Hier unterbreche ich den Faden der persönlichen Erlebnisse, um meinen
Lesern zunächst einiges über das Land zu erzählen, dem ich fast drei
Jahre angehören sollte. Es waren sehr merkwürdige Verhältnisse, die
sich mir Tag um Tag entschleierten. Gänzlich enthüllt haben sich
mir die letzten Zusammenhänge aber niemals; ich kann nur alles so
hinschreiben, wie ich es selbst erlebt und aus den Mitteilungen der
anderen Traumleute entnommen habe. Meine Meinungen über diese Zustände
finden sich in dem Buche eingestreut, vielleicht weiss einer oder der
andere Leser bessere Erklärungen.
Im grossen und ganzen war es hier ähnlich wie in Mitteleuropa und
doch wiederum sehr verschieden! Ja, es gab eine Stadt, Dörfer, grosse
Ländereien, einen Fluss und einen See, aber der Himmel, der sich
darüber spannte, war ewig trübe; +nie+ schien die Sonne, +nie+ waren
bei Nacht der Mond oder Sterne sichtbar. Ewig gleichmässig hingen die
Wolken bis tief zur Erde herab. Sie ballten sich wohl bei Stürmen,
aber das blaue Firmament war uns allen verschlossen. Ein gelehrter
Professor, den ich noch einige Male erwähnen werde, brachte diese zähen
Dunstbildungen mit den ausgedehnten Sümpfen und Wäldern in Verbindung.
Ich habe tatsächlich während dieser Jahre die Sonne nicht ein einziges
Mal gesehen. Darunter litt ich zu Anfang sehr, allen Neuangekommenen
erging es darin ähnlich. Öfters gab es wohl in der Wolkenbildung
eine auffallende Helligkeit, einige Male, besonders in der letzten
Zeit meines Aufenthaltes fielen vom Horizont sogar ein paar schräge
Lichtstreifen über unsere Stadt, aber zu einem sieghaften Durchbruche
kam es nie -- nie.
Wie unter solchen Bedingungen die Erde mit ihren Fluren und Wäldern
aussah, ist leicht vorstellbar. Saftiges Grün war nirgends zu sehen,
in ein stumpfes Oliv, ein grünliches Grau waren unsere Pflanzen,
Gräser, Gesträuche und Bäume getaucht. Was in der Heimat in reichen
Farben prangte, hier war es gedämpft, matt. Während bei den meisten
Landschaften das Blau der Luft mit dem Gelb des Bodens die Stimmung
beherrschen, und dazwischen die andern Töne nur eingesprengt
erscheinen, waren hier grau und braun vorherrschend. Das Beste, die
Buntheit, fehlte. Harmonisch war das Traumland anzusehen, das musste
man zugeben.
Der Wetteranzeiger stand immer auf „anhaltend trüb und schlecht“, doch
war eine warme, weiche Luft wie bei unsrer Ankunft die Regel. Ähnlich
gegensatzlos verhielten sich die Jahreszeiten. Ein fünf Monate langes
Frühjahr -- fünf Monate Herbst; dauerndes Zwielicht in der Nacht
kennzeichneten den kurzen, heissen Sommer, endlose Dämmerungen und ein
paar Schneeflocken den Winter.
[Illustration]
Im Norden begrenzte ein mächtiges Gebirge das Reich. Seine Gipfel waren
stets in einer Nebelregion verborgen. Es ging jäh und unvermittelt in
die Ebene über und war der Ursprung einer mächtigen Wasserader: des
Negro. Dieser Fluss stürzte in wilden Kaskaden eine Felsplatte hinab.
Am Ausgange eines Engtales entfaltet, floss nun sein Wasser breit
und träge dahin in auffallend dunkler, fast tintiger Färbung. Dann
beschrieb er einen sanften Bogen. Hier war Perle, die Hauptstadt des
Traumreiches, errichtet. Schwermütig düster wuchs sie aus dem kargen
Boden in farbloser Einförmigkeit. Viele Jahrhunderte, meinte man,
müsse sie schon so dastehen. Tatsächlich stand sie kaum ein Dutzend
Jahre. Der Gründer dieser Stadt wollte den Ernst der Gegend nicht
stören. Keine schreienden Neubauten waren hier errichtet worden; er gab
viel auf Harmonie und liess sich seine alten Häuser aus allen Teilen
Europas senden. Es waren nur Gebäude, welche hierher passten; nach
+einer+ Idee, mit sicherem Instinkt ausgewählt, fügten sie sich ins
Ganze ein. Die Stadt zählte, als ich hinkam, gegen 22000 Einwohner. --
Um eine genaue Orientierung zu ermöglichen, welche ich zum
Verständnisse der später folgenden Ereignisse für nötig halte, habe ich
dem Buche einen kleinen Plan beigefügt.
Wie man daraus ersehen kann, gliederte sich Perle in vier Hauptteile:
Das Bahnhofviertel, an einem Sumpfe gelegen, gänzlich verräuchert,
enthielt die öden Verwaltungsbauten, das Archiv, die Post. Es war
ein unerfreulicher, langweiliger Bezirk. Die sogenannte Gartenstadt,
der Wohnsitz der Reichen, schloss sich an. Dann die Lange Gasse; sie
bildete das Geschäftsviertel. Hier wohnte der Mittelstand. Gegen den
Fluss zu war ihr Charakter mehr ein dorfartiger. Von der Langen Gasse
bis an den Berg gedrückt lag der vierte Distrikt: das französische
Viertel. Dieser kleine Stadtteil mit seinen 4000 Einwohnern, Romanen,
Slaven und Juden galt als verrufene Gegend. Die bunt zusammengewürfelte
Menge hockte da in alten Holzhäusern eng aufeinander. Winkelgässchen
und übelriechende Spelunken enthaltend, war dieses Viertel nicht
gerade der Stolz von Perle. Über der ganzen Stadt gleichsam hängend
und sie beherrschend erhob sich ein monströser Bau in ungeschlachter
Grösse. Drohend blickten die hohen Fenster weit über das Land und auf
die Menschen da unten. An den porösen, verwitterten Fels sich lehnend,
schob er seine Massen bis an das Zentrum der Stadt, den grossen Platz
vor. Das war der Palast -- die Residenz Pateras.
[Illustration]
Im Norden das Gebirge, im Osten der Fluss, im Westen der Sumpf, hätte
sich die Stadt nur noch nach Süden hin ausdehnen können. Dort, neben
dem Friedhof, waren allerdings noch grosse, unbebaute Flächen: Die
Tomassevicfelder, nach ihrem verstorbenen Besitzer genannt. Aber
alle Bauversuche erwiesen sich als trügerische Spekulationen. Nicht
einmal unter Dach, wurden die Bauten Ruinen. Unter ihnen fiel ein
verlassener Ziegelofen auf, der sich wie das Riesengrab irgend eines
Pharao oder assyrischen Grosskönigs ausnahm. -- Jenseits des Flusses
durften sich keine Europäer ansiedeln. Da lag die Vorstadt, eine kleine
Niederlassung mit besonderen Privilegien. Von ihr wird ein eigenes
Kapitel handeln.
Nun zur Bevölkerung. Sie rekrutierte sich aus in sich abgeschlossenen
Typen. Die besseren darunter waren Menschen von übertrieben feiner
Empfindlichkeit. Noch nicht überhandnehmende fixe Ideen, wie Sammelwut,
Lesefieber, Spielteufel, Hyperreligiosität und all die tausend Formen,
welche die feinere Neurasthenie ausmachen, waren für den Traumstaat wie
geschaffen. Bei den Frauen zeigte sich die Hysterische als häufigste
Erscheinung. Die Massen waren ebenfalls nach dem Gesichtspunkt des
Abnormen oder einseitig Entwickelten ausgewählt: Schöne Potatorentypen,
mit sich und der Welt zerfallene Unglückliche, Hypochonder,
Spiritisten, tollkühne Raufbolde, Blasierte, die Aufregungen, alte
Abenteurer, die Ruhe suchten, Taschenspieler, Akrobaten, politische
Flüchtlinge, ja selbst im Auslande verfolgte Mörder, Falschmünzer
und Diebe u. a. m. fanden Gnade vor den Augen des Herrn. Unter
Umständen befähigte sogar schon ein ins Auge fallendes Körpermerkmal
ins Traumland berufen zu werden. Daher die vielen Zentnerkröpfe,
Traubennasen, Riesenhöcker. Endlich lebten hier noch eine Anzahl
von Personen, welche durch ihre finstern Schicksale ein seltsam
ausgeprägtes Wesen bekommen hatten. Erst nach und nach schärfte sich
mein Blick für die tiefer liegenden Charakterschattierungen, welche
sich hier unter oft unscheinbarem Gewand verbargen.
Die mittlere Einwohnerzahl schwankte zwischen 20 und 24000 Seelen, die
sich stets aus neu Zugezogenen rekrutierten. Der Zuwachs durch Geburten
fiel kaum ins Gewicht. Kinder waren nicht besonders beliebt. Es
hiess, ihr Wert decke sich keinesfalls mit den durch sie verursachten
Unannehmlichkeiten. Es war die herrschende Ansicht, dass sie nur Geld
kosten, oft bis ins erwachsene Alter hinein, ungern und selten etwas
zurückzahlen wollen, und fast niemals ihren Eltern für das Geschenk
des Lebens dankbar seien, im Gegenteil oft zu der Meinung neigen,
diese Gabe sei eine aufgedrungene. Kindersegen blieb gleichbedeutend
mit Kindersorgen. Dass sie drollig und naiv sind, mein Gott, das sah
man an den vorhandenen Exemplaren. Dies war aber alles ein zu geringer
Antrieb, sich eine eigene Zucht anzulegen. Man lebte hier in einer
bewegten Gegenwart, nicht in der unsichern Zukunft, von der doch kein
Existierender etwas hat. Durch Kinder wollte man die Nerven nicht
weiter ruinieren, die Frauen nicht altern machen. Ein Junges war das
höchste, was man sich zulegte, Familien mit mehreren hatten diese
aus dem Auslande mitgebracht. Einen Fall mit neun werde ich seiner
Seltenheit halber später erwähnen. Ausserdem eigneten sich auch die
wenigsten Traumleute zu Vätern oder Müttern.
Noch gibt es verschiedenes nachzutragen, was ein Staatswesen erst zu
dem macht, was es ist. Es wurde eine kleine Armee gefüttert, die voll
Begeisterung ihrem Berufe lebte, eine wirklich ausgezeichnete Polizei,
deren Haupttätigkeitsgebiet das französische Viertel war, und das schon
mehrfach erwähnte Zollwesen. Alle diese Institutionen wurden vom Archiv
aus geleitet, einem niedrigen, enormen Gebäude -- es war dasselbe, das
mir bei meiner Ankunft schon aufgefallen war. -- Gelbgrau, verstaubt
und verschlafen, erweckte sein Anblick ein heftiges Gähnen. Es stand
am grossen Platz und war der +offizielle+ Sitz der Regierung. Ein
Schienenstrang verband alle kleinen Flecken miteinander, gangbare, wenn
auch übergraste Strassen führten bis in die entferntesten Gebirgstäler.
Zum weitaus grössten Teile waren die Träumer ehemals Deutsche. Mit
ihrer Sprache kam man in der Stadt wie bei den Bauern durch. Andere
Nationalitäten kamen dagegen nicht auf.
Damit glaube ich alles gesagt zu haben, was in dieses Kapitel gehört,
das nur den skizzierten Hintergrund zu der wirklichen Geschichte
abgeben soll.