Darauf war ich vorbereitet, daß du mit einer ablehnenden Gebärde, die alles
glatt vom Tisch streicht, was ich dir vorgelegt habe, antworten würdest. Da
ich nun einmal deine Scheherazade oder dein Kanzler bin, mein König, finde
ich mich hinein, zuweilen auch einem ungnädigen Herrn Vortrag halten zu
müssen, und hoffe, daß diesmal entweder ich mich deutlicher ausdrücke oder
er mir ein geneigteres Ohr schenkt.
Du schreibst mir, das wissest du wohl, daß ein guter Baum gute Früchte
trage und ein schlechter Baum schlechte, und daß es am schönsten sei, wenn
einer das Gute tue, weil er müsse; es hätte dich interessiert zu erfahren,
wie aus einem schlechten Baum ein guter werden könne, und solange du kein
Mittel dafür wüßtest, zögest du gute Früchte, wenn auch durch Eigenwillen
hervorgebracht, schlechten vor. Auf die Gnade warten, die vielleicht nie
käme, sei im Grunde eine Schlamperei, und du hieltest dich einstweilen an
das Wort Goethes: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.
Nebenbei bemerkt liebe ich es nicht, wenn man Goethe wie einen Wandschirm
benützt, um sich dahinter zu verstecken; denn nicht alle Worte Goethes sind
Worte Gottes und an sich beweiskräftig. Mit diesem Ausspruch indessen
erkläre ich mich einverstanden; denn die Engel sagen es von Faust, der
gläubig war. Erinnere dich, daß er Mephisto stets zur Seite hat, und wer an
den Teufel glaubt, der glaubt auch an Gott. Die ganze Faustdichtung ist
überhaupt auf Luthersche Lehre gegründet, wenn auch im zweiten Teile
Absicht und Wollen zuweilen störend hervortritt. Gerade Faust sündigt ja
gründlich; aber er könnte mit den Worten der Bibel sagen: Wenn wir auch
sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß bist. Sein
Streben nach dem Guten ist nicht moralisch, sondern aus dem Innern geboren
und ihm notwendig, und es macht sein Gesicht schön, anstatt ihm mit einer
Maske auszuhelfen. Faust mußte zwar auch erst zum Sündigen aufgefordert
werden; aber es glückte doch ziemlich rasch, ja die Aufforderung ging
eigentlich von ihm selbst aus; unsere Zeit hingegen ist voll von
Melanchthons, die erst nicht sündigen wollen und es schließlich nicht mehr
können. Die meisten können es schon von Geburt an nicht mehr, sie
liebäugeln nur mit der Sünde; denke aber nicht, daß ich dich zu diesen
kalten Koketten zähle. Immerhin bist du des Sündigens wohl so entwöhnt, daß
du es nicht ohne weiteres richtig anpacken würdest, und da du außerdem die
Ordnung liebst und das letzte Warum von allen Dingen haben willst, so werde
ich mit einer Untersuchung der Sünde anfangen.
Man sollte, um eine Idee recht zu verstehen, das Wort betrachten, in dem
sie sich ausprägt. #Res sociae verbis et verbis rebus#: die Substanz ist
dem Wort gesellt und das Wort der Substanz. Mir scheint es hier am besten,
die Dinge mit Substanz zu übersetzen. Die Sprache, sagt Luther, ist die
Scheide, darin das Messer des Geistes steckt. Nun kommt das Wort Sünde von
Sondern, und im Begriff des Sonderns, der Absonderung, ist auch der Begriff
der Sünde gegeben. Die erste Sünde des Menschen ist die Absonderung von
Gott: anstatt im Gehorsam Gottes zu bleiben, sonderte er sich von Gott ab
und wollte selbst Gott sein; es ist die Erbsünde, die jedem Menschen
anhaftet und seinen Willen knechtet, so daß er nur sich selbst wollen kann.
Der selbstische Mensch erkennt nicht, daß er Teil eines Ganzen ist, sondern
er hält sich selbst für ein Ganzes und den Herrn oder Mittelpunkt seiner
Umwelt, die er für sich ausnützt, anstatt dem All-Mittelpunkt, dem Ganzen
zu dienen. Die Erbsünde ist also zugleich eine Sünde gegen Gott und gegen
die Menschen, was sich von selbst versteht, da Gott in der Menschheit sich
offenbart. Um die Erbsünde oder die Selbstsucht -- nimm auch das Wort Sucht
bitte in seiner eigentlichen Bedeutung, nämlich Seuche, Krankheit -- zu
bekämpfen, richtete Gott das Gesetz auf, und die Verfehlungen gegen das
Gesetz nennen wir im engeren Sinn Sünde, sie sind gewissermaßen die
angewandte Erbsünde.
Indessen habe ich mich unrichtig ausgedrückt, indem ich sagte, Gott habe
durch das Gesetz die Sünde bekämpfen wollen; zunächst wenigstens gab er das
Gesetz, um die Sünde zu mehren, »damit die Sünde überhandnehme«, wie Paulus
sagt. Das Gesetz sollte den Menschen zeigen, was für Sünder sie sind, also
handeln sie der Absicht Gottes entgegen, wenn sie nicht sündigen. Gott ruft
uns im Gesetz zu: Zeige dich, wie du bist; aber der moralische und
luziferische Mensch verbirgt sich hinter dem Feigenblatt der guten Werke,
in der Meinung, Gott zu hintergehen. Wenn Luther jemand ermahnt zu
sündigen, so will er, daß er sich so selbstsüchtig zeige, wie er ist;
ordentliche, kräftige Sünden, auf die kommt es an, offene und offenbare,
die der Welt und einem selbst unwiderleglich zeigen, daß man ein Sünder
ist. Ich denke, hier spenden die modernen Psychiater Gott, Luther und mir
Beifall und sagen: ja, die Sünde muß geäußert, nicht nach innen verdrängt,
sie muß begangen und bekannt werden, sonst vergiftet und zerfrißt sie das
Innere. Es geht sonst wie Luther sagt: »Auswendig hats eine gute Gestalt,
inwendig wirds voll Gift«; und zuletzt hat es auch auswendig keine gute
Gestalt mehr. Nur ist dabei zu bemerken, daß auch das Sündigen nicht hilft,
wenn es gewollt wird; es muß, wie das Gute, gemußt werden, wenn es fruchten
soll.
Neben jener ersten Absonderung von Gott gibt es auch eine im
entgegengesetzten Sinne, also eine vom Selbst ab zu Gott zurück. Wie aber
jene erste Absonderung zugleich eine Sünde gegen die Menschen war, so muß
auch die Wiedervereinigung mit Gott zugleich eine Vereinigung mit den
Menschen sein; wer sich mit Gott zu vereinigen glaubt, indem er sich von
den Menschen absondert, befindet sich auf einem Irrwege und versinkt
anstatt in Gott nur immer tiefer in sein Selbst. »So jemand spricht: Ich
liebe Gott! und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.« Dies
ist, was gerade dem hochstehenden Menschen am wenigsten eingeht, daß er
Gott nicht nur, aber doch vorzüglich in den Menschen lieben muß; denn
gerade Absonderung von den Menschen verlangt seine luziferische
Vorzüglichkeit, weil es ihn vor ihrer Gemeinheit ekelte, veredelte er sich,
von ihnen abgewendet. »Hüte dich, daß du nicht so rein seiest, daß du von
nichts Unreinem berührt sein willst«, schrieb Luther einem seiner Freunde.
Die schon erwähnten Psychiater können dir bestätigen, daß es eine bekannte
Zwangsvorstellung Geisteskranker ist, überall Staub oder andere
Unreinlichkeit zu wittern, die ihnen Angst und Abscheu einflößt. Dabei
fällt mir ein, daß ich einen Menschen kenne, der am liebsten den ganzen Tag
an sich herumwaschen würde, der einen sehr feinen Geruchssinn hat und unter
schlechten Gerüchen und Schmutz besonders leidet; aber er würde jede
menschliche Ekelhaftigkeit, Pest, Krebs, Seuche, Verbrechen anrühren, wenn
er den damit Behafteten helfen könnte, und zwar ohne daß es ihn Überwindung
kostete. Das ist aber auch ein Sünder und Liebling Gottes. Der natürliche,
naiv egoistische Mensch sündigt gegen das Gesetz, und das ist leidlich; der
Werkheilige, sei er Pharisäer oder Luzifer, sündigt gegen die Liebe; das
ist die Sünde, die Gott verdammt.
Luther unterschied nach den Entwickelungsstufen des Menschen -- denn ich
sagte dir ja schon, daß er der Sache nach die Idee der Entwickelung schon
hatte -- drei Stufen der Sünde. Der Teufel, sagt er, versucht den Menschen
dreifach, wie er auch Christus tat: durch das Fleisch, durch die Welt und
durch den Geist. »Das Fleisch sucht Lust und Ruhe, die Welt sucht Gut,
Gunst, Gewalt und Ehre, der böse Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigenes
Wohlgefallen und anderer Leute Verachtung.« Die erste betrifft wesentlich
die Jugend, die zweite, die mit Reichtum, Ehre, Geltung unter den Menschen
lockt, das Mannesalter, die letzte erleiden die alternden, die reifen, die
höchstentwickelten Menschen, es ist die Versuchung des Luzifer zur
Selbstvergötterung. Wie die Entwickelung der einzelnen ist die der
Familien, der Völker und der Menschheit: die Sünde des Luzifer tritt in
Zeiten des Verfalls auf. Anfangs verleiht sie wohl eine Schönheit, deren
Wirkung sich niemand entzieht; aber allmählich zeigen sich die Folgen des
inneren Giftes. Dann kommen die gott- und glaubenslosen Zeiten, wo die
Menschen das bißchen Kraft, das ihnen geblieben ist, in sich selbst
zurückziehen, um mühsam eine edle Haltung und schöne Gebärden zu tragieren.
Es ist eine Verengung, die auf eine starke Erweiterung folgt.
Es kommt dir vielleicht so vor, als zielte ich mit der Luzifer-Versuchung
auf dich; vielleicht sagst du auch, du hättest sämtliche Stufen der
Versuchung durchgemacht und machtest sie noch durch, und ich müßte das
wissen; warum ich dir denn den Vorwurf machte, du sündigtest nicht? Weil
ich, geliebter Luzifer, noch nie eine rechte, ordentliche, greifbare Sünde
von dir gesehen habe und auch bestreite, daß du eine begangen hast.
Natürlich bist du unendlich selbstsüchtig, unendlich ehrgeizig, unendlich
stolz, unendlich begehrend. Du gehörst nicht zu den Guten, von denen die
Bibel sagt, daß sie von sich selber gesättigt werden, sondern du zehrst
dich von Begierde zu Begierde und wirst durch alle verschlungene Beute nur
noch hungriger. Aber du verschlingst nur im Geiste, alle deine Sünden gehen
nicht in Taten noch in Worten vor sich, du stehst still, um nicht
irrezugehen.
Treibt dich nun dein Herz nicht zu guten Handlungen, so sollte es dich
wenigstens zu bösen treiben, oder man müßte schließen, daß du überhaupt
keins hast. Herrgott, eben überläuft es mich ordentlich. Wenn es nun so
wäre, und du hättest kein Herz? Wenn du nicht, wie ich bisher angenommen
habe, deinen Willen zu sündigen unterdrückt hättest, sondern wenn dieser
Wille nur eine Wallung oder Willenszuckung wäre, weil dein Herz zu eng oder
zu schwach ist, um einen richtigen, zwingenden Trieb aufzubringen? Nicht
einmal zu Worten? Ich weiß, du wärest zu stolz, um etwas zu tun oder zu
sprechen, was nicht aus dem Herzen kommt. Du machst nie Redensarten; aber
du schweigst auch. Du bist kein Lügner; aber ehrlich bist du auch nicht: du
schweigst. Es ist doch nicht möglich, daß du gar nichts zu sagen hättest!
Bist du ein lauer Neutralist, der ebensogut das eine wie das andere tun und
sagen könnte? Ich gebe zu, bei vielen Dingen, namentlich weltlichen Dingen,
ist das natürlich. Aber irgend etwas muß dir doch wichtig sein, wenn sonst
nichts, doch du! Gut, wenn du dann nur von dir sprächest, die
abscheulichsten, verdammenswertesten, von dir selbst verdammten Gedanken
und Wünsche aussprächest, das wäre hunderttausendmal besser, als wenn gar
kein Ich da wäre, oder nur so ein fades, schleichendes, tröpfelndes.