DIE VERWIRRUNG DES TRAUMES

In dieser Nacht schlief ich mit grossen Gedanken ein. Weniger

grossartig war mein Traum, den ich seiner Sonderbarkeit wegen

doch hierher setzen möchte. Ich sah mich selbst am grossen Flusse

stehen und sehnsüchtig nach der Vorstadt blicken, die ausgedehnter

und pittoresker erschien, als sie wirklich war. So weit man sehen

konnte, ein Gewirr von Brücken, Türmen, Windmühlen, Bergzacken,

alles ineinander eingeschaltet und miteinander verbunden wie eine

Luftspiegelung. Grosse und kleine, dicke und dünne Gestalten bewegten

sich in diesem Gewirr. Wie ich so hinüber sah, fühlte ich, dass hinter

meinem Rücken der Müller stand: „+Ich+ habe ihn umgebracht“, raunte er

und wollte mich ins Wasser stossen. Da zog sich mein linkes Bein zu

meiner grossen Überraschung in die Länge, so dass ich ohne Anstrengung

in das Gewimmel auf dem andern Ufer treten konnte. Und nun hörte ich

um mich herum ein vielfaches Ticken, und gewahrte eine Menge flacher

Uhren der verschiedensten Grössen, von der Turmuhr bis zur Küchenuhr

und kleinsten Taschenuhr hinab. Sie hatten kurze Stummelbeine und

krochen wie Schildkröten unter aufgeregtem Ticken durcheinander auf der

Wiese umher. Ein in grünes weiches Leder gekleideter Mann, mit einer

Mütze, welche wie eine weisse Wurst aussah, sass auf einem entlaubten

Baume und fing aus der Luft Fische. Er hing sie dann an den Zweigen

auf und im Nu waren sie gedörrt. -- Ein alter Kerl mit abnorm grossem

Oberkörper und kurzen Beinen näherte sich; bis auf ein paar beschmierte

Arbeiterzwilchhosen war er nackt. Er hatte zwei lange senkrechte Reihen

von Brustwarzen -- ich zählte achtzehn --. Nun zog er seine Lungen

schnaufend voll Luft, bald schwoll die rechte und bald die linke Brust

mehr an, dann spielte er mit den Fingern auf diesen achtzehn Warzen

die schönsten Harmonikastücke. Dabei bewegte er sich taktmässig nach

der Melodie wie ein Tanzbär, während er die Luft wieder ausstiess.

Schliesslich hörte er auf, schneuzte sich in die Hände und schleuderte

sie von sich. Dann wuchs ihm ein ungeheurer Bart, in dessen Gestrüpp er

verschwand. Nebenan in einem Dickicht stöberte ich eine Anzahl fetter

Schweine auf; im Gänsemarsch liefen sie vor mir davon und wurden immer

kleiner und winziger, bis sie laut quiekend in einem Mausloche am Weg

verschwanden.

[Illustration]

Hinten am Flusse sass der Müller -- mir wurde unbehaglich --; er

studierte ein gewaltiges Zeitungsblatt. Nachdem er es gelesen und

gefressen hatte, dampfte Rauch aus seinen Ohren, er wurde kupfrig,

stand auf und hielt sich seinen Hängebauch mit beiden Händen, während

er das Ufer auf- und niederstürmte. Dabei blickte er wild um sich

und stiess schrille Pfiffe aus. Endlich fiel er wie vom Schlage

getroffen zu Boden, erblasste, sein Leib wurde licht und durchsichtig,

und man sah deutlich in seinen Eingeweiden zwei kleine Eisenbahnzüge

herumsausen; sie schienen sich fangen zu wollen, blitzschnell wurde

eine Darmschlinge nach der andern durchfahren. Kopfschüttelnd und etwas

verblüfft wollte ich dem Müller meine Hilfe antragen, die Worte wurden

mir aber von einem Schimpansen abgeschnitten, der um mich mit grösster

Geschwindigkeit eine ringförmige Gartenanlage pflanzte, wobei dicke

apfelgrüne Strünke wie Riesenspargel dichtgedrängt aus dem feuchten

Boden sprossen. Ich fürchtete in diesem lebenden Zaun wie in einem

Käfig gefangen zu werden, wurde jedoch, ehe ich mir recht überlegte

was zu tun sei, befreit. Der tote Müller, nun nicht mehr durchsichtig,

hatte in Krämpfen einen Kranz von vielen Hunderttausenden milchiger,

weisser Eierchen gelegt, aus denen sich Legionen von Schnecken

entwickelten, die ihren Erzeuger sogleich begierig auffrassen. Ein

durchdringender Geruch von Selchfleisch verbreitete sich und brachte

die fleischigen Stengel zum Faulen, so dass sie in sich zusammenfielen.

In der Ferne verschwand die Vorstadt in einem Gespinst violett

schimmernder Fäden.

Ich bemerkte eine kolossale Muschel, die wie ein Felsenriff am

Flussufer lag; ich sprang auf ihre harte Schale. Da, ein neues Unheil!

die Muschel öffnete sich schwerfällig, mein Standort wurde abschüssig,

in ihrem Innern zitterten gelatineartige Massen -- -- -- -- -- -- --

ich erwachte. --

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