von
Arthur Achleitner.
Berlin.
Alfred Schall,
Königliche Hofbuchhandlung.
Verein der Bücherfreunde.
Vorwort.
Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt.
Der geneigte Leser wolle nicht an Bischöfe und Priester unserer Zeit
denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfürsten des 16.
Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhältnisse der
damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch für die Erwählung eines
Kirchenfürsten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt
erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und einträglichen
Würden der Kirche, er allein war stiftsfähig und bestrebt, solche
Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen.
In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die
Restaurationsbewegung, von diesem Fürsten erwartete man Ausrottung des
Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung
der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Cölibates,
Anforderungen, die über eines selbst genialen Mannes Kräfte gehen
mußten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in römischen Palästen der
Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben.
Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft
sühnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die
unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schöne
Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepräge gegeben, bestehen wird.
München, im Herbst 1900.
Der Verfasser.
1.
Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem
glänzenden Fest, Schmaus und Tanz der Bürgergeschlechter gefeiert
werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich,
in Gnaden der Bürgerdeputation versprochen hatte. Demgemäß mußte alles
aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitläufen möglich
zu gestalten; der sonst behäbige Bürgermeister Ludwig Alt hat diese
hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die
Stadträte, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um
kräftige Unterstützung angegangen, wasmaßen es gilt, dem prunkliebenden
Fürsten ein seiner würdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wußte man
männiglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein
Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon
einen Begriff, die unerhörte Pracht, welche selbst der unbarmherzige
Salzburger Regen nicht zu beeinträchtigen vermochte, blendete nicht
bloß Bauern und Bürger, sie verblüffte auch den Adel. Einem solchen
kunstverständigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher
keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu
den Willen, und die reichen Patrizier das nötige Geld; man will dem
Landesfürsten zeigen, daß auch die Bürger der Residenz sich auf üppige
Feste verstehen.
So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als
in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit,
jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen.
Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine
kaufmännischen Talente, noch mehr aber durch seine schöne Tochter
Salome, die als das herrlichste Geschöpf Europas gepriesen ward, hatte
die Fürsorge um das Mahl übernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht
werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tüchtigen
grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Für Beschaffung erlesener
Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fürnehmer Art, geschult
durch viele Reisen in Italien und Griechenland; „Vater Puchner“, der
Zäpfler, hatte es übernommen, etwaigen Wünschen nach einem Trunk guten
Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoß mußte die Musikanten
besorgen und die Anleit zum Balle geben.
Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmückung der Räumlichkeiten der
Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und
großes Ansehen genoß, und schließlich ward für diesen Festabend eine
besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die männliche
Bürgerschaft zu richten hat, dieweilen das für die Weiberwelt nicht
nötig ist, denn diese weiß sich schon selber aufs schönste
herauszuputzen.
Zu Fuß und vielfach nach welscher Art in Sänften waren die Honoratioren
der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmückt und
erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten
sich Salzburgs Frauen und Mädchen, in einer Gruppe standen eifrig
parlierend die Junker und jungen Bürgersöhne, die Ratsherren hielten den
vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung
bange murmelnd. Ein Teil der Bürgerschaft hingegen hatte rasch entdeckt,
daß ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht,
wohlbesetzt mit Zinnkrügen, Silberköpfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja
auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb
kontrastierten dagegen die hölzernen Bierbitschen. Daß alle diese
schönen Gefäße teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefüllt seien,
hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, daß vor Tafelbeginn
der Schenktisch nicht geplündert werden dürfe, doch von den gewaltigen
Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwärter fragte man nicht,
und so schluckte so mancher aus den Gefäßen, ohne lang zu fragen, ob es
erlaubt und wessen der Inhalt sei. „Was man hat, besitzt man!“ gröhlte
ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug.
Im Hauptsaale, so schön und großartig, daß darin ein römischer Kaiser
logieren könnte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen
wie silbernen Kannen, Bechern und Schüsseln, ausgestellt, wundersam zu
beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit
aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher
Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit
senkrecht aufragendem Stoß, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der
Untersberg, aus dessen Quellen Weißwein als Bergbrünnlein
herniederrieselten.
Lustige Weisen der Zinkenbläser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und
Schellengeklingel tönten von der Galerie herab, den buntgeschmückten
Festgästen die Wartezeit bis zum Beginn zu verkürzen, doch hörte man
nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell
lärmende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im
Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der
Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschöne Tochter bot, versetzte
die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des
Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides äußerte.
Salome, ein Mädchen mittlerer Größe von kaum zwanzig Lenzen, war soeben
in den für die Frauen reservierten Raum getreten; lächelnd begrüßte sie
die Damen, nickte den Mädchen zu und schritt langsam zur
Bürgermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen
wußte, wiewohl sie wahrlich weiß, daß Salome über Prachtgewänder dank
der Freigebigkeit des Vaters zu verfügen hat. Ein bezaubernder Liebreiz
ist über das runde Madonnenantlitz des Mädchens ausgegossen, der
schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmaß auf mit einer Fülle
reizendster Formen, die ein Männerauge in hellstes Entzücken versetzen
muß. Blendend weiß die reine Stirne, von blonden Löckchen umrahmt, die
Zähnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im
Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein
Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art,
die es vermeidet, das eigene schöne Ich irgendwie in den Vordergrund zu
drängen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen,
ein Lächeln inneren Triumphes auf den leicht geöffneten Lippen.
Fürstlich muß die Erscheinung des Mädchens genannt werden im weiten
blauen, mit Nörzpelz gefütterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und
silbernen Schnüren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am
Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Ärmel verbrämt mit
golddurchwirktem Tuch.
„Gott zum Gruß, liebwerte Muhme!“ lispelte Salome und erwies der
Bürgermeisterin gebührende Reverenz.
Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Überraschung und mußte erst
verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: „Salome! Wie eine Fürstin
siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die
fünfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!“
„Gefällt Euch das Kleid nicht? Das thät' mich schmerzen, der gute Vater
ist zufrieden, und das macht mich immer glücklich!“
„Schon, gewiß auch! Aber Perlen, so viel Perlen für eine junge Maid! Das
ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zähren, das hat
mein Ahnl schon gesagt!“
„Des will ich warten, Muhme!“ lachte silberhell die schöne Salome, „ich
habe Zeit und fürchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will
die anderen Frauen ich begrüßen!“
Indes Salome einer Fürstin gleich und doch bürgerlich bescheiden den
Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drüben, wo der
hastig geschluckte starke Südwein die Geister bereits zu entfesseln
begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres
besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der
Getränkevorräte vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, daß die
köstlichen Weine für das fürstliche Gefolge, nicht aber für Schmarotzer
bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Bürgersöhne
hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner
opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung.
„Festgäste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt
sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken.
Und auf diesen Wein wird der Fürst wohl nicht reflektieren, der hat
besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als
dieser Raifel, und der Höpfwein gar, der hat einen Stich!“
Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von
Weinen, die seine Zunge als fürtrefflich erkieset, beleidigte. „Die Pest
hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg,
das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer überhaupt vorhanden war! Und
die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!“
„Die laßt nur hübsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist
städtisch und gehört uns Bürgern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist
Platz genug darin, für Euch und den Erzbischof!“
„Wollt Ihr gleich stille sein!“ mischte sich Vater Puchner dazwischen,
dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwähnung des noch dazu
eben erwarteten Landesfürsten. „Wollet Ihr gröhlen, wartet bessere
Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr über den erleuchteten erlauchten
Herrn!“
Dem Lechner saß der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte
unbekümmert los: „Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam
Wappen! Wißt Ihr, Bierwanst, was der Wölfen Dieter im Schilde führt? Ich
will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weißen Felde! Das ist die
Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen über das
Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der
Erlauchte könnte Euch darauftreten, daß Ihr zwillt!“
Bestürzt rief Rat Thalhammer: „Haltet ein, Ihr schwätzt Euch um den
Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spaß von solcher Seite und läßt uns
entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!“
Grimmig pfauchte Lechner: „So laßt Euch auf den Köpfen tanzen, daß es
staubt, Ihr Memmen! Ich fürcht' ihn nicht, den Wölfen Dieter samt seinen
Degen! Haha! Ein Kirchenfürst, der spanisch herumstolziert gleich einem
geckenhaften Junker!“
Lärmender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des
Bürgermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen
Landesherrn anzublasen.
Die mit Tannengrün und den Farben Salzburgs geschmückte Treppe herauf
stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Würdenträgern seines Hofes. Der
Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfürst schmächtig, fast klein
zu nennen, unschön die Züge seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften
Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und
den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte über diesem
Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden
Augenblick bereit, überraschend loszubrechen. Kaum dreißigjährig ging
von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes,
an eine unbeugsame Willensstärke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs
atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs
an einen duldsamen Kirchenfürsten. Aristokrat von der Sohle bis zum
Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwäbischen und
lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann „geschwinden
Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes“, der infolge seiner
Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo
seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Großneffe des regierenden
Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch überragte und sechs Sprachen
beherrschte.
Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II.
liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und
Baretts benötigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern
geschlagen. In dieser Kleidung war der schwäbische Landjunker von
Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren
zum Fürst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwählte Herr von Raittenau
liebte es auch nicht, an seine schwäbische Abkunft erinnert zu werden,
wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen.
Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der
Hohenems, ihr medizäisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiß und
stürmisch auf zu Rom wie — verspürbar allenthalben zu Salzburg.
Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die
Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem
in tiefster Verbeugung gehenden Bürgermeister Alt, der ehrerbietigst
Seine Hochfürstliche Gnaden begrüßte, ohne den gekrümmten Rücken zu
heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank für das huldvolle
Erscheinen des gnädigen Fürsten stammelte.
Ein hochmütiger Blick flog über des Bürgermeisters Rücken hinweg zu den
Saalthüren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien,
als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit.
„So mögen denn Ew. Hochfürstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen
in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glück
hat....“
„Will nicht hoffen! Liebe ‚zitternde‘ Häuser nicht! Soll ich aber den
Fuß in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!“ sprach ironisch
lächelnd der junge Fürst, worauf sich der Bürgermeister erschrocken mit
seinem gutgenährten Bäuchlein an die Stiegenmauer drückte. Wolf Dietrich
schritt an ihm vorüber, und Alt wollte eben dem Fürsten folgen, da
drückte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fürstliche
Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben
die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich längst im
Hauptsaal angelangt, und der Bürgermeister stand verdutzt an der
Stiegenmauer.
Die Stadträte beugten sich wie ein Ährenfeld im Winde vor dem Gebieter,
dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso
überraschender wie gewinnender Liebenswürdigkeit sprach Wolf Dietrich:
„Meinen Dank allen für den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst
die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzögerung, und
Frauen soll man niemals warten lassen!“
Auf einen Wink des Fürsten schritt der Kämmerling an die offene Thür des
Frauenwartegemaches und sprach: „Seine Hochfürstliche Gnaden lassen die
Damen bitten, in den großen Saal zu treten!“
Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch ängstlich zugleich
wollte von den Frauen keine vortreten, und für die jungen Mädchen
schickte sich ein Vortritt überhaupt nicht.
„Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!“ wisperte die
verdatterte Bürgermeisterin in einer schier unüberwindbaren Scheu vor
dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch
einigermaßen Anteil zu haben, auf daß sothane Ehre in der Verwandtschaft
bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie
verständlichen Stoß mit der knöcherigen Faust und tuschelte dazu: „Geh
du voraus, dein Kleid verträgt es!“
„Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fürchte mich nicht und wüßte auch keinen
Grund zu Angst und Sorge!“ erwiderte leise die schöne Salome, und
schritt durch die offene Thür in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten
nun die Frauen und Töchter und guckten sich die Augen und Hälse wund
nach dem jungen Fürsten in der spanischen Tracht.
Noch ehe Salome die Lippen geöffnet, um den Dank von Salzburgs Damen für
das gnädige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich
in seiner impulsiven Art dem schönen Fräulein entgegengegangen, und
lebhaft rief der Fürst: „Ah, welches Glück lacht mir entgegen, des
Festes Königin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung
entgegennehmen!“ Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem
zierlichen Händchen Salomes und drückte galant die Lippen darauf.
„Hochfürstliche Gnaden!“ stammelte überrascht die schöne Salome und
wollte die Hand zurückziehen.
„Nicht doch, bellissima! Gewährt die Gnade, daß des Stiftes Salzburg
Herr der Schönheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir
geruhen, das Fest zu eröffnen!“
Salome hatte sich gefaßt, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem
Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wußte, daß sie strahlend
schön, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Mädchen ist,
und in diesem Triumph legte das Fräulein, holdselig lächelnd, den vollen
runden Arm in jenen des jungen Fürsten. Das Paar schritt nun durch den
Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die überraschten
Patrizier und deren Frauen, Söhne und Töchter thaten das klügste, indem
sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten.
Gelegenheit zum schwätzen war dabei reichlich genug vorhanden, die
Mündchen der Damen schnurrten wie Spinnrädchen. Neues genug bringt der
neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eröffnen,
sich ein Fräulein herauszufischen, und das zur Festeskönigin erküren
und auszurufen, welch neues, ungewöhnliches Vorgehen! Wenn der Fürst da
doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt hätte! Aber so
schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus
fürstlichem Geblüt! Es muß ihr ja der Neid lassen, daß sie schön ist,
hübscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist,
wäre es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte!
Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so
viel Perlen zu tragen!
Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig,
als er mit der Schwägerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner
Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiß auch
dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmütig ist und der
junge Gebieter viel auf höfische Formen hält. Aber eben die so
plötzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht
gefallen, sie verletzt durch ihre Außerordentlichkeit. Einem Stachel
gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der
Bruder-Bürgermeister von den Herren des fürstlichen Gefolges an die
Stiegenwand gedrückt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem
Übermut zu viel heraus, der Bürgerstolz ist verletzt und stolz waren die
Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewöhnlichen
Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fürsten die
Tochter aus dem Arm zu reißen.
Die Muhme-Schwägerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in
Glückseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine
Ahnung, sie hat nur die beglückende Auszeichnung ihrer Nichte durch den
stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der
Gebieter die Hand Salomes geküßt, als wäre die Nichte eine wahrhaftige
Prinzessin. Welches Glück, welche Auszeichnung für Salome, für die ganze
Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiß,
welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fürstlichen Hofe, mit dem
Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten
Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur
ein Wort kosten, und die Muhme erhält den päpstlichen Segen separat, nur
für sich! Die Bürgermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kühnheit
ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, daß der Gemahl nichts weniger denn
solche römische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit höher schätzt
als Fürstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen ließe,
alles und just das brauchte der Bürgermeister ja nicht zu wissen, — der
Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkürlich stützte sie sich
fester auf den Arm des Schwagers.
Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die jüngeren Bürger, Junker,
auch die Plünderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand
aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der
gründlich vergrämte Bürgermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht
viel Gutes zu künden schienen. Manches bissige Wort über den Fürsten und
sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Bürgermeister
wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat
sein Blut erhitzt. Nicht minder ärgert es Alt, daß sein Eheweib an des
Bruders Seite ersichtlich verklärt, schwimmend in Glückseligkeit,
hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fürstliche
Karessieren gewissermaßen sanktioniert. Bürgermeister Alt knurrte:
„Dumme Gans! Und Wilhelm könnte auch etwas Besseres thun, als mit der
alten Schachtel hinterdrein zu laufen!“
Einer der Jungen, die vom Südwein zu viel erwischten, krähte mit
heiserer Stimme: „Guckt ihn an, den Erzbischof, der tänzelt wie ein
spanischer Junker!“
Und ein anderer, dessen Augen bereits gläsern geworden, brachte
schluckend heraus: „Fein — wird—'s im E—e—er—z—st—st—stift!“
Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen;
der Fürst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jäh abbrach, und
sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Bürgermeister mit vollendeter
Liebenswürdigkeit und Herablassung wohlwollend an: „Lieber Alt! Niente
di male! Ihr verzeiht mir wohl, daß ich im Banne der Schönheit auf Eure
Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Königin in
persona eröffnet habe. Salzburgs schönste Mädchenblume rechtfertigt
mein Verhalten und erklärt die Begeisterung meiner Gefühle! Glücklich
ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen blühen, glückliches Salzburg,
dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfüllt! Nun, mein lieber
Bürgermeister, ist es nach Eurer Absicht, so laßt uns das Mahl beginnen,
doch wünsche ich, daß zu Tisch mir des Festes Königin zur Partnerin
verbleibe!“
Der Bürgermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle
Ansprache warf alle Rachegedanken über den Haufen, sie mußte einen
Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fühlte der
Stadtvater deutlich genug, gehört auf solche Huld eine höfliche
Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann,
denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken
verlangen eine überlegte gemächliche Aneinanderreihung. „Hochfürstliche
Gnaden haben geruht!“ Das war der erste Anlauf, und nun muß einen
Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefügt werden könnte.
Doch der lebhafte Fürst sprach dazwischen: „Ihr seid also nimmer
ungehalten, solche Versöhnlichkeit ehrt Euch und läßt den milden Sinn
des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure
Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Bürgermeister, lade
ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte
ich die Verkörperung der Schönheit, des Festes Königin!“
Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des
Bürgermeisters unter.
„Eure Gemahlin nehmen wir mit!“ rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu,
dem darob die Ohren sausten.
Die Herablassung des Landesherrn wirkte zündend, die glänzende
Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fürsten, ein
Tusch der Musikanten verstärkte die brausenden Hochrufe, und in
lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die
Bürgermeisterin, welche die Worte des Gebieters glücklich erhascht
hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Überglückliche ihre
Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen
verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite drängte,
lachten auf ob der Beteuerung, daß der Fürst Verlangen trage nach der
Stadtmutter, und ließen die in ihrer Glückseligkeit drollige Frau
bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun
wohl oder übel zu Tisch geleiten mußte.
„Der Schönheit Majestät wolle mich beglücken!“ flüsterte Wolf Dietrich,
als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel näherte.
„Hochfürstliche Gnaden überschütten mich mit Huld und Gunst in
unverdientem Maße!“ erwiderte lächelnd Salome und senkte bescheiden die
Lider.
„Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom,
vermag wahre Schönheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie
gebührend zu preisen. Ich huldige der schönsten Königin, so die Erde
trägt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!“
Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich
seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur
Bedienung der Dame.
Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei
Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die
Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fürsten
placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde
die Ausnahme gemacht. Dafür saß nun die Stadtmutter zwischen den Brüdern
Alt, also immer noch in auszeichnendster Nähe des Landesherrn und
Ehrengastes.
Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine
Tischgenossin gewendet: „Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon
einmal günstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen
Palazzo geführt?“
Salome erhob das strahlend schöne Auge zum Gebieter, dann nickte sie und
lispelte: „Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag führte mich
in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb
muß zum Einhub die Tochter kommen.“
„So waret Ihr es doch, die ich flüchtig nur bei meinem Kastner sah!“
Salome nickte.
„Und Euer Vater, glücklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen
Liebreiz in sich verkörpert, ist er hier in unserem Kreise?“
Leise erwiderte Salome, daß der Vater zur Linken neben der Muhme Platz
genommen habe.
„Und die Mutter?“
„Die Teure ist seit langem uns entrissen!“
„Wie schmerzlich muß es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch
wollen wir in der Gegenwart bleiben!“ Wolf Dietrich lehnte sich in
seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den
bischöflichen Farben geschmückt war, zurück, um den Blick auf Wilhelm
Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, prüfender, stechender
Blick, der dem Antlitz des Fürsten einen harten Ausdruck gab, dann
kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurück, und freundlich,
mit gewinnender Güte und Herablassung rief Wolf Dietrich dem
Handelsherrn zu: „Wilhelm Alt, meinen Gruß! Verzeiht, daß so verspätet
ich an Euch mich wende, Euch glücklich preise ob der schönen Tochter und
den Dank Euch sage dafür, daß es mir vergönnt, die Königin des Festes
zur Partnerin zu haben!“
Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem
Fürsten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb
der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen
als ein seiner Bedeutung wohlbewußter, reicher Patrizier. Ein von Liebe
und väterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinüber, ein
zweiter galt dem Fürsten, und dieser Blick schien prüfend, mißtrauisch
zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so
wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung für die Tochter mache.
Der Dank für die Ansprache fiel etwas kühl aus, vollendet höflich und
ehrerbietig, aber fühlbar frostig.
Sofort zeigte des Fürsten Antlitz den Zug unbeugsamer Härte, den
Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und höhnisch; doch
weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den
Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glättete sich,
lächelnd grüßte der junge Kirchenfürst unter den Worten: „Wir danken
Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht
länger entziehen!“
Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder
ein, sofort von der Schwägerin interpelliert, was denn alles der gnädige
Herr gesprochen. „Ich hör' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter
ist daran schuld!“ fügte die neugierige Bürgermeisterin hinzu. Wilhelm
Alt war boshaft genug, um der Schwägerin zuzuwispern: „Einen Hopser will
er später mit Euch machen!“ Frau Alt schien das Geflüster doch
vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie
heraus: „Nicht möglich?“ Das klang so drollig, daß auch Salome ein
Kichern nicht unterdrücken konnte.
Wolf Dietrich hatte sich an den Bürgermeister gewendet, als der Gang:
„Ein gelb Essen ist lind zu essen“[1] serviert worden war, und sprach
zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: „Nun wir die linde Speise
hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen,
was die Herzen meiner Salzburger beweget.“
Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat
bitter genug empfunden hatte, daß der Landesherr kaum nach seinem
Regierungsantritt von den Errungenschaften früherer Erzbischöfe
schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des
Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fühlbare
Veränderung dieser Instanz hervorrufen mußte.
Ludwig Alt traute aber der „linden“ Stimmung des jungen Gebieters nicht
völlig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt,
namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit
auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: „Wenn wir in schuldiger
Ehrfurcht eines vom gnädigen Herrn erbitten dürften, so wäre es, daß das
Stadthaupt und der Rat gewissermaßen doch auch noch etwas zu sagen
hätten!“
Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn
hatte im Nu erfaßt, wohinaus der Bürgermeister zielte, doch wollte er
die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: „Wie meint Er das?“
„Wenn Hochfürstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur
noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft
getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischöflichen
Behörde übertragen wurde, und —“
In diesem gewichtigen, ja gefährlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der
in höchster Spannung dem bedeutungsvollen Gespräch zugehört, dem Bruder
warnend auf den Fuß.
„Und?“ fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene.
Der Bürgermeister konnte die brüderliche Warnung nicht recht deuten und
im Banne der fürstlichen Frage rutschte ihm heraus: „Und diese Exekutive
erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibüttel, der sonst nichts ist
und nichts zu sagen hat!“
Wolf Dietrichs Wangen färbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende,
erblaßte. Ahnunglos plauderten und aßen die Festgäste, nur in der
nächsten Umgebung des Fürsten herrschte beklemmende Ruhe.
Wieder meisterte der Landesherr sein heißes Blut, kühl, fast höhnisch
sprach er: „Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer
zu deuten, so spukt in euren Köpfen der Geist der Rebellion!“
Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: „Verstattet
gnädigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!“
Überrascht rief Wolf Dietrich: „wie? Majestät Schönheit will sich ins
Gebiet der Politik begeben?“
„Verzeihung, gnädigster Landesvater! Ich fühle wohl den herben Tadel in
den Worten Ew. Hochfürstlichen Gnaden und gestehe willig dessen
Berechtigung zu. Ein Weib, ein Mädchen nun gar soll schweigen, so im
Kreise bedeutender Männer das Wohl des Landes beraten und erwogen wird.
Ein Weib —“
„Ein fürstlich Weib!“ murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick
schien die schöne Gestalt Salomes umfassen zu wollen.
Klug nützte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: „Ein Weib
versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches
Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein
kluger Manneskopf, wasmaßen das Weib meist nicht von Nebendingen
beeinflußt ist.“
„Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!“ lachte der Fürst amüsiert.
Tapfer behauptete Salome: „Ew. Hochfürstliche Gnaden werden mir zugeben,
daß ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht
beeinflußt bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in
meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu
bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darüber
hinaus.“
„O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschöpf der Erde die
Schrecken des Alters heraufbeschwören, stören den harmonisch schönen
Eindruck, der mein Herz entzückt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte,
holde Göttin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich
kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!“
„Und dennoch wird jene Zeit auch über mich kommen! Doch Euer Wunsch,
gnädigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe —“
„Hört ihr es!“ wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, „so
spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fürstlichen
Willen, und wären der Unterthanen alle wie Schönsalome, es wäre eine
Freud' und Lust, Herr zu sein! — Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen
mag!“
„Mein Ohm,“ erwiderte Salome, „der allverehrte Bürgermeister hat es
ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, daß zu viel
genommen ward von den Rechten Salzburgs, daß der Rat erniedrigt sei zu
bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist
nicht viel anderes als des Stadtbüttels Nichte, nicht wert an der Seite
des gnädigsten Fürsten und Landesherrn zu sitzen!“