II.

Unter einem stechenden Schmerz erwachte ich zum Glück, denn die Kälte

war dermassen gestiegen, dass nicht viel gefehlt hätte, so wäre ich

erfroren.

Ein weites Tal öffnete sich vor mir, zum Teil noch erfüllt von

den violetten Nebeln der Nacht, grandiose, zerklüftete Bergketten,

steile Alpenmatten; über dieses Bild wölbte sich ein zarter grünlicher

Morgenhimmel und die höchsten, mit Schnee bedeckten Spitzen glänzten

schon im rosigen Schein. Schon zerteilten sich die Nebel, einzelne

Flocken versanken in den dunkeln Wäldern. Ich rieb mir die Augen. --

In welchem Lande war ich? -- Würzige Düfte stärkten mich, auf einmal

rötete sich der Himmel, es kam hinter den Firnen hervor wie eine

tönende Glanzfanfare -- ich sprang schreiend auf: das war die +Sonne+,

die grosse Sonne! -- Aber meine Augen waren zu schwach, um diesem

Eindruck standzuhalten, ich vertrug den Tag nicht mehr und versuchte,

das Dunkel des Berges zu gewinnen. Aus der fernen Ebene drangen

Hornrufe, man sah von weitem dunkle Kolonnen näher kommen! Unter mir

erblickte ich ein weites Trümmerfeld, durchzogen von unzähligen, mit

Steinen angefüllten Gräben. Ich stieg zitternd in den Bergschacht.

[Illustration]

Ich betrat den Felsensaal; mit seinen zwei Reihen mächtiger,

figurenbedeckter Säulen erinnerte er an einen Höhlentempel. In einem

weiten ehernen Becken brannte eine Naphtaflamme, eine unruhige,

orangegelbe Zunge. Sie war das einzige Licht hier und drang kaum bis

in den tiefen Hintergrund, wo die Blauäugigen hockten. Am liebsten

hätte ich mich in meiner Angst zurückgezogen, aber ich wollte ihnen für

meine Rettung danken; über die Zukunft hatte ich noch keinen Augenblick

nachgedacht.

Ich konnte mich nicht entschliessen, in meinen ausgefransten Kleidern

vor diese ernst schweigende Versammlung zu treten. Verborgen, im

Schatten einer Säule, wollte ich warten. Da schreckte mich ein

heiserer Seufzer. Am Eingange bewegte sich etwas Dunkles, ein Haufen

schwarzer Stoffe, wie ich in der unsicheren Beleuchtung annahm.

Mühselig, ächzend und mit schleifenden Schritten näherte sich da ein

Wesen. Ein Mensch? -- Er hielt das verhüllte Haupt tief gebeugt und

trug ein weit nachschleppendes Gewand. Beim Feuerbecken blieb es stehen

und schlug seinen Schleier zurück. -- Patera?? -- Ja, und nein! -- Aber

er war es doch! -- -- -- Welche Veränderung war mit ihm vorgegangen?!

Wie unter einer seine Kräfte übersteigenden Last stöhnend kam er näher,

die merkwürdige Fähigkeit, sich beliebig wandeln zu können, schien von

ihm gewichen zu sein; nur von Müdigkeit -- von namenloser Müdigkeit

sprach dieses Gesicht. Seine Augen waren halbgeschlossen. Er hatte

jetzt wieder etwas Menschliches, und ich empfand nicht die geringste

Furcht mehr vor ihm. Die wächserne tote Farbe war verschwunden, er

erinnerte wieder an den Menschen, den ich auf der Schule gekannt. So

schleppte er sich, wie unter etwas Unabwendbarem leidend, zögernd an

mir vorbei und den Blauäugigen entgegen. Diese hatten sich erhoben und

erwarteten ihn -- wie Bildsäulen anzusehen -- in einem Halbkreise vor

dem Feuerbecken. Einer der Ältesten trat auf ihn zu und überreichte

ihm ein kleines Gefäss, eine Vase, soweit ich erkennen konnte; dann

fiel der Greis vor dem Herrn zu Boden; auch die anderen hatten sich

niedergeworfen und ihr Antlitz verborgen. Eine tiefe, religiöse Wallung

überkam mich so stark, dass ich unwillkürlich meine Knie beugte und die

Hände faltete.

Patera bewegte sich mit schwerem Schritt in einem Bogen um den

brennenden Quell und stieg mehrere Stufen hinunter bis zu einer

kleinen, halbrunden Türöffnung. Daraus leuchtete ein so unerhörter

Glanz, dass ich beide Hände vor meine Augen halten musste. Die

Naphtaflamme qualmte dagegen trübe. Der Herr wandt sich gegen uns, die

wir alle regungslos dalagen und ihn wegen des Glanzes kaum anzusehen

wagten. -- Pateras Augen hatten auch die letzte Spur des Unheimlichen

verloren -- -- diese grossen Augen leuchteten nunmehr in einem

feuchten, dunklen Blau -- -- und umfassten uns alle mit einem Blick

grenzenloser Güte. Dann sah ich noch einmal das Profil von denkbar

schönster Reinheit strahlend hell vom Hintergrunde sich abheben. Er

warf mit einer kurzen Bewegung seines Kopfes die dichten, langen

Locken zurück und verschwand. Langsam wurde der lange, schwarze Flor

nachgezogen. Die erzene Tür fiel ins Schloss.

Alle erhoben sich und traten vor die Pforte; auch ich kam aus meinem

Winkel hervor. Im Nebenraum musste etwas Aussergewöhnliches vor sich

gehen. Man hörte ein Geräusch, als wenn Kolonnen von Menschen sich

bewegten. Auf einmal zuckte die Flamme im Feuerbecken wild auf, färbte

sich grün und erlosch. Wir befanden uns in völliger Finsternis.

Von drinnen schallten schauerlich lang anhaltende Schreie und

erschütterten derart mein Herz, dass ich zusammenzuckend mir die Ohren

zuhalten musste, um die Besinnung nicht zu verlieren.

Es waren schneidende Töne, wie von einer Riesensäge, die mit ihren

Zähnen den Fels zerfrisst. Zuletzt ging es in das tiefe, rauhe Stöhnen

eines verwundeten Raubtieres über, -- auch das wurde nach und nach

schwächer und hörte mit einem entsetzlichen Rasseln auf. -- -- --

Als wir öffneten, fanden wir in dem Gemache welches ein bläuliches

Licht matt erhellte, alles zertrümmert, geschmolzene Metalle, zernagte

Steine, abgesprengte Felsstücke. -- -- Und da -- der Herr ....!

Zu einem Bündel geknäult, gegen die Wand gekehrt, lag er in einer Ecke,

wie von einer fremden Gewalt hingeschleudert, das Gesicht nach unten. --

Der verschrumpfte Körper erschien mir auffallend klein und schwächlich.

Der Herr und dieses in sich zusammengezogene Ding, das musste zweierlei

sein. Ich begriff nicht! Diese grässliche, Mitleid heischende

Hinfälligkeit sollte dasselbe sein, was soeben diesen Raum betreten

hatte?!

Ein unvorstellbarer Todeskampf hatte den Leib des gewaltigsten

Geschöpfes verkrümmt. Wenn auch russig und beschmutzt, das war dasselbe

mächtig gewölbte Haupt, das wir alle so gut kannten.

Die Greise hoben ihn auf. Als man die Leiche gewaschen hatte, löste

sich langsam die Starre. Aus dem Gesicht verschwand die Verzerrung.

Die Augendeckel liessen sich schliessen und das Grinsen machte dem

erhabensten Ausdruck der Ruhe Platz. +Die dunkelblonden Locken Pateras

waren im Sterben weiss geworden!+

Auf den Boden ausgestreckt, kam mir die Leiche bedeutend länger vor,

aber zu meinem Schrecken wuchs sie noch immer -- ruckweise, knackend,

wie aus einem geheimen Kraftüberschuss. Erst nach einiger Zeit hörte

dieses Wachstum auf. Im Verhältnis zur Länge des Körpers wirkte das

wuchtige Haupt fast zierlich, hell umflossen von der bleichen Mähne:

marmorn, kalt, gleich einem Götterbildnis der antiken Welt.

Der Körper war von einer unbeschreiblichen Schönheit. Ich schaute eine

Anmut und Reinheit der Formen, dass ich nicht begriff, wie so etwas

auf unsere Erde kommen konnte. Ich stand vor ihm, dem Herrn, in meinen

Lumpen und sah zum ersten und letzten Male die wirkliche Majestät.

Keiner der anwesenden Blauäugigen wagte, durch eine Bewegung die stille

Unnahbarkeit zu durchbrechen. Einer nach dem andern ging hinaus. Ich

war wieder der letzte; mit angehaltenem Atem und auf den Zehenspitzen

schlich ich mich fort. Die Blauäugigen verliessen den Berg, keinen habe

ich mehr gesehen.

Ich setzte mich auf die unterste Treppenstufe.

Ein Weinkrampf erfasste mich.

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