von
Leo Wolfram.
Erster Band.
Hamburg.
Hoffmann und Campe.
1861.
Als Vorrede.
Dialog im Censurdepartement des Polizeiministeriums im Lande der
~Dissolving views~ 1860.
+Erster Sekretär.+ Gut, daß Sie kommen! Ich bin kein Engländer,
und da ist unter den beanständeten Büchern eines mit einem englischen
Titel. Ich habe, da ich gestern sowol hier als zu Hause zu fragen
vergaß, im Flügel’schen Dikzionnär nachgesehen. ~Dissolve~,
auflösen, zertheilen. Und ~view~, Ansicht. Das schien mir gleich
auf zersetzende, destruktive Ansichten hinauszulaufen.
+Zweiter.+ Ganz richtig; aber hier dürfte etwas Anderes gemeint
sein. Wenn Sie weiter unten sehen wollen, -- (schlägt das Dikzionnär
auf) da steht:
~Dissolving views~, -- analitische Prospekte; mittelst zweier
magischer Laternen dargestellte Bilder, deren eines durch Zuziehen
der einen und Aufziehen des entsprechenden Schiebers der andern
Laterne allmälig einem zweiten, dritten Bilde weicht.
Wir haben ja solche hier im Theater gesehen.
+Erster.+ Das muß man eben wissen. Man kann nicht von uns
prätendiren, daß wir auf alle erotischen Metafern der Romanschreiber
eingehen. Haben Sie das Buch durchgesehen?
+Zweiter.+ Sehr flüchtig.
+Erster.+ Auch ich. Da ich heute Etwas darüber sagen muß und sehr
überhäuft bin, so habe ich es, wie gewöhnlich, meiner Frau zu lesen
gegeben, die auf alle beanständeten Artikel erpicht ist.
+Zweiter.+ Das pflege ich auch meinerseits häufig zu thun. Und was
sagt Ihre Frau Gemalin?
+Erster.+ Sie sagt: der Roman sei Nebensache, bloße Emballage, um
die Ansichten über gewisse Zustände und Personen einzuschmuggeln.
+Zweiter.+ Sonderbar. Meine behauptet, der Verfasser habe dieses
Element nur hineingemengt, um den Roman, der aber eigentlich keiner
sei, zu illustriren.
+Erster.+ Am Ende kann uns das gleichgültig sein. Uns ginge die
Frage näher an, ob er viel gelesen würde? Und meine Frau leugnet das,
und sagt, der Autor verderbe es mit allen Parteien.
+Zweiter.+ Das ist doch ganz eigen! Meine ist vom Gegentheil
überzeugt und findet, daß er es gerade mit der stärksten halte, überall
der sogenannten Intelligenz huldige. --
+Erster.+ Sie werden doch hoffentlich diese Partei nicht die
stärkste bei uns nennen wollen?
+Zweiter.+ Ich erzähle Ihnen nur, was meine Frau sagt. Was
geschieht also mit dem Buche?
+Erster.+ Meine erste Impression war, daß es bei uns durchaus
nicht aufliegen dürfe. Das Verbot läßt sich durch die Tendenz ganz
allein hinreichend motiviren.
+Zweiter.+ Wir brauchen ja Gott sei Dank überhaupt Nichts zu
motiviren, was wir thun.
+Erster.+ Ich meine auch nur dem Chef gegenüber. Aber die Sache
hat eben zwei Seiten.
+Zweiter.+ So fand ich auch. -- Es ist eine fatale Geschichte.
Lassen wir’s durch, so wissen wir, was sich Jeder beim Lesen denkt und
am Ende glaubt man noch, wir haben’s nicht verstanden.
+Erster.+ Und lassen wir’s nicht durch, so geben wir uns
eigentlich eine ungeheure Ohrfeige.
+Zweiter.+ Wie so?
+Erster.+ Weil wir, wenn wir auch auf der Tendenz herumreiten,
geradezu eingestehen, daß wir es auf uns beziehen, obgleich weder das
Land noch der -- -- Eine noch der Andere genannt ist.
+Zweiter.+ Ja wen meinen Sie denn?
+Erster.+ Und wen meinen denn +Sie+, daß ich gemeint habe?
(Die beiden Sekretäre sehen einander lachend an.)
Inhalt des ersten Bandes.