IV

Du willst mir augenscheinlich dartun, daß du wirklich kein Herz habest,

indem du mit vernichtender Übergehung meines gefühlsbetonten Briefschlusses

tadelst, ich schriebe chaotisch, was du am allerwenigsten vertragen

könnest. Vollständige Dunkelheit sei weniger schädlich als Zwielicht voll

undeutlich auftauchender Gestalten. Ich behandle, sagst du, Gott, Teufel

und ähnliche Phänomene als selbstverständliche Voraussetzung; das sei wohl

in religösen Zeiten unter religiösen Menschen erlaubt, welchen diese Namen

etwas Bekanntes bezeichneten, jetzt seien sie aber leer und ich hantierte

damit herum wie jene listigen Betrüger mit des Kaisers neuen Kleidern. Ich

sollte dir einmal schreiben, wie wenn du ein in der Wildnis aufgelesenes,

zwar sehr gescheites, aber ganz unwissendes Botokudenkind wärest. Du

wissest, daß Gott sich nicht vorrechnen lasse wie ein Exempel, ich solle

auch nicht von ihm sprechen, wie einer von seinem Freund, dem Geheimen

Kommerzienrat Soundso, spreche; aber auf einen klaren, verständlichen

Ausdruck müsse etwas Seiendes sich bringen lassen, wenn auch nicht auf

einen erschöpfenden.

Ich werde gehorsam versuchen, den König mit dem gescheiten Botokudenkinde

zu verschmelzen und meinen Vortrag danach einzurichten. Die Verbindung ist

auch gar nicht so paradox, wie es zuerst scheint. Das Kind sagt zu seiner

Mutter: Gib mir die Sterne! Philipp III. befahl Spinola: Nimm Breda! Ich,

der König. Du schreibst: Erkläre mir Gott! Es soll mich nicht abschrecken,

daß Spinola, wenn eine dunkle historische Erinnerung mich nicht trügt, am

Gram über die Ungnade seines Königs gestorben ist.

Die Völker haben nicht damit angefangen, an _einen_ Gott zu glauben; denn

der kindliche Geist nimmt die Welt nicht als Ganzes, sondern in

Einzeleindrücken auf. Man weiß von einer ganzen Reihe von Völkern, daß sie,

auf den ersten Stufen der Entwickelung befindlich, alles als Gott

verehrten, was ihnen vorkam, was sie als außer sich seiend auffaßten: nicht

nur Bäume, Wiesen, Tiere, Sterne, sondern auch Ereignisse, Vorgänge,

Erwünschtes, Gefürchtetes. Alles, was sie von sich selbst und anderen

Menschen unterschieden, war ihnen Gott, so daß es ihnen so viel Götter gab,

wie sie Eindrücke empfingen. Sie nannten diese Götter zunächst Dämonen, und

sie sind als Heilige, Engel und Teufel auch in der christlichen Kirche

erhalten geblieben. In der Wissenschaft hat man sie sehr gut

Augenblicksgötter genannt; es sind also Eindrücke von Einzelkräften.

Der menschliche Geist hat nun die Eigenart, daß er die Eindrücke von

Einzelkräften fortwährend verdichtet, genau so, wie die Kräfte selbst sich

verdichten. Wie der rotierende Urnebel sich zu festen Kernen, den

Gestirnen, verdichtet, so verdichten sich im menschlichen Geiste die

Augenblicksgötter allmählich zu sogenannten Sondergöttern, diese allmählich

zu persönlichen Göttern. So ist zum Beispiel dem kindlichen Menschen jede

Sonne, im Augenblick wo sie ihm aufgeht, etwas Glückbringendes oder

Verderbendrohendes; erst später erfand er etwa die die Saat hervorlockende

Frühlingssonne als eine besondere Gottheit, und viele Veränderungen müssen

erst in seinem Geiste vorgehen, bevor sich die Kraft der Sonne überhaupt in

den persönlichen Gott Apollo verwandelt. Willst du ausführlichere Belehrung

darüber haben, so empfehle ich dir ein vorzügliches Werk von Usener mit dem

Titel: Götternamen. Aus unzähligen Augenblicksbildern entsteht ein Bild,

und aus Myriaden von Augenblicksgöttern entstehen Sondergötter und endlich

persönliche Götter.

Die vergleichende Sprachwissenschaft und Mythologie gibt darüber Auskunft,

wie die uns bekannten griechischen Götter die alten Augenblicksgötter an

sich gezogen, sich untergeordnet und verschlungen haben, obwohl sie zum

Teil, auf dem Lande, in dem noch unentwickelt gebliebenen menschlichen

Geiste, ein verborgenes Dasein weiter fristeten. Ihrerseits werden die

persönlichen Götter nach und nach wiederum verschlungen von dem _einen_

Gott; der menschliche Geist wird allmählich fähig, die Welt als Ganzes

aufzufassen, er erhebt sich zu der Einsicht, daß es vielerlei Kräfte gibt,

daß aber nur _ein_ Geist ist, der da wirket alles in allem.

Der menschliche Geist erfaßt also zuerst lauter Einzeleindrücke, die sich

immer mehr verdichten, bis er zuletzt die Idee der _einen_ unendlichen Welt

und des _einen_ unendlichen Gottes erfaßt; er geht von der Vielheit zur

Einheit, und zwar im selben Maße, wie er sich selbst immer mehr als Einheit

erfaßt. Solange sein eigenes Ich eine Reihe von Einzelempfindungen für ihn

ist, ist ihm die Welt eine Reihe von Einzeleindrücken; wie sein Selbst sich

verdichtet, verdichtet sich ihm die Welt und in ihr Gott.

Jeder Mensch, der sich seines Ich, seines Selbst, bewußt ist, ist sich

eines Nicht-Ich bewußt; denn er erfährt sein Ich ja erst, indem er es vom

Nicht-Ich unterscheidet, und dies Nicht-Ich nennt er, soweit es nicht

seinesgleichen ist und soweit er sich davon abhängig fühlt, Gott. Ich

möchte den Satz aufstellen: Es gibt nichts außer der göttlichen Kraft und

der durch das Ich zugleich beschränkten und geprägten Kraft. Luther sagte:

Denn außer der Kreatur gibt es nichts, denn die einige, einfältige Gottheit

selbst. Als zu sich, zu seinem Selbst gehörig empfindet der Mensch alles,

was von ihm abhängt, als zu Gott gehörig alles, was nicht von seiner

Willkür abhängt, wovon im Gegenteil er abhängt.

Es ist natürlich, daß gerade der noch unkultivierte Mensch sich in der

Gewalt von Naturkräften fühlt; aber auch im Menschen selbst wirken Kräfte,

die nicht von seinem Willen abhängen: sein Leben und Sterben, sein Lieben

und Hassen, seine Schaffenskraft und sein Unvermögen. »Das Gemüt ist dem

Menschen sein Dämon«, hat schon Heraklit gesagt. Alle menschlichen Kräfte,

die nicht von seinem Willen abhängen, empfand der Mensch ebensogut als

göttlich wie die außer ihm herrschenden. Man hat sie neuerdings wohl das

Unbewußte genannt oder darunter mitbegriffen; das, was ich meine, sollte

man richtiger das Unwillkürliche nennen, das, was in uns wirkend doch nicht

von unserem Willen abhängt. Allerdings entsteht das, was von uns unabhängig

in uns gewirkt wird, nach antikem Sprachgebrauch das Dämonische, ohne unser

Wissen; erst das vollendete Ergebnis, sei es Idee, Gefühl, Gestalt, tritt

in unser Bewußtsein, und insofern kann man vom Unbewußten sprechen. Alles

das, was uns nicht erst als fertiges Ergebnis ins Bewußtsein tritt, sondern

was wir selbst machen, gehört in das Gebiet des Selbstbewußtseins. Stellt

man Selbstbewußtes und Unbewußtes einander gegenüber, so sollte man im Sinn

haben, daß im Unbewußten das Bewußtsein des Nicht-Ich für das Ich eintritt,

daß man also ebensogut von Allbewußtsein oder Gottbewußtsein sprechen kann.

Volkstümlich ist der Unterschied stets empfunden worden und ganz richtig

als Unterschied von Kopf und Herz bezeichnet; nur führt dieser Ausdruck

leicht zu dem Mißverständnis, als handle es sich um einen Unterschied von

Gefühl und Gedanke, was durchaus falsch ist, da auch Gedanken aus dem

Herzen kommen: wir nennen sie Ideen oder Einfälle. Wir sind Menschen,

soweit wir Kopf, wir sind Gott und Teufel, soweit wir Herz sind. Gewöhnlich

sind wir nur bald das eine, bald das andere, ein Durcheinander von beidem;

unser Ziel ist, Gottmensch zu sein, das heißt, die gesamte göttliche und

die gesamte menschliche Kraft in einer Person harmonisch zusammenzufassen.

Der bequemeren Übersicht halber setze ich dir ein Schema her, wobei ich

davon ausgehe, daß die göttlich-menschliche Kraft sich bildend, handelnd

und denkend äußert.

Herz Kopf

Gott Mensch

Müssen Wollen

Bilden oder wachsen lassen Machen

Taten tun Überlegt handeln

Ideen haben Denken

Wenn du einmal für den im Menschen sich offenbarenden Gott das Dämonische

setzest, welchen Wortes Bedeutung dir ja wohl ohnehin klar war, so werden

dir viele Aussprüche aus der Bibel und von Luther sofort viel

verständlicher sein und helleres Licht ausstrahlen. Nehmen wir den Spruch:

Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß

bist. Das heißt: Wir sündigen, unsere Leidenschaft reißt uns hin, wir

bereuen es, aber unsere Reue macht uns nicht kraftlos und mutlos. Denn

gerade daß wir taten, was wir mußten, beweist uns, daß wir Kraft haben;

diese Kraft wird uns wieder emporheben und uns große oder gute Taten tun

lassen.

Wenn Luther sagt: Der Anfang aller Sünde ist, von Gott weichen und ihm

nicht trauen, so heißt das: wer sich nicht auf sein Herz, nur auf seinen

Kopf verlassen kann, der hat keinen inneren Frieden, keine Sicherheit und

keine Kraft.

Wenn Luther sagt, der Glaube verschlinge die Sünde sofort auch ohne Reue,

so heißt das wie oben: dämonische Menschen werden sündigen, aber auch

schaffen.

Wie befremdet zunächst das Wort: »Was Gott nicht geboten hat, das ist

verdammt.« Und es heißt doch nur, was jedem unmittelbar einleuchtet: Wer

Ideen und Gefühle hat, so stark, daß sie ihm zum Führer und Wegweiser

werden, der ist selig. #Quo dii vocant eundum# ist eine alte Devise, die

ich als Kind einmal las und mir zum Motto wählte, ohne ihren Sinn so

logisch zu verstehen, wie ich jetzt tue.

»Ein Christ soll pochen nicht auf sich, noch auf Menschen, noch auf den

Mammon, sondern auf Gott!« Das heißt: Wir sollen uns nicht auf irgendeine

weltliche Macht, noch auf die Gedanken, Überlegungen, Absichten verlassen,

die von uns selbst oder anderen ausgehen, sondern auf die göttliche Stimme

in uns, auf unser Gefühl und Gewissen. »Alle Pflanzen, die mein himmlischer

Vater nicht gepflanzt hat, werden ausgereutet«, Matth. 15, das heißt: Nicht

das Machwerk, sondern das Kunstwerk, das Gewordene, Gewachsene, nicht die

moralische Handlung, sondern die Tat aus dem Herzen lebt und zeugt Leben.

Ist es nicht eigentümlich, daß es wahrscheinlich viele Menschen gibt, die

der Meinung sind, der Spruch bedeute, daß jeder Mensch verworfen sei, der

nicht jeden Sonntag zur Kirche gehe, der nicht zu gegebener Zeit bete und

dergleichen; und daß sein wahrer Sinn ungefähr auf das Gegenteil

hinausläuft?

Am schrecklichsten zürnt Gott, sagt Luther einmal, wenn er schweigt, nach

seiner Drohung bei Jeremias: »Mein Geist wird nicht mehr Richter sein auf

Erden.« Dann tritt an die Stelle lebendigen Wachstums abschnurrende

Mechanik. Es ist merkwürdig, daß ein Jahrhundert nach Luther der seltsame

Hang die Menschen ergriff, das #Perpetuum mobile# zu erfinden. Die

heimliche Lust am Automatischen und zugleich das Grauen davor gibt den

Werken E. T. A. Hoffmanns ihren grotesken Charakter, die Ahnung des

Verhängnisses seiner Zeit, mit der er zu seiner eigenen Verzweiflung selbst

verwachsen war.

V

Ein gewisses Brummen, das du hast ausgehen lassen, fasse ich als Zeichen

auf, daß ich wie jene dir hoffentlich bekannte Bärenbraut dich richtig

gekraut und gekrabbelt habe. Sogleich werde ich übermütig und gehe vom

antiken Gottesbegriff, der dir offenbar kongenialer ist, zum christlichen

über. Insofern nun Gott nie etwas anderes sein kann als die _eine_ Kraft,

von der alle Kräfte ausgehen und in die alle Kräfte münden, stimmen

natürlich die Gottesbegriffe aller reifen Völker im wesentlichen überein.

Doch gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen antiker und

christlicher Gottesauffassung, der dir um so störender sein wird, als du

ihn vermutlich nur spürst und nie Lust gehabt hast, ihn genau zu

untersuchen. Wenn ich dir nun zum voraus schwöre, daß das Christentum trotz

des Unterschiedes doch die Erfüllung der Sehnsucht der ausgehenden Antike

war, weswegen es ja auch bei den Griechen sich befestigte und nicht bei den

Juden, so wirst du mir von vornherein geneigter zuhören.

Der christliche Gott ist, wie du weißt, ein offenbarter und ein dreieiniger

Gott, das heißt: er offenbart sich dreifach. Schon die Alten wußten, daß

Gott in seiner Majestät von den Menschen nicht ertragen werden kann: Semele

wurde von Zeus verzehrt, als sie ihn in seiner Göttlichkeit schauen wollte.

Das reine Sein, die Kraft an sich, ist den Sinnen nicht zugänglich. Wir

können auch nichts darüber aussagen, denn es ist jenseit aller Gegensätze,

und Eigenschaften sind erst im Gegensatz wahrnehmbar. Eigenschaften gehören

einem Einzelnen zu eigen, Gott ist aber nichts Einzelnes, sondern das

Ganze. Insofern Gott nichts Einzelnes ist, ist er zugleich das Nichts, denn

nichts heißt nicht etwas; das Nichts und das All ist also dasselbe. Ein

Gegensatz zu Gott wäre demnach doch vorhanden, nämlich das Einzelsein oder

die Vielheit; aber dieser Gegensatz ist im Sein enthalten, wie die Heilige

Schrift sagt: in ihm leben, weben und sind wir.

Das indessen können wir doch vom Wesen Gottes aussagen, daß er Geist ist;

denn Gott an sich ist unsichtbar. Ferner kann er nichts anderes sein als

Kraft; denn Gott kann nicht leidend sein; sein Wesen ist Wirken. Eine

Kraft, ein ewig Wirkendes, ist aber ohne einen Stoff, ein Passives, auf das

sie wirken kann, nicht zu denken; Gott und die Welt sind nur für unser

Begriffsvermögen zu trennen, wir sind gezwungen, zeitlich und räumlich zu

denken und sagen also: Gott schuf die Welt, als ob die Kraft irgendwann

einmal ohne Stoff gewesen wäre. Daß das Sein wird, richtiger ausgedrückt,

daß mit der werdenden Erscheinung ein unsichtbares Sein verbunden ist, von

welchem sie abhängt, ist ein Geheimnis, auf das man immer wieder stößt,

wenn man sich mit den letzten Dingen beschäftigt, und vor welchem es

geboten ist innezuhalten. Die Welt wäre ein öder Mechanismus, wenn dies

Geheimnis nicht wäre.

Bei Gott ist alles auf einem Haufen, sagte Luther; das heißt: er ist

jenseit von Zeit, Raum und Vielheit. Da wir hier aber an der Grenze der

göttlichen Majestät stehen, glaube ich den mythischen Ausdruck gebrauchen

zu dürfen: Gott schuf die Kreatur. Luther sagte gewöhnlich Kreatur, um die

gesamte Erscheinung, den gesamten Nicht-Gott zu bezeichnen; wir sind

gewohnt, von Stoff, Schöpfung, Welt zu sprechen. Nehmen wir das Bewußtsein

als Standpunkt, so sagen wir nicht, Gott schuf die Welt, um etwas zu haben,

worauf er wirken könne, sondern um sich zu erkennen, um seiner bewußt zu

werden. Auch dies ist wieder mythisch ausgedrückt, da ja Gott natürlich

nichts fehlt, und wir ihn uns als von jeher so gut selbstbewußt wie

unbewußt vorstellen müssen. Wir können aber die Tatsache, daß man zugleich

nichtbewußt und selbstbewußt sein kann, mit dem Verstande nicht fassen,

obwohl wir sie fühlen können, da wir sie an uns selbst erfahren. Und dabei

will ich gleich bemerken, daß wir immer von uns auf Gott und von Gott auf

uns schließen können, was mir, als ich zuerst darauf kam, einen

geheimnisvollen und fast schauerlichen Eindruck machte. Doch ist es

durchaus nicht merkwürdig, sondern folgt mit Notwendigkeit daraus, daß Gott

uns zu seinem Bilde schuf, um sich in uns zu erkennen.

Gott schuf das Abbild seiner selbst, seinen Sohn, ihm zum Ebenbilde, sich

ganz gleich, Christus, den Erstling seiner Kreatur. Aber als er erschaffen

war, schlief er; er war ganz Stoff, ganz Passivität, ganz unbewußt. Wie

sollte sich Gott, die pure Kraft, im puren Stoff erkennen? Der Schläfer

mußte die Augen öffnen, damit Gott hineinsehen könne. Um ihn sehend zu

machen, nahm Gott mit ihm dasselbe vor, was er mit sich vorgenommen hatte,

um selbst bewußt zu werden: er spaltete ihn in zwei, das heißt: er machte

aus dem ganzen Menschen, der Christus hätte sein sollen, das Menschenpaar,

Adam und Eva, den aktiven Mann und das passive Weib. Mit dieser Teilung

oder Polarisierung, die durch die gesamte Schöpfung geht, entstand noch

etwas, nämlich die Schlange oder der Teufel. Gott konnte sich nur in einer

Kraft selbst erkennen, das ist klar; denn die Kraft oder Aktivität ist ja

sein Wesen; diese Kraft mußte aber von ihm unterschieden sein, denn sonst

wäre sie ja mit ihm selbst eins, und der Zweck des Sicherkennens könnte

nicht erzielt werden. Ein Sein oder eine Kraft aber, die nicht Gott ist

oder sein darf, muß Gott entgegengesetzt sein, sozusagen ein Gegengott;

denn er ist ja aus Gott, hat aber die Aufgabe, nicht Gott selbst zu sein.

Ich finde, man stellt sich das am besten vor, wenn man sich Gott als einen

Strahl denkt, der sich durch irgendeine Materie hemmt und spiegelt, gegen

sich selbst umbiegt; noch besser als Sonne, deren unendliche Strahlen vom

unendlichen Stoffe zurückgeworfen werden. Dieser abgeleitete oder

reflektierte Strahl ist Gott und Teufel, Gott insofern er aus Gott,

göttliche Kraft ist, Teufel insofern er sich für Gott selbst hält und

dadurch Usurpator, Rebell, Gegengott wird.

Die Selbstsucht im allereigentlichsten Sinn, die Sucht, alles auf sich zu

beziehen, sein Ich, das in Wirklichkeit nur Mittelpunkt einer Einzelheit

und Trabant des All-Mittelpunktes ist, für einen selbständigen Mittelpunkt

zu halten, diese Selbstsucht ist es, was in der Bibel und bei Luther der

Teufel oder das Böse genannt wird. Das Böse soll nicht sein, aber es muß

sein, damit Gott sich selbst erkennen, oder, wenn du lieber willst, damit

Leben sein kann. Gott ist ein Gott des Lebens, heißt es in der Bibel, Gott

hat Lust zum Leben. Ohne Gegensatz aber, ohne die zwischen zwei

entgegengesetzten Polen entstehende Spannung ist kein Leben denkbar: ohne

das menschliche Ich wäre nur Allsein, das gleichbedeutend mit Nichtsein

ist.

Du könntest die Notwendigkeit des Teufels oder des Bösen mythisch auch so

erklären: die pure Aktivität müßte notwendigerweise die pure Passivität

zerstören; die Aktivität muß sich also eine Hemmung, einen Widerstand

setzen, damit der Stoff, den sie braucht, um zu wirken, nicht verzehrt

wird. Diese Hemmung gibt sich Gott, indem er dem Stoff Odem einbläst, ihm

einen Teil seines Wesens, seiner Kraft gibt, die er selbständig für sich

benutzen nicht nur darf, sondern sogar muß, damit Gott nicht nur eine

zerstörende, sondern zugleich eine schaffende Kraft ist. Wir haben also den

merkwürdigen Fall, daß der Teufel, die menschliche Ichsucht, da sein muß,

damit Gott kein Teufel ist.

Mißverstehe mich aber bitte nicht so, als hätte ich gesagt, der Mensch,

oder die aktive Kraft des Menschen, und der Teufel wären ein und dasselbe.

Die Kraft ist ja ihrem Wesen nach göttlich; teuflisch ist nur der Irrtum

des Menschen, seine Einzelkraft für Gott selbst zu halten. Gott liebt die

Welt, weil er weiß, daß sie aus ihm und in ihm ist: Liebe ist Bewußtsein

der Zusammengehörigkeit. Solange der Mensch dies Bewußtsein, daß alle

erscheinenden Kräfte Ausstrahlungen der göttlichen Kraft sind, nicht hat,

sondern seine Kraft für den Mittelpunkt hält, ist er dem Teufel

verknechtet. Der Teufel ist also nur etwas Negatives, ein Irrtum, ein

Mangel an Erkenntnis, und kann deshalb nicht selbst als Person im Fleisch

erscheinen. Er ist nur bei der Erschaffung der Welt mit entstanden, wie der

Schatten eine Begleiterscheinung von Licht und Körper ist.

Mit der Körperwelt, die ausgedehnt ist und im Raum erscheint, ist der Kampf

ums Dasein gegeben. Seiner göttlichen Art nach muß jedes Wesen überall und

immer sein wollen, was nur im Sein, nicht aber in der Außenwelt bei der

Undurchdringlichkeit der Körper sein kann. Leicht beieinander wohnen die

Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen, heißt es bei Schiller.

Durch die Undurchdringlichkeit der Körperwelt, dadurch, daß sie das Licht

nicht durchläßt, das heißt eben dadurch, daß sie auch Stoff und nicht nur

Kraft ist, entsteht der Schatten. Der Schatten steht zum Lichte in einem

gegensätzlichen Verhältnis, indem der Schatten wächst, wenn das Licht

abnimmt, und umgekehrt. Wäre kein Schatten, wäre lauter Licht, es wäre dann

aber auch nichts Einzelnes, das heißt nichts. Dasselbe läßt sich vom Teufel

sagen: er ist nicht seiend und nicht erscheinend, er hat keinen Körper, ist

aber von der körperlichen Welt unzertrennlich. Luther nennt den Teufel

häufig den Affen Gottes, insofern alles, was der selbstbewußte Mensch denkt

und tut, eine Nachahmung göttlichen Denkens und Tuns ist, oder insofern der

selbstbewußt gewordene Mensch das mit Absicht ausführt, was der instinktive

Mensch unbewußt tut.

Der wesentlich aktive, selbstische, alles auf sich beziehende Mensch ist

der Mann. Es würde, da es unzählig viele Ichs gibt, ein beständiger Krieg

aller gegen alle herrschen, wenn der Mann nicht in sich und außer sich eine

passive Hälfte hätte; die passive Hälfte, die er außer sich hat, ist das

Weib. Daß das Weib, wesentlich Stoff, Gott zugehört, ist schon daraus

ersichtlich, daß er durch sie, ohne Mitbetätigung ihres bewußten Willens,

Menschen schafft; das Weib gestaltet unwillkürlich im Stoffe. Aus der

Schöpfungsgeschichte weißt du, daß die Schlange Eva, nicht Adam verführte;

denn sie, die mit Gott Verbundene, mußte fallen, wenn Gott gestürzt werden

sollte, und ihre Schwäche bot auch einen Angriffspunkt. Als Stoff gut,

selbstlos, deshalb aber auch unendlich verführbar, gab sich Eva wirklich

dem Gegengott hin, was die Fortpflanzung, die Entwickelung, das Leben erst

möglich machte. Das Weib liebt nicht Gott, die Güte, sondern den

Selbstsüchtigen, der sie leiden macht, weil er nur sich selbst lieben kann.

Durch das Leiden kommt sie, weil Leiden bewußt macht, zur Erkenntnis ihres

Herrn und stellt die Verbindung zwischen der Welt und Gott wieder her. Die

Bestimmung der Frau ist, die selbstische, verteufelte Welt mit Gott zu

verbinden, der Genius und Schutzgeist des Mannes zu sein, wie auch in Sage

und Geschichte die Frau als diejenige auftritt, die den Mann zu großen

Taten anregt, ihm gegenüber die göttlichen Gedanken vertritt. Oft

allerdings, wenn sie mehr ihm als Gott dient, vertritt sie auch seine

teuflischen Gedanken, wovon Lady Macbeth ein Beispiel ist. Heute ist die

Frau nicht mehr der Genius des Mannes, weder im Guten noch im Bösen, weil

keine Nachfrage mehr nach solchen Frauen ist. Der heutige Mann, ganz

weltlich, will nur ebensolche Frauen, oder, schwankend zwischen Welt und

Gott, will er sie entweder moralisch oder was man erotisch nennt; den

reinen Atem der göttlichen Natur fühlt er nicht oder er ist ihm zu stark,

der nur abwechselnd gereizt und in Ordnung gehalten werden will.

Nun aber hat der Mann auch eine passive Hälfte in sich, wie ihrerseits die

Frau auch eine aktive Seite hat. Der bloß aktive Mann wäre ein Teufel,

etwas nicht Existierendes, die bloß passive Frau wäre purer Stoff, was es

ebensowenig gibt. Ganz ohne inneren Gegensatz lebt nichts. Jeder Mann ist

auch durch sich selbst mit Gott verbunden, in sehr wechselnden Graden, jede

Frau ebenso durch sich selbst mit der Welt. Der Mann im eigentlichen Sinne

aber, seinem Wesen nach, ist aktiv, persönlich, selbstisch, teuflisch, wie

die Frau ihrem Wesen nach passiv, unpersönlich, unselbständig, Gott

angehörig. Insofern jedoch steht der Mann seinem Wesen nach Gott näher, als

er Kraft ist. Es ist wohl eine Entschuldigung, zugleich aber das

Verdammungsurteil der Frau, daß, wenn sie böse ist, die Ursache immer Liebe

zu einem Manne ist; denn das zeigt ihre stoffliche Natur an. Daraus ist zu

erklären, daß alte Theologen der Frau die Fähigkeit absprachen, in den

Himmel zu kommen. Indessen sagte Luther, obwohl sonst so gut paulinisch:

»Wenn aber kein Mann predigt, so wäre vonnöten, daß die Weiber predigen.«

Er fühlte, daß Mann und Frau bestimmt sind, alle Stufen der Entwickelung

durchzumachen, in der Weise, daß der Mann seine passive, die Frau ihre

aktive Seite auszubilden hat. Offenbar wird das der Frau sehr schwer, da

sie trotz der unsäglichen Leiden, die aus ihrer Passivität fließen, immer

wieder in dieselbe zurücksinkt.

Ich bewundere das an Luther, daß er, der das Teuflische in sich und außer

sich so leidenschaftlich bekämpfte, doch die Notwendigkeit, ich möchte

sagen die Würde des Teufels erkannte. Er sagt von sich selbst, daß er ohne

den inneren Widersprecher, den Teufel, nie zu seiner Theologie gekommen

wäre, und gelegentlich auch, daß die Anfechtungen Gott lieb wären, wenn sie

zur wahren Erkenntnis führten. Es ist der Fehler vieler sogenannten

Frommen, daß sie den Teufel aus der Welt schaffen wollen und von einem

Himmel träumen, wo lauter Güte und Frieden sein soll. Dadurch verleiden sie

Christentum, Religion und Frömmigkeit; denn jeder Mensch, wenigstens jeder

naive Mensch, hat den Instinkt, den ewigen Sonntag und Engelsgesang

unerträglich langweilig zu finden. Luther vergaß nie, daß der Teufel ein

Fürst und von Gott zugelassen, ja auch in Gott ist; seinen Gegnern

gegenüber betont er und belegt mit biblischen Beweisstellen, daß Gott auch

in der Hölle gegenwärtig zu denken ist. An diese Notwendigkeit des

Gegensatzes denken diejenigen von Luthers Anhängern nicht, die ihrer

Verehrung gelegentliche Worte des Bedauerns über die vermeintlichen

Schattenseiten seines Charakters glauben hinzufügen zu müssen, über seinen

Stolz, seine Heftigkeit, seine Kampflust, seinen Starrsinn. Ja, wäre er ein

Engel im landläufigen Verstande gewesen, so wäre er kein großer Mann

gewesen. Es gibt Menschen, die behaupten, eine ganz einfache Frau oder ein

Kind, womöglich ein Negerkind, wäre ein größeres Genie als zum Beispiel

Beethoven -- Leute, die an Entkräftung leiden und sich darum nach der Gott

vermittelnden Passivität zurücksehnen. Natürlich kann man niemand hindern,

bloßen Instinkt Genie zu nennen, nur wird sich der Betreffende dann mit der

Mehrzahl der Menschen schwerlich verständigen, die unter Genie wesentlich

die schaffende Kraft verstehen. Und dazu gehört eben beides: auch maßloses

Sichselbstwollen und Sichselbstbekennen, der Teufel. Luzifer, der erste

Rebell, war der schönste unter den Engeln; Adler und Löwen sind göttliche

Geschöpfe, obwohl sie Lämmer zerreißen, weiße, unschuldige Tiere. Man kann

als psychologisches Axiom aufstellen, daß ein Wesen desto größer ist, je

größere Gegensätze es umfaßt. Das gerade ist die unsägliche Herrlichkeit

Gottes, daß er den Teufel in sich begreift. Er spaltete sich in positive

und negative Kraft, um in der Überwindung der zwischen diesen

entgegengesetzten Kräften entstehenden Spannung Leben zu schaffen.

Macht es dir als Mann Vergnügen, daß ich die Domäne des Mannes feiere? Ach,

die modernen Männer haben wenig Ursache, sich des Teufels zu rühmen: seine

Zeit ist um. Das Flämmchen, das unter seinen Füßen knistert, langt gerade

noch, um ein Mädchenherz oder eine Zigarre damit zu entzünden, die

Hauptmasse des Feuers treibt Fabriken. Ich weiß nicht, wie weit das auf

dich paßt; aber ich bilde mir ein, du habest auch lechzende Zungen

eingemauert. Wäre nicht eine verheerende Feuersbrunst schöner gewesen?

Die Leute haben sich stets am Übel in der Welt gestoßen, haben Gott gern

das Böse zum Vorwurf gemacht, haben gemeint, sie, als Gott, würden eine

Welt ohne Teufel schaffen; nun werden ihnen alle diese Rätsel durch das

Aussterben des Teufels erklärt. Es wird ihnen klar werden, daß, wenn der

Teufel stirbt, zugleich auch Gott stirbt, für uns wenigstens, denen er sich

in der Welt offenbarte. Das Verschwinden der Schatten zeigt an, daß die

Sonne untergegangen ist; sie ist nicht tot, aber wir sehen sie nicht mehr,

bei uns ist Nacht. Nun würden wir sie auch mit den Fackeln des Nero licht

machen.

Ein Werk wie Burckhards Kultur der Renaissance und eine Erscheinung wie

Nietzsche sind der Schrei der Menschheit nach dem Teufel, der ebenso

berechtigt ist wie der Schrei nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch

Teufel sich willkürlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie viele

junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein von Hölle zu

erzielen, so überläuft mich ein Grauen vor möglichen Mißverständnissen. Es

gebärdeten sich ja zu Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht

Tierheit genug zu einem einfältigen Meerschweinchen in sich hatten. Aber

du, Geliebter, wirst keinen Verein für Sünder gründen, noch für dich allein

Mustersünden im Treibhaus züchten, insofern kann ich mich auf dich

verlassen. Luzifer verachtet ja den dummen und den bösen Teufel, seine

Vorläufer; ich zürne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht

bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo du mir zuhörst, beendet.

Luthers Glaube: Briefe an einen Freund · 第 8 / 29 题