Die Hexe

Ich bin in ein leeres Haus geraten; es sind zwar Tische, Stühle und andere

Möbel darin, und doch ist das Haus irgendwie leer. Ich bin nicht allein,

mit mir ist der Student P. in schwarzer Studentenjoppe, mit schwarzem

Knebelbart und einer schwarzen Brille.

Rings um mich her erscheinen eine nach der andern, anfangs verschwommen,

dann immer deutlicher werdend, Gestalten: es sind kleine, aufgedunsene

Knirpse. Ihre Anwesenheit in diesem unbewohnten Hause flößt mir Angst ein.

»Schauen Sie doch zum Fenster hinaus«, sagt mir der Student, der offenbar

erraten hat, wie unheimlich es mir in diesem leeren Hause zumute ist.

Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Das Fenster ging nach dem Garten. Es

fügte sich aber irgendwie so, daß ich mich unwillkürlich vom Fenster

abwandte und ins Zimmer blickte. Von den vielen Gestalten löste sich nun

eine schlanke Frau mit einem Kind auf den Armen ab. Ich dachte mir:

>Wenn ich über sie das Zeichen des Kreuzes mache, wird sie verschwinden.<

Ich bekreuzigte sie auch tatsächlich zweimal; die Frau sah mich aber

verständnislos an und bekreuzte sich selbst, als wollte sie mir zeigen, daß

ich mich geirrt habe. Der Student war auf einmal verschwunden. Ich ging zur

Tür, blieb aber stehen. Ich konnte nicht fort. Wer weiß, ob ich nicht auch

in den anderen Zimmern auf dasselbe stoße? Und plötzlich bemerkte ich eine

andere Frau. Sie lag in der Ecke auf einem Sofa. Sie war klein, ziemlich

dick und hatte rote Backen, eine flache Nase und einen häßlich vorstehenden

Unterkiefer.

»Nein, so muß man es machen!« sagte sie mir, indem sie sich aufrichtete und

ihre rote Bettdecke durch die Luft schwenkte.

Im gleichen Augenblick begann sich das Gesicht der schlanken Frau mit dem

Kinde zu verändern und die häßlichsten Mienen anzunehmen: die Nase wurde so

lang, daß sie bis unter die Lippen reichte, die Augen aber sprangen aus

ihren Höhlen heraus und blieben wie zwei Säcke hängen.

Die Rotbackige auf dem Sofa schwenkte wieder die Bettdecke, und das Kind in

den Armen der Frau begann zu schmelzen, sein Rumpf wurde immer kleiner und

kleiner, Arme und Beine verschwanden, und schließlich blieb nur noch der

Kopf übrig.

Prinzessin Mymra: Novellen und Träume · 第 44 / 57 题