Verschnörkelte, zackige Giebel, Strohdächer! Es war ein kleines
Dörfchen, in das ich trat. Niedere Holzhäuschen, schrullig in ihrer
Form, winzige Kuppelbauten, kegelförmige Zelte. Jede Wohnung war von
einem gepflegten Gärtchen umgeben. Von ferne gesehen, wirkte diese
Kolonie wie eine ethnographische Musterausstellung. Signalstangen mit
Wimpeln und Glasscheiben, zahllose grosse und kleine groteske Figuren
in Steingut, Holz, Metall standen herum, ein Durcheinander mit Moos
bewachsen. Ehrwürdige Bäume verhüllten das meiste mit ihren tief
herabhängenden Zweigen.
Hier waren die Ureinwohner des Traumlandes zu Hause. Eine eigentümliche
Ruhe lag über allem. Die bizarren unverständlichen Gestalten auf ihren
fremdartigen Holzaltären waren verwittert und fügten sich trotz ihren
oft scheusslichen exotischen Formenkonglomeraten harmonisch in den
umgebenden Frieden ein. Eine geraume Zeit wandelte ich da herum, bis
ich auf die ersten Menschen stiess. Drei hochgewachsene, sehnige
Gestalten kamen einen Hügel herab.
Auf meinen Gruss neigten sie ernst die rasierten Köpfe und wandelten
ruhig weiter. Es waren Greise von deutlich mongolischem Typus, in
matt-orangegelbe Tücher gehüllt. Bald sah ich andere. Regungslos,
statuenhaft sass jeder anscheinend ohne Beschäftigung vor seiner Hütte.
Einer hatte Gefässe mit Blumen vor sich, ein anderer betrachtete
einen schlafenden Hund, ein dritter war in den Anblick einiger Steine
versunken. „Über diese Leute schüttelt man in Perle den Kopf“, dachte
ich. Man ging nie hieher, sie waren beinahe verachtet. Trotzdem war
dieser Stamm sehr stolz, er leitete seine Herkunft in gerader Linie
von dem grossen Dschingis-Khan ab. Allerdings erinnerte er in nichts
mehr an diesen asiatischen Despoten. Was jetzt noch hier lebte, waren
durchgehends alte Leute, die paar Frauen unter ihnen waren kaum zu
unterscheiden; Haltung, Kleidung und Gesichtsausdruck glichen sich.
Das schönste an diesen Menschen waren ihre leicht schräg gestellten
Augen von strahlendstem Blau. Wie widersprach hier alles den Zuständen
im übrigen Traumreich! Dort die Hast, hier die Ruhe. Doch mussten
diese alten Leute auch ihren Kampf gehabt haben, tiefe Furchen in den
Gesichtern sprachen davon.
Nach diesem ersten Besuch wanderte ich öfters über die Brücke zu den
Blauäugigen. Obwohl mich niemand einlud, verwies man mich auch nicht.
Immer mehr fiel mir der schroffe Gegensatz auf. Ich ruhte mich hier aus
und beobachtete still. Die Abgeklärtheit machte einen tiefen Eindruck
auf mich. Ich dachte darüber nach und versuchte, die Ergebnisse meinen
andern Erfahrungen anzugliedern.
Stand ich doch schon seit sechs Monaten dem grossen Rätsel Pateras
nicht mehr ganz blind gegenüber. Der alte Professor hatte in manchem
recht. Das gesamte Traumland war einem Bann unterworfen, die Schrecken
und der unleugbar humoristische Einschlag in unserm Leben standen in
Verbindung. Der Meister steckte wirklich hinter allem und manifestierte
sich häufiger als es angenehm war auf geheimnisvolle Weise. Der
Gedanke, dass er der Lenker von fast 65000 Träumern sei, war nicht von
der Hand zu weisen, so ungeheuerlich er mir auch schien. Wo die Grenzen
seiner Macht lagen, konnte ich unmöglich absehen, denn ich bekam noch
genug Beweise, dass er auch allem tierischen und pflanzlichen Wesen
seine Impulse mitteilte. Wir ahnten das auch sämtlich und nahmen es als
ein besiegeltes Schicksal ruhig hin. Das Ganze war derart verworren,
dass der spitzfindigste Geist daraus nicht klug werden konnte. Pateras
Art blieb unergründlich, ebenso unverständlich die Macht, die uns im
Traumlande zu Marionetten machte. Bei jeder Kleinigkeit fühlte man sie.
Der Herr besass unseren Willen, trübte unsere Vernunft. Er bediente
sich seiner puppenhaften Untertanen, aber wozu? Wir hatten doch
keine Abgaben zu zahlen, schufen doch nichts für ihn? Es wurde immer
dunkler, je mehr man darüber dachte. Sicherlich litt diese mysteriöse
Persönlichkeit, er war Epileptiker, und wir alle empfanden seine
Anfälle mit, das war der „Klaps“. Er wird altern, er wird sterben,
was soll dann sein? Wird dann jeder Funke unserer eigenen Kraft mit
verglühen? Wir brauchen ihn ja zu allem, nur um nicht umzusinken. Woher
besass er diese masslosen Energien? -- Nun lebte hier ein Überrest
eines alten, vornehmen Stammes, seine Gewohnheiten waren den unseren
entgegengesetzt, wie hingen diese mit dem Meister zusammen? Die Greise
starrten stundenlang trockenen Auges in die Ferne, beugten sich
tagelang über irgendwelche Kleinigkeiten, Steine, Knochen, Federn.
Niemals lachend, kaum miteinander sprechend, waren diese Blauäugigen
die Verkörperung des vollkommensten Gleichgewichts. Davon zeugten
die massvollen Gebärden, die gefurchten, den Stempel geistiger Kraft
tragenden Gesichter. Ihre fast aussermenschliche Gleichgültigkeit liess
sie wie ausgebrannt erscheinen. Teilnahmslose Anteilnahme -- diese
widersprechenden Worte fallen mir immer ein, wenn ich ihrer gedenke,
und ich werde ihren Zauber bis in meine letzte Stunde spüren. Über
das Alter der einzelnen wagte ich keine Schlüsse zu ziehen. Trotz
greisenhaften, allen Gefühlen scheinbar unzugänglichen Mienen, konnte
ich aus ihren gewissermassen von innen erleuchteten Blicken nichts
bestimmtes lesen. -- Auch ihre Zähne waren ohne Fehl -- der übrige
Körper hager, fast dürr wie ein Gerippe. Ihre Anzahl wird fünfzig
schwerlich überschritten haben. Dreimal sah ich sie, wie sie ihre Toten
bestatteten, dabei konstatierte ich, wie sehr sie sich von christlichen
wie buddhistischen Anachoreten unterschieden. Die Leichen wurden in
ihr Gewand gewickelt, mit Moos und Blättern in die Erde gebettet
und überdeckt; die Grube wurde mit Erde wieder aufgefüllt. -- Neben
der Hütte, in der sie gelebt hatten, wurden sie verscharrt; ohne
irgendein Zeichen zu errichten, ebnete man den Boden wieder. Da gab es
keine Aufregungen, keine Gebete. -- Allein aus der Beobachtung dieser
eigentümlichen Dinge habe ich unermesslichen Gewinn gezogen.
Hier unterbreche ich den Fluss der Erzählung und Schilderung, um dem
Leser die Philosophie der Blauäugigen so wie ich sie erfasste, nicht
ganz vorzuenthalten.
[Illustration]