DIE ANKUNFT

Jenseits des Tores war es tief dunkel. Der Nebel drückte nicht mehr

auf die Brust, laue Luft wehte. In der Nähe hörten wir pfeifen und

stossweises Rasseln. Jetzt sah man auch ein paar rote und grüne

Signallichter. Wir liefen auf ein niedriges Gebäude zu. Der Mann mit

der Laterne erklärte: „Das ist die Bahnstation, es ist höchste Zeit!“

Am Schalter erhielten wir Fahrkarten zweiter Klasse nach Perle. Das

erstemal sei die Fahrt frei, hiess es. -- Nun traten wir auf einen

menschenleeren Perron. Der Zugführer pfiff bereits zur Abfahrt, und man

drängte uns in den Zug. „Wir fahren dritter!“ rief ich; da hoffte ich

mehr zu sehen, denn die zweite Klasse war ganz leer. Als wir einstiegen

fühlte ich, wie mir jemand etwas Schweres in die Hand drückte:

„Es ist Geld, jeder Neuangekommene bekommt das!“ tönte es schon aus der

Ferne. -- Ich schob es ein --.

Nach mehreren fruchtlosen Anstrengungen brachte die Maschine den Zug

endlich in Bewegung. Die Geschwindigkeit war sehr mässig, noch mässiger

die qualmende Ölbeleuchtung in den Wagen. Zurückblickend gewahrte

ich gerade noch die hohe Mauer, sie ragte schwarz in den Nachthimmel.

„Wie ein Festungswall“, dachte ich und sah interessiert hinaus. Sie

verschwand immer mehr in der Finsternis.

Von dem Lande, durch das wir fuhren, sah ich nicht allzuviel. Unser Zug

warf einen matten Schein auf Bäume, Sträucher, Wächterhäuschen. -- Es

war im allgemeinen so, wie eine Nachtfahrt zu sein pflegt.

Der Schaffner stieg von der Aussenseite des Zuges zu uns.

„Ihre Lampen riechen aber miserabel, da kann einem ja schlecht werden“,

sagte ich zu dem Beamten.

„Es war noch nie eine Klage!“

„Wie lange ist’s noch nach Perle?“

„In zwei Stunden -- um Mitternacht, -- sind wir dort.“

„Können Sie mir ein Hotel empfehlen?“

„Nur die blaue Gans kommt in Betracht. Die kleineren Gasthäuser, die

noch da sind, dürften Ihnen nicht zusagen.“

Er sprach das sehr gefällig und verschwand wieder im Dunkel.

Bei einigen Stationen bemerkte ich lange Schuppen und Berge von Kisten

und Kolli. Einmal kaufte meine Frau ein Körbchen mit kaltem Abendessen

und eine Flasche Wein. Ich zahlte mechanisch von dem Geld, das man mir

zugeschoben hatte. Wir bemerkten da erst zu unserm Erstaunen, dass ich

Kreuzer und Gulden in der Tasche hatte -- auch ein Röllchen Gold war

dabei.

Meine Frau war in Gedanken versunken. Sie hatte wohl den Chok vom Tor

noch im Kopfe. Ach ja, die überreizten Nerven! Es ist hohe Zeit, dass

man wieder in seine Ruhe kommt.

Zwei Arbeiter waren eingestiegen und unterhielten sich gleichgültig.

Als sie sich beim nächsten Halten wieder entfernten, grüsste der eine

und warf mir einen Blick zu, als kenne er mich schon. Auch mir kam er

bekannt vor. Man findet eben immer wieder dieselben Gesichter auf der

Welt. Eigentlich beneidete ich ihn. Er durfte schon heraus, und ich

musste noch im Öldunst ausharren. Zum Glück würde es nicht mehr lange

dauern! -- Eine melancholische Fahrt!

Kurz vor Perle durchkreuzte der Zug eine wasserreiche Wildnis. Dann

fuhr er immer langsamer und blieb schliesslich stehen. Ich blickte

hinaus -- wir waren da --!

Auch hier wieder nur geringes Leben. Hinter dem Bahnhof träumte eine

vereinzelte Droschke. Wir weckten den Kutscher und liessen uns zur

blauen Gans fahren. Neugierig schaute ich auf die Strassen, durch die

das schlechte Gefährt klapperte.

„Das soll Perle, die Hauptstadt des Traumreiches sein?“ -- Meine

Entrüstung war nur schlecht zu verhehlen. „So sieht es ja bei uns

in jedem Drecknest aus!“ sagte ich voll Unlust und Enttäuschung und

deutete auf ein langweiliges Gebäude.

Von Verkehr war wenig zu spüren. Nur hie und da huschten Passanten

vorüber. Mit der Beleuchtung wurde geknausert, kaum eine Gasflamme an

den Strassenecken. Oft hätte ich schwören können: „Dieses Haus habe

ich schon gesehen.“ Auch meiner Frau kam manches bekannt vor. „Bei uns

daheim wird wenigstens nicht so mit dem Licht gespart!“ entschied ich

grimmig. -- Wir hielten.

Das Hotel war nicht ersten Ranges, aber halbwegs sauber und gemütlich.

Ich liess Tee aufs Zimmer bringen. Es war geräumig und recht nett

eingerichtet. Ein bisschen zusammengekauft sah das Mobiliar allerdings

aus. Über dem Ledersofa hing ein grosses Bild Maximilians, des

Kaisers von Mexiko, über den Betten hing Benedek, der Unglückliche

von Königgrätz. „Wie kommt denn der hierher?“ konnte ich mir nicht

versagen, das Stubenmädchen zu fragen.

Wer je zehn Tage kein richtiges Bett gesehen hat, wird begreifen, dass

uns das jetzt wertvoller war als alle Traumschätze der Welt.

„Ich bin nur froh über die milde Luft, die hier zu herrschen scheint“,

sagte meine Frau und untersuchte und lobte die Betten. Ich lag schon in

köstlichen Federn und entgegnete gähnend: „Das scheint aber auch das

einzige Erfreuliche hier.“ -- -- --

-- -- -- Der Tag musste schon weit vorgeschritten sein, als ich

entdeckte, dass ich bereits eine ganze Weile mit offenen Augen dalag.

Ein Raum mit roter Tapete?!.... Jetzt habe ich’s ..... richtig

.............. ich bin der Zeichner so und so, -- ich liege in einem

Hotelbett der Hauptstadt des Traumreiches, und neben mir schläft meine

Frau.

Frisch, total ausgeschlafen erhoben wir uns und machten Toilette. Ich

war äusserst gespannt in Erwartung aller Dinge, die ich sehen sollte.

Nach eingenommenem Frühstück gingen wir aus. Es war ein trüber Tag.

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