Die Ahle

Mein Bruder und ich traten in eine Kirche. Es war gerade die Abendmesse.

Alle Heiligenbilder waren entfernt, die Kirche wurde offenbar renoviert. An

der leeren Altarwand leuchtete seitwärts ein goldener Kreis. Vor diesem

Kreis stand der Priester mit dem Schultertuch. Der Küster sang. Außer uns

war niemand in der Kirche. Und wir schämten uns, daß wir die einzigen

waren.

Die Abendmesse ging zu Ende. Wir gingen auf den Priester zu, um seinen

Segen zu empfangen. Da trat aus der Sakristei der Küster und sagte zu

meinem Bruder:

»Sie haben alles, um zu wachsen; und Sie«, er wandte sich an mich, »Sie

haben nichts.«

Ich sage mir: Mein Bruder hat ja wirklich seine Matrosenjacke an, und wenn

er sie noch weiter trägt, wird er aus ihr herauswachsen; ich aber habe

nichts. Und nun erstarre ich vor Angst: dicht vor mir steht ein Mann, der,

ich fühle es, etwas Böses gegen mich im Schilde führt. Ich stürze sofort

ans Fenster und frage mich: warum verkehrt mein Bruder mit so einem

Menschen? In diesem Augenblick kommt in das Haus, in das ich geraten bin,

mein Bekannter, der Lahme, und reicht mir eine Schusterahle. Mit diesem

Werkzeug wollte er mich also erstechen! Wir stiegen in ein Boot und

stießen, wie die Nachtigallen schmetternd, vom Ufer ab. Ein Knabe sprang zu

uns herein, und das Boot begann langsam zu sinken.

Prinzessin Mymra: Novellen und Träume · 第 55 / 57 题