An einem furchtbar heißen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater
auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu,
das am Fuße des dichtbewaldeten Geißberges bei Salzburg gelegen war. Der
Bettelmönch keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck
gefüllten, mächtigen Sackes, und außerdem trug der krank aussehende
Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine
lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei
jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack.
Und so oft der Bruder unwillig den Sack schüttelte, quieckste das
Almosen aus Leibeskräften, wasmaßen die Spende ein Spanferkel war. Jener
Älpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder
Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besaß, er spendete eben vom
Ferkelüberfluß, der ihm geworden, in der Meinung, daß die Franziskaner
zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiß gerne mal einen Ferkelbraten
essen würden.
Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und
schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des
Wirtshauses am Fuße des Geißberges aber ward die Müdigkeit zu groß, der
Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne
trotz der übermäßigen Hitze, stöhnend mußte der Frater am Straßenrain
sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste
schrecklich und versuchte im Sack die Flucht.
Angelockt von solchem Lärm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der
Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behäbige Zapfler den blassen,
müden Mönch erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend
beizuspringen.
„Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet baß übel aus!“
Der Frater stöhnte, mit Mühe brachte er heraus, daß ihm eine
unerklärliche Krankheit angeflogen sein müsse. „Reichet mir barmherzig
einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!“
„Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Laßt mich die Säcke
tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?“
Der Klosterbruder nickte und bat, es möge der Wirt das Ferkel im Stall
einstweilen einstellen und füttern bis zur Abholung.
„Gern soll das geschehen!“ sprach der mönchefreundliche Wirt und trug
den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiß des Zapflers holte eine
Dirn den andern großen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte
der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein
Humpen Weines gereicht wurde.
Ein Stündlein Ruhe und der kräftigende Wein halfen dem armen Bruder
wieder auf die Beine, sodaß er nach Erstattung herzlichen Dankes den
Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu
wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer
Terminierung gelegentlich wieder holen.
In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde
fühlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der
Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Straßenrain und machte
Reu' und Leid, die Sterbgebete flüsternd.
Ein Bäuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den
armen Bettelmönch mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode
ringender Mensch, bat, es möge der Bauer ihn um Gottes Lohn ins
Franziskanerkloster nach Salzburg bringen.
Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen,
schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt über seine Gliedmaßen
bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes
übrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen.
Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der
Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen
benebst dessen Almosensack.
Der Türmer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die
Stadt zu lassen, wasmaßen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen
vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem
Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, daß er das nicht
wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen.
Der Türmer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon
fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster
gehöre.
„Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!“ beteuerte der Bauer, dem es
pressierte, in die Stadt zu kommen.
„Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehört, muß er wohl eingelassen
werden!“ argumentierte der Wächter und gab die Einfahrt frei.
Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der
Brücke übersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater
bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann
abliefern.
Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch
mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich
gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, daß ein Frater vom
Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein
heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein
Zeichen für die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der
klösterliche Medikus zurück und rief: „Großer Gott! Ein Pestfall!“
Das hörte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der
Leiche geblieben war, und mit rasenden Sätzen flüchtete der Mann nun
hinweg, sprang auf sein Gefährt und jagte das Roß unter Peitschenhieben
dem Einstellhause zu.
Die rasende Fahrt mußte auffallen, zumal schon das Trabfahren in den
engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten
dem Roß in die Zügel und brachten es zum Stehen.
„Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!“ zeterte der entsetzte Bauer,
und scheu wichen die Trabanten von dem Gefährt hinweg.
Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten
Pestfalle, überall Schrecken und Todesangst erzeugend.
Während man im Rathause noch nicht wußte, was beginnen, hatte Wolf
Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit
zahlreicher Mannschaft rückte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster
und überbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde
alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen
Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren
müssen.
Wohl protestierte der Guardian, die Mönche baten, den Frater doch vorher
beerdigen zu dürfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen
Befehl, und als die Mönche keinerlei Miene zum Abrücken machten,
erklärte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch
Musketiere darunter, drangen in die Klosterräume, es ward bitterer
Ernst. Wie die Mönche standen, mußten sie abziehen, nichts durfte
mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den
Toten mußten die Fraters auf der Bahre wegtragen.
Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch
zur Salzach getrieben, wo auf fürstlichen Befehl ein Salzschiff zur
Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen
worden war.
Der Transport erregte Erbitterung bei den mönchefreundlichen Bürgern,
doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab,
sich einzumengen.
Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plätte zu
besteigen, laut und beweglich, aber es nützte nichts.
Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen
an Bord zu haben, zogen das Ländseil ein, und stießen ab. Von den Wellen
erfaßt, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert,
schnell hinab. Die Mönche beteten laut....
Scharf griff der Fürst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer,
der den toten Bettelmönch in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in
ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden
war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit
verschiedenen Leuten in Berührung gekommen.
Nach wenigen Tagen gab es Pestfälle in der Stadt, Angst und Aufregung
wuchsen. Ärzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten
strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein
Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in
der Riedenburg geschafft, rücksichtslos, unerbittlich wurde dieser
Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen.
Still ward es in Salzburg und heiß über alle Maßen. Unbarmherzig brannte
die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in
die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstädtlein
Hallein herrschte ein großes Sterben, es hieß, es starben oft an einem
Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, daß die
Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Österreichischen viele Opfer
fordere.
An fünfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg.
Auf Befehl des Fürsten mußten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner
aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die
Rückkehr war aufs strengste verboten.
Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsüber auf einige Stunden sich im
Freien zu ergehen, auf daß sie doch etwas an die Luft kämen.
Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, daß die Ausgestoßenen auf den
Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung hätten, indem die
umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung
abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich
und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mußten auf seinen Befehl Ärzte
und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus.
Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies
frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute.
Die Salzburger faßten wieder Mut und wurden beweglich; Bürger thaten
sich zusammen und supplizierten zum Fürsten, es solle der Erzbischof
doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder
doch wenigstens auf der Schanz zu Mühlen (Mülln) unter Dach bringen,
wofür die Bürgerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen
wolle.
Diese Supplikation, hauptsächlich wohl der anmaßende Ton und Undank,
erbitterte den Fürsten schwer, es erfloß ein Mandat, worin die Bürger
als Aufwiegler und Unruhestifter erklärt und mit insgesamt achthundert
Gulden Strafe wegen ihrer Ungebühr belegt wurden.
Die kühle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande.
Auf Befehl des Fürsten durften die Exilierten, nachdem die Ärzte hierzu
ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch
den Franziskanern wurde die Rückkehr wieder gestattet, deren Kloster
vorher völlig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg
neunzehn Häuser infiziert gewesen und etwa fünfzig Personen daraus
verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die
Schrecken wichen. Zurück blieb nur der Ärger über die achthundert Gulden
Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden mußte.
Spätherbst war ins stiftische Land gezogen, die Wälder prangten in
leuchtenden Farben.
Vom Franziskanerkloster wurden die Brüder ein letztes Mal vor dem Winter
zum Terminieren ausgeschickt, einmal um für den eigenen Bedarf Vorräte
zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien
für die Armenbeköstigung zu erhalten.
Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis
gegen Golling, und mit einem mächtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der
Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen.
Viel war im von Steuern, Mißernte und der Pest heimgesuchten Ländchen
nicht zu holen, die Gaben flossen spärlich.
Auf dem Rückweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am
Geißberg am späten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine
Magd wusch hölzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht
eben erbaut davon, daß knapp vor Hausthorschluß noch ein später Gast
eintrat.
Frater Anselm grüßte mit frommen Worten und bat um barmherzige
Beherbergung für Gotteslohn.
Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Mönchhabit schien sie zu
beruhigen, und da der Frater sonst keine Wünsche auf Verpflegung
äußerte, war die Magd bereit, ihm ein dürftig Kämmerlein im niederen
ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der düsteren Kammer, die außer
einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersäcke enthielt, ging dem von Mauern
umschlossenen Hof zu.
Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom
fleißigen Terminieren an frische Luft gewöhnt, war es ihm Bedürfnis,
hier das Fenster zu öffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem
schöpfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch plötzlich ward
unten im Hof eine Thür geöffnet und eine Stimme rief: „Jackel! Vergiß
nicht, morgen gleich in der Früh wird der ‚Franziskaner‘ abg'stochen!“