Die Besatzung von Oggersheim

Zu Oggersheim, gegenüber von Mannheim, um die Wahl etwas weiter oben

oder unten, je nachdem man sich stellt, als im Dreissigjährigen

Krieg unversehens die Spaniolen vor Oggersheim anrückten, flohen

fast alle Einwohner nach Mannheim. Nur zwanzig Hausväter blieben

zurück und hatten das Herz, die Zugbrücke aufzuziehen und die Tore

zu schliessen. Es gehört nicht viel Herz zum Schliessen, aber zum

Öffnen. Denn als der spanische Feldhauptmann Don Gonsalva

hineintrompeten liess: "Wenn ihr bis morgen um diese Zeit den Platz

nicht übergebt", liess er hineintrompeten, "alsdann gebt acht, wer

am Leben bleibt, wenn ich den spanischen Sturmmarsch schlagen lasse

und doch hineinkomme", da sahen die Helden einander an und sagten:

"Der Weg nach Mannheim ist doch der sicherste." Nur einer dachte:

"Was soll ich tun? Meine Frau steht an ihrem Ziel. Soll sie

unterwegs oder gar auf dem Rhein ins Kindbett kommen? In Gottes

Namen, ich bleibe da." Als nun die andern alle sich geflüchtet

hatten und er noch allein in dem Städtlein war, trat er mit einem

weissen Fähnlein auf die Stadtmauer und rief in das spanische Lager:

"Kund und zu wissen sei euch im Namen des Herrn Kommandanten von

Oggersheim, der Garnison und der ehrsamen Bürgerschaft! Ihr sollt

uns versprechen, das Eigentum zu schonen und die protestantische

Religion unangefochten zu lassen. Wenn ihr dieses tut und halten

wollt, so sollen euch in einer Stunde die Stadttore geöffnet werden.

Ich, der Trompeter."--Da sahen der Feldhauptmann und seine Leute

einander an. ja, Nein--Nein, ja. "Was sollen wir katholisches Blut

vergiessen lassen", sagte endlich der Feldhauptmann, "um einen

ketzerischen Altar umzuwerfen, oder was werden wir in diesem

Bauernstädtlein für Schätze finden?" und rief mit lauter Stimme:

"Akkordiert!" Nach einer Stunde, als der Feind mit geschlossenen

Reihen und Gliedern, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel

einzog, am äussern Tor war niemand.--"Sie werden am innern sein."

Am innern Tor war auch niemand.--"Sie werden auf dem Platz sein."

Auf dem Platz stand mutterseelallein mit dem weissen Fähnlein der

herzhafte Burgersmann.--"Was soll das heissen? Wo ist der

Kommandant und die Besatzung, wo ist der Burgermeister und der Rat?"

Da fiel der Burgersmann vor dem Feldhauptmann auf die Kniee nieder:

"Gnädiger Herr, ich bin der einzige, der sich Euerer Grossmut

anvertraut hat. Die andern sind nach Euerer Aufforderung alle nach

Mannheim geflohen. Nur meine Frau ist noch bei mir im Städtlein,

aber ein ellenlanger Rekrut wird nächster Tagen eintreffen.

Unterdessen bin ich mein eigener Kommandant und mein Trompeter, mein

Gemeiner und mein Profoss. Wenn ich seit gestern hätte desertieren

wollen, ich hätte mich selber wieder einfangen und Spiessruten jagen

müssen." Da lächelte der Feldhauptmann und hiess ihn aufstehn, und

obgleich die Spanier zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges keinen

Spass verstanden, so leistete er doch, was er versprochen hatte, und

noch mehr. Denn als den andern Morgen der brave Burgersmann wieder

zu dem Feldhauptmann kam, "Ihro Gnaden", sagte er, "wolltet Ihr mir

nicht auf eine Viertelstunde Euern Peldpater leihen, wenn er

evangelisch taufen kann? Der ellenlange Rekrut ist angekommen und

schon einquartiert", da sagte der Feldhauptmann: "Ja, braver

Kamerad, und ich will Gevattermann sein und dein Kind zur Taufe

halten." Also hielt der General das Kind zur Taufe und schenkte ihm

ein spanisches Goldstück zum Andenken. Den folgenden Tag zogen die

Spaniolen wieder weiters.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 84 / 197 题