II

Darauf war ich vorbereitet, daß du mit einer ablehnenden Gebärde, die alles

glatt vom Tisch streicht, was ich dir vorgelegt habe, antworten würdest. Da

ich nun einmal deine Scheherazade oder dein Kanzler bin, mein König, finde

ich mich hinein, zuweilen auch einem ungnädigen Herrn Vortrag halten zu

müssen, und hoffe, daß diesmal entweder ich mich deutlicher ausdrücke oder

er mir ein geneigteres Ohr schenkt.

Du schreibst mir, das wissest du wohl, daß ein guter Baum gute Früchte

trage und ein schlechter Baum schlechte, und daß es am schönsten sei, wenn

einer das Gute tue, weil er müsse; es hätte dich interessiert zu erfahren,

wie aus einem schlechten Baum ein guter werden könne, und solange du kein

Mittel dafür wüßtest, zögest du gute Früchte, wenn auch durch Eigenwillen

hervorgebracht, schlechten vor. Auf die Gnade warten, die vielleicht nie

käme, sei im Grunde eine Schlamperei, und du hieltest dich einstweilen an

das Wort Goethes: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.

Nebenbei bemerkt liebe ich es nicht, wenn man Goethe wie einen Wandschirm

benützt, um sich dahinter zu verstecken; denn nicht alle Worte Goethes sind

Worte Gottes und an sich beweiskräftig. Mit diesem Ausspruch indessen

erkläre ich mich einverstanden; denn die Engel sagen es von Faust, der

gläubig war. Erinnere dich, daß er Mephisto stets zur Seite hat, und wer an

den Teufel glaubt, der glaubt auch an Gott. Die ganze Faustdichtung ist

überhaupt auf Luthersche Lehre gegründet, wenn auch im zweiten Teile

Absicht und Wollen zuweilen störend hervortritt. Gerade Faust sündigt ja

gründlich; aber er könnte mit den Worten der Bibel sagen: Wenn wir auch

sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß bist. Sein

Streben nach dem Guten ist nicht moralisch, sondern aus dem Innern geboren

und ihm notwendig, und es macht sein Gesicht schön, anstatt ihm mit einer

Maske auszuhelfen. Faust mußte zwar auch erst zum Sündigen aufgefordert

werden; aber es glückte doch ziemlich rasch, ja die Aufforderung ging

eigentlich von ihm selbst aus; unsere Zeit hingegen ist voll von

Melanchthons, die erst nicht sündigen wollen und es schließlich nicht mehr

können. Die meisten können es schon von Geburt an nicht mehr, sie

liebäugeln nur mit der Sünde; denke aber nicht, daß ich dich zu diesen

kalten Koketten zähle. Immerhin bist du des Sündigens wohl so entwöhnt, daß

du es nicht ohne weiteres richtig anpacken würdest, und da du außerdem die

Ordnung liebst und das letzte Warum von allen Dingen haben willst, so werde

ich mit einer Untersuchung der Sünde anfangen.

Man sollte, um eine Idee recht zu verstehen, das Wort betrachten, in dem

sie sich ausprägt. #Res sociae verbis et verbis rebus#: die Substanz ist

dem Wort gesellt und das Wort der Substanz. Mir scheint es hier am besten,

die Dinge mit Substanz zu übersetzen. Die Sprache, sagt Luther, ist die

Scheide, darin das Messer des Geistes steckt. Nun kommt das Wort Sünde von

Sondern, und im Begriff des Sonderns, der Absonderung, ist auch der Begriff

der Sünde gegeben. Die erste Sünde des Menschen ist die Absonderung von

Gott: anstatt im Gehorsam Gottes zu bleiben, sonderte er sich von Gott ab

und wollte selbst Gott sein; es ist die Erbsünde, die jedem Menschen

anhaftet und seinen Willen knechtet, so daß er nur sich selbst wollen kann.

Der selbstische Mensch erkennt nicht, daß er Teil eines Ganzen ist, sondern

er hält sich selbst für ein Ganzes und den Herrn oder Mittelpunkt seiner

Umwelt, die er für sich ausnützt, anstatt dem All-Mittelpunkt, dem Ganzen

zu dienen. Die Erbsünde ist also zugleich eine Sünde gegen Gott und gegen

die Menschen, was sich von selbst versteht, da Gott in der Menschheit sich

offenbart. Um die Erbsünde oder die Selbstsucht -- nimm auch das Wort Sucht

bitte in seiner eigentlichen Bedeutung, nämlich Seuche, Krankheit -- zu

bekämpfen, richtete Gott das Gesetz auf, und die Verfehlungen gegen das

Gesetz nennen wir im engeren Sinn Sünde, sie sind gewissermaßen die

angewandte Erbsünde.

Indessen habe ich mich unrichtig ausgedrückt, indem ich sagte, Gott habe

durch das Gesetz die Sünde bekämpfen wollen; zunächst wenigstens gab er das

Gesetz, um die Sünde zu mehren, »damit die Sünde überhandnehme«, wie Paulus

sagt. Das Gesetz sollte den Menschen zeigen, was für Sünder sie sind, also

handeln sie der Absicht Gottes entgegen, wenn sie nicht sündigen. Gott ruft

uns im Gesetz zu: Zeige dich, wie du bist; aber der moralische und

luziferische Mensch verbirgt sich hinter dem Feigenblatt der guten Werke,

in der Meinung, Gott zu hintergehen. Wenn Luther jemand ermahnt zu

sündigen, so will er, daß er sich so selbstsüchtig zeige, wie er ist;

ordentliche, kräftige Sünden, auf die kommt es an, offene und offenbare,

die der Welt und einem selbst unwiderleglich zeigen, daß man ein Sünder

ist. Ich denke, hier spenden die modernen Psychiater Gott, Luther und mir

Beifall und sagen: ja, die Sünde muß geäußert, nicht nach innen verdrängt,

sie muß begangen und bekannt werden, sonst vergiftet und zerfrißt sie das

Innere. Es geht sonst wie Luther sagt: »Auswendig hats eine gute Gestalt,

inwendig wirds voll Gift«; und zuletzt hat es auch auswendig keine gute

Gestalt mehr. Nur ist dabei zu bemerken, daß auch das Sündigen nicht hilft,

wenn es gewollt wird; es muß, wie das Gute, gemußt werden, wenn es fruchten

soll.

Neben jener ersten Absonderung von Gott gibt es auch eine im

entgegengesetzten Sinne, also eine vom Selbst ab zu Gott zurück. Wie aber

jene erste Absonderung zugleich eine Sünde gegen die Menschen war, so muß

auch die Wiedervereinigung mit Gott zugleich eine Vereinigung mit den

Menschen sein; wer sich mit Gott zu vereinigen glaubt, indem er sich von

den Menschen absondert, befindet sich auf einem Irrwege und versinkt

anstatt in Gott nur immer tiefer in sein Selbst. »So jemand spricht: Ich

liebe Gott! und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.« Dies

ist, was gerade dem hochstehenden Menschen am wenigsten eingeht, daß er

Gott nicht nur, aber doch vorzüglich in den Menschen lieben muß; denn

gerade Absonderung von den Menschen verlangt seine luziferische

Vorzüglichkeit, weil es ihn vor ihrer Gemeinheit ekelte, veredelte er sich,

von ihnen abgewendet. »Hüte dich, daß du nicht so rein seiest, daß du von

nichts Unreinem berührt sein willst«, schrieb Luther einem seiner Freunde.

Die schon erwähnten Psychiater können dir bestätigen, daß es eine bekannte

Zwangsvorstellung Geisteskranker ist, überall Staub oder andere

Unreinlichkeit zu wittern, die ihnen Angst und Abscheu einflößt. Dabei

fällt mir ein, daß ich einen Menschen kenne, der am liebsten den ganzen Tag

an sich herumwaschen würde, der einen sehr feinen Geruchssinn hat und unter

schlechten Gerüchen und Schmutz besonders leidet; aber er würde jede

menschliche Ekelhaftigkeit, Pest, Krebs, Seuche, Verbrechen anrühren, wenn

er den damit Behafteten helfen könnte, und zwar ohne daß es ihn Überwindung

kostete. Das ist aber auch ein Sünder und Liebling Gottes. Der natürliche,

naiv egoistische Mensch sündigt gegen das Gesetz, und das ist leidlich; der

Werkheilige, sei er Pharisäer oder Luzifer, sündigt gegen die Liebe; das

ist die Sünde, die Gott verdammt.

Luther unterschied nach den Entwickelungsstufen des Menschen -- denn ich

sagte dir ja schon, daß er der Sache nach die Idee der Entwickelung schon

hatte -- drei Stufen der Sünde. Der Teufel, sagt er, versucht den Menschen

dreifach, wie er auch Christus tat: durch das Fleisch, durch die Welt und

durch den Geist. »Das Fleisch sucht Lust und Ruhe, die Welt sucht Gut,

Gunst, Gewalt und Ehre, der böse Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigenes

Wohlgefallen und anderer Leute Verachtung.« Die erste betrifft wesentlich

die Jugend, die zweite, die mit Reichtum, Ehre, Geltung unter den Menschen

lockt, das Mannesalter, die letzte erleiden die alternden, die reifen, die

höchstentwickelten Menschen, es ist die Versuchung des Luzifer zur

Selbstvergötterung. Wie die Entwickelung der einzelnen ist die der

Familien, der Völker und der Menschheit: die Sünde des Luzifer tritt in

Zeiten des Verfalls auf. Anfangs verleiht sie wohl eine Schönheit, deren

Wirkung sich niemand entzieht; aber allmählich zeigen sich die Folgen des

inneren Giftes. Dann kommen die gott- und glaubenslosen Zeiten, wo die

Menschen das bißchen Kraft, das ihnen geblieben ist, in sich selbst

zurückziehen, um mühsam eine edle Haltung und schöne Gebärden zu tragieren.

Es ist eine Verengung, die auf eine starke Erweiterung folgt.

Es kommt dir vielleicht so vor, als zielte ich mit der Luzifer-Versuchung

auf dich; vielleicht sagst du auch, du hättest sämtliche Stufen der

Versuchung durchgemacht und machtest sie noch durch, und ich müßte das

wissen; warum ich dir denn den Vorwurf machte, du sündigtest nicht? Weil

ich, geliebter Luzifer, noch nie eine rechte, ordentliche, greifbare Sünde

von dir gesehen habe und auch bestreite, daß du eine begangen hast.

Natürlich bist du unendlich selbstsüchtig, unendlich ehrgeizig, unendlich

stolz, unendlich begehrend. Du gehörst nicht zu den Guten, von denen die

Bibel sagt, daß sie von sich selber gesättigt werden, sondern du zehrst

dich von Begierde zu Begierde und wirst durch alle verschlungene Beute nur

noch hungriger. Aber du verschlingst nur im Geiste, alle deine Sünden gehen

nicht in Taten noch in Worten vor sich, du stehst still, um nicht

irrezugehen.

Treibt dich nun dein Herz nicht zu guten Handlungen, so sollte es dich

wenigstens zu bösen treiben, oder man müßte schließen, daß du überhaupt

keins hast. Herrgott, eben überläuft es mich ordentlich. Wenn es nun so

wäre, und du hättest kein Herz? Wenn du nicht, wie ich bisher angenommen

habe, deinen Willen zu sündigen unterdrückt hättest, sondern wenn dieser

Wille nur eine Wallung oder Willenszuckung wäre, weil dein Herz zu eng oder

zu schwach ist, um einen richtigen, zwingenden Trieb aufzubringen? Nicht

einmal zu Worten? Ich weiß, du wärest zu stolz, um etwas zu tun oder zu

sprechen, was nicht aus dem Herzen kommt. Du machst nie Redensarten; aber

du schweigst auch. Du bist kein Lügner; aber ehrlich bist du auch nicht: du

schweigst. Es ist doch nicht möglich, daß du gar nichts zu sagen hättest!

Bist du ein lauer Neutralist, der ebensogut das eine wie das andere tun und

sagen könnte? Ich gebe zu, bei vielen Dingen, namentlich weltlichen Dingen,

ist das natürlich. Aber irgend etwas muß dir doch wichtig sein, wenn sonst

nichts, doch du! Gut, wenn du dann nur von dir sprächest, die

abscheulichsten, verdammenswertesten, von dir selbst verdammten Gedanken

und Wünsche aussprächest, das wäre hunderttausendmal besser, als wenn gar

kein Ich da wäre, oder nur so ein fades, schleichendes, tröpfelndes.

Luthers Glaube: Briefe an einen Freund · 第 6 / 29 题