Was ich vor allem lernte war, den Wert der Indolenz zu schätzen. Diese
zu erobern, erfordert für einen lebhaften Menschen die Arbeit eines
Lebens. Hat man ihre Süssigkeit einmal erfasst, so hält man sie,
wenn auch unter stetem Kampfe, für immer fest. Auch ich versuchte
jetzt Steine, Blumen, Tiere und Menschen stundenlang gesammelt zu
betrachten. Dabei wurde mein Auge geschärft, sowie es Geruch und Gehör
schon waren. -- Jetzt kamen grosse Tage -- ich entdeckte eine neue
Seite der Traumwelt. Die ausgebildeten Sinne beeinflussten allmählich
den Gedankenapparat und formten ihn um. Einer überraschenden Art des
Staunens wurde ich fähig. Herausgerissen aus dem Zusammenhang mit
den andern Dingen gewann jeder Gegenstand eine neue Bedeutung. Dass
so ein Körper aus der Ewigkeit bis zu mir reicht, das machte mich
aufschaudern. Das blosse Sein, so und nicht anders sein, ward mir zum
Wunder. Eines Tages wurde es mir vor einer Muschel überklar, dass sie
gar nicht so plump existiert, wie ich bisher meinte. So ging es bald
mit allem, mit der ganzen Welt. Die stärksten Sensationen kamen anfangs
vor dem Einschlafen oder unmittelbar nach dem Erwachen, -- also wenn
der Körper müde war und das Leben in mir sich in einem Dämmerzustand
befand. Eine nicht immer lebendige Welt musste nach und nach geschaffen
werden und zwar immer neu.
Immer mehr fühlte ich das gemeinsame Band in allem. Farben, Düfte,
Töne und Geschmacksempfindungen waren für mich austauschbar. Und da
wusste ich es: -- Die Welt ist Einbildungskraft, +Einbildung+ --
+Kraft+. Überall, wohin ich ging und was ich trieb, war ich bemüht,
meine Freuden und Leiden zu verstärken, und heimlich lachte ich über
beides. Wusste ich es doch jetzt sicher, dass das Hin- und Herpendeln
ein Gleichgewicht darstellt; gerade bei der weitesten und heftigsten
Schwingung kann es sich am deutlichsten fühlbar machen.
Einmal sah ich die Welt als ein teppichhaftes Farbenwunder, die
überraschendsten Gegensätze alle in einer Harmonie aufgehend; ein
andermal überschaute ich ein unermessliches Filigran der Formen. In der
Finsternis umrauschte mich eine Orgelsymphonie von Tönen, worin sich
pathetische und zarte Naturlaute zu verständlichen Akkorden ergänzten.
Ja, ganz neuartige Empfindungen erfasste ich nachtwandlerisch.
Ich entsinne mich jenes Morgens, da ich mir wie das Zentrum eines
elementaren Zahlensystems vorkam. Ich fühlte mich abstrakt, als
schwankender Gleichgewichtspunkt von Kräften -- ein Gedankengang, der
mir niemals wieder gekommen ist. Jetzt verstand ich Patera, den Herrn,
den ungeheuren Meister. Nun war ich mitten unter den grossen Burlesken
ein Hauptlacher, ohne zu verlernen, mit den Gequälten zu zittern. In
mir war ein Tribunal, das alles beobachtete und da wusste ich, dass
im Grunde gar nichts geschah. Patera war überall, ich sah ihn im
Auge des Freundes wie des Feindes, in Tieren, Pflanzen und Steinen.
Seine Einbildungskraft pochte in allem, was da war: Der Herzschlag
des Traumlandes. Dennoch fand ich noch Fremdes in meinem Innern. Da
fand ich zu meinem Schrecken, dass mein Ich aus unzähligen „Ichs“
zusammengesetzt war, von denen immer eines hinter dem andern auf der
Lauer stand. Jedes folgende erschien mir grösser und verschlossener;
die letzten entschwanden meinem Begreifen im Schatten. Jedes
dieser Ichs hatte seine eigenen Ansichten. So war zum Beispiel vom
Gesichtspunkt des organischen Lebens die Auffassung des Todes als Ende
richtig, auf einer höheren Stufe der Erkenntnis gab es den Menschen
überhaupt nicht, da konnte nichts zu Ende sein. Allgegenwärtig war
der rhythmische Pulsschlag Pateras, er wollte, unersättlich in seiner
Einbildungskraft, immer alles zugleich, die Sache -- und ihr Gegenteil,
die Welt -- und das Nichts. Dadurch pendelten seine Geschöpfe so hin
und her. Dem Nichts mussten sie ihre eingebildete Welt abringen, und
von dieser eingebildeten Welt aus das Nichts erobern. Das Nichts war
starr und wollte nicht, dann fing die Einbildungskraft an zu summen
und zu schwirren, und in allen Skalen formte, tönte, roch und färbte
es sich -- da war die Welt da. Aber das Nichts frass alles Geschaffene
wieder auf, da wurde die Welt matt, fahl, das Leben verrostete,
verstummte und zerfiel, war wieder tot -- nichts --; und wieder
fing’s von vorne an. So war’s erklärlich, warum sich alles ineinander
fügte, ein Kosmos möglich war. Das alles war furchtbar mit Schmerz
durchwebt. Je höher man wuchs, desto tiefer musste man wurzeln. Will
ich Freuden, dann will ich zugleich Leid. Nichts -- oder alles. In der
Einbildungskraft und dem Nichts musste der Urgrund liegen; vielleicht
waren sie eins. Wer seinen Rhythmus erfasst hat, der kann ungefähr
berechnen, wie lange Qual oder Leid für ihn dauern kann. Der Irrsinn,
der Widerspruch müssen mitgelebt werden. Der Brand meines Hauses ist
Unheil und Flamme zugleich. Der Leidende möge sich damit trösten, dass
beides eingebildet ist. Patera, der auf beiden Seiten gewann, musste
das ja auch.
Durch den verwandten Pulsschlag verstand ich auch die niedern Wesen.
Ich wusste genau: dieser Kater hat schlecht geschlafen, jener Stieglitz
hegt gemeine Gedanken. Diese Spiegelungen in mir regelten nun mein Tun
und Lassen. Der Lärm der Aussenwelt hatte meine Nerven gerade so lange
gepeitscht und empfindlich gemacht, bis sie für die Erlebnisse der
Traumwelt reif waren.
Am Ende dieser Entwicklungen hat der Mensch als Einzelwesen aufgehört,
man braucht ihn auch nicht mehr. Dieser Weg führt zu den Sternen.