Man war in der zivilisierten Welt etwa zwölf Jahre lang in Unkenntnis
von dem Bestehen des Traumlandes geblieben. Gewiss, es kamen Fälle vor,
dass Personen plötzlich auf unerklärliche Weise verschwanden. Wohl
wurden viele noch auf Bahnen und Schiffen gesehen, später aber blieb
jedes Nachforschen ohne Ergebnis. Solange es sich um Leute handelte,
die auf irgendeine Art mit dem Kulturleben zerfallen waren und Grund
hatten, sich zu verbergen, machte man wenig Aufhebens. Für bankerotte
Menschen hat die Welt geringes Interesse übrig.
Weit empfindlicher wurde die Gesellschaft getroffen, als anerkannte
Mitglieder der Gelehrten-, Künstler- und Finanzkreise zu rätselhaften
Flüchtlingen wurden. Meist erhielten die Angehörigen zwei bis drei
Wochen nach Abgang des ungetreuen Familienmitgliedes noch ein
Lebenszeichen -- wenigstens einen Brief mit ein paar Zeilen. Aber was
liess sich daraus entnehmen, wenn es hiess: „Forschet nicht nach mir,
ich bin gut aufgehoben“ oder „eingetretener Umstände halber muss ich
Dich bitten, auf meine Hand zu verzichten“ oder „Verzeihet alle, ich
kann nicht anders“.
Jeder hätte ungläubig gelacht, wenn ihm einer gesagt hätte, dass diesem
Verschwinden eine gemeinsame Ursache zugrunde lag. Die Polizei versagte.
Am bemerkenswertesten war das Verschwinden der Prinzessin von X. Nun
war man zwar in jenen Tagen an das Entwischen hochstehender Damen
gewöhnt, aber es kamen doch zumeist die jüngeren Jahrgänge in Betracht.
Dieses Mal war es eine Alte, der es auch daheim gut gegangen war.
Ihre Spuren führten bis an das Schwarze Meer. Einigen türkischen
Gepäckträgern war sie durch ihr ungewöhnliches Knausern mit den
Trinkgeldern aufgefallen. Dadurch hatte man sie erkannt. Ernstlich
getroffen wurden durch ihr Verschwinden nur einige Neffen und Nichten,
die auf die Erbschaft rechneten. Leider hatte das alte Fräulein
sein gesamtes Eigentum mitgenommen. -- Die Prinzessin von X. blieb
verschollen.
Bald folgte der Fall des amerikanischen Milliardärs Bell, welcher die
Gesellschaft auf den Traumstaat aufmerksam machte und schliesslich
zur Aktion trieb. Dieser Pökelfleischkönig hatte auf mir unbekannte
Weise von dem sonderbaren Land gehört und sich in den Kopf gesetzt,
ein Bürger dieses Reiches zu werden. Der sofortigen Aussprengung,
dass er geisteskrank sei, begegnete Bell dadurch, dass er sich einen
namhaften Nervenarzt zur eigenen, ständigen Beobachtung hielt; diese
Koryphäe konnte nur bestätigen, dass der Amerikaner vollkommen bei
Verstand sei. Jahrelang trieb sich der Sonderling auf allen Meeren
und in allen Gegenden der Welt herum, um das Traumreich zu suchen,
er war von seinem Arzte und zwei Dienern begleitet. Bald sah man ihn
in Neu-Seeland alle Inseln durchstöbern, bald tauchte er im indischen
Archipel auf. In Hongkong verliess ihn sein Arzt. Er erklärte, er könne
es bei Herkules Bell nicht mehr aushalten, seine anfangs günstige
Meinung müsse er dahin korrigieren, dass er den Amerikaner jetzt
doch für belastet halte und an fixen Ideen leidend. Der Arzt fuhr
nach Hause, der reiche Mann folgte seinen Einbildungen. Und dann das
Sensationelle: Der Amerikaner hatte einen Boten geschickt, der eines
Tages mit einem dicken Brief und einer Proklamation in das Kabinett
des englischen Premierministers trat. Se. Lordschaft musste sich
überzeugen von dem Vorhandensein einer allen Gesetzen Hohn sprechenden
Vereinigung, in welcher ein ebenso spitzbübischer wie unermesslich
reicher Machthaber sein Unwesen trieb. Viele Tausende braver Europäer
wurden hier in widerrechtlicher Gefangenschaft gehalten. Der Amerikaner
schrieb, dass er sich an die Engländer wende, als den erklärten Feinden
jeder entwürdigenden Sklaverei, und von ihnen die schnellste und
durchgreifendste Hilfe erwarte.
Wenngleich Brief und Proklamation in einem derben und
marktschreierischen Ton gehalten waren, man konnte sich den Bitten
um schleunige Hilfe nicht gänzlich verschliessen, wenn man das
geheimnisvolle Verschwinden so vieler Personen bedachte. Sollte doch
auch die Prinzessin X. dort in Gefangenschaft schmachten. Auch die
sonderbaren Häuserkäufe, die seinerzeit in der europäischen Presse so
viel Befremden erregt hatten und für die Marotte eines asiatischen
Kleinfürsten galten, erklärten sich nun. Die Folge war ein eifriger
Depeschenwechsel zwischen den Regierungen der europäischen Grossmächte;
es schien geboten, ohne viel Lärm rasch zu handeln. Russland
erhielt als Grenzreich das Mandat zum Eingreifen; die gewöhnlichen
Eifersüchteleien schwiegen, die Parlamente wurden vorläufig nicht
verständigt.
In einem Monat war eine russische Division mobilisiert und dem
Befehl des fähigen Generals Rudinoff unterstellt. Man schrieb: „Für
christliche Moral und Nächstenliebe!“ auf die Fahnen und dachte an die
zu erobernden Goldbarren. Der Zar erhoffte nebenbei, dass ihm eine
steuerkräftige Provinz zufallen würde; lag doch das sagenhafte Land
ganz nahe der russischen Grenze.
Eine Reihe von Zeitungsberichterstattern, Photographen, Spekulanten
und sachverständigen Kaufleuten wurden in aller Stille eingeladen und
mitgenommen.
Zwar protestierten die chinesischen Gesandten bei allen Mächten gegen
diese offenkundige Verletzung der Grenze des himmlischen Reiches,
doch da war es bereits zu spät und die bezopften Herren mussten sich
zurückziehen.
Man kannte zwar die Lage des Traumreiches ziemlich genau nach der
Karte, zur Vorsorge sollte der Bote des Amerikaners die Truppen führen.
Aber man fand diesen Mann eines Tages in seinem Hotelzimmer tot vor.
Ein Dolch steckte ihm im Bauch und mit Befremden las man die drei
Worte, die in die Klinge geätzt waren:
„+Schweigen ist Gold!+“
Rudinoff musste allein suchen.