Mit dem Leichnam eines jungen Mannes im Schweizerland, der
erschlagen wurde in einem Gefecht nicht weit vom Vierwaldstätter
See, mit dem Leichnam ging es wunderbar zu. Dass er nach dem Gefecht
war begraben worden nächst der Wahlstatt, wussten mehr als zwanzig
Männer aus dem nämlichen Ort, die es taten und dabei waren und ein
Kreuz, wie man in der Geschwindigkeit eines machen kann, auf sein
Grab steckten, dass, wer vorüberginge, auch ein Vaterunser für seine
Seele beten sollte. Item, am Dienstag darauf, als der Sigrist frühe
morgens in die Kirche gehn und das Morgengebet anläuten wollte, lag
der nämliche Leichnam daheim auf dem Kirchhof, vor der Kirchtüre.
Man begrub ihn noch einmal mit allen Gebräuchen und Gebeten der
Kirche in die geweihte Erde. Item, als es noch einmal Dienstag
wurde, war der nämliche Leichnam wieder aus dem Grab und von dem
Kirchhof weg verschwunden. Sonst tut der Glaube Wunder. Diesmal aber
tat's des Glaubens fromme Schwester, die Liebe. Er war als
Freiwilliger mitgezogen, weil ihm die Gemeinde auf den Fall das
Bürgerrecht angeboten hatte. Denn er war nur Hintersass und seiner
Arbeit ein Maurer, was zwar nicht zur Sache, aber zur Wahrheit
gehört. Seine junge Frau aber ängstete sich daheim und weinte und
betete, und jeder Schuss, den sie hörte, ging ihr schauerhaft durchs
Herz, denn sie fürchtete, er gehe durch das seinige. Einer ging da
durch, und als die andern am dritten oder vierten Tag wohlbehalten
nach Hause kamen, brachten sie ihr das blutige Gewand ihres Mannes,
sein Gebetbüchlein und seinen Rosenkranz. "Dein Mann", sagten sie,
"hat jetzt ein anderes Bürgerrecht angetreten. Er liegt im obern
Ried. Ein Kreuz steht auf seinem Grab. Es hätte jeden treffen
können", sagten sie. Die arme Frau verging fast in Tränen und
Wehklagen. "Mein Mann erschossen", sagte sie, "mein einziges und
alles--und im Ried begraben, in ungeweihter Erde!" Da raffte sie
sich plötzlich auf, und in der Nacht, als alles schlief, ging sie
allein mit einer Schaufel und mit einem Sack in das Ried hinauf,
suchte das Grab und die geliebte Leiche und trug sie heim auf den
Kirchhof. Solche Herzhaftigkeit und Stärke hatte ihr der Schmerz und
die Liebe gegeben. Als sie aber hernachmals Tag und Nacht sich fast
nimmer von dem Grabe entfernen und nicht essen und trinken wollte,
sondern unaufhörlich das Grab mit ihren Tränen benetzte und mit dem
Verstorbenen redete, als ob er sie hören könnte, alle Vorstellungen
waren fruchtlos, da sagte endlich der Vorsteher des Ortes, es sei
kein anderes Mittel übrig, als man grabe den Toten heimlicherweise
noch einmal aus und bringe ihn auf einen andern Kirchhof, sonst
vergehe noch die arme Frau. Also brachte man sie mit viel Zureden
und Mühe in ihre leere Wohnung zurück und brachte in der Nacht den
Leichnam auf einen andern Kirchhof. Nur wenige Menschen wussten
davon, wohin er gebracht worden. Den frommen Leser rührt diese
Geschichte, und er sagt, solcher beispiellosen ehelichen Liebe und
Treue können nur noch Schweizerherzen fähig sein. Fehl gesprochen!
Beide, die unglückliche Frau und ihr verstorbener Gatte waren
Fremdlinge, und zwar aus Deutschland. Doch kein Schmerz dauert ohne
Ende, der heftigste am wenigsten. Die nämliche Frau gewann in der
Folge einen zweiten braven Gatten, ebenfalls einen Deutschen, und
die Gemeinde erteilte--diesem das Bürgerrecht, das sein Vorfahrer
mit seinem Leben erkauft hatte.
Diese Geschichte hat dem Hausfreund und seinen Reisegefährten auf
dem See zwischen Winkel und Stansstad ein Augenzeuge erzählt, und
von ferne den Ort gezeigt, wo sie vorgefallen war.