Hat der Scharfrichter von Landau früh den 17. Juni seinerzeit die
sechste Bitte des Vater Unsers mit Andacht gebetet, so weiss ich's
nicht. Hat er sie nicht gebetet, so kam ein Brieflein von Nanzig am
geschicktesten Tag. In dem Brieflein stand geschrieben: "Nachrichter
von Landau! Ihr sollt unverzüglich nach Nanzig kommen und Euer
grosses Richtschwert mitbringen. Was Ihr zu tun habt, wird man Euch
sagen und wohl bezahlen."--Eine Kutsche zur Reise stand auch schon
vor der Haustüre. Der Scharfrichter dachte: Das ist meines Amts, und
setzte sich in die Kutsche. Als er noch eine Stunde herwärts Nanzig
war, es war schon Abend, und die Sonne ging in blutroten Wolken
unter, und der Kutscher hielt stille und sagte: "Wir bekommen morgen
wieder schön Wetter", da standen auf einmal drei starke, bewaffnete
Männer an der Strasse, die setzten sich auch zu dem Scharfrichter
und versprachen ihm, dass ihm kein Leids widerfahren sollte; "aber
die Augen müsst Ihr Euch zubinden lassen"; und als sie ihm die Augen
zugebunden hatten, sagten sie: "Schwager, fahr zu!" Der Schwager
(das ist der Kutscher) fuhr fort, und es war dem Scharfrichter, als
wenn er noch gute zwölf Stunden weiter wäre geführt worden, und
konnte nicht wissen, wo er war. Er hörte die Nachteulen der
Mitternacht; er hörte die Hähne rufen; er hörte die Betglocken
läuten. Auf einmal hielt die Kutsche wieder still. Man führte ihn in
ein Haus und gab ihm eins zu trinken und einen guten Wurstwecken
dazu. Als er sich mit Speise und Trank gestärkt hatte, führte man
ihn weiter im nämlichen Haus, Tür ein und aus, Treppe auf und ab,
und als man ihm die Binde abnahm, befand er sich in einem grossen
Saal. Der Saal war zwar ringsum mit schwarzen Tüchern behängt, und
auf den Tischen brannten Wachskerzen. Der Künstler aber, der
nebenstehende Abbildung dazu verfertiget hat, sagt, es sei besser,
er lasse das Tageslicht hinein, der Scharfrichter sehe alsdann auch
besser zu seinem Geschäft. Denn in der Mitte sass auf einem Stuhl
eine Person mit entblösstem Hals und mit einer Larve vor dem Gesicht
und muss etwas in dem Mund gehabt haben, denn sie konnte nicht
reden, sondern nur schluchzen. Aber an den Wänden standen mehrere
Herren in schwarzen Kleidern und mit schwarzem Flor vor den
Angesichtern, also dass der Scharfrichter keinen von ihnen gekannt
hätte, wenn er ihm in der andern Stunde wieder begegnet wäre, und
einer von ihnen überreichte ihm sein Schwert mit dem Befehl, dieser
Person, die auf dem Stühlein sass, den Kopf abzuhauen. Da ward's dem
armen Scharfrichter, als wenn er auf einmal im eiskalten Wasser
stünde bis übers Herz, und sagte, das soll man ihm nicht übel
nehmen; sein Schwert, das dem Dienst der Gerechtigkeit gewidmet sei,
könne er mit einer Mordtat nicht entheiligen. Allein einer von den
Herren hob ihm aus der Ferne eine Pistole entgegen und sagte
"Entweder, oder! Wenn Ihr nicht tut, was man Euch heisst, so seht
Ihr den Kirchturm von Landau nimmermehr." Da dachte der
Scharfrichter an Frau und Kinder daheim, "und wenn's nicht anders
sein kann", sagte er, "und ich vergiesse unschuldiges Blut, so komme
es auf Euer Haupt", und schlug mit einem Hieb der armen Person den
Kopf vom Leibe weg. Nach der Tat so gab ihm einer von den Herrn
einen Geldbeutel, worin zweihundert Dublonen waren. Man band ihm die
Augen wieder zu und führte ihn in die nämliche Kutsche zurück. Die
nämlichen Personen begleiteten ihn wieder, die ihn gebracht hatten.
Und als endlich die Kutsche stillehielt, und er bekam die Erlaubnis
auszusteigen und die Binde von den Augen abzulösen, stand er wieder,
wo die drei Männer zu ihm eingesessenes waren, eine Stunde herwärts
Nanzig auf der Strasse nach Landau, und es war Nacht. Die Kutsche
aber fuhr eiligs wieder zurück.
Das ist dem Scharfrichter von Landau begegnet, und es wäre dem
Hausfreund leid, wenn er sagen könnte, wer die arme Seele war, die
auf einem so blutigen Wege in die Ewigkeit hat gehen müssen. Nein,
es hat niemand erfahren, wer sie war, und was sie gesündiget hat,
und niemand weiss das Grab.