12. Juni 1887.

Das Wetter ist nach wie vor heiß. Helen ist ungefähr dieselbe geblieben

-- bleich und hager. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie wirklich

krank ist. Ich bin überzeugt, die Hitze und nicht die natürliche,

vielversprechende Regsamkeit ihres Geistes ist schuld an ihrem

Zustande. Selbstverständlich werde ich ihr Gehirn nicht überbürden.

Wir werden tagtäglich von Leuten überlaufen, die bereit sind, die

Verantwortlichkeit für die Welt zu übernehmen, wenn sich der liebe

Gott eine Versäumnis zuschulden kommen läßt. Sie erklären uns, Helen

»strenge sich zu sehr an«, ihr Geist sei zu lebhaft (genau dieselben

Leute glaubten noch vor ein paar Monaten, sie besäße überhaupt keinen),

und erteilen uns allerhand unmögliche und widersinnige Ratschläge.

Augenblicklich unterweise ich Helen in der Quadratschrift. Die

Beschäftigung lenkt sie etwas ab und nötigt sie zum Stillsitzen, was

bei dieser erschlaffenden Hitze sehr wünschenswert ist. Sie hat eine

völlige Manie für das Zählen. Sie hat alles im Hause gezählt und ist

jetzt dabei, die Wörter in ihrer Fibel zu zählen. Hoffentlich wird es

ihr nicht in den Sinn kommen, die Haare ihres Hauptes zählen zu wollen.

Könnte sie sehen und hören, so würde sich ihre überschüssige Energie

in einer Weise entladen, die vielleicht ihr Gehirn nicht so übermäßig

belasten würde, obgleich ich andererseits glaube, daß auch das normale

Kind sein Spiel ziemlich ernst nimmt.

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Die Geschichte meines Lebens · 第 49 / 70 题