II.

Der reiche Amerikaner machte immer mehr von sich reden. Jeden

Nachmittag galoppierte er auf einem schwarzen Hengst durch die Lange

Gasse, wir konnten vom Café aus sein verächtliches Lächeln deutlich

sehen, während sich die blassen Traumstädter in die Haustore und Winkel

flüchteten, um diesem rücksichtslosen Reiter auszuweichen. An der

Badeanstalt band er sein Tier fest, dann entkleidete er sich und zu

Pferd ging’s in die Fluten. Mit Leichtigkeit bändigte dieser Athlet

das sich bäumende Tier. -- Einmal kam er nach einem solchen Bad auch

in unser Kaffeehaus. Er bestellte mehrere Getränke, die es hier gar

nicht gab und schimpfte infolgedessen. Endlich beruhigte er sich ein

wenig bei Grog. Ich konnte ihn jetzt aus nächster Nähe beobachten,

sein scharfes, diabolisches Profil war gerade vor mir. „Sicher, ein

ganz gefährliches Individuum“, musste ich mir sagen. Verwachsen mit

ihm war eine kurze Pfeife, doch trug er noch zwei ungeheure Etuis

mit dicken Zigarren bei sich -- „Propaganda-Zigarren“ nannte er sie

selbst. -- Jedem offerierte er ein Stück; nahm man an, so gehörte

man schon zur Hälfte ihm. Dann kam er mit seinen Theorien und seinen

Vereinen, auch im Kaffeehaus warb er Anhänger. Der von ihm gegründete

sozialpolitische Verein „Luzifer“ wurde in der „Stimme“ gebührend

begrüsst, das Amtsblatt schwieg sich darüber aus. Viel erzählte er

von der Welt draussen, er sprach zu uns allen und blickte fortwährend

herum, wie wenn er den Eindruck seiner Reden abschätzen wollte. Manche

seiner Worte weiss ich noch. „Euch fehlt die Sonne, ihr Narren! Es

geschieht euch recht, wenn ihr das ganze Leben verliert, warum wehrt

ihr euch nicht? Seht mich an, ich spucke auf euern Patera!“ Und

hohnlachend schlug er mit der Faust auf den Tisch. Die Zuhörer duckten

sich erschrocken, sie fürchteten wohl alle, dass jetzt ein Blitz

niederfahren müsse zur sofortigen Bestrafung einer solchen Blasphemie.

Scheu senkten sie die Augen. -- Unser Wirt bekreuzte sich mehrmals

hastig, klopfte sich auf die Brust und murmelte Stossgebete. Anton

hockte sich beim Ofen nieder und flüsterte zweimal: „Kreuzteufel,

Kreuzteufel!“ -- Die Schachspieler waren die einzigen Unberührten.

Der Amerikaner verfolgte den Eindruck seiner Worte, spie auf den Boden,

warf ein Goldstück auf den Tisch und schritt voll Verachtung hinaus.

Brachte er auch nicht alles auf seine Seite, auf jeden Fall weckte

er die Traumstädter zu einem politischen Leben; damit richtete er

aber mehr Unheil an, als vielleicht in seiner Absicht gelegen hatte.

Vereinigungen und Gruppen schossen wie Pilze in die Höhe. Alle wollten

etwas anderes: Wahlfreiheit, Kommunismus, Einführung der Sklaverei,

der freien Liebe, direkten Verkehr mit dem Ausland, noch strengere

Abschliessung, keine Grenzüberwachung -- die entgegengesetztesten

Bestrebungen traten zutage. Religiöse Klubs bildeten sich, Katholiken,

Juden, Mohammedaner, Freigeister taten sich zusammen. Nach den

verschiedensten Gesichtspunkten, politischen, kommerziellen und höher

geistigen, spalteten sich die Bewohner Perles in Gemeinschaften, die

oft nur drei Personen zählten.

Das hatte der Amerikaner nicht erwartet, diese Geister wollte er nicht

zitieren.

„Ihr vernunftlosen Schatten seid zu gar nichts mehr zu gebrauchen, euer

Mark ist beim Teufel, euer bisschen Verstand dem Schwindel verfallen!“

So liess er sich allenthalben vernehmen.

Ein grosser Fremdenzuzug aus dem Auslande brachte um diese Zeit

sehr viel Merkwürdigkeiten und Missverständnisse mit sich. -- Die

Neuen fanden nämlich hier schon ihren Doppelgänger vor; das gab zu

allerhand Neckereien und Ärgerlichkeiten den Anstoss, denn nicht nur

in Figur und Haltung glichen viele eben angekommene Träumer schon

längst vorhandenen, sondern sogar in der Kleidung schien die Absicht

eines Kopierens des Vorbildes massgebend gewesen zu sein. Es war

lächerlich, aber es liefen sozusagen zwei Alfred Blumenstiche, zwei

Brendels, mehrere Lampenbogens herum. -- Man stürzte ins Café, um

einen guten Bekannten, den man länger nicht gesehen, zu begrüssen.

Fremdes Erstaunen -- es war nicht der Richtige. -- Lampenbogen ging

auf der Strasse -- ich zog den Hut, an der nächsten Ecke schon

wieder Lampenbogen! Unsern Caféwirt sah ich eines Tages viermal

hintereinander und dabei hätte ich geschworen, dass er in seinem Lokal

auch noch war. Ich musste übrigens auch ein anderes „Ich“ haben, denn

öfters erhielt ich einen scherzhaften Schlag auf die Schulter und sah

einen fremden Mann, der sich missvergnügt entschuldigte.

Eines Tages geriet ich in grosse Aufregung. Ich begegnete in der

Krämergasse, einem dunkeln Spalt, der vom französischen Viertel zum

Grünmarkt führte, einer Dame, die meiner verstorbenen Frau wie ein Auge

dem andern glich. Schmerzliche Erinnerungen wurden wach, ich folgte

ihr, bis sie in einem Haus mit hohem altfränkischem Giebel verschwand.

An der Türschwelle sah sie sich nach ihrem Verfolger um -- diese

Ähnlichkeit bis in jede kleinste Bewegung war konsternierend. Ich sah

sie nun öfter und gestehe, dass ich ihr auch ein bisschen aufgelauert

habe. Ganz heimlich und mir selbst noch uneingestanden überlegte ich,

ob nicht vielleicht ein zweites Glück möglich wäre -- bis ich sie dann

eines Tages am Arm eines vierschrötigen Mannes mit langem Künstlerhaar

und Schlapphut sah. Ich erkundigte mich in ihrem Hause, sie war die

Gattin eines Hoforgelbauers. Ich kam mir wie genarrt vor. Man konnte

jetzt bei dem leichten Herbstregen, der in seinem Schimmer alles

auflöste, nicht vorsichtig genug sein, um Täuschungen vorzubeugen.

Unter falschem Namen machte ein Castringius II. in allen Kneipen

Schulden, bis man auch dem echten nichts mehr borgte.

„Die Liga der Freude“ wurde bei einem grossen Fest im ehemaligen

Theater von Mitgliedern der reichen Klassen gegründet. Melitta spielte

hier eine besondere Rolle und genoss ihre traurige Berühmtheit.

Einmal brannte sie durch und trat eine Woche Tag für Tag im Variété

in einer Entkleidungsszene, „die neue Eva“ auf. Obgleich das Gesicht

von einer Maske bedeckt war, erkannte sie jedermann. Dieser Skandal

brachte Lampenbogen und Brendel einander näher. Beide sahen sich in

ihrer Ehre gekränkt und gemeinsames Leid trägt sich leichter. Brendel

war ihr gänzlich verfallen, er konnte nicht mehr „wechseln“. Hohläugig

und bekümmert ging er einher und wich auch mir aus -- er schämte

sich. Melitta dagegen, unersättlich in ihren Gelüsten, fürchtete die

Schande nicht. Sie schmachtete auch nach dem Amerikaner. Seine starken

Schultern, seine gesunde, im Traumreich seltene Hautfarbe lockten sie.

Man hat gesehen, wie sie vor ihm herging, die Röcke bis über das Knie

raffte und nacheinander Taschentuch, Lorgnon und Portemonnaie fallen

liess. Ungalant reagierte der Mann des Westens auf diese Scherze nicht,

und als sich die schöne Dame selbst bückte, dem Menschenbändiger ihre

Kruppe bittend zugewandt, sagte dieser kalt: „Na, Kleine, mach’ Platz!“

und schob sie zur Seite. Hasserfüllt hetzte sie jetzt Brendel auf den

Hartnäckigen, doch ohne Erfolg. Der Amerikaner liess antworten, er

pflege sich ausschliesslich mit der Hundspeitsche zu schlagen. Damit

war auch dieser Skandal erledigt.

Am meisten Erfolge hatte der Verein „Luzifer“ mit Werbungen bei den

neuzugezogenen Träumern. Diesen war es meist zuwider, sich in die

alten, komischen Kleider stecken zu lassen. Auch der sonstige unmoderne

Kleinkram, das schon historische Möbelzeug usw. behagte ihnen wenig.

Solche Leute schlugen sich zur Partei des Amerikaners.

Ich wunderte mich manches Mal, dass der wahre Meister so tatenlos

diesem Treiben zusah, das der bisherigen Leitung des Traumstaates so

offen widersprach. Unser Caféwirt, neutral in der Gesinnung, meinte

pfiffig: „Sie, der ist schlau!“

Die Grenzüberwachung funktionierte nach wie vor gut, aber innerhalb der

Mauern war alles wie geladen von drohendem Unheil. Schwül und drückend,

wie früher nie, war die Luft; ein fahler, heller Glanz lag über unserer

Stadt, es drangen sogar einige Male schräge Sonnenstrahlen durch

den sonst unbeweglichen Wolkenschleier. Dieses unangenehm blendende

Licht war sehr unheimlich, wir waren keine Sonne mehr gewohnt, ein

erfrischender Regen wäre uns weit lieber gewesen.

Die Zeit schien ein anderes Tempo angenommen zu haben. Überall auf den

Strassen standen Gruppen angstvoll aufgeregter Menschen beisammen, was

dem sonst ruhigen Perle den künstlichen Anstrich einer verkehrsreichen

Stadt gab. Hastig warfen sich Parteigänger Erkennungsworte zu. Im

grossen und ganzen fiel alles, trotz der Uneinigkeiten im einzelnen,

in zwei grosse Gruppen auseinander: in solche, die noch an den +Herrn+

glaubten, und in die andern, die dem +Amerikaner+ ihr Ohr liehen.

Unbedingt verlässlich waren diese Elemente allerdings nicht, das wusste

er auch. Er betrieb daher seine Propaganda weiter.

Wie meine Leser sich erinnern werden, gab es in Perle zwei

Tageszeitungen und die illustrierte Wochenschrift. Das Amtsblatt war

natürlich für den neuen Machthaber nicht zugänglich, es hielt sich

regierungstreu bis auf die letzte Zeile. Hingegen wirkte er nach

Kräften auf die „Stimme“ ein, mit dem Erfolge, dass die Redaktion die

Verantwortung für die aufrührerischen Artikel am Schlusse eines jeden

unumwunden ablehnte. Diesem Doppelspiel musste sich unser Redakteur

fügen, dem es wohl auch nicht allzu schwer geworden sein mag. War er

doch seit jeher der heimliche Leiter aller drei Blätter, die erschienen

und drei verschiedene Tendenzen verfolgten.

Wir zwei Zeichner mussten nach wie vor unsere Arbeiten in der bisher

üblichen Traumspiegelmanier weiter liefern; Castringius versuchte

allerdings oft genug, versteckt dem Amerikaner zu huldigen. Er

zeichnete ihn als Riesen, wie er in goldener Rüstung dastand und

Staatspapiere und Obligationen in seine Pfeife stopfte; bis er eines

Tages eine Karte von Herkules Bell erhielt, auf welcher nur ein Wort

stand, nämlich „Esel“!

Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, der Amerikaner wolle mit

grossen Summen die „Stimme“ und den „Traumspiegel“ kaufen und

selbst herausgeben. Zuvor führte er seinen Hauptschlag aus: die

Proklamation. Dazu musste unser armer Redakteur und Druckereibesitzer

erst vergewaltigt werden. „Das drucke ich nicht!“ versicherte er

zuerst angstvoll. Doch der Unhold lachte nur und blies dem ängstlichen

Pflichtmenschen seinen Tabakrauch ins Gesicht.

„Sie werden das sofort auf knallrotes Papier drucken“, brüllte er ihn

an.

Der Misshandelte warf sich auf die Knie nieder und winselte: „Gnade!

Gnade! Aber das +kann+ ich nicht drucken, das wäre mein Tod!“

Da zog der Unerbittliche einen Revolver aus der Tasche, hielt ihn

dem Ärmsten an das Ohr und schrie: „Wenn Sie nicht sofort gehorchen,

knalle ich los!“ Schlotternd und kreideblass nahm der Redakteur das

Blatt: „Ich bin Familienvater“, jammerte er, wobei Tränen seine Wangen

hinunterliefen.

Der Amerikaner überwachte selbst den Druck; ging’s ihm zu langsam,

so schoss das Scheusal in die Luft. Bis abends waren sechstausend

Proklamationen fertig, für mehr hatte das rote Papier nicht gereicht.

„Nun, Sie Kindskopf, was ist denn jetzt passiert?“ fragte er den noch

immer tiefbekümmerten Herausgeber. Jedem Angestellten der Druckerei

aber gab er hundert Gulden in Gold.

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