I.

Verschnörkelte, zackige Giebel, Strohdächer! Es war ein kleines

Dörfchen, in das ich trat. Niedere Holzhäuschen, schrullig in ihrer

Form, winzige Kuppelbauten, kegelförmige Zelte. Jede Wohnung war von

einem gepflegten Gärtchen umgeben. Von ferne gesehen, wirkte diese

Kolonie wie eine ethnographische Musterausstellung. Signalstangen mit

Wimpeln und Glasscheiben, zahllose grosse und kleine groteske Figuren

in Steingut, Holz, Metall standen herum, ein Durcheinander mit Moos

bewachsen. Ehrwürdige Bäume verhüllten das meiste mit ihren tief

herabhängenden Zweigen.

Hier waren die Ureinwohner des Traumlandes zu Hause. Eine eigentümliche

Ruhe lag über allem. Die bizarren unverständlichen Gestalten auf ihren

fremdartigen Holzaltären waren verwittert und fügten sich trotz ihren

oft scheusslichen exotischen Formenkonglomeraten harmonisch in den

umgebenden Frieden ein. Eine geraume Zeit wandelte ich da herum, bis

ich auf die ersten Menschen stiess. Drei hochgewachsene, sehnige

Gestalten kamen einen Hügel herab.

Auf meinen Gruss neigten sie ernst die rasierten Köpfe und wandelten

ruhig weiter. Es waren Greise von deutlich mongolischem Typus, in

matt-orangegelbe Tücher gehüllt. Bald sah ich andere. Regungslos,

statuenhaft sass jeder anscheinend ohne Beschäftigung vor seiner Hütte.

Einer hatte Gefässe mit Blumen vor sich, ein anderer betrachtete

einen schlafenden Hund, ein dritter war in den Anblick einiger Steine

versunken. „Über diese Leute schüttelt man in Perle den Kopf“, dachte

ich. Man ging nie hieher, sie waren beinahe verachtet. Trotzdem war

dieser Stamm sehr stolz, er leitete seine Herkunft in gerader Linie

von dem grossen Dschingis-Khan ab. Allerdings erinnerte er in nichts

mehr an diesen asiatischen Despoten. Was jetzt noch hier lebte, waren

durchgehends alte Leute, die paar Frauen unter ihnen waren kaum zu

unterscheiden; Haltung, Kleidung und Gesichtsausdruck glichen sich.

Das schönste an diesen Menschen waren ihre leicht schräg gestellten

Augen von strahlendstem Blau. Wie widersprach hier alles den Zuständen

im übrigen Traumreich! Dort die Hast, hier die Ruhe. Doch mussten

diese alten Leute auch ihren Kampf gehabt haben, tiefe Furchen in den

Gesichtern sprachen davon.

Nach diesem ersten Besuch wanderte ich öfters über die Brücke zu den

Blauäugigen. Obwohl mich niemand einlud, verwies man mich auch nicht.

Immer mehr fiel mir der schroffe Gegensatz auf. Ich ruhte mich hier aus

und beobachtete still. Die Abgeklärtheit machte einen tiefen Eindruck

auf mich. Ich dachte darüber nach und versuchte, die Ergebnisse meinen

andern Erfahrungen anzugliedern.

Stand ich doch schon seit sechs Monaten dem grossen Rätsel Pateras

nicht mehr ganz blind gegenüber. Der alte Professor hatte in manchem

recht. Das gesamte Traumland war einem Bann unterworfen, die Schrecken

und der unleugbar humoristische Einschlag in unserm Leben standen in

Verbindung. Der Meister steckte wirklich hinter allem und manifestierte

sich häufiger als es angenehm war auf geheimnisvolle Weise. Der

Gedanke, dass er der Lenker von fast 65000 Träumern sei, war nicht von

der Hand zu weisen, so ungeheuerlich er mir auch schien. Wo die Grenzen

seiner Macht lagen, konnte ich unmöglich absehen, denn ich bekam noch

genug Beweise, dass er auch allem tierischen und pflanzlichen Wesen

seine Impulse mitteilte. Wir ahnten das auch sämtlich und nahmen es als

ein besiegeltes Schicksal ruhig hin. Das Ganze war derart verworren,

dass der spitzfindigste Geist daraus nicht klug werden konnte. Pateras

Art blieb unergründlich, ebenso unverständlich die Macht, die uns im

Traumlande zu Marionetten machte. Bei jeder Kleinigkeit fühlte man sie.

Der Herr besass unseren Willen, trübte unsere Vernunft. Er bediente

sich seiner puppenhaften Untertanen, aber wozu? Wir hatten doch

keine Abgaben zu zahlen, schufen doch nichts für ihn? Es wurde immer

dunkler, je mehr man darüber dachte. Sicherlich litt diese mysteriöse

Persönlichkeit, er war Epileptiker, und wir alle empfanden seine

Anfälle mit, das war der „Klaps“. Er wird altern, er wird sterben,

was soll dann sein? Wird dann jeder Funke unserer eigenen Kraft mit

verglühen? Wir brauchen ihn ja zu allem, nur um nicht umzusinken. Woher

besass er diese masslosen Energien? -- Nun lebte hier ein Überrest

eines alten, vornehmen Stammes, seine Gewohnheiten waren den unseren

entgegengesetzt, wie hingen diese mit dem Meister zusammen? Die Greise

starrten stundenlang trockenen Auges in die Ferne, beugten sich

tagelang über irgendwelche Kleinigkeiten, Steine, Knochen, Federn.

Niemals lachend, kaum miteinander sprechend, waren diese Blauäugigen

die Verkörperung des vollkommensten Gleichgewichts. Davon zeugten

die massvollen Gebärden, die gefurchten, den Stempel geistiger Kraft

tragenden Gesichter. Ihre fast aussermenschliche Gleichgültigkeit liess

sie wie ausgebrannt erscheinen. Teilnahmslose Anteilnahme -- diese

widersprechenden Worte fallen mir immer ein, wenn ich ihrer gedenke,

und ich werde ihren Zauber bis in meine letzte Stunde spüren. Über

das Alter der einzelnen wagte ich keine Schlüsse zu ziehen. Trotz

greisenhaften, allen Gefühlen scheinbar unzugänglichen Mienen, konnte

ich aus ihren gewissermassen von innen erleuchteten Blicken nichts

bestimmtes lesen. -- Auch ihre Zähne waren ohne Fehl -- der übrige

Körper hager, fast dürr wie ein Gerippe. Ihre Anzahl wird fünfzig

schwerlich überschritten haben. Dreimal sah ich sie, wie sie ihre Toten

bestatteten, dabei konstatierte ich, wie sehr sie sich von christlichen

wie buddhistischen Anachoreten unterschieden. Die Leichen wurden in

ihr Gewand gewickelt, mit Moos und Blättern in die Erde gebettet

und überdeckt; die Grube wurde mit Erde wieder aufgefüllt. -- Neben

der Hütte, in der sie gelebt hatten, wurden sie verscharrt; ohne

irgendein Zeichen zu errichten, ebnete man den Boden wieder. Da gab es

keine Aufregungen, keine Gebete. -- Allein aus der Beobachtung dieser

eigentümlichen Dinge habe ich unermesslichen Gewinn gezogen.

Hier unterbreche ich den Fluss der Erzählung und Schilderung, um dem

Leser die Philosophie der Blauäugigen so wie ich sie erfasste, nicht

ganz vorzuenthalten.

[Illustration]

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