In Paris holt man das Wasser nicht am Brunnen. Wie dort alles ins
Grosse getrieben wird, so schöpft man auch das Wasser ohmweise in
dem Strom, der hindurch fleusst, in der Seine, und hat eigene
Wasserträger, arme Leute, die jahraus, jahrein das Wasser in die
Häuser bringen und davon leben. Denn man müsste viel Brunnen graben
für fünfmalhunderttausend Menschen in einer Stadt, ohne das
unvernünftige Vieh. Auch hat das Erdreich dort kein ander trinkbares
Wasser; solches ist auch eine Ursache, dass man keine Brunnen gräbt.
Zwei solche Wasserträger verdienten ihr Stücklein Brot und tranken
am Sonntag ihr Schöpplein miteinander manches Jahr, auch legten sie
immer etwas weniges von dem Verdienst zurück und setzten's in der
Lotterie.
Wer sein Geld in die Lotterie trägt, trägt's in den Rhein. Fort
ist's. Aber bisweilen lässt das Glück unter viel Tausenden einen
etwas Namhaftes gewinnen und trompetet dazu, damit die andern Toren
wieder gelockt werden. Also liess es auch unsere zwei Wasserträger
auf einmal gewinnen, mehr als 100000 Livres. Einer von ihnen, als
er seinen Anteil heimgetragen hatte, dachte nach: Wie kann ich mein
Geld sicher anlegen? Wie viel darf ich des Jahrs verzehren, dass
ich's aushalte und von Jahr zu Jahr noch reicher werde, bis ich's
nimmer zählen kann? Und wie ihn seine Überlegung ermahnte, so tat
er, und ist jetzt ein steinreicher Mann, und ein guter Freund des
Hausfreunds kennt ihn.
Der andere sagte: "Wohl will ich mir's auch werden lassen für mein
Geld, aber meine Kunden geb ich nicht auf, dies ist unklug", sondern
er nahm auf ein Vierteljahr einen an, einen Adjunkt wie der
Hausfreund, der so lang sein Geschäft verrichten musste, als er
reich war. Denn er sagte: "In einem Vierteljahr bin ich fertig."
Also kleidet er sich jetzt in die vornehmste Seide, alle Tage ein
anderer Rock, eine andere Farbe, einer schöner als der andere, liess
sich alle Tage frisieren, sieben Locken übereinander, zwei Finger
hoch mit Puder bedeckt, mietete auf ein Vierteljahr ein prächtiges
Haus, liess alle Tage einen Ochsen schlachten, sechs Kälber, zwei
Schweine für sich und seine guten Freunde, die er zum Essen
einladete, und für die Musikanten. Vom Keller bis in das Speiszimmer
standen zwei Reihen Bediente und reichten sich die Flaschen, wie man
die Feuereimer reicht bei einem Brand, in der einen Reihe die leeren
Flaschen, in der andern die vollen.
Den Boden von Paris betrat er nimmer, sondern wenn er in die Komödie
fahren wollte oder ins Palais royal, so mussten ihn sechs Bedienten
in die Kutsche hineintragen und wieder hinaus. Überall war er der
gnädige Herr, der Herr Baron, der Herr Graf und der verständigste
Mann in ganz Paris. Als er aber noch drei Wochen vor dem Ende des
Vierteljahrs in den Geldkasten griff, um eine Handvoll Dublonen
ungezählt und unbeschaut herauszunehmen, als er schon auf den Boden
der Kiste griff, sagte er: "Gottlob, ich werde geschwinder fertig,
als ich gemeint habe." Also bereitete er sich und seinen Freunden
noch einen lustigen Tag, wischte alsdann den Rest seines Reichtums
in der Kiste zusammen, schenkte es seinem Adjunkt und gab ihm den
Abschied. Denn am andern Tag ging er selber wieder an sein altes
Geschäft, trägt jetzt Wasser in die Häuser wie vorher, wieder so
lustig und zufrieden wie vorher. Ja, er bringt das Wasser selbst
seinem ehemaligen Kameraden, nimmt ihm aus alter Freundschaft nichts
dafür ab und lacht ihn aus.
Der Hausfreund denkt etwas dabei, aber er sagt's nicht.