In Wien der Kaiser Joseph war ein weiser und wohltätiger Monarch,
wie jedermann weiss; aber nicht alle Leute wissen, wie er einmal der
Doktor gewesen ist und eine arme Frau kuriert hat. Eine arme kranke
Frau sagte zu ihrem Büblein: "Kind, hol' mir einen Doktor, sonst
kann ich's nimmer aushalten vor Schmerzen." Das Büblein lief zum
ersten Doktor und zum zweiten; aber keiner wollte kommen, denn in
Wien kostet ein Gang zu einem Patienten einen Gulden, und der arme
Knabe hatte nichts als Tränen, die wohl im Himmel für gute Münze
gelten, aber nicht bei allen Leuten auf der Erde. Als er aber zum
dritten Doktor auf dem Weg war, oder heim, fuhr langsam der Kaiser
in einer offenen Kutsche an ihm vorbei. Der Knabe hielt ihn wohl für
einen reichen Herrn, ob er gleich nicht wusste, dass es der Kaiser
ist, und dachte: Ich will's probieren. "Gnädiger Herr", sagte er,
"wollet Ihr mir nicht einen Gulden schenken? Seid so barmherzig!"
Der Kaiser dachte: "Der fasst's kurz und denkt, wenn ich den Gulden
auf einmal bekomme, so brauch' ich nicht sechzig Mal um den Kreuzer
zu betteln. "Tut's ein Käsperlein oder zwei Vierundzwanziger nicht
auch?" fragt ihn der Kaiser. Das Büblein sagte: "Nein", und
offenbarte ihm, wozu er das Geld benötigt sei. Also gab ihm der
Kaiser den Gulden und liess sich genau von ihm beschreiben, wie
seine Mutter heisst, und wo sie wohnt, und während das Büblein zum
dritten Doktor springt, und die kranke Frau betet daheim, der liebe
Gott wolle sie doch nicht verlassen, fährt der Kaiser zu ihrer
Wohnung und verhüllt sich ein wenig in seinen Mantel, also dass man
ihn nicht recht erkennen konnte, wer ihn nicht express darum ansah.
Als er aber zu der kranken Frau in ihr Stüblein kam, und sah recht
leer und betrübt darin aus, meint sie, es ist der Doktor, und
erzählt ihm ihren Umstand, und wie sie noch so arm dabei sei und
sich nicht pflegen könne. Der Kaiser sagte: "Ich will Euch dann
jetzt ein Rezept verschreiben", und sie sagte ihm, wo des Bübleins
Schreibzeug ist. Also schrieb er das Rezept und belehrte die Frau,
in welche Apotheke sie es schicken müsse, wenn das Kind heimkommt,
und legte es auf den Tisch. Als er aber kaum eine Minute fort war,
kam der rechte Doktor auch. Die Frau verwunderte sich nicht wenig,
als sie hörte, er sei auch der Doktor, und entschuldigte sich, es
sei schon so einer dagewesen und hab' ihr etwas verordnet, und sie
habe nur auf ihr Büblein gewartet. Als aber der Doktor das Rezept in
die Hand nahm und sehen wollte, wer bei ihr gewesen sei, und was für
einen Trank oder Pillelein er ihr verordnet hat, erstaunte er auch
nicht wenig und sagte zu ihr: "Frau", sagte er, "Ihr seid einem
guten Arzt in die Hände gefallen, denn er hat Euch fünfundzwanzig
Dublonen verordnet, beim Zahlamt zu erheben, und untendran steht:
Joseph, wenn Ihr ihn kennt. Ein solches Magenpflaster und Herzsalbe
und Augentrost hätt' ich Euch nicht verschreiben können." Da tat die
Frau einen Blick gegen den Himmel und konnte nichts sagen vor
Dankbarkeit und Rührung, und das Geld wurde hernach richtig und ohne
Anstand von dem Zahlamt ausbezahlt, und der Doktor verordnete ihr
eine Mixtur, und durch die gute Arznei und durch die gute Pflege,
die sie sich jetzt verschaffen konnte, stand sie in wenig Tagen
wieder auf gesunden Beinen. Also hat der Doktor die kranke Frau
kuriert und der Kaiser die arme, und sie lebt noch und hat sich
nachgehends wieder verheiratet.