Du hast mir strenger geschrieben, als ich ertragen kann, und ich glaube
auch, als ich verdiene. Du sagst, ich hätte mit unheiligen Händen das
Heilige zerfleischt, ich hätte getan wie ein Kind, das sein Spielzeug
entzwei macht, um zu sehn, wie es inwendig aussieht; dann starrt es
entsetzt auf seine leeren Hände und die Fetzen. Ja, es ist wahr, ich habe
häßliche Verstandesarbeit getan; aber ich tat sie doch für dich. Erinnere
dich, daß du mir schriebest, ich solle dir Gott beweisen; du tatest es wohl
nur so leichthin, und doch können wir uns nicht verhehlen, daß wir beide an
der Krankheit unseres Zeitalters teilhaben, und selbst wenn wir unserem
Herzen trauen -- was die allerwenigsten tun --, denken wollen, was wir
glauben. Gott ist ja auch kein Spielzeug, überhaupt kein Ding, dem ich
etwas anhaben könnte; habe ich das je vergessen? Zurück können wir nicht;
da wir einmal angefangen haben, das Wort von der Lippe abzulösen und
Menschenworte, grundlose, unfruchtbare, in der Luft schwebende und darum
endlose Gedanken daraus zu machen, müssen wir bis zur Verzweiflung
weiterdenken: darin waren sich alle Reformatoren einig, daß der Glaube
beginnt, wenn wir an uns selbst verzweifeln. Ich meine, die Verzweiflung
durchbricht schon das laute Pochen auf die eigene Kraft. Jetzt müßte ein
Johannes kommen, der predigte: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe
herbeigekommen! Wie schön ist dieses »denn«! Wäre das Himmelreich nicht
nah, so verzweifelten wir auch nicht, die Gnade begegnet schon der Buße.
Auch Luther wirfst du eine gewisse Zweideutigkeit vor; er habe einem den
alten, weihnachtlichen Gottvater im Himmel geraubt, zugleich aber geahnt,
was er den Menschen damit nehme, und darum das letzte Wort zurückbehalten.
Mir scheint, er war nicht zweideutig, sondern zweiseitig: er stand auf
einer schmalen Grenzscheide zwischen dem Reich der Phantasie und des
Glaubens und dem der Wissenschaft und des Denkens, in das seine
Zeitgenossen sich begierig ergossen. Er faßte das Unsichtbare und das
Sichtbare noch einmal gewaltig zusammen; das aber konnte er freilich nicht
ändern, daß es eine natürliche Einheit für ihn auch nicht mehr war. Er
konnte und mußte denken wie alle Gebildeten seiner Zeit; aber er konnte
auch glauben und lieben und aus Liebe handeln, was die andern nicht
konnten. Daß hier und da eine Ritze klaffte, das ihm vorzuwerfen, sollte
die Ehrfurcht vor seiner Größe und Güte verbieten.
Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal über Sätze der
Platonischen Philosophie und gab sich auch Mühe, die Heilige Schrift mit
der scholastischen Philosophie in Einklang zu bringen. Nach seiner eigenen
Aussage gab er es auf, weil es zu schwer sei, die »mehr als tartarische
Verwirrung« zu lösen, die daraus hervorgeht, daß gleiche Ausdrücke für ganz
verschiedene Begriffe gebraucht werden. Die Neigung, den Ideengehalt der
Religion wissenschaftlich zu begründen, das Sein zu beweisen, welches doch
eine bloße Fiktion des Gedankens ist, blieb trotzdem mächtig in ihm und
tobte sich in Anfechtungen aus, da er sie möglichst unterdrückte. Mit Bezug
auf seine gelegentlichen Versuche, von göttlichen Dingen wissenschaftlich
zu reden, haben ihm sogar begeisterte Anhänger vorgeworfen, er tue zuweilen
dasselbe, wofür er die Scholastiker gescholten habe, daß sie von Gott
sprächen wie der Schuster vom Leder.
Wie hätte er das aber ändern können? Seine Gemeinde bestand aus »rohen
Bauern und einfältiger Jugend« und Männern, die überwiegend mit Verstand
begabt waren, Verstand, der nur trennen und deshalb Gott, der gerade im
Zusammenhang ist, gar nicht begreifen kann. Er kannte die Zudringlichkeit
und Indiskretion solcher Menschen, die erst das Geistige, das Hörbare, vom
Sichtbaren trennen, und es dann, weil es unsichtbar ist, für ein Loch
halten, durch das sie eindringen und alles zerstören und zerkleinern zu
können meinen, was sich ihrer Fassungskraft entzieht. Darum war er
ängstlich, das Denken an die göttlichen Dinge herankommen zu lassen, und
beim Abendmahlstreit brach es aus ihm heraus: »Das weiß Gott, ich schreibe
solche hohe Dinge sehr ungern, weil es muß unter solche Hunde und Säue
kommen.«
Hast du die Erfahrung nicht auch schon gemacht, daß die Kritik sich am
dreistesten an die höchsten Dinge macht, weil sie ja sie am wenigsten
versteht und deswegen am meisten haßt?
Daß Luther Deutschland vom Papste losriß und das Recht der freien Forschung
verkündete, das begriffen seine Zeitgenossen, und Theologen, Soziologen,
Juristen und Politiker zogen ihre Folgerungen daraus; daß er die Hand auf
die Bibel legte, um die zentrifugalen Kräfte durch das geoffenbarte Wort an
den Mittelpunkt zu binden, das übersahen sie geflissentlich oder legten es
buchstäblich aus. In seiner liebevollen Sorge um die Menschen, als deren
Genius er sich fühlte, entrollte er sein großes Göttergemälde wie einen
Vorhang, der nicht Gott vor ihrer Dreistigkeit, aber sie vor dem Schicksal
derer behüten sollte, die sich erkühnen, die Majestät mit unheiligen
Fingern zu berühren.
Auf die Ausbildung einer Art Geheimlehre gänzlich verzichtend, erklärte
sich Luther einverstanden mit der Art der Behandlung des Christentums, die
Melanchthon in seinen #loci communes# ausarbeitete: danach sollte über die
göttliche Majestät, Dreieinigkeit, Schöpfung, Menschwerdung nicht
spekuliert werden, sondern man sollte sich an Christus allein halten und
mit den Forderungen des Gesetzes und Verheißungen des Evangeliums begnügen.
Luther, der Gläubige und Wissende, konnte das tun; für die Menge aber hieß
das, aus dem Göttlichen eine Historie machen; man schnitt Christus und sein
Wort ab von seiner mystischen Verbindung mit dem Unsichtbaren, wodurch er
immer blutleerer, flacher und fader wurde. Es hätte nicht aus der Religion
Moral werden können, wenn man das Geheimnis nicht zugedeckt hätte. Das
Evangelium, der Ausdruck des Gottbewußtseins, rauschte nicht mehr wie ein
Strom durch die Welt, sondern lag wie ein erratischer Block darin,
losgelöst von Gott, und der Welt nicht einverleibt. Nicht Luthers Schuld
war das, sondern die seiner Zeitgenossen, die, wie Zwingli, es für geboten
hielten, die beiden Naturen, die göttliche und menschliche, zu trennen, und
damit Gott aus der Welt schafften.
Diese Trennung zu vermeiden, gebot Luther, man solle Gott nur in seinem
Wort und Werk suchen. »Gott ist entweder sichtlich oder unsichtlich.
Sichtlich ist er in seinem Wort und Werk; wo aber sein Wort und Werk nicht
ist, da soll man ihn nicht haben wollen, denn er läßt sich anderswo nicht
finden, denn wie er sich offenbart hat. Sie aber wollen Gott mit ihrem
Spekulieren ergreifen, da wird nichts aus; ergreifen den leidigen Teufel
dafür, der will auch Gott sein.«
Hier sehe ich einen einzigen Fehler darin, daß Luther hätte sagen müssen:
sichtlich ist er in seinem Werk und unsichtlich in seinem Wort.
Unter Spekulieren verstand Luther die Beschäftigung mit einem von der
Erscheinung losgelösten Gott, dem Ding an sich, ein Hantieren mit Begriffen
oder ein angebliches Philosophieren, das nichts als ein Ausspinnen eigener,
willkürlicher Gedanken ist. Daß er gegen ein vernunftmäßiges, das heißt mit
der Idee zusammenhängendes Denken nichts hatte, geht unter anderem aus
folgender Briefstelle hervor; sie ist der Antwort auf die Frage eines
adligen Herrn entnommen, ob der Mensch auch ohne Glauben selig werden
könne.
»Denn da muß der Natur Auge ganz ausgerissen sein und lauter Glaube da
sein. Es gehet sonst ohne gräuliche fährliche Ärgernis nicht ab, und wo
hierein fallen (wie denn gemeiniglich geschieht, daß jedermann am höchsten
will anfahen), die noch jung und ungeübt im Glauben sind und mit der Natur
Licht dies ansehn wollen, die stehen gar nahe dabei, daß sie einen großen
Sturz und Fall nehmen, und in heimlich Widerwillen und Haß auf Gott
geraten, dem darnach schwerlich zu raten ist. Deshalb ihnen zu raten ist,
daß sie mit Gottes Gerichten unverworren bleiben, bis sie baß im Glauben
erwachsen, und dieweil, wie S. Petrus sagt, der Milch sich nähren und
soliden, starken Wein sparen, sich in den Leiden und der Menschheit Christi
üben, und sein leiblich Leben und Wandel ansehn; sonst wird ihnen geschehen
nach dem Spruch Salomonis: #Quis scrutator est Majestatis opprimetur a
gloria.# Wer nach der Majestät forschet, den wird die Herrlichkeit
verdrucken. Sind es Naturvernünftige, hohe, verständige Leute, so meiden
sie nur bald diese Frage; sind es aber einfältige, tiefe, geistliche und
versuchte Menschen im Glauben, mit denen kann man nichts Nützlichers denn
solichs handeln. Denn wie der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist
er der Alten Erquickung des Lebens. -- Wer nicht glaubt, der ist schon
gericht.«
Du siehst, unter naturvernünftigen, hohen, verständigen Leuten versteht
Luther solche, die nur kritisch denken und infolgedessen nur einzelnes
erfassen können; einfältige, tiefe, geistliche, im Glauben versuchte
Menschen sind ihm die, welche das Ganze ergreifen und in der Erscheinung
das ewige Sein sehen können. Jene können sich nur einen außerweltlichen
Gott denken, also etwas, was eigentlich gar nicht ist, etwas Erdichtetes,
womit sie sich gegenseitig täuschen; diese, daß Gott lebt, und Leben ist
Wirken, Wirken der Kraft auf den Stoff, also gerade die Einheit von beidem.
Der kritische Verstand betritt den heiligen Bezirk Gottes ohne Nutzen,
höchstens zu seinem Schaden; aber »der Geist erforschet alle Dinge, auch
die Tiefen der Gottheit«, wie es in den Korintherbriefen heißt. »Der
natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit
und kann es nicht erkennen, denn es muß geistig gerichtet sein. Der
geistige aber richtet alles und wird von niemand gerichtet.«
Wovor Luther besonders warnte, war das Spekulieren über die Absichten
Gottes in der Führung der Menschen; warum es einem Guten schlecht ginge,
warum einem Bösen gut, warum überhaupt der Mensch so viel leiden müsse,
warum der eine die Gnade habe, der andere nicht. Man sieht aus der
Häufigkeit derartiger Fragestellungen, wie weit entfernt die Zeitgenossen
Luthers davon waren, was Gott überhaupt sei, zu begreifen. Sie sahen im
Grunde doch alle einen gutbürgerlichen Vater in ihm, der die Pflicht hat,
für ein standesgemäßes, das heißt wohlhabendes Auftreten seiner Kinder zu
sorgen und ihnen ein reichliche Zinsen abwerfendes Vermögen zu
hinterlassen. Er war der Gott des großen Haufens, der für Erhaltung jedes
einzelnen und Erhaltung der Art aufzukommen hat. Es ist rührend, zu sehen,
wie Luther diese einseitige Auffassung zu berichtigen suchte voll
Besorgnis, sie könnten dann von Gott gar nichts mehr wissen wollen. Es war
ihm lächerlich, daß die Leute Gott und den Heiligen beständig mit den
allerweltlichsten Gebeten in den Ohren lagen, und er stellte ihnen vor, daß
ihm diese Angelegenheiten unmöglich so wichtig sein könnten; aber er
unterließ nicht, freundlich hinzuzufügen, daß er das alles wohl auch noch
überflüssig dazu gebe. Er erinnerte daran, daß schon Sokrates, der Heide,
gesagt habe, man solle die Gottheit nicht um bestimmte Dinge bitten,
sondern daß sie einem das gebe, wovon sie wisse, daß es einem gut und
dienlich sei; aber er wußte, daß die »verkehrte Art« Wunder und Zeichen
verlangte, durch die Gott seine Gottheit beweise, und, wenn er sagte, daß
der Allwissende schon alles zuvor versehen habe, einwandten, Gott müsse
doch den Weltlauf ändern können, wenn er allmächtig sei. Er erklärte, wenn
geschrieben stehe, daß Gott die Niedrigen erhebe, sei das nicht so zu
verstehen, als ob er die Hoffärtigen absetze und die Niedrigen auf ihre
Plätze stelle; sondern es sei ein Erheben in Gott gemeint, wodurch sie
innerlich und im Geiste über die Hohen der Welt erhoben würden. Er suchte
stets die Logik des Geschehens nachzuweisen, durch die Gott sich dartue;
aber zugleich glaubte er und wollte geglaubt haben, daß das Folgerichtige
gut sei. Er wich deshalb niemals davon ab, von Gott als von einer
persönlich menschlichen Kraft zu sprechen, nicht etwa vom Schicksal oder
von der Weltseele, nicht einmal von der Vorsehung. Davon war die Folge bei
anderen eine Vermenschlichung der Idee Gottes, die ihn selbst immer wieder
in Staunen und Schrecken setzte. »Darum«, sagte er, »wenn wir der Gottheit
gedenken, so müssen wir Ort und Zeit aus den Augen tun, denn unser Herrgott
und Schöpfer muß etwas Höheres sein denn Ort, Zeit und Raum.« Immer wieder
stieß er sich an seinen Zeitgenossen, die Gott entweder grobsinnlich sich
vorstellten oder ihn in leere Begriffe auflösten.
Gott als Person erfassen kann nur ein phantasievolles Kind oder ein Mann,
in dessen kraftvollem Ich das göttliche Ich sich spiegelt. Deshalb ist in
kraftvollen Zeiten, wo der Mann männlich und deshalb die Frau weiblich und
das Kind kindlich ist, der Glaube an Gott selbstverständlich: der Mann
erkennt ihn in seinem eigenen Selbst, Frauen und Kinder ergreifen ihn mit
der Phantasie. Das ändert sich in den Zeiten des Alterns, wo die Kraft
sich in Denken auflöst. Wenn Luther sagte, daß Gott in jedem Menschen sei,
so erregte das grobe Mißverständnisse, und man warf ihm vor, er wolle, wie
man sich ausdrückte, die Kreatur zum Schöpfer machen. Die Verbindung des
einzelnen mit Gott fühlt der, den sie betrifft; mit Gottlosen davon zu
sprechen ist gefährlich.
Erst unsere Klassiker haben das inzwischen vorgerückte Weltbewußtsein
wieder mit dem Gottesbewußtsein zu vereinigen gesucht; aber, besonders
Schiller, doch im Geiste ihrer Zeit vom Gedanken ausgehend. Schiller sagte:
»Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. -- Und
warum keine? Aus Religion.« Goethe empfand zwar viel einheitlicher, doch
war auch seine Überzeugung: »Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: ich
glaub ihn? Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd
Himmelsglut.« Das ist durch und durch antilutherisch. Wenn das Brot
überkommt das Nennen von Gott, dann wird es der Leib Christi. Dadurch, daß
Gott die Welt nannte, ward sie. Ich hasse die Flattergeister, sagte Luther
mit David, und liebe deine Gesetze. Gott ist nicht im Unsichtbaren und
nicht im Sichtbaren, sondern in der Wirkung des Unsichtbaren auf das
Sichtbare, woraus Form, Tat oder Wort entsteht. Was nicht Form, Tat oder
Wort geworden ist, das ist im Werden, aber nicht im Sein. In der bildenden
Kunst muß die Kraft Form werden, in der Liebe Tat, in der Erkenntnis Wort,
in der Religion Kult. Luther wußte, daß dem wahren Christen jeder Tag und
jede Erscheinung göttlich und darum heilig ist; trotzdem wollte er den
Glauben an das Abendmahl gebunden haben, weil Gott sein Wort eben mit
diesem Zeichen verbunden hatte. Der einzelne kann Gott immer und überall
anbeten; aber die Gemeinde soll es in dem von Gott gestifteten Kult tun,
und jeder einzelne ist ein Teil der Gemeinde.
Übrigens hat Goethe, dessen Wesensart Luther von den Späteren doch am
nächsten stand, das Fehlen einer Kirche begriffen und tief beklagt. In
seinem Märchen hat er von den drei Bildern der Weisheit, der Schönheit und
der Kraft gesprochen, die aus der Liebe hervorgehen: der göttlichen
Dreieinigkeit, die in der Liebe eins ist. »Ach! warum steht der Tempel
nicht am Flusse!« Wenn es aber an der Zeit ist, wird er aus der Tiefe an
das Licht des Tages auftauchen.
Ich habe vorhin eins nicht erwähnt, was es Luther erschwerte, das Innere am
Äußeren zu demonstrieren; das war nämlich die geringe Kenntnis der Natur zu
seiner Zeit. Die einseitige Richtung auf das Äußere, die den Glauben
aufhob, mag notwendig gewesen sein, damit der Glauben ins Schauen übergehen
könnte. Die Idee, Gott in seiner Majestät, wird immer im heiligen Dunkel
bleiben; aber die Schöpfung, in der die Idee sich offenbart, ihr
mannigfaches Kleid, das ist der Forschung zugänglich, und je besser man das
erkennt, desto besser erkennt man Gott, der es trägt. Da die Form, in der
eine Idee sich ausprägt, diese Idee selbst ist, nur von außen gesehen, so
muß man durch die Form die Idee selbst erkennen, und zwar ohne sie zu
betasten und zu entweihen. Durch die Erkenntnis der Natur nähert man sich
Gott mit dem Verstande und den Sinnen, den Luther fast nur intuitiv durch
das Herz und die Sinne begreifen konnte; insofern haben vielleicht die
Jahrhunderte der Naturwissenschaft der tieferen Gottesverehrung den Weg
bereitet.
Wenn ich sagte tiefere Gottesverehrung, so meinte ich das nicht in bezug
auf Luther. Ein genialer Mensch, ein solcher, dessen großes Herz Geist und
Natur zusammenbinden kann, hat immer das allertiefste Gottesbewußtsein,
weil Gott in ihm ist; er erkennt unmittelbar und weiß, daß der mittelbare
Zusammenhang da ist. Für die Allgemeinheit mußte die Möglichkeit dieses
mittelbaren Zusammenhanges erst erobert werden, bevor sie sich dem Glauben
wieder hingeben konnte. Die Menschen scheinen jetzt aus dem unterirdischen
Gange, den sie sich gegraben haben, wieder ans Licht zu wollen; vom
umgekehrten Standpunkte aus gesehen, sehnen sie sich aus dem Vorhofe wieder
ins Dunkel des Allerheiligsten. Wer wohl, wenn die Kirche neu, siebenmal
geglüht aus der feurigen Tiefe steigt, Haushalter über den göttlichen
Geheimnissen, Diener am Wort und Sakrament sein wird? Kein Geistlicher,
sondern ein Geistmensch.
Die Kirche als Gebäude hat sich vom Dunkel zur Helligkeit entwickelt: in
dem vorchristlichen Tempel verhüllte Finsternis die Götterbilder, und die
altchristliche Kirche war im Innern der Erde, woran die Krypta der
romanischen Kirche noch erinnerte. Noch in der gotischen Kathedrale, wenn
sie auch farbig gebrochenes Licht durch hohe Fenster einließ, die ihre
Mauern auflösten, wogte es chaotisch; erst die Kirchen der Renaissance, des
Barock und Rokoko ließen das Licht ganz einströmen und das Allerheiligste
in einen Festsaal verwandeln. Wo die sinnliche Schönheit fehlte, wie in der
reformierten Kirche, herrschte statt der Weltfreudigkeit die schamlose
Nüchternheit des bloßen Verstandes. Nun gibt es nur zwei Wege, die zum
Berge der Seligkeiten, wo der Herr die Freiheit der Liebe verkündete, das
ist außerhalb der sichtbaren Kirche, oder zurück in das Dunkel heiliger
Mauern. Man muß sich klar sein, daß nicht beides zusammenfallen kann, daß
»die wahren Göttersöhne« unter den Sternen anbeten, daß die sichtbare
Kirche begrenzt ist. Was hatte Luther im tiefsten Grunde mit Konfessionen
zu tun! Er schrieb einmal einen wundervollen Brief an den bayrischen
Hofmusiker Ludwig Senfel, in dem er um die Komposition des Psalms bat, den
er vor allen liebte. »Obwohl mein Name verhaßt ist, so daß ich fürchten
muß, daß dieser Brief, den ich dir schreibe, liebster Ludwig, nicht sicher
von dir empfangen und gelesen werden kann, so hat doch meine Liebe zur
Musik, mit der ich dich von meinem Gott begabt und geschmückt sehe, diese
Furcht überwunden. Diese Liebe gibt mir auch Hoffnung, daß dir dieser Brief
nicht Gefahr bringt: denn wer außer in der Türkei würde es tadeln, wenn
einer die Kunst liebt und den Künstler rühmt? Lobe ich doch auch deine
bayrischen Herzöge sehr, obwohl sie mir gar nicht gnädig sind, und verehre
sie vor andern, weil sie die Musik so schützen und ehren. Denn es ist kein
Zweifel, daß viel Samen des Guten in den Gemütern ist, die die Musik
lieben; die sie aber nicht lieben, halte ich Stümpfen und Steinen für
ähnlich.« So dachte und sprach Luther in seiner unsichtbaren Kirche, da, wo
er heimisch war. Das Reich des Geistes ist jenseit von Katholizismus und
Protestantismus; aber gerade weil es unsichtbar ist, kann es in der Welt
nie verkörpert und umgrenzt sein. In jeder sichtbaren Kirche oder Akademie
oder was für eine Korporation es sonst sei, wird der Geist immer nur Gast
sein, die schwebende Taube, das Feuer, das in Flocken tropft wann und wohin
es will.
Folgt aber daraus, daß keine sichtbare Kirche sein könnte? Mir scheint, nur
das, daß die eine, allgemeine, sichtbare Kirche sich mächtig auf die Erde
gründen, mit der Spitze aber in den Himmel ragen sollte, Menschen ihre
Diener, Christus ihr Haupt.
Eben fällt aus dem Allerheiligsten der Nacht von dem Götterbild, das sie
verbirgt, ein Glänzen in den erschaudernden Raum. Der Augenblick der
Schöpfung ist bald da, der zugleich ein Augenblick des Scheidens ist. Es
bleibt noch so viel Zeit übrig, auf die letzte und heikelste Bemerkung zu
antworten, die du mir in deinem Briefe machtest. Du schreibst, die
Nutzanwendung meiner Fabeln lasse sich in dem Verse Goethes zusammenfassen:
Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich.
Nun hätte ich aber selbst gesagt, nichts schlage so sehr in ein häßliches
Gegenteil um, wenn man es bewußt sein oder ausüben wolle, als Kindlichkeit,
Naivität. Ich müßte, wenn ich folgerichtig wäre, eher dazu tun, daß alles
geschriebene und gedruckte Wort verbrannt würde, als seine Masse vermehren.
Das wäre wohl richtig, wenn meine Worte etwas anderes sein wollten, als
Wegweiser zum Worte von Gott. An dich richtete ich überhaupt nur die
Fabeln, nicht die Nutzanwendung, da ich nicht denke, daß du ihrer bedarfst;
ich schreibe an einen Wissenden, sie sollten dir nicht mehr als ein Spiegel
sein, in dem man sich zur Kurzweil einmal betrachtet. Läse sie sonst
jemand, sollten sie ihm nur Mut machen, den Adlerweg des Glaubens zu
betreten, der, pfeilerlos und geländerlos, doch der sicherste zum Ziel ist.
In meiner Ausgabe der Märchen von Tausendundeine Nacht gibt es ein
Titelbild, wo zu sehen ist, wie der Sultan der vor ihm knienden
Scheherazade verzeiht. Darüber mußte ich immer lachen, denn es schien mir,
als hätte er ihr vielmehr für die schönen Geschichten zu danken, die sie
ihm erzählt hatte. Märchen indessen haben immer recht, und so bittet denn
auch dich, nun der unerbittliche Luzifer, mit dem Schwerte trennend, ihr
den redseligen Mund endgültig schließt, Scheherazade um Verzeihung. Es ist
die Flutzeit des Lichtes, schon donnert es an den Strand der Erde, und die
summenden Sterne verlieren sich; nun rede du, nein, vielmehr nun handle du!
* * * * *