Hier wird deutlich, daß die Aktivitäten die Brennpunkte sein müssen, damit
Funken überspringen können und der ganze Organismus lebt. Ferner siehst du,
daß, wenn die Aktivität des Geschlechts überhandnähme, das Herz vollständig
durch das Geschlecht gebunden wäre: ein tierähnlicher Zustand. Das Herz muß
deshalb, im Verein mit dem Gehirn, der Aktivität des Geschlechtes Herr
werden, wohlverstanden aber ohne sie ganz zu töten; denn geschähe das, so
wäre das Herz ganz auf das Gehirn beschränkt. Das Gehirn hat die Neigung,
das Herz ganz für sich in Beschlag zu nehmen, es vom Körper abzusondern.
Der nachchristliche Mensch, dessen Gehirn eine größere Aktivität hat als
der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen Körper zu töten,
indem er ihn vom Herzen absondert. Er entgeht dieser Gefahr nur durch
Bewegung, welche den Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen Körper
verteilt. Man hat in neuester Zeit das Übel bemerkt und ihm durch allerhand
gymnastische Übungen abhelfen wollen; aber das ist nur eine künstliche
Aushilfe, durch die der Zweck niemals erreicht werden, die vielmehr schaden
kann, da sie den Organismus von außen in eine Tätigkeit versetzt, der die
innere Kraft nicht entspricht. Die Bewegung muß zugleich eine innere sein,
nur eine aus dem Herzen entspringende Tätigkeit, ein Überwinden innerer und
äußerer Widerstände kann das Herz üben und kräftigen. Tätigkeit, die Seele
des Menschen, macht das Herz so stark, daß es die inneren Widerstände
überwindet, ohne sie zu töten. »Seid getrost«, spricht der Herr, »ich habe
diese Welt überwunden.« Niemals hat Christus gesagt, er wolle die Welt
töten, er, der die Ehebrecherin beschützte, weil sie viel geliebt hatte;
das Herz muß stärker als die Welt sein, das ist das Geheimnis des Sieges.
Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen, muß stärker sein als
ihre Brennpunkte. Mit Christus, der das Selbstbewußtsein vollendete, der
sich selbst als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivität des Gehirns so
stark geworden, daß die kindliche Einheit des Kreises auf immer zerstört
war. Zugleich indessen brachte er die Erlösung, indem er durch persönliches
Handeln, durch eine stärkere Bewegung des Herzens, die Einheit als
Dreieinigkeit wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln und zu
glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere nicht sein kann. Wer
persönlich handelt, muß glauben, da er sonst die Last der Verantwortung
nicht ertragen könnte. Als der Mensch aufhörte gläubig zu sein und dafür
moralisch wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, hörte er auch auf
zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von dem durch das Gehirn
usurpierten Herzen ab und zerfiel in zwei Hälften, einen entgeisteten, also
leblosen Körper und ein entkörpertes, verteufeltes Herz, die sich
unversöhnt gegenüberstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung können sich
einbilden, daß sie den zürnenden Gott durch bloße Gymnastik mit der
entfremdeten Welt versöhnen können.
Das Herz an sich ist jenseit von Gut und Böse, wie es jenseit von Zeit und
Raum ist; es ist an sich blind. Sehend und wissend wird es dadurch, daß es
in Berührung mit unendlich vielen anderen Herzen gerät, die es als ebenso
viele göttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch zur
Einsicht seines eigenen Wesens führen. Durch die Berührung und den Kampf
mit der Außenwelt also, mit dem Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden;
das Wasser der Bucht ebbt durch den Anprall von außen in das Meer zurück,
das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut wieder ins
Land wirft. Die Berührung mit der Außenwelt wird durch die Sinnesorgane
vermittelt; sie haben die Aufgabe, das Ich, den persönlichen Gott, von dem
Dasein anderer persönlicher Götter zu überzeugen und durch sie und sich
hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle. Die erste
Aufgabe des Herzens ist, sich seiner Göttlichkeit bewußt zu werden; die
zweite, sie über die anderer zu vergessen.
Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck nicht
mißverstehen willst, müssen ihrer Natur nach zunächst das Nicht-Ich heftig
zurückstoßen, weil sie sich das Gefühl der Einzigkeit nicht beeinträchtigen
lassen wollen; andererseits sind gerade diese die wahrhaft religiösen
Herzen und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen; sie
sträuben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich aufzunehmen, weil sie
ahnen, daß sie sich ihm opfern werden.
Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im höchsten Sinne, auf
lateinisch #caritas# oder #dilectio#, an die Mutterliebe geknüpft; die
Geschlechtsorgane, durch welche die Menschheit sich von Gott absonderte,
führen auch wieder zu Gott zurück. Nicht für sich allein, denn zunächst ist
die Mutterliebe ein selbstisches Gefühl und kann sogar als solches
abstoßend wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle Schwachen und Hilflosen
öffnet und sie zu eigenen Kindern macht. In der Heiligen Schrift heißt es,
daß die Gnade durch das Wort bewirkt werde; das Wort nämlich öffnet das
Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen mit vielen.
In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht das Herz seine
Ideen körperlich, in Gemeinschaft mit dem Gehirn geistig. Beider bedarf das
Herz, um seinen Verkehr mit der Außenwelt herzustellen; ohne das Gehirn
würde das Herz nicht zu sich selbst kommen, würde die Welt ein Chaos
bleiben, während sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff würde.
Sind die plastischen Organe die ältesten, so ist das Gehirn, das erkennende
Organ, das jüngste; nach der Schrift geht der Heilige Geist vom Vater und
vom Sohn aus. Das Gehirn begleitet das Herz wie der Sänger den Helden, der
durch die Verklärung des Wortes seine Taten verewigt und der Welt zu eigen
macht. Besinnst du dich auf die schöne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus,
da der Sänger von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt
und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd bewußt wird, was es
getan und erlitten hat. Aus dem Herzen strömt der Geist, im Gehirn wird er
befestigt; es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht
Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen Hain, wo reine
Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln; Leben bekommen sie aber erst
draußen im Lichte der Sonne, nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben.
Was ist Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht. Wahrheit ist
eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch und Blut.
Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend, weiblich, sondern
auch männlich und willkürlich; die Sonne erleuchtet nicht nur, sondern
verbrennt auch. Der körperliche Ausdruck des willkürlichen Gehirns wird in
der Großhirnrinde gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht
imstande, darüber zu urteilen, ob es sich so verhält, mir kommt es nur
darauf an, daß diese willkürliche Kraft da ist. Von hier geht die schwerste
Versuchung des Menschen aus, die des Teufels in seiner Majestät, die nur
die hochentwickelte Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sich an
Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdrängen und durch sein
eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des Herzens in seine Zauber
eingeweiht, kann Luzifer sich in einen Engel des Lichts verstellen, mit den
von seinem Herrn erlernten Sprüchen bannt er ihn und zaubert auf eigene
Hand. Nachdem er seine Gottähnlichkeit entdeckt hat, meint er, die Welt, in
der bisher das Herz herrschte, und die ihm sündig und mängelvoll erscheint,
dadurch vollkommen machen zu können, daß er die Moral einführt, und er
beginnt damit, die Trägheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und
den bösen Teufel, zu unterdrücken. Er hemmt die Hemmung, die Gott sich
gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen.
Aristoteles hat die Ähnlichkeit zwischen dem Herzen mit seinen Adern und
dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt und allerlei Schlüsse daraus gezogen,
auf die es mir hier nicht ankommt. Aber die Ähnlichkeit muß auffallen, wenn
man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes und des
Gehirns und Nervensystems vor Augen hat; es sieht fast so aus, als ob das
Gehirn der Schatten des Herzens wäre. Es scheint, daß das Herz das Gehirn
durch die Schilddrüse, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdrüse
beherrscht, deren Tätigkeit sich gleichsam in den betreffenden Organen
spiegelt. Wie schlagend ist von diesem Gesichtspunkt aus der Ausdruck
Luthers, der Teufel sei der Affe Gottes, natürlich nur auf das willkürliche
Gehirn zu beziehen.
Man hat früher gemeint, das Herz hänge vom Zentralnervensystem im Gehirn
ab; indessen ist es festgestellt, daß das Gehirn nur einen regelnden
Einfluß auf das Herz ausüben kann, nämlich einen hemmenden und
beschleunigenden. Der #nervus vagus# und der #nervus depressor# sind
hemmende Nerven; ausgezeichnet weist der Name #depressor# auf die
Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromes entstehen. Sowie
aus dem leuchtenden Luzifer ein verbrennender wird, sowie das Gehirn
befehlen, das Herz in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine
Kraft unterbinden will, wird sein Einfluß schädlich. Der Sieg des Teufels
ist körperlich dadurch ausgedrückt, daß das Blut entweder in der Region der
Geschlechtsorgane oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt,
anstatt daß es immer zum Herzen, der Quelle, zurückkehrt und den ganzen
Körper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht.
Das Eigenmächtigwerden des Gehirns, die neue und furchtbarste Hemmung, die
dem Herzen erwächst, machte sich schon vor Christus bemerkbar. Das antike
Drama hatte den Riesenkampf zwischen Göttern und Menschen zum Gegenstande,
der immer mit dem grausamen Siege der Götter endete. Besonders merkwürdig
scheinen mir die Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das
trunken schöpferische Herz und der zweifelnd kritisierende Gedanke
gegenüberstehen. Christus, der Gottmensch, verband Herz und Kopf in seiner
Person zur Einheit. Er überwindet den Teufel durch die aus dem Herzen
entspringende Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet. Da das
Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, daß Gott in der Menschheit,
nicht außer ihr ist, verlegte das nachchristliche Drama den Kampf zwischen
Herz und Kopf, Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles und
Schönes ist darüber in Schillers Wallenstein gesagt: »In deiner Brust sind
deines Schicksals Sterne«, »Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme«,
besonders aber die Worte Wallensteins: »Recht stets behält das Schicksal;
denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.« Nun siegt nicht
mehr das grausame Herz über den zerissenen Rebellen sondern durch den
Überschuß seiner Kraft, die Seele, schmilzt das geniale Herz die
Entzweiten gewaltig zusammen.
Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante Tatsache festgestellt,
daß nämlich die lebendige Substanz, das einzellige Lebewesen, die Amöbe,
unsterblich ist. Sie vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann
ins Unendliche fortgesetzt werden, ohne daß ein Teilwesen verginge.
Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns oder der Depression ein,
wo die Stoffwechselprodukte nicht mehr ausgeschieden werden können; aber
dieser tote Punkt kann durch Herstellung günstiger Bedingungen überwunden
werden. Sie bestehen darin, daß der alternden Substanz durch Kopulation
oder durch einen sonstigen neuen chemischen oder mechanischen Reiz neues
Leben zugeführt wird. Die Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen
Lebewesen, wirkt verjüngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor die
Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen hat. Ich hätte #a priori#
vorausgesetzt, daß für die lebendige Substanz, für das einzellige Wesen,
dieselben Grundgesetze gelten wie für den Menschen, wie für die Familie und
das Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies
bestätigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein gefährliches
Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben kann, wo ihm Kraft aus dem
Nicht-Ich zuströmen kann. Wölfflin sagt von Dürer, daß er mit dem
50. Lebensjahr in seine letzte größte Epoche tritt, die bedingt ist durch
die Erfrischung seiner großen Reise; und er setzt diese Verjüngung
derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat mit einer zweiten jungen,
geliebten Frau zuteil wurde. Eine Kopulation, geistig oder körperlich, oder
sonst ein starker, neuer Reiz, müssen es tun, ein Zuströmen göttlicher
Kraft in das ermüdete oder erstarrte Herz.
Das Herz nämlich ist dasjenige Organ, welches den Menschen regiert: wir
leben vom Herzen aus und sterben vom Herzen aus. Sei es, daß wir aus
Altersschwäche oder an einer Krankheit oder woran immer sterben, das
Versagen des überlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeiführt.
Daß die Nervenzellen, welche der Herztätigkeit vorstehen, sterben, ist die
Folge von einer Vergiftung durch die Schlacken des Stoffwechsels, welche
nicht ausgestoßen werden können: wir sterben an Ermüdung des Herzens, die
durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe, den Körper zu
ernähren und zu entgiften, seine Hemmungen zu überwinden, kann nur ein
starkes Herz genügen: es handelt sich also im gefährlichen Alter, wie bei
jeder Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verstärkung des Herzens.
Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie habe, als Luther einmal in eine
schwere Melancholie verfallen sei, Trauerkleider angelegt und auf die
erschrockene Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben sei,
geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie Trauer. Derselbe
Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die sich bekanntlich das Leben nahm,
um ihren Mann durch den Schmerz über den Verlust schaffenskräftig zu
machen. Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte offenbar
überhaupt kein Herz oder keins für seine Gattin. Überhaupt können Willkür
und Absicht nicht helfen, nur verderben: sie verdrängen ja gerade das Herz,
dem Raum gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur rechten
Zeit zur rechten Stelle. Wie könnte Einsicht den richtigen Zeitpunkt
herausfinden, auf den alles ankommt? Ist dieser versäumt, so zerdrückt die
einströmende Kraft den mürben Organismus und tötet anstatt zu beleben.
Hier zeigt sich nun, warum es für Völker notwendig ist, Großstaaten zu
werden. Das Leben beruht auf der Möglichkeit von Gegenwirkungen. Der
abgeschlossene Kleinstaat kann das gefährliche Alter nicht überwinden: das
enge verkalkte Herz erlaubt das Zuströmen fremder Kraft nicht, und es wird
zuletzt in seiner Kruste verkümmern müssen. Ich las neulich, daß die Tiere,
die auf Inseln leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist
Sünde; im Kampf mit Gegensätzen, in der Verbindung mit dem Ganzen liegt das
Leben.
Diese Verkümmerung und Verzwergung erfahren alle Personen, Stände,
Familien, Staaten, die sich absondern und dadurch das Einströmen fremder
Kraft unmöglich machen. Der Adel hat seine Blütezeit, solange er sich
seines Adels kaum recht bewußt ist; sowie er sich abschließt, verwelkt er
im gleichen Maße, wie sein Selbstbewußtsein, seine Selbstvergötterung
steigt.
Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter Blüte und der dann
eintretenden Verkümmerung am besten an der Geschichte Spaniens studieren;
ich widerstehe der Verführung, darauf einzugehen, um dich nicht zu
langweilen. Die Schweiz, die durch Sünde, nämlich durch Absonderung von
Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des Gegensatzes von Stadt und
Land und des Gegensatzes der drei Nationen; diese Gegensätze haben sie so
lange lebendig erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome
beginnender Selbstvergötterung bemerkbar und andererseits ein verhaltenes
Bedürfnis nach Erfrischung. Weniger glücklich ist Holland daran, seit es
von dem gegensätzlichen Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte
zuerst für beide Länder eine schnelle, wundervolle Blüte; nachher wäre wohl
Vereinigung Belgiens mit Frankreich und Hollands mit Deutschland
förderlicher gewesen. Die Lage der kleinen Inselstaaten zwischen großen
Ländern, die durch sie die gegenseitige Reibung abschwächen wollen, ist
immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz, ganz Europa
befindet sich augenscheinlich im gefährlichen Alter und strebt
leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme neuer Kraft. Wenn einmal
alle Nationen der Erde einen Einheitsstaat bilden, ist der Jüngste Tag
gekommen, weil dann keine Kopulation mehr möglich ist.
Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben von der Notwendigkeit
des Anschlusses kleiner Staaten an den Großstaat sprach, dachte ich nicht
an moderne Verhältnisse. Der moderne Staat, weil er nicht von innen wächst,
sondern von außen zusammengesetzt wird, ist seiner Art nach grenzenlos; was
natürlich wächst, nach einem inneren Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt.
Die modernen Staaten müssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem
Wesen nach unendlich sind, und der Augenblick muß kommen, wo die Erde ihnen
zu klein wird. Der natürliche Staat, der aus der Familie und natürlich sich
bildenden Gruppen herauswächst, der germanisch-romanisch-slawische,
christliche Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern zog
sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede Zelle seines Körpers war
durchblutet, selbsttätig. Unsere alten Kaiser nannten sich zwar allzeit
Mehrer des Reichs, aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges
angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, gläubige Väter, die ihre
Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen strafend dazwischenfahren,
wenn jene es allzu bunt machen. Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu
lang, der Raum nie zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern
kann. Der bloß denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen, dem
tätigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden.
Ich glaube, es müßte sich feststellen lassen, daß die Nervenzellen der
Westeuropäer mit Stoffwechselprodukten überladen sind, und zwar namentlich
diejenigen Nervenzellen, die der Herztätigkeit vorstehen. Daher schreibt
sich der Mangel an Genie bei überwiegendem Verstande. Es ist wahr, daß wir
unabhängig von der Natur, das heißt von Gott, werden; unsere Lebensweise
wird besser geregelt, und unsere Lebensdauer verlängert sich; aber was
hülfe uns selbst die Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz
vorbehalten: er will, daß wir es ihm opfern, und gibt es uns verjüngt
zurück. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren wie
Adler. Es gehört allerdings zum Gottvertrauen, daß man Gott kein Ziel
setzt. Man kann sehr vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden
und damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann schon das
Für-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr verdammt, ein Symptom des
Alterns. Gott gibt nur Leben und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt
Ordnung und lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber was für
ein Leben! Wer weiß, was Leben heißt, findet den Preis des Todes nicht zu
hoch, obwohl er den Tod am glühendsten haßt.
Engherzigkeit ist das Merkmal der westeuropäischen Völker. Das volle Herz
beflügelt, und da sie das nicht haben, kriechen sie an der Erde, auch wenn
sie mit Schiffen die Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der
Apostel Paulus, das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den Menschen.
Aus der Fülle des Herzens leben ist das Geheimnis des Genies; ein volles
Herz ist die Voraussetzung dazu.
Erinnere dich bitte, daß Luther lehrt, der Glaube komme durchs Gehör
vermittelst der Predigt des Wortes. »Mit dem Wort nimmt Gott die Herzen.«
Das Gehör ist der Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer
musikempfindlich ist, weiß ohne weiteres, daß das Ohr im Herzen mündet. In
göttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, ist das Herz der
Menschheit gebunden, es ist also selbstverständlich, daß das einzelne Herz
mit ihnen verbunden sein muß. Alle Dichterworte der Menschheit sind das
Geistesmeer, das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die Mündungen des
Meeres. »Ich glaube, darum rede ich«, heißt es in der Bibel. Das Gehör
nimmt gläubig auf, und liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich
den Körper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang des Herzens sind,
werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt und Bewegung uns die Art des Herzens
am unmittelbarsten verraten.
Dem Ohr muß man ansehen können, ob es mehr weltliches oder mehr göttliches
Wort auffängt oder beides. In der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus
der schönen weiblichen, den der männlich-weltlichen und den beides
vereinenden festzustellen, innerhalb welcher es natürlich eine unendliche
Menge persönlicher Abweichungen gibt. Man liebt die Ohrmuschel rosig, das
heißt, daß das Herz sich schon in der Pforte spiegelt; das findet man kaum
außer bei Kindern und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zurückfallen in
die Tierheit an, die Unfähigkeit, das Wort von Gott überhaupt noch zu
vernehmen.
Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden Münder, verschiedene
Ränder des Rubinkelches, den wir Herz nennen. Einen Mund kannte ich einmal,
den ich am allerliebsten ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe
tat, frivole, unanständige oder gottlose Geschichten erzählte. Ich hörte
nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete verzaubert den Mund,
der sich mit unbeschreiblicher Anmut wie ein Quellwasser spielend und
zwitschernd bewegte. Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter,
während die schmutzigen Geschichten über ihn hinströmten, daß es mir wie
ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit einem gewissen Triumph Gott lästerte,
mußte ich an einen mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen
hat, während des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszustoßen; aber
weil er im Himmel und dicht bei Gott ist, kommt immer nur das Heilig,
Heilig von seinen Lippen, die so abscheuliche Worte ausstoßen. Dies ist der
Kindermund, der jenseit von Gut und Böse ist. Es springen Perlen und
Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt; denn ihm unbewußt ist er ein
Brunnen Gottes. Der Mund, den ich dir eben beschrieb, gleicht dem
Shakespeares, wie ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah.
Dann gibt es den Mund, der gekämpft hat, bis er vermochte, die Tiefe des
Herzens auszusprechen, und dann den, der überhaupt nicht mehr aus dem
Herzen sprechen kann. Vielleicht ist es ein Papageienmund, der
nachplappert, oder er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht
ist dann der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur verschüttet und
kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung auf immer abgebrochen, so
entsteht der Habsburger Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges Wasser
mehr fließt. Er klafft auseinander, wie der Mund der Toten tut. Über die
Progenie, die Erscheinung, daß die Zähne des Unterkiefers die des
Oberkiefers in frontaler Richtung überragen, sind wertvolle Studien gemacht
worden, und man hat bereits bemerkt, daß diese Erscheinung stets mit
gewissen anderen Merkmalen zusammenhängt, und geahnt, daß sie alle auf eine
biologische Ursache zurückzuführen sind. Gerade im Anschluß an das
Habsburger Gesicht ist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen
Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert hat, daß auch
hervorragende Individuen diese Merkmale führen, und deshalb die Auffassung
ablehnen zu müssen meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, daß man sich
über den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist. Mit dem Abnormen
beginnt ja erst die Möglichkeit der Größe; allerdings nur die Möglichkeit,
nicht die Notwendigkeit. Es sind viele berufen, aber wenige sind
auserwählt.