Unter einem stechenden Schmerz erwachte ich zum Glück, denn die Kälte
war dermassen gestiegen, dass nicht viel gefehlt hätte, so wäre ich
erfroren.
Ein weites Tal öffnete sich vor mir, zum Teil noch erfüllt von
den violetten Nebeln der Nacht, grandiose, zerklüftete Bergketten,
steile Alpenmatten; über dieses Bild wölbte sich ein zarter grünlicher
Morgenhimmel und die höchsten, mit Schnee bedeckten Spitzen glänzten
schon im rosigen Schein. Schon zerteilten sich die Nebel, einzelne
Flocken versanken in den dunkeln Wäldern. Ich rieb mir die Augen. --
In welchem Lande war ich? -- Würzige Düfte stärkten mich, auf einmal
rötete sich der Himmel, es kam hinter den Firnen hervor wie eine
tönende Glanzfanfare -- ich sprang schreiend auf: das war die +Sonne+,
die grosse Sonne! -- Aber meine Augen waren zu schwach, um diesem
Eindruck standzuhalten, ich vertrug den Tag nicht mehr und versuchte,
das Dunkel des Berges zu gewinnen. Aus der fernen Ebene drangen
Hornrufe, man sah von weitem dunkle Kolonnen näher kommen! Unter mir
erblickte ich ein weites Trümmerfeld, durchzogen von unzähligen, mit
Steinen angefüllten Gräben. Ich stieg zitternd in den Bergschacht.
[Illustration]
Ich betrat den Felsensaal; mit seinen zwei Reihen mächtiger,
figurenbedeckter Säulen erinnerte er an einen Höhlentempel. In einem
weiten ehernen Becken brannte eine Naphtaflamme, eine unruhige,
orangegelbe Zunge. Sie war das einzige Licht hier und drang kaum bis
in den tiefen Hintergrund, wo die Blauäugigen hockten. Am liebsten
hätte ich mich in meiner Angst zurückgezogen, aber ich wollte ihnen für
meine Rettung danken; über die Zukunft hatte ich noch keinen Augenblick
nachgedacht.
Ich konnte mich nicht entschliessen, in meinen ausgefransten Kleidern
vor diese ernst schweigende Versammlung zu treten. Verborgen, im
Schatten einer Säule, wollte ich warten. Da schreckte mich ein
heiserer Seufzer. Am Eingange bewegte sich etwas Dunkles, ein Haufen
schwarzer Stoffe, wie ich in der unsicheren Beleuchtung annahm.
Mühselig, ächzend und mit schleifenden Schritten näherte sich da ein
Wesen. Ein Mensch? -- Er hielt das verhüllte Haupt tief gebeugt und
trug ein weit nachschleppendes Gewand. Beim Feuerbecken blieb es stehen
und schlug seinen Schleier zurück. -- Patera?? -- Ja, und nein! -- Aber
er war es doch! -- -- -- Welche Veränderung war mit ihm vorgegangen?!
Wie unter einer seine Kräfte übersteigenden Last stöhnend kam er näher,
die merkwürdige Fähigkeit, sich beliebig wandeln zu können, schien von
ihm gewichen zu sein; nur von Müdigkeit -- von namenloser Müdigkeit
sprach dieses Gesicht. Seine Augen waren halbgeschlossen. Er hatte
jetzt wieder etwas Menschliches, und ich empfand nicht die geringste
Furcht mehr vor ihm. Die wächserne tote Farbe war verschwunden, er
erinnerte wieder an den Menschen, den ich auf der Schule gekannt. So
schleppte er sich, wie unter etwas Unabwendbarem leidend, zögernd an
mir vorbei und den Blauäugigen entgegen. Diese hatten sich erhoben und
erwarteten ihn -- wie Bildsäulen anzusehen -- in einem Halbkreise vor
dem Feuerbecken. Einer der Ältesten trat auf ihn zu und überreichte
ihm ein kleines Gefäss, eine Vase, soweit ich erkennen konnte; dann
fiel der Greis vor dem Herrn zu Boden; auch die anderen hatten sich
niedergeworfen und ihr Antlitz verborgen. Eine tiefe, religiöse Wallung
überkam mich so stark, dass ich unwillkürlich meine Knie beugte und die
Hände faltete.
Patera bewegte sich mit schwerem Schritt in einem Bogen um den
brennenden Quell und stieg mehrere Stufen hinunter bis zu einer
kleinen, halbrunden Türöffnung. Daraus leuchtete ein so unerhörter
Glanz, dass ich beide Hände vor meine Augen halten musste. Die
Naphtaflamme qualmte dagegen trübe. Der Herr wandt sich gegen uns, die
wir alle regungslos dalagen und ihn wegen des Glanzes kaum anzusehen
wagten. -- Pateras Augen hatten auch die letzte Spur des Unheimlichen
verloren -- -- diese grossen Augen leuchteten nunmehr in einem
feuchten, dunklen Blau -- -- und umfassten uns alle mit einem Blick
grenzenloser Güte. Dann sah ich noch einmal das Profil von denkbar
schönster Reinheit strahlend hell vom Hintergrunde sich abheben. Er
warf mit einer kurzen Bewegung seines Kopfes die dichten, langen
Locken zurück und verschwand. Langsam wurde der lange, schwarze Flor
nachgezogen. Die erzene Tür fiel ins Schloss.
Alle erhoben sich und traten vor die Pforte; auch ich kam aus meinem
Winkel hervor. Im Nebenraum musste etwas Aussergewöhnliches vor sich
gehen. Man hörte ein Geräusch, als wenn Kolonnen von Menschen sich
bewegten. Auf einmal zuckte die Flamme im Feuerbecken wild auf, färbte
sich grün und erlosch. Wir befanden uns in völliger Finsternis.
Von drinnen schallten schauerlich lang anhaltende Schreie und
erschütterten derart mein Herz, dass ich zusammenzuckend mir die Ohren
zuhalten musste, um die Besinnung nicht zu verlieren.
Es waren schneidende Töne, wie von einer Riesensäge, die mit ihren
Zähnen den Fels zerfrisst. Zuletzt ging es in das tiefe, rauhe Stöhnen
eines verwundeten Raubtieres über, -- auch das wurde nach und nach
schwächer und hörte mit einem entsetzlichen Rasseln auf. -- -- --
Als wir öffneten, fanden wir in dem Gemache welches ein bläuliches
Licht matt erhellte, alles zertrümmert, geschmolzene Metalle, zernagte
Steine, abgesprengte Felsstücke. -- -- Und da -- der Herr ....!
Zu einem Bündel geknäult, gegen die Wand gekehrt, lag er in einer Ecke,
wie von einer fremden Gewalt hingeschleudert, das Gesicht nach unten. --
Der verschrumpfte Körper erschien mir auffallend klein und schwächlich.
Der Herr und dieses in sich zusammengezogene Ding, das musste zweierlei
sein. Ich begriff nicht! Diese grässliche, Mitleid heischende
Hinfälligkeit sollte dasselbe sein, was soeben diesen Raum betreten
hatte?!
Ein unvorstellbarer Todeskampf hatte den Leib des gewaltigsten
Geschöpfes verkrümmt. Wenn auch russig und beschmutzt, das war dasselbe
mächtig gewölbte Haupt, das wir alle so gut kannten.
Die Greise hoben ihn auf. Als man die Leiche gewaschen hatte, löste
sich langsam die Starre. Aus dem Gesicht verschwand die Verzerrung.
Die Augendeckel liessen sich schliessen und das Grinsen machte dem
erhabensten Ausdruck der Ruhe Platz. +Die dunkelblonden Locken Pateras
waren im Sterben weiss geworden!+
Auf den Boden ausgestreckt, kam mir die Leiche bedeutend länger vor,
aber zu meinem Schrecken wuchs sie noch immer -- ruckweise, knackend,
wie aus einem geheimen Kraftüberschuss. Erst nach einiger Zeit hörte
dieses Wachstum auf. Im Verhältnis zur Länge des Körpers wirkte das
wuchtige Haupt fast zierlich, hell umflossen von der bleichen Mähne:
marmorn, kalt, gleich einem Götterbildnis der antiken Welt.
Der Körper war von einer unbeschreiblichen Schönheit. Ich schaute eine
Anmut und Reinheit der Formen, dass ich nicht begriff, wie so etwas
auf unsere Erde kommen konnte. Ich stand vor ihm, dem Herrn, in meinen
Lumpen und sah zum ersten und letzten Male die wirkliche Majestät.
Keiner der anwesenden Blauäugigen wagte, durch eine Bewegung die stille
Unnahbarkeit zu durchbrechen. Einer nach dem andern ging hinaus. Ich
war wieder der letzte; mit angehaltenem Atem und auf den Zehenspitzen
schlich ich mich fort. Die Blauäugigen verliessen den Berg, keinen habe
ich mehr gesehen.
Ich setzte mich auf die unterste Treppenstufe.
Ein Weinkrampf erfasste mich.