I.

Eine nie empfundene Leichtigkeit war in mir, ein süsslicher matter

Duft drang aus meinem Innern herauf, meine Gefühle waren von Grund aus

verwandelt, mein Leben war nichts als ein waches Flämmchen. Schlief

ich vielleicht? -- Wachte ich? -- War ich tot? Von ferne hörte ich

ein paar leerklingende Rufe, wie helle gebrochene Akkorde. Es krähte

ein Hahn und ich vernahm leises Orgelspiel, einen einfachen Choral.

-- Ich blickte auf und sah tief unter mir eine anheimelnde deutsche

Winterlandschaft, ein Gebirgsdörfchen; es schien gegen Abend zu gehen,

die Orgelklänge drangen aus dem geöffneten Portal einer kleinen

Kirche. Dorfjungen zogen ihre Handschlitten durch den aufgeweichten

Schnee der Strasse, Frauen in grosse bunte Tücher gehüllt, kamen aus

dem Gotteshaus; unter den weit vorspringenden, mit Steinen belegten

Holzdächern der Bauernhäuser standen gebückte Gestalten. -- Auf einmal

erkannte ich alles; -- es war der Flecken, in dem ich meine Kindheit

verlebt habe. Jeder dieser Menschen war mir gut bekannt, in einem Paar

entdeckte ich mit freudigem Schreck meine Eltern -- mein Vater trug

seine gewöhnliche braune Pelzmütze. -- Ich wunderte mich nicht, dass

die meisten Menschen da unten längst gestorben waren, sondern wollte

mich gerade in diese wirklich gewordene Vergangenheit begeben, aber ich

konnte kein Glied rühren. Ich sah ein paar Raben gegen den zugefrorenen

See fliegen, über den vermummte Wesen gingen, -- da wurde alles blass

und blasser -- und verschwand. --

Ich sah nichts mehr in der Finsternis. Die Orgelmusik erfüllte mich so

wunderbar, dass ich glaubte, selbst in ihren Klängen zu leben; immer

neue, noch vollere Akkorde gesellten sich hinzu, -- doch unvermittelt

brach die Harmonie ab. --

[Illustration]

Die Stadt Perle stand am alten Fleck. -- Aus dem Palaste trat Patera,

atmete tief und so geräuschvoll, dass ich es bis herauf hörte,

streckte sich, und wurde dabei immer grösser. Schon war sein Kopf

bis in meine Höhe gewachsen, er hätte den ganzen Palast als Schemel

benutzen können. Seine Kleider waren geplatzt und von ihm abgefallen.

Sein Gesicht bedeckten die lang herabfallenden Locken. -- Mit den

ungeheuren Füssen schob er die Strassen auseinander, und beugte sich

über den Bahnhof, wo er nach einer Lokomotive griff. Darauf blies er

wie auf einer Mundharmonika, wuchs aber zusehends immer nach allen

Seiten, so dass ihm sein Spielzeug bald zu klein wurde. Da brach er

den grossen Turm ab und schmetterte damit entsetzliche Drommetenstösse

gegen den Himmel, schrecklich war sein nackter Leib anzusehen. Jetzt

entwickelte er sich ins Grenzenlose, grub einen Vulkan aus, an

welchem noch ein schneckenförmig gewundener Granitdarm der Erde

hing. Dieses gigantische Instrument setzte er an seine Lippen -- es

dröhnte, dass das Weltall erzitterte. Längst war die Stadt unter

seinen Füssen verschwunden. Aufgerichtet stand er da, seine oberen

Körperteile reichten in die Wolken, sein Fleisch war wie aus Hügeln

zusammengesetzt. -- Er schien von Wut erfüllt! In der Ferne sah ich ihn

niederknien, Vogelscharen fingen sich in seinem langen Haar. Er watete

in ein Meer, das ihm kaum bis zu den Hüften reichte, aber austrat und

die ganze Erde überschwemmte. Mit seinen ungeheuren Armen ruderte er in

den Gewässern und fing Schiffe und zappelnde Meerungeheuer. Zerquetscht

warf er alles wieder von sich. Er zertrat die Gebirge, die wie Lehm

aufspritzten, grosse Ströme ergossen sich in seine Fussstapfen. Er

wollte alles vernichten. Bis in die entferntesten Berghütten spritzte

er seinen siedenden Harn, dass die nichtsahnenden Bewohner, von dem

Dampfe verbrüht, umkamen. Er stampfte in der graugelben Sintflut herum,

sein erregter Leib war von Rauchwolken eingehüllt. Aus meilenweiter

Entfernung warf er Fäuste voll Menschen herüber, die als ein

Leichenregen niedersausten. Jetzt kam in einen gewaltigen Gebirgszug,

der sich von West nach Ost erstreckte, Bewegung. Ich sah, dass es der

schlafende Amerikaner war. Patera warf sich der Länge nach auf diesen

Feind; während sie rangen, kochte das Meer in haushohen Wellen auf. Ich

aber wusste mich in der Hand meines Schicksals und blieb ruhig.

Es war ein Blutozean, der sich, soweit meine Blicke schweiften,

da unten dehnte. Die purpurnen heissen Fluten stiegen immer höher,

meine Füsse wurden von dem rosenfarbenen Schaum der Brandung bespült.

Ein ekelhafter Dunst stieg mir in die Nase. -- Das rote Meer trat

zurück und verfaulte vor meinen Augen; immer dicker und dunkler und

schwärzer wurde das Blut, während es manchmal in allen Farben des

Regenbogens schillerte. Oft teilte sich die zähe Flüssigkeit, es ward

der Grund dieses Meeres sichtbar, der mit weichem Kot bedeckt war und

entsetzliche Dämpfe verbreitete.

Patera und der Amerikaner verkrallten sich zu einer unförmlichen

Masse, der Amerikaner war gänzlich in Patera hineingewachsen. Ein

ungeschlachter, nicht übersehbarer Körper wälzte sich nach allen

Seiten. Dieses gestaltlose Wesen besass eine Proteusnatur, Millionen

kleiner, wechselnder Gesichter bildeten sich an seiner Oberfläche,

schwatzten, sangen und schrien durcheinander und zogen sich wieder

zurück. Aber auf einmal kam Ruhe in das Ungeheuer, das sich zu einer

gigantischen Kugel drehte, den Schädel Pateras. Die Augen, gross wie

Weltteile, hatten den Blick eines hellsehend gewordenen Adlers. Jetzt

bekam er ein Parzengesicht und alterte vor mir um Millionen Jahre.

Die Urwälder seiner Haare lösten sich von dem Haupte, die glatte

Knochenschale trat zutage. Plötzlich zerstob das Haupt, ich starrte in

ein unbestimmtes grelles Nichts ....

Jetzt sah ich weit draussen den Amerikaner, welcher nun selber die

furchtbare Grösse Pateras hatte. Die Augen in seinem Cäsarenkopfe

schossen diamantene Blitze, er kämpfte mit sich selbst in einem

dämonischen Paroxysmus, die enormen Wölbungen seiner strotzenden

Adern schlängelten sich in einem bläulichen Netz an seinem Halse, er

versuchte, sich zu erdrosseln, -- vergebens! Mit aller Kraft schlug

er sich auf die Brust, es klang wie ein stählernes Schallbecken, das

Gedröhne betäubte mich fast. Dann schmolz dieses Ungeheuer schnell

zusammen, nur sein Geschlecht wollte nicht kleiner werden, und

schliesslich klebte er wie ein unscheinbarer Parasit an einem über

alle Möglichkeit grossen Phallus. -- Dann fiel der Parasit wie eine

vertrocknete Warze ab, gleich einer ungeheuerlichen Schlange kroch

das fürchterliche Glied über die Erde, wand sich wie ein Wurm und

verschwand, kleiner werdend, in einem der unterirdischen Gänge des

Traumstaates.

Meine Blicke durchdrangen die Erde, in all diesen Gängen wohnte ein

tausendarmiger Polyp, elastisch wie Kautschuk streckten sich seine

Glieder unter alle Häuser, schlüpften in alle Wohnungen, saugten sich

unter jedes Bett, beunruhigten mit ihren feinen Härchen und Warzen

alle Schläfer, dehnten sich endlos auf viele Meilen hinaus, ringelten

sich zu Klumpen zusammen, die bald schwarz, bald oliv, bald bleich

fleischfarben irisierten.

Wieder blendete mich die Helligkeit. Zwei violette, leuchtende Meteore

stiegen von entgegengesetzten Richtungen auf, näherten sich einander

und stiessen zusammen. Die Luft stand in Weissglut. Bunte Blitze

zuckten und kreuzten sich vielfach. Da war es, als entständen auf

Sekunden prachtvoll gefärbte sonnige Welten mit Blumen und Geschöpfen,

wie ich sie nie auf Erden gesehen habe. Ein sprühendes, ungebärdiges

Leben sauste durcheinander an meiner Seele vorbei. Denn nicht mehr

mit dem Auge sah ich das -- nein, +nein!+ ich hatte mich vergessen,

ich selbst ging auf in diesen Welten, nahm teil am Schmerz und an der

Freude zahlloser Wesen. Rätsel entschleierten sich mir, fremdartig und

unschilderbar.

Irgendwo splitterte etwas -- ich hörte Klumpen fallen. -- Weiche

knochenlose Massen entstanden, weiblich im Ausdruck. Es durchpeitschte

sie ein intensiver Formungsdrang; prickelnd glühten Lichtpunkte

auf, tausend Harmonien durchfuhren die Räume. Diese wieder flossen

ineinander zu einem unteilbaren, wässerigen, leuchtenden Schleim. --

Wo eben noch ein Meer gerauscht hatte, gefror eine Eiskruste, die

zerplatzt, geometrische Figuren nach allen Seiten warf.

Ich gehörte dazu und erfasste alles mit namenlosen Kräften. Nach

Ereignissen, die zeitlos, ewig waren, nach Spannungen eines immer

eruptiver werdenden Wandels, schlug alles ins Gegenteil um. Auf das

Gebären folgte ein Drang nach einem Mittelpunkt -- und im Nu war er

erreicht. Eine sanfte, selige Schwäche durchstrahlte die Welt. Aus

einem matten Verstehen wurde eine Kraft, eine Sehnsucht. -- Es war

eine ungeheure, selbstverständliche Gewalt, -- es wurde dunkel. -- In

klaren, regelmässigen Schwingungen versank das All in einen Punkt.

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