Ich stehe am Flußufer mitten in einer Volksmenge. Jemand meint, daß diese
Volksmenge von der Darstellung des jüngsten Gerichts in der
Mariä-Verkündigungs-Kathedrale zu Solwytschegodsk herabgestiegen sei und
daß der Fluß, an dem wir stehen, die Donau oder der Safat sei; es werden
noch andere Namen genannt, ich kann sie aber nicht verstehen, da alles in
einer barbarischen Sprache erzählt wird.
Wir alle warten auf etwas und sind sehr aufgeregt. Ich kann nicht ruhig an
einem Platz stehen und laufe bald zu dem einen, bald zu dem andern und
frage:
»Kommt es bald?«
Statt mir zu antworten, zeigt man mit den Fingern auf eine dunkle Masse,
die vom Walde her naht.
Am Ufer, dicht am Wasser, ist ein kleiner Platz abgezäunt; auf dem Platz
stehen zwei Fäßchen mit einem quer darüber gelegten Brett. Ich dränge mich
bis an die Umzäunung vor, richte mich recht bequem ein und beobachte die
heranrückende dunkle Masse.
Allmählich kann man die seltsamen Gestalten unterscheiden: an der Spitze
reitet auf einem Ochsen der Zeremonienmeister, ein vornehmer Würdenträger
mit braunem Vollbart und goldgesticktem Rock; in seinen Händen glänzt ein
goldener Stab; nach dem Zeremonienmeister schreiten paarweise Damen in
langen weißen Gewändern, mit bloßen Füßen, und jedem Paar folgen Diener,
die je zwei Klappstühle und einen Fächer tragen. Endlich erscheint unter
einem Baldachin der König: er trägt einen mit silbernen Sternen besäten
Mantel, so blau wie der Fluß, und an den Händen weiße Ritterhandschuhe;
sein Gesicht ist dunkel wie das eines Mohren, und seine Nase gleicht einer
silbernen Sichel.
Der Mann, der neben mir stand und eine staubige rote Perücke aufhatte,
seines Zeichens Schwarzkünstler, schnaubte mit der Nase und sagte mir auf
russisch:
»Dieser König Napoleon hat eine angesetzte Nase!« Mit diesen Worten stürzte
er entseelt zu Boden.
Und ich sah, daß noch viele andere Menschen in der Volksmenge tot
niederfielen, offenbar für ihre Blasphemie bestraft. Nun kam es irgendwie
zutage, daß es durchaus kein gewöhnlicher König war.
Der Zug kam immer näher. Ich unterschied schon einen schlanken, weißen
Hofmann, der dem König folgte und Befehle erteilte. Dann kamen wieder Damen
und Diener; polternde Bauernwagen, bis an den Rand mit Rotkohl beladen,
beschlossen den Zug.
Alle Blicke waren auf den König gerichtet. Er betrat den am Ufer
abgezäunten Platz, und nun kam ich darauf, daß sein Gesicht unter einer
Larve verborgen und daß der schlanke Hofmann kein lebendiger Mensch,
sondern ein Automat war.
Die Diener legten indessen den Baldachin zusammen und stellten die Stühle
auf. Die weißen Damen rafften die Röcke hoch, nahmen Platz und begannen,
mit ihren bloßen Beinen baumelnd, ein Gebet zu murmeln. Der König verbeugte
sich vor dem Flusse, rief den Automaten herbei und setzte sich zugleich mit
ihm auf das Brett, das quer über den Fässern lag, doch so, daß die Mitte
des Brettes frei blieb.
Wir riefen alle hurra und schrien so lange, bis der Zeremonienmeister mit
dem braunen Vollbart und dem goldgestickten Rock mit seinem Stabe winkte.
Nun trat Totenstille ein.
»Warum hast du gesagt«, wandte sich der König an den Automaten, »daß diese
Bank zusammenbrechen würde? Du siehst doch, wir beide sitzen auf ihr, und
sie ist noch immer ganz.«
Die Stimme des Königs klang so jugendlich und stark, daß ein jeder von uns,
von einem plötzlich erwachten Gefühl von Jugend und Kraft ergriffen,
emporsprang. Wir alle waren bereit, für unsern König zu sterben.
Die Damen schrien hurra.
»Kaiser, du sitzt nicht richtig, setz dich in die Mitte!« sagte der Automat
zum König. Mit diesen Worten erhob er sich vom Brett und ging an den Zaun
zu der Stelle, wo ich mich so bequem eingerichtet hatte.
Ich konnte mich nicht enthalten und rührte ihn hinten an: meine Hand stieß
auf etwas Metallisches und Kaltes, ich zog sie unwillkürlich zurück und
fühlte ein Zittern wie vom elektrischen Strom.
Der König erhob sich. Der König legte seinen Mantel zurecht. Der König
setzte sich auf die Mitte des Brettes. Kaum hatte er es berührt, als das
Brett mitten entzweibrach. Der König flog in den Fluß.
Die Damen brachen in Tränen aus. Wir schrien hurra und begannen den
Automaten zu prellen; während wir ihn in die Höhe warfen, warfen wir auch
die Rotkohlköpfe zum Himmel empor.