Als im verwichenen Spätjahr der Zirkelschmied mit seiner Frau
ungegessen ins Bett gehen wollte--schon seit drei Tagen war kein
Feuer mehr in die Küche gekommen, und das letzte Mäuslein hatte sich
ausquartiert--, da schickte ihm, wie gerufen, der Barbier von
Brassenheim einen fetten Schinken, so gross als manches Säulein, was
noch ganz ist, und drei Würste dazu, so lang wie Glockenseiler, und
der Zirkelschmied wusste nicht warum; der geneigte Leser weiss es
auch nicht. Aber er erfahrt's.
Schon vor Jahr und Tagen war in Brassenheim ein fremder Mann in das
Wirtshaus zu den drei Rosen gekommen, und der Zirkelschmied sass
damals auch schon drin, etwa beim dritten Schöpplein oder beim
vierten. Als der Fremde eine Zeitlang da war und dem Zirkelschmied
weniger pfiffig als ehrlich aussah, dachte der Zirkelschmied: Ich
will ein Gespräch mit ihm anfangen. Vielleicht lässt er sich über
den Löffel halbieren. "Ihr seid wohl auch zum ersten Mal hier,
seitdem der Rosenwirt dies schöne Haus gebaut hat, weil Ihr so lange
an einem Nagel gesucht habt für Euern Kaputrock?" Der Fremde sagte:
"Ich bin auch ein Wirt, aber ich tauschte mein Haus noch nicht gegen
dieses, wenn eins nicht wäre."--"Habt Ihr noch namhafte Schulden
darauf?"--"Das nicht."--"Oder riecht der Abtritt?"--"Das auch
nicht."--"Oder habt Ihr ein böses Weib im Haus?"--"Das auch nicht,
aber sonst nichts Gutes." Endlich erfuhr der Zirkelschmied nach
einigem Hin- und Herreden von dem Fremden, wie er das Unglück habe
in seinem Haus mit einem grausamen Gespenst, das alle Nacht auf
seinem Speicher erwache und Ziegel fresse, wie man an den Brosamen
sehe und an den Lücken im Dach. Der wohlbelehrte Leser des
Rheinländischen Hausfreundes ist darüber im klaren, ehe man ihm
sagt, dass dieses Gespenst nur ein boshafter Mensch, ein Feind des
Hausbesitzers könne gewesen sein. Nämlich es war sein eigener
Schwager, der ihm das Haus verleiden und feilmachen wollte. Der
Zirkelschmied sagte: "Wenn Ihr mit Wissen noch kein Menschenfleisch
gegessen und noch keinem Ross das Einmaleins abgehört habt, so ist
Rat, wenn's Euch auf zwei Grosse Taler nicht ankommt, einen
sogleich, den andern, wenn Euch geholfen ist." Der Fremde griff
sogleich in die Tasche. "Jetzt geht zum Herr Barbier", sagte der
Zirkelschmied halb leise, obgleich sonst niemand in der Stube war,
"und klagt ihm Eure Not. Anfänglich wird er Euch kein Gehör geben,
denn es ist ihm bei Strafe verboten. Wenn Ihr aber nicht nachlasst,
so bekommt Ihr das Mittel" (oder den Buckel voll Schläge, dachte für
sich der Zirkelschmied). Als aber der Fremde zu dem Barbier gekommen
war, der ein gar vernünftiger Mann ist, fuhr der Barbier ihn an:
"Wer hat Euch zu mir geschickt?"--"Einer in einem abgeschabten
Röcklein und in einer schwarzen Halsbinde, hinten mit einer breiten
messingenen Schnalle, drei Finger hoch über dem Rockkragen, hinten
auf dem Kopf hat er noch vierundzwanzig bis dreissig Härlein und
doch ein Kamm drin." Da hob der Barbier drohend und zürnend den
Zeigefinger auf und sagte: "Wart, vermaledeiter Zirkelschmied, hab'
ich dich einmal ausgekundschaftet?" Der Fremde aber fiel ihm ins
Wort: "Stellt Euch nicht so kurios, Herr Doktor, ich weiss alles,
und helft mir von meinem Ziegelfresser, von meinem Gespenst." Der
Barbier bekam gute Laune, weil er den Zirkelschmied
ausgekundschaftet hatte. "Ich will Euch ein stinkendes Rauchpulver
geben", sagte er, "mit dem geht dem Geist auf den Leib und schlagt
ihn, Ihr seid ein handfester Mann, mit einem braven Weidenstumpen
lederweich, bis er vor Euch zur Erde fällt, nur nicht zu Tod, denn
die Geister halten nichts darauf, wenn man sie zu Tod schlägt.
Hernach geht Ihr Eures Weges, damit der Geist auch unbeschrien nach
Hause kann."
Solchen Rat gab dem fremden Mann der Barbier und dachte nicht daran,
was die Sache für ein schlimmes Ende nehmen könnte. Aber sie nimmt
ein gutes Ende. Der Hausfreund weiss es schon.
Denn, wie gesagt, im verwichenen Spätjahr am Katharinentag, als der
Barbier nach Oberwaldsheim gehen wollte, sechs Stunden von
Brassenheim, wohin sonst sein Weg nicht war, kehrt er unterwegens
ein in einem Wirtshaus, wie es einem einfallen kann, wenn man einen
Schild sieht. Als er aber in der Stube war und den Wirt erblickte,
erschrak er gar sehr und dachte: "O weh, wie werd' ich wieder da
herauskommen", und machte in der Geschwindigkeit ein krummes Maul,
dass ihn niemand kennen sollte, denn der Wirt war der nämliche, dem
er das Rauchpulver gegeben hatte, und er wusste nicht, wie der
Handel ausgegangen war. Der Wirt aber, während er ihm ein Schöpplein
holte, sann hin und her. "Den Mann sollt' ich kennen. Wenn er nicht
das Maul so verdammt krumm im Gesicht hätte, so wär's der Barbier
von Brassenheim, der brave Mann, der mich vom Gespenst erlöst hat.
Ich will nur sehen, wie er den Wein hineinbringt"; und als er
hernach die ersten Ehrenfragen an ihn getan hatte: "Woher des Landes
und wohin?" sagte er: "Herr Landsmann, nehmt mir meine Neugierde
nicht zum Vorwitz auf! Wenn Euer Mund besser im Blei läge, so wollt'
ich glauben, Ihr seid der Gregorius (Chirurgus wollte er sagen) von
Brassenheim." Dem Barbier ging der Angstschweiss aus. "Wenn Euch
mein krummes Maul irre macht", sagte er, "so muss der Barbier von
Brassenheim ein gerades haben, und folglich kann ich nicht der
nämliche sein. Zudem, so bin ich der Papiermüller von Neuhausen."
Jetzt erzählte ihm der Wirt die ganze Geschichte, und unmerklich,
wie sie immer besser lautete, zog sich sein Mund immer gerade in die
Linie, "und Ihr seid es doch", rief endlich der Wirt.--"Freilich
bin ich's", erwiderte der Barbier, "ich habe Euch nur ein wenig
vexieren wollen, ob Ihr mich noch kennt. Aber nicht wahr", sagte er,
"das Mittel hat geholfen?"--"Gleich aufs erste Mal", erwiderte der
Wirt und rief voll Freude und Dankbarkeit die Frau und die Kinder
herein und bestellte ein gutes Mittagsessen für seinen ehrenwerten
Gast, sinnend, ob er ihm nicht sonst noch eine Ehre antun könne. Als
daher der Barbier sich entschuldigte, dass er noch nach Waldsheim
auf den Katharinenmarkt gehen und ein Säulein kaufen wolle, da ging
eine freundliche Heiterkeit über das Angesicht des Wirtes, und sagte
er zu ihm: "Ei, steht Euch keine von meinen an?" Jetzt liess er ihm
sechs gemästete Schweine, eines grösser als das andere, in den Hof
herausspringen. "Da sucht Euch eine heraus, Herr Doktor." Der
Barbier kam in Verlegenheit, so ein Schwein könne er nicht bezahlen,
auch nicht gewältigen in seiner kleinen Haushaltung. Aber der Wirt
fasste kurzweg eine am Bein. "Die ist Euer." Also blieben sie
beisammen über den Mittag, und als sie genug gegessen und getrunken
hatten, befahl der Wirt dem Knecht, das Wägelein anzuspannen und den
Herrn Doktor und die Sau nach Brassenheim zu führen.--Deswegen
schickte der Barbier dem Zirkelschmied tags darauf den Schinken und
die Würste, weil sein Mutwillen ihm dazu verholfen hatte. "Sieh,
Bärbel", sagte hernachmals der Zirkelschmied zu seiner Frau, " du
hast mich schon oft verkannt. Mit einem Mann, wie ich bin, ist eine
Frau versorgt."