Die Probe

In einer ziemlich grossen Stadt, wo nicht alle Leute einander

kennen, auch nicht alle Hatschiere, ging ein neu angenommener

Hatschier in ein verdächtiges Wirtshäuslein hinein und hatte einen

braunen Überrock an. Denn er dachte: Weil ich noch nicht lange

angenommen bin, so kennt mich niemand, und niemand nimmt sich vor

mir in acht; vielleicht gibt's etwas zu fischen. Ein bejahrter Mann

in bürgerlicher Kleidung folgt ihm nach und geht auch in das

Wirtshäuslein. Der neue Hatschier fordert einen Schoppen, der

betagte Mann setzt sich an den nämlichen Tisch und fordert auch

einen Schoppen. Unter ihnen und ober ihnen und an andern Tischen

sassen mehrere Leute und sprachen in Friede und Eintracht von

allerlei, von dem Elefant, von dem grossen Diebstahl, von den

Kriegsoperationen. Einer zog mit dem Finger einen Strich von Wein

über den Tisch und sagte: "Zum Exempel, dies wäre die Donau." Drauf

legte er ein Stücklein Käsrinde daneben und sagte: "Jetzt, das wär'

Ulm." Ein anderer, als er Ulm nennen hörte, sagte zu dem betagten

Mann: "Ich bin von Ulm und hätte Haus und Gewerb daselbst. Aber die

alten Zeiten sind nicht mehr." Der betagte Mann sagte: "Landsmann,

Ulm ist überall, die guten Zeiten sind nirgends mehr", und fing an

zu hadern und sich zu vermessen über die Zeit und über die Abgaben

und über die Obrigkeit, wie es sich nicht geziemt. Da wurde der

Hatschier im braunen Überrock aufmerksam und stille und sagte

endlich: "Guter Freund, ich warne Euch." Der betagte Mann aber

sagte: "Was habt Ihr mich zu warnen?" und trank ein Glas voll Wein

nach dem andern aus und schimpfte über die Obrigkeit nur noch ärger.

Der verkleidete Hatschier sagte: "Guter Freund, ich kenn' Euch

nicht. Aber ich will Euch noch einmal gewarnt haben." Der Betagte

erwiderte: "Warnen hin und warnen her! Was wahr ist, muss man reden

dürfen. Was bleibt einem noch übrig als die freie Rede?" und so und

so. Da schlug der verkleidete Hatschier den braunen Überrock zurück

und zeigte sich, wie er war, in einem hechtgrauen Rocke mit roten

Aufschlägen und einem Bandelier. "Jetzt, guter Freund", sagte er,

"jetzt kommt mit mir!" Da stellte sich der Mann, als er an dem Rock

den Hatschier erkannte, auf einmal wie umgewendet. "Guter Freund",

sagte er, "Ihr werdet doch meinen Spass nicht für Ernst angesehen

haben und nicht erst heute auf die Welt gekommen sein. Ich sehe

schon", sagte er, "wir müssen eine Bouteille miteinander trinken,

dass Ihr mich besser kennen lernt", und forderte noch eine Bouteille

und winkte der Wirtin: "Vom Guten." Allein der Hatschier sagte: "Ich

habe keinen Wein mit Euch zu trinken", und fasste ihn wohl oben am

Arm, und fort zur Türe hinaus. Unterwegs fuhr der Arrestant fort zu

reden: "Ihr meint zum Beispiel, ich sei ein Feind von Abgaben, weil

ich über die Abgaben geschimpft habe. Aber nein, ich will Euch das

Gegenteil beweisen, denn Ihr seid auch eine obrigkeitliche Person,

und ich habe vor Euersgleichen Respekt." Also zog er einen

Kronentaler aus der Tasche und wollte sich damit loskaufen. Aber der

Hatschier sagte: "Ihr habt mir keine Abgaben zu bezahlen." Eine

Gasse weiter fuhr der Arrestant fort: "Was gilt's, Ihr seid noch

nicht verheiratet und habt für keine Frau noch Kinder zu sorgen,

weil Ihr keine Abgabe von mir braucht. Ich will Euch zu einem

schönen Weibsbild führen." Der Hatschier erwiderte: "Ihr habt mich

zu keinem Weibsbild zu führen, aber ich Euch zu einem Mannsbild."

Als sie aber miteinander in den Polizeihof und vor den Herrn

Stadtvogt gekommen waren, fing der Stadtvogt an laut zu lachen, dann

er gar ein lustiger Mann ist, und sagte: "Welcher von Euch zweien

bringt den andern?" Denn es ist jetzt Zeit, dem geneigten Leser zu

sagen, dass der Arrestant selber ein alter Hatschier war, und hatte

sich verkleidet und war dem neuen nachgegangen, nur um ihn zu

prüfen, ob er seine Pflicht tut. Deswegen sagte der Stadtvogt:

"Welcher von Euch zweien bringt den andern." Der junge wollte

anfangen, der alte aber, der vermeintliche Arrestant, schaute ihn

gebieterisch an und sagte: "Es ist an mir zu reden, ich bin älter im

Dienst. Ihro Gnaden, Herr Stadtvogt", sagte er, "dieser junge Mann

ist probat, und wir können uns verlassen auf ihn, denn er hat mich

arretiert mit Manier und in der Art und hat sich nicht von mir

bestechen oder breitschlagen lassen, noch mit Wein, noch mit Geld,

noch mit Weibsleuten." Da lächelte der Stadtvogt gar freundlich,

dass ihm solches wohlgefalle, und schenkte jedem einen kleinen

Taler.

Item, an einem solchen Ort mag es nicht gut sein, ein Spitzbube zu

sein, wo ein Hatschier selber dem andern nicht trauen darf.

Dies Stücklein ist noch ein Vermächtnis von dem Adjunkt, der jetzt

in Dresden ist. Hat er nicht dem Hausfreund einen schönen

Pfeifenkopf von Dresden zum Andenken geschickt und ist ein

geflügelter Knabe darauf und ein Mägdlein und machen etwas

miteinander. Aber er kommt wieder, der Adjunkt.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 92 / 197 题