, sondern in der Wirkung des Unsichtbaren auf das

Sichtbare, woraus Form, Tat oder Wort entsteht. Was nicht Form, Tat oder

Wort geworden ist, das ist im Werden, aber nicht im Sein. In der bildenden

Kunst muß die Kraft Form werden, in der Liebe Tat, in der Erkenntnis Wort,

in der Religion Kult. Luther wußte, daß dem wahren Christen jeder Tag und

jede Erscheinung göttlich und darum heilig ist; trotzdem wollte er den

Glauben an das Abendmahl gebunden haben, weil Gott sein Wort eben mit

diesem Zeichen verbunden hatte. Der einzelne kann Gott immer und überall

anbeten; aber die Gemeinde soll es in dem von Gott gestifteten Kult tun,

und jeder einzelne ist ein Teil der Gemeinde.

Übrigens hat Goethe, dessen Wesensart Luther von den Späteren doch am

nächsten stand, das Fehlen einer Kirche begriffen und tief beklagt. In

seinem Märchen hat er von den drei Bildern der Weisheit, der Schönheit und

der Kraft gesprochen, die aus der Liebe hervorgehen: der göttlichen

Dreieinigkeit, die in der Liebe eins ist. »Ach! warum steht der Tempel

nicht am Flusse!« Wenn es aber an der Zeit ist, wird er aus der Tiefe an

das Licht des Tages auftauchen.

Ich habe vorhin eins nicht erwähnt, was es Luther erschwerte, das Innere am

Äußeren zu demonstrieren; das war nämlich die geringe Kenntnis der Natur zu

seiner Zeit. Die einseitige Richtung auf das Äußere, die den Glauben

aufhob, mag notwendig gewesen sein, damit der Glauben ins Schauen übergehen

könnte. Die Idee, Gott in seiner Majestät, wird immer im heiligen Dunkel

bleiben; aber die Schöpfung, in der die Idee sich offenbart, ihr

mannigfaches Kleid, das ist der Forschung zugänglich, und je besser man das

erkennt, desto besser erkennt man Gott, der es trägt. Da die Form, in der

eine Idee sich ausprägt, diese Idee selbst ist, nur von außen gesehen, so

muß man durch die Form die Idee selbst erkennen, und zwar ohne sie zu

betasten und zu entweihen. Durch die Erkenntnis der Natur nähert man sich

Gott mit dem Verstande und den Sinnen, den Luther fast nur intuitiv durch

das Herz und die Sinne begreifen konnte; insofern haben vielleicht die

Jahrhunderte der Naturwissenschaft der tieferen Gottesverehrung den Weg

bereitet.

Wenn ich sagte tiefere Gottesverehrung, so meinte ich das nicht in bezug

auf Luther. Ein genialer Mensch, ein solcher, dessen großes Herz Geist und

Natur zusammenbinden kann, hat immer das allertiefste Gottesbewußtsein,

weil Gott in ihm ist; er erkennt unmittelbar und weiß, daß der mittelbare

Zusammenhang da ist. Für die Allgemeinheit mußte die Möglichkeit dieses

mittelbaren Zusammenhanges erst erobert werden, bevor sie sich dem Glauben

wieder hingeben konnte. Die Menschen scheinen jetzt aus dem unterirdischen

Gange, den sie sich gegraben haben, wieder ans Licht zu wollen; vom

umgekehrten Standpunkte aus gesehen, sehnen sie sich aus dem Vorhofe wieder

ins Dunkel des Allerheiligsten. Wer wohl, wenn die Kirche neu, siebenmal

geglüht aus der feurigen Tiefe steigt, Haushalter über den göttlichen

Geheimnissen, Diener am Wort und Sakrament sein wird? Kein Geistlicher,

sondern ein Geistmensch.

Die Kirche als Gebäude hat sich vom Dunkel zur Helligkeit entwickelt: in

dem vorchristlichen Tempel verhüllte Finsternis die Götterbilder, und die

altchristliche Kirche war im Innern der Erde, woran die Krypta der

romanischen Kirche noch erinnerte. Noch in der gotischen Kathedrale, wenn

sie auch farbig gebrochenes Licht durch hohe Fenster einließ, die ihre

Mauern auflösten, wogte es chaotisch; erst die Kirchen der Renaissance, des

Barock und Rokoko ließen das Licht ganz einströmen und das Allerheiligste

in einen Festsaal verwandeln. Wo die sinnliche Schönheit fehlte, wie in der

reformierten Kirche, herrschte statt der Weltfreudigkeit die schamlose

Nüchternheit des bloßen Verstandes. Nun gibt es nur zwei Wege, die zum

Berge der Seligkeiten, wo der Herr die Freiheit der Liebe verkündete, das

ist außerhalb der sichtbaren Kirche, oder zurück in das Dunkel heiliger

Mauern. Man muß sich klar sein, daß nicht beides zusammenfallen kann, daß

»die wahren Göttersöhne« unter den Sternen anbeten, daß die sichtbare

Kirche begrenzt ist. Was hatte Luther im tiefsten Grunde mit Konfessionen

zu tun! Er schrieb einmal einen wundervollen Brief an den bayrischen

Hofmusiker Ludwig Senfel, in dem er um die Komposition des Psalms bat, den

er vor allen liebte. »Obwohl mein Name verhaßt ist, so daß ich fürchten

muß, daß dieser Brief, den ich dir schreibe, liebster Ludwig, nicht sicher

von dir empfangen und gelesen werden kann, so hat doch meine Liebe zur

Musik, mit der ich dich von meinem Gott begabt und geschmückt sehe, diese

Furcht überwunden. Diese Liebe gibt mir auch Hoffnung, daß dir dieser Brief

nicht Gefahr bringt: denn wer außer in der Türkei würde es tadeln, wenn

einer die Kunst liebt und den Künstler rühmt? Lobe ich doch auch deine

bayrischen Herzöge sehr, obwohl sie mir gar nicht gnädig sind, und verehre

sie vor andern, weil sie die Musik so schützen und ehren. Denn es ist kein

Zweifel, daß viel Samen des Guten in den Gemütern ist, die die Musik

lieben; die sie aber nicht lieben, halte ich Stümpfen und Steinen für

ähnlich.« So dachte und sprach Luther in seiner unsichtbaren Kirche, da, wo

er heimisch war. Das Reich des Geistes ist jenseit von Katholizismus und

Protestantismus; aber gerade weil es unsichtbar ist, kann es in der Welt

nie verkörpert und umgrenzt sein. In jeder sichtbaren Kirche oder Akademie

oder was für eine Korporation es sonst sei, wird der Geist immer nur Gast

sein, die schwebende Taube, das Feuer, das in Flocken tropft wann und wohin

es will.

Folgt aber daraus, daß keine sichtbare Kirche sein könnte? Mir scheint, nur

das, daß die eine, allgemeine, sichtbare Kirche sich mächtig auf die Erde

gründen, mit der Spitze aber in den Himmel ragen sollte, Menschen ihre

Diener, Christus ihr Haupt.

Eben fällt aus dem Allerheiligsten der Nacht von dem Götterbild, das sie

verbirgt, ein Glänzen in den erschaudernden Raum. Der Augenblick der

Schöpfung ist bald da, der zugleich ein Augenblick des Scheidens ist. Es

bleibt noch so viel Zeit übrig, auf die letzte und heikelste Bemerkung zu

antworten, die du mir in deinem Briefe machtest. Du schreibst, die

Nutzanwendung meiner Fabeln lasse sich in dem Verse Goethes zusammenfassen:

Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,

So bist du alles, bist unüberwindlich.

Nun hätte ich aber selbst gesagt, nichts schlage so sehr in ein häßliches

Gegenteil um, wenn man es bewußt sein oder ausüben wolle, als Kindlichkeit,

Naivität. Ich müßte, wenn ich folgerichtig wäre, eher dazu tun, daß alles

geschriebene und gedruckte Wort verbrannt würde, als seine Masse vermehren.

Das wäre wohl richtig, wenn meine Worte etwas anderes sein wollten, als

Wegweiser zum Worte von Gott. An dich richtete ich überhaupt nur die

Fabeln, nicht die Nutzanwendung, da ich nicht denke, daß du ihrer bedarfst;

ich schreibe an einen Wissenden, sie sollten dir nicht mehr als ein Spiegel

sein, in dem man sich zur Kurzweil einmal betrachtet. Läse sie sonst

jemand, sollten sie ihm nur Mut machen, den Adlerweg des Glaubens zu

betreten, der, pfeilerlos und geländerlos, doch der sicherste zum Ziel ist.

In meiner Ausgabe der Märchen von Tausendundeine Nacht gibt es ein

Titelbild, wo zu sehen ist, wie der Sultan der vor ihm knienden

Scheherazade verzeiht. Darüber mußte ich immer lachen, denn es schien mir,

als hätte er ihr vielmehr für die schönen Geschichten zu danken, die sie

ihm erzählt hatte. Märchen indessen haben immer recht, und so bittet denn

auch dich, nun der unerbittliche Luzifer, mit dem Schwerte trennend, ihr

den redseligen Mund endgültig schließt, Scheherazade um Verzeihung. Es ist

die Flutzeit des Lichtes, schon donnert es an den Strand der Erde, und die

summenden Sterne verlieren sich; nun rede du, nein, vielmehr nun handle du!

* * * * *

Luthers Glaube: Briefe an einen Freund · 第 28 / 29 题