Der reiche Amerikaner machte immer mehr von sich reden. Jeden
Nachmittag galoppierte er auf einem schwarzen Hengst durch die Lange
Gasse, wir konnten vom Café aus sein verächtliches Lächeln deutlich
sehen, während sich die blassen Traumstädter in die Haustore und Winkel
flüchteten, um diesem rücksichtslosen Reiter auszuweichen. An der
Badeanstalt band er sein Tier fest, dann entkleidete er sich und zu
Pferd ging’s in die Fluten. Mit Leichtigkeit bändigte dieser Athlet
das sich bäumende Tier. -- Einmal kam er nach einem solchen Bad auch
in unser Kaffeehaus. Er bestellte mehrere Getränke, die es hier gar
nicht gab und schimpfte infolgedessen. Endlich beruhigte er sich ein
wenig bei Grog. Ich konnte ihn jetzt aus nächster Nähe beobachten,
sein scharfes, diabolisches Profil war gerade vor mir. „Sicher, ein
ganz gefährliches Individuum“, musste ich mir sagen. Verwachsen mit
ihm war eine kurze Pfeife, doch trug er noch zwei ungeheure Etuis
mit dicken Zigarren bei sich -- „Propaganda-Zigarren“ nannte er sie
selbst. -- Jedem offerierte er ein Stück; nahm man an, so gehörte
man schon zur Hälfte ihm. Dann kam er mit seinen Theorien und seinen
Vereinen, auch im Kaffeehaus warb er Anhänger. Der von ihm gegründete
sozialpolitische Verein „Luzifer“ wurde in der „Stimme“ gebührend
begrüsst, das Amtsblatt schwieg sich darüber aus. Viel erzählte er
von der Welt draussen, er sprach zu uns allen und blickte fortwährend
herum, wie wenn er den Eindruck seiner Reden abschätzen wollte. Manche
seiner Worte weiss ich noch. „Euch fehlt die Sonne, ihr Narren! Es
geschieht euch recht, wenn ihr das ganze Leben verliert, warum wehrt
ihr euch nicht? Seht mich an, ich spucke auf euern Patera!“ Und
hohnlachend schlug er mit der Faust auf den Tisch. Die Zuhörer duckten
sich erschrocken, sie fürchteten wohl alle, dass jetzt ein Blitz
niederfahren müsse zur sofortigen Bestrafung einer solchen Blasphemie.
Scheu senkten sie die Augen. -- Unser Wirt bekreuzte sich mehrmals
hastig, klopfte sich auf die Brust und murmelte Stossgebete. Anton
hockte sich beim Ofen nieder und flüsterte zweimal: „Kreuzteufel,
Kreuzteufel!“ -- Die Schachspieler waren die einzigen Unberührten.
Der Amerikaner verfolgte den Eindruck seiner Worte, spie auf den Boden,
warf ein Goldstück auf den Tisch und schritt voll Verachtung hinaus.
Brachte er auch nicht alles auf seine Seite, auf jeden Fall weckte
er die Traumstädter zu einem politischen Leben; damit richtete er
aber mehr Unheil an, als vielleicht in seiner Absicht gelegen hatte.
Vereinigungen und Gruppen schossen wie Pilze in die Höhe. Alle wollten
etwas anderes: Wahlfreiheit, Kommunismus, Einführung der Sklaverei,
der freien Liebe, direkten Verkehr mit dem Ausland, noch strengere
Abschliessung, keine Grenzüberwachung -- die entgegengesetztesten
Bestrebungen traten zutage. Religiöse Klubs bildeten sich, Katholiken,
Juden, Mohammedaner, Freigeister taten sich zusammen. Nach den
verschiedensten Gesichtspunkten, politischen, kommerziellen und höher
geistigen, spalteten sich die Bewohner Perles in Gemeinschaften, die
oft nur drei Personen zählten.
Das hatte der Amerikaner nicht erwartet, diese Geister wollte er nicht
zitieren.
„Ihr vernunftlosen Schatten seid zu gar nichts mehr zu gebrauchen, euer
Mark ist beim Teufel, euer bisschen Verstand dem Schwindel verfallen!“
So liess er sich allenthalben vernehmen.
Ein grosser Fremdenzuzug aus dem Auslande brachte um diese Zeit
sehr viel Merkwürdigkeiten und Missverständnisse mit sich. -- Die
Neuen fanden nämlich hier schon ihren Doppelgänger vor; das gab zu
allerhand Neckereien und Ärgerlichkeiten den Anstoss, denn nicht nur
in Figur und Haltung glichen viele eben angekommene Träumer schon
längst vorhandenen, sondern sogar in der Kleidung schien die Absicht
eines Kopierens des Vorbildes massgebend gewesen zu sein. Es war
lächerlich, aber es liefen sozusagen zwei Alfred Blumenstiche, zwei
Brendels, mehrere Lampenbogens herum. -- Man stürzte ins Café, um
einen guten Bekannten, den man länger nicht gesehen, zu begrüssen.
Fremdes Erstaunen -- es war nicht der Richtige. -- Lampenbogen ging
auf der Strasse -- ich zog den Hut, an der nächsten Ecke schon
wieder Lampenbogen! Unsern Caféwirt sah ich eines Tages viermal
hintereinander und dabei hätte ich geschworen, dass er in seinem Lokal
auch noch war. Ich musste übrigens auch ein anderes „Ich“ haben, denn
öfters erhielt ich einen scherzhaften Schlag auf die Schulter und sah
einen fremden Mann, der sich missvergnügt entschuldigte.
Eines Tages geriet ich in grosse Aufregung. Ich begegnete in der
Krämergasse, einem dunkeln Spalt, der vom französischen Viertel zum
Grünmarkt führte, einer Dame, die meiner verstorbenen Frau wie ein Auge
dem andern glich. Schmerzliche Erinnerungen wurden wach, ich folgte
ihr, bis sie in einem Haus mit hohem altfränkischem Giebel verschwand.
An der Türschwelle sah sie sich nach ihrem Verfolger um -- diese
Ähnlichkeit bis in jede kleinste Bewegung war konsternierend. Ich sah
sie nun öfter und gestehe, dass ich ihr auch ein bisschen aufgelauert
habe. Ganz heimlich und mir selbst noch uneingestanden überlegte ich,
ob nicht vielleicht ein zweites Glück möglich wäre -- bis ich sie dann
eines Tages am Arm eines vierschrötigen Mannes mit langem Künstlerhaar
und Schlapphut sah. Ich erkundigte mich in ihrem Hause, sie war die
Gattin eines Hoforgelbauers. Ich kam mir wie genarrt vor. Man konnte
jetzt bei dem leichten Herbstregen, der in seinem Schimmer alles
auflöste, nicht vorsichtig genug sein, um Täuschungen vorzubeugen.
Unter falschem Namen machte ein Castringius II. in allen Kneipen
Schulden, bis man auch dem echten nichts mehr borgte.
„Die Liga der Freude“ wurde bei einem grossen Fest im ehemaligen
Theater von Mitgliedern der reichen Klassen gegründet. Melitta spielte
hier eine besondere Rolle und genoss ihre traurige Berühmtheit.
Einmal brannte sie durch und trat eine Woche Tag für Tag im Variété
in einer Entkleidungsszene, „die neue Eva“ auf. Obgleich das Gesicht
von einer Maske bedeckt war, erkannte sie jedermann. Dieser Skandal
brachte Lampenbogen und Brendel einander näher. Beide sahen sich in
ihrer Ehre gekränkt und gemeinsames Leid trägt sich leichter. Brendel
war ihr gänzlich verfallen, er konnte nicht mehr „wechseln“. Hohläugig
und bekümmert ging er einher und wich auch mir aus -- er schämte
sich. Melitta dagegen, unersättlich in ihren Gelüsten, fürchtete die
Schande nicht. Sie schmachtete auch nach dem Amerikaner. Seine starken
Schultern, seine gesunde, im Traumreich seltene Hautfarbe lockten sie.
Man hat gesehen, wie sie vor ihm herging, die Röcke bis über das Knie
raffte und nacheinander Taschentuch, Lorgnon und Portemonnaie fallen
liess. Ungalant reagierte der Mann des Westens auf diese Scherze nicht,
und als sich die schöne Dame selbst bückte, dem Menschenbändiger ihre
Kruppe bittend zugewandt, sagte dieser kalt: „Na, Kleine, mach’ Platz!“
und schob sie zur Seite. Hasserfüllt hetzte sie jetzt Brendel auf den
Hartnäckigen, doch ohne Erfolg. Der Amerikaner liess antworten, er
pflege sich ausschliesslich mit der Hundspeitsche zu schlagen. Damit
war auch dieser Skandal erledigt.
Am meisten Erfolge hatte der Verein „Luzifer“ mit Werbungen bei den
neuzugezogenen Träumern. Diesen war es meist zuwider, sich in die
alten, komischen Kleider stecken zu lassen. Auch der sonstige unmoderne
Kleinkram, das schon historische Möbelzeug usw. behagte ihnen wenig.
Solche Leute schlugen sich zur Partei des Amerikaners.
Ich wunderte mich manches Mal, dass der wahre Meister so tatenlos
diesem Treiben zusah, das der bisherigen Leitung des Traumstaates so
offen widersprach. Unser Caféwirt, neutral in der Gesinnung, meinte
pfiffig: „Sie, der ist schlau!“
Die Grenzüberwachung funktionierte nach wie vor gut, aber innerhalb der
Mauern war alles wie geladen von drohendem Unheil. Schwül und drückend,
wie früher nie, war die Luft; ein fahler, heller Glanz lag über unserer
Stadt, es drangen sogar einige Male schräge Sonnenstrahlen durch
den sonst unbeweglichen Wolkenschleier. Dieses unangenehm blendende
Licht war sehr unheimlich, wir waren keine Sonne mehr gewohnt, ein
erfrischender Regen wäre uns weit lieber gewesen.
Die Zeit schien ein anderes Tempo angenommen zu haben. Überall auf den
Strassen standen Gruppen angstvoll aufgeregter Menschen beisammen, was
dem sonst ruhigen Perle den künstlichen Anstrich einer verkehrsreichen
Stadt gab. Hastig warfen sich Parteigänger Erkennungsworte zu. Im
grossen und ganzen fiel alles, trotz der Uneinigkeiten im einzelnen,
in zwei grosse Gruppen auseinander: in solche, die noch an den +Herrn+
glaubten, und in die andern, die dem +Amerikaner+ ihr Ohr liehen.
Unbedingt verlässlich waren diese Elemente allerdings nicht, das wusste
er auch. Er betrieb daher seine Propaganda weiter.
Wie meine Leser sich erinnern werden, gab es in Perle zwei
Tageszeitungen und die illustrierte Wochenschrift. Das Amtsblatt war
natürlich für den neuen Machthaber nicht zugänglich, es hielt sich
regierungstreu bis auf die letzte Zeile. Hingegen wirkte er nach
Kräften auf die „Stimme“ ein, mit dem Erfolge, dass die Redaktion die
Verantwortung für die aufrührerischen Artikel am Schlusse eines jeden
unumwunden ablehnte. Diesem Doppelspiel musste sich unser Redakteur
fügen, dem es wohl auch nicht allzu schwer geworden sein mag. War er
doch seit jeher der heimliche Leiter aller drei Blätter, die erschienen
und drei verschiedene Tendenzen verfolgten.
Wir zwei Zeichner mussten nach wie vor unsere Arbeiten in der bisher
üblichen Traumspiegelmanier weiter liefern; Castringius versuchte
allerdings oft genug, versteckt dem Amerikaner zu huldigen. Er
zeichnete ihn als Riesen, wie er in goldener Rüstung dastand und
Staatspapiere und Obligationen in seine Pfeife stopfte; bis er eines
Tages eine Karte von Herkules Bell erhielt, auf welcher nur ein Wort
stand, nämlich „Esel“!
Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, der Amerikaner wolle mit
grossen Summen die „Stimme“ und den „Traumspiegel“ kaufen und
selbst herausgeben. Zuvor führte er seinen Hauptschlag aus: die
Proklamation. Dazu musste unser armer Redakteur und Druckereibesitzer
erst vergewaltigt werden. „Das drucke ich nicht!“ versicherte er
zuerst angstvoll. Doch der Unhold lachte nur und blies dem ängstlichen
Pflichtmenschen seinen Tabakrauch ins Gesicht.
„Sie werden das sofort auf knallrotes Papier drucken“, brüllte er ihn
an.
Der Misshandelte warf sich auf die Knie nieder und winselte: „Gnade!
Gnade! Aber das +kann+ ich nicht drucken, das wäre mein Tod!“
Da zog der Unerbittliche einen Revolver aus der Tasche, hielt ihn
dem Ärmsten an das Ohr und schrie: „Wenn Sie nicht sofort gehorchen,
knalle ich los!“ Schlotternd und kreideblass nahm der Redakteur das
Blatt: „Ich bin Familienvater“, jammerte er, wobei Tränen seine Wangen
hinunterliefen.
Der Amerikaner überwachte selbst den Druck; ging’s ihm zu langsam,
so schoss das Scheusal in die Luft. Bis abends waren sechstausend
Proklamationen fertig, für mehr hatte das rote Papier nicht gereicht.
„Nun, Sie Kindskopf, was ist denn jetzt passiert?“ fragte er den noch
immer tiefbekümmerten Herausgeber. Jedem Angestellten der Druckerei
aber gab er hundert Gulden in Gold.