Kindesdank und Undank

Man findet gar oft, wenn man ein wenig aufmerksam ist, dass Menschen

im Alter von ihren Kindern wieder ebenso behandelt werden, wie sie

einst ihre alten und kraftlosen Eltern behandelt haben. Es geht auch

begreiflich zu. Die Kinder lernen's von den Eltern; sie sehen's und

hören's nicht anders und folgen dem Beispiel. So wird es auf die

natürlichsten und sichersten Wege wahr, was gesagt wird und

geschrieben ist, dass der Eltern Segen und Fluch auf den Kindern

ruhe und sie nicht verfehle.

Man hat darüber unter andern zwei Erzählungen, von denen die erste

Nachahmung und die zweite grosse Beherzigung verdient.

Ein Fürst traf auf einem Spazierritt einen fleissigen und frohen

Landmann an dem Ackergeschäft an und liess sich mit ihm in ein

Gespräch ein. Nach einigen Fragen erfuhr er, dass der Acker nicht

sein Eigentum sei, sondern dass er als Tagelöhner täglich um 15

Kreuzer arbeite. Der Fürst, der für sein schweres Regierungsgeschäft

freilich mehr Geld brauchte und zu verzehren hatte, konnte es in der

Geschwindigkeit nicht ausrechnen, wie es möglich sei, täglich mit 15

Kreuzern auszureichen und noch so frohen Mutes dabei zu sein, und

verwunderte sich darüber. Aber der brave Mann im Zwilchrock

erwiderte ihm: "Es wäre mir übel gefehlt, wenn ich so viel brauchte.

Mir muss ein Dritteil davon genügen; mit einem Dritteil zahle ich

meine Schulden ab, und den übrigen Dritteil lege ich auf Kapitalien

an." Das war dem guten Fürsten ein neues Rätsel. Aber der fröhliche

Landmann fuhr fort und sagte: "Ich teile meinen Verdienst mit meinen

alten Eltern, die nicht mehr arbeiten können, und mit meinen

Kindern, die es erst lernen müssen; jenen vergelte ich die Liebe,

die sie mir in meiner Kindheit erwiesen haben, und von diesen hoffe

ich, dass sie mich einst in meinem müden Alter auch nicht verlassen

werden." War das nicht artig gesagt und noch schöner und edler

gedacht und gehandelt? Der Fürst belohnte die Rechtschaffenheit des

wackern Mannes, sorgte für seine Söhne, und der Segen, den ihm seine

sterbenden Eltern gaben, wurde ihm im Alter von seinen dankbaren

Kindern durch Liebe und Unterstützung redlich entrichtet.

Aber ein anderer ging mit seinem Vater, welcher durch Alter und

Kränklichkeit freilich wunderlich geworden war, so übel um, dass

dieser wünschte, in ein Armenspital gebracht zu werden, das im

nämlichen Orte war. Dort hoffte er wenigstens bei dürftiger Pflege

von den Vorwürfen frei zu werden, die ihm daheim die letzten Tage

seines Lebens verbitterten. Das war dem undankbaren Sohn ein

willkommenes Wort. Ehe die Sonne hinter den Bergen hinabging, war

dem armen, alten Greis sein Wunsch erfüllt. Aber er fand im Spital

auch nicht alles, wie er wünschte. Wenigstens liess er seinen Sohn

nach einiger Zeit bitten, ihm die letzte Wohltat zu erweisen und ihm

ein paar Leintücher zu schicken, damit er nicht alle Nacht auf

blossem Stroh schlafen müsste. Der Sohn suchte die zwei

schlechtesten, die er hatte, heraus und befahl seinem zehnjährigen

Kind, sie dem alten Murrkopf ins Spital zu bringen. Aber mit

Verwunderung bemerkte er, dass der kleine Knabe vor der Tür eines

dieser Tücher in einen Winkel verbarg und folglich dem Grossvater

nur eines davon brachte. "Warum hast du das getan?" fragte er den

Jungen bei seiner Zurückkunft.--"Zur Aushilfe für die Zukunft",

erwiderte dieser kalt und bösherzig, "wenn ich Euch, o Vater! auch

einmal in das Spital schicken werde."

Was lernen wir daraus?--Ehre Vater und Mutter, auf dass es dir

wohlgehe!

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 137 / 197 题