Merkwürdiges Rechnungsexempel 5

Zwei Schäfer auf dem Felde wollten miteinander ihr Abendessen

verzehren; der eine hatte fünf kleine Ziegenkäse, der andere drei.

Kommt zu ihnen ein dritter Mann von der Strasse herüber. "Lasst mich

mithalten für Geld und gute Worte!" Also assen sie selbdritt fünf

und drei, sind acht Käslein, jeder gleichviel. Hierauf dankt ihnen

der dritte Mann und schenkt ihnen acht Dublonen.

Der eine wollte nach der Anzahl seiner Käse fünf davon behalten und

dem andern geben drei. Der andere sagte: "So? der Herr hat uns das

Geld miteinander geschenkt, also gehören jedem vier. Was deine fünf

Stücke mehr wert sind, will ich dir herausbezahlen." Da sie nicht

einig werden konnten, brachten sie den Handel vor den Richter. Der

geneigte Leser sinnt nach: welchem von beiden hat der Richter recht

gegeben? Antwort: Keinem von beiden, sondern er sagt: "Demnach, und

wie ihr mir beide die Sache vorgetragen habt, gehören dem ersten

sieben Dublonen und dem andern eine, und das von Rechts wegen.

Punktum."

Man meint nicht, dass der Urteilsspruch richtig sei, aber es kann

sich nicht fehlen. Denn wenn man jedes Käslein in drei gleiche Teile

zerschneidet, so viel als Personen waren, so gaben dem ersten seine

5 Käslein 15 Stücke, dem andern seine 3 gaben 9 Stücke, zusammen 24;

davon bekam also ein jeder 8. Folglich bekam der dritte Mann von den

15 Stücken des ersten 7. Denn 8 von 15 bleibt 7. Von den 9 Stücken

des andern aber bekam er nur noch eins. 7 und 1 tut 8. Also gehörte

auch dem ersten sieben Dublonen von Rechts wegen u

nd dem andern nur

eine.

Der geneigte Leser wird ersucht, hieraus abzunehmen: erstlich, wie

man manchmal meinen kann, ein Richterspruch sei unrecht, weil man

selber nicht weiss, was recht ist; zweitens, wie misslich es sei,

einen Prozess anzufangen, so man auch glaubt, das augenscheinlichste

Recht in den Händen zu haben.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 156 / 197 题