[Hat jede Gegend ihr Liebes, so hat sie auch ihr Leides, und wer
manchmal erfährt, was an andern Orten geschieht, findet wohl
Ursache, zufrieden zu sein mit seiner Heimat. Hat z. B. die Schweiz
viel herdenreiche Alpen, Käse und Butter und Freiheit, so hat sie
auch Lawinen.] Der zwölfte Dezember des vergangenen Winters brachte
für die hohen Bergtäler der Schweiz eine fürchterliche Nacht und
lehrt uns, wie ein Mensch wohl täglich Ursache hat, an das
Sprüchlein zu denken "Mitten wir im Leben sind mit dem Tod
umfangen." Auf allen hohen Bergen lag ein tiefer, frisch gefallener
Schnee. Der zwölfte Dezember brachte Tauwind und Sturm. Da dachte
jedermann an grosses Unglück und betete. Wer sich und seine Wohnung
für sicher hielt, schwebte in Betrübnis und Angst für die Armen, die
es treffen wird, und wer sich nicht für sicher hielt, sagte zu
seinen Kindern: "Morgen geht uns die Sonne nimmer auf", und
bereitete sich zu einem seligen Ende. Da rissen sich auf einmal und
an allen Orten von den Firsten der höchsten Berge die Lawinen oder
Schneefälle los, stürzten mit entsetzlichem Tosen und Krachen über
die langen Halden herab, wurden immer grösser und grösser, schossen
immer schneller, toseten und krachten immer fürchterlicher und
jagten die Luft vor sich her so durcheinander, dass im Sturm, noch
ehe die Lawine ankam, ganze Wälder zusammenkrachten und Ställe,
Scheuern und Waldungen wie Spreu davonflogen, und wo die Lawinen
sich in den Tälern niederstürzten, da wurden stundenlange Strecken
mit allen Wohngebäuden, die darauf standen, und mit allem
Lebendigen, was darin atmete, erdrückt und zerschmettert, wer nicht
wie durch ein göttliches Wunder gerettet wurde.
Einer von zwei Brüdern in Uri, die miteinander hauseten, war auf dem
Dach, das hinten an den Berg anstosst, und dachte: Ich will den
Zwischenraum zwischen dem Berg und dem Dächlein mit Schnee ausfüllen
und alles eben machen, auf dass, wenn die Lawine kommt, so fahrt sie
über das Häuslein weg, dass wir vielleicht--und als er sagen
wollte: dass wir vielleicht mit dem Leben davonkommen--da führte
ihn der plötzliche Windbraus der vor der Lawine hergeht, vom Dach
hinweg und hob ihn schwebend in der Luft, wie einen Vogel über einem
entsetzlichen Abgrund. Und als er eben in Gefahr war, in die
unermessliche Tiefe hinabzustürzen, und wäre seines Gebeins nimmer
gefunden worden, da streifte die Lawine an ihm vorbei und warf ihn
seitwärts an eine Halde. Er sagt, es habe ihm nicht wohlgetan, aber
in der Betäubung umklammerte er noch einen Baum, an dem er sich
festhielt, bis alles vorüber war, und kam glücklich davon und ging
wieder heim zu seinem Bruder, der auch noch lebte, obgleich der
Stall neben dem Häuslein wie mit einem Besen weggewischt war. Da
konnte man wohl auch sagen: "Der Herr hat seinen Engeln befohlen
über dir, dass sie dich auf den Händen tragen. Denn er macht
Sturmwinde zu seinen Booten und die Lawinen, dass sie seine Befehle
ausrichten."
Anders erging es im Sturnen, ebenfalls im Kanton Uri. Nach dem
Abendsegen sagte der Vater zu der Frau und den drei Kindern: "Wir
wollen doch auch noch ein Gebet verrichten für die armen Leute, die
in dieser Nacht in Gefahr sind." Und während sie beteten, donnerte
schon aus allen Tälern der ferne Widerhall der Lawinen, und während
sie noch beteten, stürzte plötzlich der Stall und das Haus zusammen.
Der Vater wurde vom Sturmwind hinweggeführt, hinaus in die
fürchterliche Nacht, und unten am Berg abgesetzt und von dem
nachwehenden Schnee begraben. Noch lebte er; als er aber den andern
Morgen mit unmenschlicher Anstrengung sich hervorgegraben und die
Stätte seiner Wohnung wieder erreicht hatte und sehen wollte, was
aus den Seinigen geworden sei, barmherziger Himmel! da war nur
Schnee und Schnee und kein Zeichen einer Wohnung, keine Spur des
Lebens mehr wahrzunehmen. Doch vernahm er nach langem, ängstlichem
Rufen, wie aus einem tiefen Grab, die Stimme seines Weibes unter dem
Schnee herauf. Und als er sie glücklich und unbeschädiget
hervorgegraben hatte, da hörten sie plötzlich noch eine bekannte und
liebe Stimme: "Mutter, ich wäre auch noch am Leben," rief ein Kind,
"aber ich kann nicht heraus." Nun arbeitete Vater und Mutter noch
einmal und brachten auch das Kind hervor, und ein Arm war ihm
gebrochen. Da ward ihr Herz mit Freude und Schmerzen erfüllt, und
von ihren Augen flossen Tränen des Dankes und der Wehmut. Denn die
zwei andern Kind wurden auch noch herausgegraben, aber tot.
In Pilzeig, ebenfalls im Kanton Uri, wurde eine Mutter mit zwei
Kindern fortgerissen und unten in der Tiefe vom Schnee verschüttet.
Ein Mann, ihr Nachbar, den die Lawine ebenfalls dahin geworfen
hatte, hörte ihr Wimmern und grub sie hervor. Vergeblich war das
Lächeln der Hoffnung in ihrem Antlitz. Als die Mutter halb nackt
umherschaute, kannte sie die Gegend nicht mehr, in der sie war. Ihr
Retter selbst war ohnmächtig niedergesunken. Neue Hügel und Berge
von Schnee und ein entsetzlicher Wirbel von Schneeflocken füllten
die Luft. Da sagte die Mutter: "Kinder, hier ist keine Rettung
möglich; wir wollen beten und uns dem Willen Gottes überlassen." Und
als sie beteten, sank die siebenjährige Tochter sterbend in die Arme
der Mutter, und als die Mutter mit gebrochenem Herzen ihr zusprach
und ihr Kind der Barmherzigkeit Gottes empfahl, da verliessen sie
ihre Kräfte auch. Sie war eine 14tägige Kindbetterin, und sie sank
mit dem teuern Leichnam ihres Kindes in dem Schoss ebenfalls leblos
darnieder. Die andere, elfjährige Tochter hielt weinend und
händeringend bei der Mutter und Schwester aus, bis sie tot waren,
drückte ihnen alsdann, eh' sie auf eigene Rettung bedacht war, mit
stummem Schmerz die Augen zu und arbeitete sich mit unsäglicher Mühe
und Gefahr erst zu einem Baum, dann zu einem Felsen herauf und kam
gegen Mitternacht endlich an ein Haus, wo sie zum Fenster hinein
aufgenommen und mit den Bewohnern des Hauses erhalten wurde.
Kurz, in allen Bergkantonen der Schweiz, in Bern, Glarus, Uri,
Schwyz, Graubünden, sind in einer Nacht und fast in der nämlichen
Stunde durch die Lawinen ganze Familien erdrückt, ganze Viehherden
mit ihren Stallungen zerschmettert, Matten und Gartenland bis auf
den nackten Felsen hinab aufgeschürft und weggeführt und ganze
Wälder zerstört worden, also dass sie ins Tal gestürzt sind; oder
die Bäume liegen übereinander zerschmettert und zerknickt wie die
Halmen auf einem Acker nach dem Hagelschlag. Sind ja in dem einzigen
kleinen Kanton Uri fast mit einem Schlag 11 Personen unter dem
Schnee begraben worden und sind nimmer auferstanden, gegen 30 Häuser
und mehr als 150 Heuställe zerstört und 359 Häuptlein Vieh
umgekommen, und man weiss gar nicht, auf wie vielmal hunderttausend
Gulden soll man den Schaden berechnen ohne die verlornen Menschen.
Denn das Leben eines Vaters oder einer Mutter oder frommen Gemahls
oder Kindes ist nicht mit Gold zu schätzen.