Eines Tages sagte zu sich selbst ein einfältiger Mensch: "Dumm bin
ich; wenn ich mich nun auf pfiffige Streiche lege, so wird kein
Mensch vermuten, dass ich's bin." Also legte er sich aufs Stehlen.
Aber schon nach dem ersten Diebstahl wurde er als Täter entdeckt und
überwiesen, weil er die goldene Uhr, die er gestohlen hatte, selber
trug und alle Augenblicke herauszog. Einige Ratsherrn meinten, man
könnte wegen seiner Einfalt etwas glimpflicher mit ihm verfahren als
mit andern und ihn auf ein Jahr oder etwas ins Zuchthaus schicken.
"So?" sagten die andern, "ist's nicht genug, dass so viele
verschmitzte Halunken das saubere Handwerk treiben? Soll man für die
dummen auch noch Prämien aussetzen, damit alles stiehlt?" und sechs
gegen fünf sagten: Er muss an den Galgen. Auf der Leiter, als ihm
der Henker den Hals visitierte, sagte er zu ihm: "Guter Freund, Ihr
habt's ziemlich dick da herum sitzen, noch dicker als hinter den
Ohren. Fast hätt' ich einen längern Strick nehmen sollen." Denn
wirklich war dem armen Schelm das Kinn ziemlich stark mit dem Hals
verwachsen, und als der Henker den Strick ohnehin ungeschickt
angebracht hatte und den armen Sünder von der Leiter hinabstiess,
glitschte dieser mit dem Kopf aus der Schlinge heraus und fiel
unversehrt herab auf die Erde. Einige Zuschauer lachten, aber der
grösste Teil erschrak und tat einen lauten Schrei, als ob sie
fürchteten, es möchte dem Malefikanten, den sie doch wollten sterben
sehn, etwas am Leben schaden. Aber der Henker stand einige
Augenblicke wie versteinert oben auf dem Seigel und sagte endlich:
"So etwas ist mir in meinem Leben noch nie passiert." Da sagte der
Malefikant unten auf der Erde kaltblütig und mit gequetschter
Stimme: "Mir auch nicht", und alle, die es hörten, vergassen die
Ernsthaftigkeit einer Hinrichtung, und dass auf dem Weg über das
Hochgericht ein armes, verschuldetes Gewissen an seinen ewigen
Richter abgeliefert wird, und mussten lachen. Der Blutrichter selber
hielt das Schnupftuch vor den Mund und sah auf die Seite. Die
glimpflichern Ratsherren aber ermahnten die strengern: "Lasst jetzt
den armen Ketzer laufen. Am Galgen ist er gewesen, und mehr habt ihr
nicht verlangt, und Todesangst hat er ausgestanden." Also liessen
sie den armen Ketzer laufen.