Vor mir erschien eine schwarze wollene Schnauze mit langen weißen Zähnen;
sie zwinkerte mir zu und verschwand.
Ich befinde mich im alten Hause in der Tolmatschowski-Gasse zu Moskau, in
dem Zimmer, in dem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Ein kleines
Mädchen hat ein Album aufgeschlagen, zeigt mir trockene Blumen und fragt
mich bei jeder neuen Blume, ob ich sie erkenne oder nicht. Ich habe gar
nicht Zeit zu antworten, denn jemand anders antwortet für mich.
»Diese Blumen hier sind von Judas. Hast du sie erkannt?« fragt mich das
Mädchen.
Ich bin aber nicht mehr im Zimmer, sondern in einer Hundehütte und schreie
aus Leibeskräften. Nachdem ich genug geschrien habe, komme ich wieder ins
Zimmer. Der Tisch ist zu Mittag gedeckt. Ich setze mich an den Tisch und
schlafe ein.
Und es träumt mir, daß drei Gendarmen, mit Blumen in der Hand, ins Haus
treten.
Nun erwachte ich und begann zu essen. Kaum hatte ich aber den ersten Bissen
verschlungen, als die Tür aufging und die drei Gendarmen ins Zimmer traten.
»Ich habe euch soeben im Traume gesehen«, sage ich zu den Gendarmen, »Wo
habt ihr nur die Blumen hingetan?«
»Der Hund hat sie gefressen«, antworten die Gendarmen, indem sie sich die
Lippen belecken.
Ein mir unbekannter buckliger Mann in Zivil, der plötzlich Gott weiß woher
erschienen ist, nimmt mir gegenüber Platz. Er macht auf mich einen höchst
unangenehmen Eindruck; ich will ihn sogar schlagen, gebe aber diese Absicht
auf.
Der Bucklige bindet sich die Serviette vor und sagt, ohne mich aus den
Augen zu lassen:
»Die Anklage gegen Sie lautet: als Sie sich über den Fluß hinübersetzen
ließen, versuchten Sie die natürliche Abstammung der Eltern zu erklären.«
Ich höre es und verstehe ihn nicht.
»Ich habe nichts dergleichen erklärt.«
»Jemand hat Sie wohl belauscht und Ihre Gedanken aufgeschrieben«, fährt der
Bucklige fort und knetet mit den Fingern aus Schwarzbrot Kügelchen.
»Ich weiß nichts davon!« Ich wehre mich mit beiden Händen, ich höre, daß
die alte Kinderfrau Irinja im Nebenzimmer den Boden kehrt und aufräumt, und
denke mir: >Was ist das nun eigentlich, träume ich oder sitzt wirklich der
Bucklige vor mir und erhebt gegen mich Gott weiß was für Anklagen?<
»Ich wollte Sie schon längst kennenlernen«, sagt mir ein erst vor ganz
kurzer Zeit verstorbener bekannter russischer Dichter, den ich einhole, als
er mit irgendeinem Jungen durch eine menschenleere Straße geht.
»Wo leben Sie denn jetzt?« frage ich den Dichter, mich vor ihm verbeugend.
»In Moskau«, antwortet er mir, »im Hause der Georgischen Kirche auf dem
Woronzowschen Felde; die Kirche steht oben auf dem Berge, mein Haus aber
unten zwischen den Disteln; es gibt dort so einen leeren Platz.«
Ich wollte ihn fragen, ob er noch schreibe, aber er war schon verschwunden.
Und ich stand plötzlich in der leeren Kirche, in deren Mitte viele Leichen
unmittelbar auf den Steinfliesen aufgeschichtet lagen. Ich sah mir ihre
Gesichter aufmerksam an und bemerkte, daß die eine von ihnen, obwohl
wirklich tot, sich dennoch bewegte. Sie stand plötzlich auf und trat vor
den Altar.
Wir sahen einander an. Sie war nackt, ihre Füße waren mit Teer beschmiert
und ihr Gesicht hatte auffallende Ähnlichkeit mit der Somowschen
Illustration zu >Aimé Leboeuf<.[*]
Die alte Kinderfrau Irinja kehrt aber noch immer den Boden und räumt das
Zimmer auf. Mein kleiner Liebling, der Kater Dymka, reibt sich an meiner
Schulter und schnurrt.