von
A. M. Sullivan.
Die Abfassung des Buches.
Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten
Manuskriptes. -- Braillekopie. -- Revision mit Hilfe Fräulein
Sullivans.
Man muß gestehen, Fräulein Kellers »Geschichte meines Lebens« erscheint
gerade jetzt zur rechten Zeit. Die Entwickelung der Verfasserin ist im
wesentlichen abgeschlossen, und was sie auch in Zukunft noch erreichen
mag, es wird immer nur ein verhältnismäßig geringfügiger Zuwachs zu
den Erfolgen sein, die sie schon jetzt aufzuweisen hat. Diese Erfolge
liegen klar zutage, denn ihre Leistungen im Radcliffe College während
der letzten beiden Jahre haben bewiesen, daß sie ihre Ausbildung so
weit fortsetzen kann, als ob sie unter normalen Bedingungen studierte.
Alle Zweifel, die Fräulein Keller etwa selbst gehegt haben mag, sind
nun verstummt.
Um den Leser in den Stand zu setzen, Fräulein Kellers Aufzeichnungen
von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu betrachten, sind einige
Erläuterungen notwendig. In der Schilderung, die sie von ihren ersten
Unterrichtsjahren entwirft, gibt sie keinen wissenschaftlich genauen
Bericht über ihr Leben, nicht einmal über die wichtigsten Ereignisse
darin. Sie kann im einzelnen nicht wissen, in welcher Weise sie
unterrichtet wurde, und die Erinnerung an ihre Kindheit ist zum Teil
eine idealisierte Erinnerung an das, was sie später von ihrer Lehrerin
und anderen erfahren hat. Sie ist weniger imstande, sich auf Ereignisse
zu entsinnen, die fünfzehn Jahre zurückliegen, als die meisten von uns
sich ihre Kindheit ins Gedächtnis zurückrufen können. Aus diesem Grund
wird man stellenweise einen Unterschied zwischen den Aufzeichnungen
Fräulein Kellers und den Berichten ihrer Lehrerin finden.
Die Art und Weise, in der Fräulein Keller ihre Biographie geschrieben
hat, legt deutlicher als alles andere Zeugnis von den Schwierigkeiten
ab, die sie zu überwinden hatte. Wenn wir schreiben, so können wir das
Fertiggewordene überlesen, seitenlang zurückblättern, einfügen, die
Anordnung ändern; wir können sehen, wie sich die Sätze im Konzepte
ausnehmen, und so das ganze Werk offensichtlich vor unseren Augen
aufbauen, wie ein Architekt seine Pläne entwirft. Wenn Fräulein Keller
die Schreibmaschine benutzt, so kann sie das Niedergeschriebene nur
prüfen, wenn es ihr jemand mittels des Fingeralphabets vorliest.
Diese Schwierigkeit wird zum Teil durch die Benutzung der
Braillemaschine gehoben, die ein für sie lesbares Manuskript liefert;
da ihre Arbeit doch aber zuletzt in Schreibmaschinenschrift übertragen
werden muß, und eine Braillemaschine etwas unbequem zu handhaben ist,
so hat sie sich daran gewöhnt, sofort mit der Schreibmaschine zu
arbeiten. Sie ist so wenig von ihrem Braillemanuskript abhängig, daß,
als sie vor länger als Jahresfrist ihre Biographie zu schreiben begann
und etwa hundert Seiten des Entwurfes nebst einzelnen Bemerkungen
hiezu fertiggestellt hatte, sie aus Unachtsamkeit diese Anmerkungen
vernichtete, ehe sie ihr Manuskript beendet hatte. Daher schrieb sie
einen großen Teil ihrer Biographie mittels der Schreibmaschine nieder
und verließ sich behufs der Zusammenstellung der einzelnen Episoden,
die ihr Fräulein Sullivan vorlas, bei der endgültigen Ausarbeitung ganz
auf ihr Gedächtnis.
Als sie im vergangenen Juli unter großer Ueberbürdung mit Arbeit
das Schlußkapitel beendet hatte, begann sie das ganze Buch mit
der Schreibmaschine umzuschreiben. Ein guter Freund von ihr, Herr
William Wade, hatte für sie eine vollständige Braillekopie nach den
Niederschriften angefertigt. Nun hatte sie zum ersten Male ihr gesamtes
Manuskript auf einmal unter den Fingern. Sie bemerkte Mängel in der
Anordnung der Abschnitte und Wiederholungen einzelner Redewendungen;
ferner erkannte sie, daß ihre Biographie von selbst in kurze Kapitel
zerfiel, und teilte sie demgemäß von neuem ein.
Teils infolge ihres Temperaments, teils infolge der Bedingungen, unter
denen ihr Buch entstanden war, hatte sie mehr eine Reihe glänzender
Einzelschilderungen als eine einheitliche Erzählung gegeben; in der Tat
sind verschiedene Abschnitte ihrer Biographie kurze Aufsätze, die sie
in ihren englischen Unterrichtsstunden geschrieben hatte, und die lose
Verbindung zeigt mitunter ihren ursprünglichen Umfang an.
Bei der Reinschrift brachte Fräulein Keller mit Hilfe ihrer
Brailleschreibmaschine Korrekturen und Ergänzungen auf besonderen
Blättern zu Papier. Längere Korrekturen schrieb sie mittels der
Schreibmaschine nieder und bezeichnete die Stellen, an die sie
gehörten, durch Stichworte. Dann las sie das ganze Buch von ihrer
Braillekopie ab und brachte während des Lesens noch Korrekturen an,
die auf das Manuskript niedergeschrieben wurden, das dann in die
Druckerei kam. Während dieser Revision erörterte sie Fragen, die auf
Inhalt und Form Bezug hatten. Sie saß da, ließ ihre Finger über das
Braillemanuskript gleiten, hielt dann und wann inne, um die Blätter,
auf die sie ihre Notizen in Brailleschrift aufgezeichnet hatte, zu
vergleichen, und las die ganze Zeit über laut, um ihre Zuhörer in die
Lage zu versetzen, das Manuskript zu kontrollieren.
Sie hörte auf die Kritik genau so wie jeder andere Schriftsteller
auf das Urteil seiner Freunde oder seines Verlegers hört. Fräulein
Sullivan, die eine ausgezeichnete Kritikerin ist, machte ihr
sowohl bei der Ausarbeitung wie bei der Revision vielfach
Verbesserungsvorschläge. Man hat behaupten wollen, Fräulein Keller
sei durch übereifrige Freunde zur Abfassung ihres Buches sowie zur
Einfügung gewisser Dinge gedrängt worden. In Wahrheit haben die
Ratschläge, die sie erhalten und befolgt hat, mehr zu Streichungen als
zu Zusätzen geführt. Das Buch ist Fräulein Kellers ausschließliches
geistiges Eigentum und der entscheidende Beweis für ihre selbständige
Begabung.
Helen Kellers Persönlichkeit.
Körperliche Erscheinung. -- Lebhafte Gestikulation. --
Personengedächtnis. -- Vorliebe für Humor. -- Hartnäckigkeit im
Verfolgen ihrer Ziele. -- Keckheit. -- Ungeeignet für psychologische
Experimente. -- Liebe zur Geselligkeit. -- Verständnis für Musik.
-- Interesse für die Tagesereignisse. -- Ueberraschend vollständige
Weltkenntnis. -- Gefühlssinn nicht besonders fein entwickelt. --
Verständnis für Plastik. -- Wenig Orientierungssinn. -- Benutzung der
Schreibmaschine. -- Fingeralphabet. -- Hochdruck und Braillesystem.
-- Geruchssinn. -- »Sechster Sinn«. -- Zeitsinn. -- Eigenartige
Uhren. -- Gesunde Auffassung der Dinge. -- Sittliche Reinheit. --
Abneigung gegen Tragödien. -- Warmes Empfinden und Aufrichtigkeit. --
Mangel an Eitelkeit. -- Beschäftigung mit Politik.
Mark Twain hat behauptet, die beiden interessantesten Charaktere
des neunzehnten Jahrhunderts seien Napoleon und Helen Keller. Die
Bewunderung, mit der die Welt auf die letztere geblickt hat, wird
durch ihre Leistungen mehr als gerechtfertigt. Niemand vermag etwas
Zutreffendes über sie auszusagen, was nicht bereits gedruckt ist, und
alles, was ich tun kann, besteht darin, einiges Tatsächliche über
Fräulein Kellers Entwickelungsgang mitzuteilen und die Angaben über
ihre Persönlichkeit in einigen Punkten zu ergänzen.
Fräulein Keller ist groß und kräftig gebaut und hat sich stets einer
guten Gesundheit erfreut. Sie scheint nervöser zu sein, als sie
tatsächlich ist, weil sie mehr mit ihren Händen gestikuliert als
die meisten Menschen englischer Zunge. Der eine Grund für diese
Gewöhnung liegt bei ihr darin, daß sie sich ihrer Hände so lange
Zeit als Verständigungsmittel bedient hat, daß sie von selbst die
rasche Beweglichkeit des Auges angenommen haben und einen Teil von
dem ausdrücken, was wir mit einem Blicke sagen. Alle tauben Menschen
gestikulieren von Hause aus. In der Tat war man früher der Meinung,
diese Unglücklichen könnten sich am leichtesten durch ein System
von Gestikulationen, durch die von dem Abbé de l’Epée erfundene
Zeichensprache verständlich machen.
Wenn Fräulein Keller spricht, so belebt sich ihr Antlitz und drückt
alle Nuancen ihres Denkens aus, ihre Gesichtszüge werden sprechend
und geben ihren Worten erst den rechten Nachdruck. Wenn sie jedoch
mit einem näheren Bekannten spricht, so faßt sie mit der Hand rasch
nach seinem Gesichte, um, wie sie sagt, „das Bewegungsspiel des Mundes
zu sehen.“ Auf diese Weise ist sie imstande, den Sinn solcher halb
ausgesprochenen Sätze zu verstehen, die wir unbewußt aus dem Tone der
Stimme oder dem Ausdrucke des Auges ergänzen.
Ihr Personengedächtnis ist erstaunlich. Sie erinnert sich bei der
Berührung von Fingern, die sie früher in der Hand gehalten hat, all
der charakteristischen Muskelzusammenziehungen, die den Handschlag des
einen Menschen von dem des anderen verschieden machen.
Vielleicht der kennzeichnendste Charakterzug Helen Kellers (und
ebenso Fräulein Sullivans) ist der Humor. Schlagfertigkeit und die
Neigung zu Wortspielen verleihen ihr eine Vorliebe für Bonmots und
witzige Redewendungen. Doch ist ihr Humor von jener tieferen Art, die
gleichbedeutend mit Mut ist.
Vor vierzehn Jahren setzte sie es sich in den Kopf, sprechen lernen zu
wollen, und sie ließ ihrer Lehrerin nicht eher Ruhe, bis ihr diese
die Erlaubnis gab, Unterricht darin nehmen zu dürfen, obgleich kluge,
erfahrene Leute, sogar Fräulein Sullivan, die klügste von allen,
dies als ein Experiment betrachteten, das unmöglich gelingen könne
und nur danach angetan sei, sie unglücklich zu machen. Diese selbe
Hartnäckigkeit war es, die sie bewog, die Universität zu besuchen.
Nachdem sie ihre Examina bestanden und ihr Abiturientenzeugnis erhalten
hatte, wurde ihr von dem Dekan des Radcliffe College und anderen das
Universitätsstudium widerraten. Sie schob es daher ein volles Jahr auf.
Sie fühlte sich aber nicht befriedigt, bis sie ihren Plan ausführte und
die Universität bezog.
Ihr Leben ist eine Reihe von Anläufen gewesen, alles zu tun, was andere
tun, und es ebensogut zu tun. Sie hat damit einen durchschlagenden
Erfolg erzielt, denn bei dem Versuche, so zu sein wie andere, ist sie
dahin gelangt, sich selbst völlig zu finden. Ihre Abneigung gegen
Niederlagen hat ihren Mut entwickelt. Was ein anderer erreichen kann,
das kann sie auch. Ihre Achtung für persönliche Tapferkeit gleicht
der Verachtung des Knaben für den weinenden Spielgefährten, mit einem
Anflug von jugendlichem Bramarbasieren. Sie unternimmt Fußwanderungen
in die Wälder, kriecht durch das Unterholz, wobei sie zerkratzt und
zerschunden wird; aber man kann sie nicht dahin bringen, zuzugeben, daß
sie sich verletzt habe, und um keinen Preis bewegen, das nächstemal zu
Hause zu bleiben.
Wenn man versucht, Experimente an ihr zu machen, zeigt sie eine zähe
Willensbestimmtheit, jede Probe, der man sie zu unterziehen wünscht, zu
bestehen, so widersinnig sie auch sein mag.
Wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht weiß, so rät sie frisch
darauf los. Fragt man sie nach der Farbe des Rockes, den man anhat
(kein Blinder kann eine Farbe erkennen), so befühlt sie ihn und sagt:
Schwarz. -- Ist er zufällig blau und sagt man ihr dies triumphierend,
so ist sie imstande zu antworten: Danke. Ich freue mich, daß Sie es
wissen. Wozu haben Sie mich dann überhaupt gefragt? --
Ihre spöttische, mutwillige Art macht sie zu einem sehr ungeeigneten
Objekt für psychologische Experimente. Außerdem sieht Fräulein Sullivan
auch nicht ein, warum Helen Keller wissenschaftliche Untersuchungen
über sich ergehen lassen soll, und hat selbst nur wenig Experimente
angestellt. Als ein Psychologe sie fragte, ob Helen im Schlafe mit
ihren Fingern buchstabiere, entgegnete ihm Fräulein Sullivan, sie halte
es nicht für der Mühe wert, aufzubleiben und Nachtwache zu halten, da
derlei Dinge von so geringer Bedeutung seien.
Fräulein Keller ist eine Freundin von Geselligkeit. Wenn jemand, den
sie berührt, über einen Scherz lacht, lacht sie mit, gerade als ob
sie ihn gehört hätte. Wenn andere von Musik hingerissen werden, so
erscheint, durch Sympathie hervorgerufen, ebenfalls auf ihren Zügen
ein strahlender Ausdruck. In der Tat besitzt sie ein so feines Gefühl
für die Gemütsbewegungen Fräulein Sullivans, daß sie sich derselben
sofort anpassen kann, und so scheint sie auch zu wissen, was in ihrer
Umgebung geschieht, selbst wenn die Unterhaltung ihr nicht in die Hand
buchstabiert wird. In derselben Weise beruht ihr Verständnis für Musik
teilweise auf Sympathie, obgleich sie sich an ihr auch um ihrer selbst
willen erfreut.
[Illustration: Helen Keller »horcht« auf die Töne eines Klaviers]
Die Musik kann für sie vermutlich wenig mehr bedeuten als eine
rhythmische Bewegung. Sie kann nicht singen oder Klavier spielen,
obgleich sie, wie frühere Experimente beweisen, es mechanisch erlernen
konnte, eine Melodie auf den Tasten abzuspielen. Ihre Freude an der
Musik ist nichtsdestoweniger völlig echt, denn die Töne werden ihr
durch das Gefühl vermittelt, indem die Luftwellen sie berühren.
Teilweise rührt ihr Verständnis für den Rhythmus der Musik ohne
Zweifel von den Schwingungen fester Körper her, die sie berührt; des
Fußbodens oder, was wahrscheinlicher ist, des Pianokastens, auf dem
ihre Hand ruht. Doch scheint sie auch die Bewegung der Luft selbst zu
empfinden. Als die Orgel in der Bartholomäuskirche für sie gespielt
wurde, (vergl. S. 171) erbebte das ganze Gebäude bei den mächtigen
Pedaltönen, aber dadurch wird nicht im geringsten erklärt, was Helen
empfand und worüber sie sich freute. Die Vibration der Luft sowie die
anschwellenden Orgeltöne versetzten sie ebenfalls in gleichartige
Schwingungen. Mitunter legt sie ihre Hand an den Kehlkopf eines
Sängers, um das Zittern und Zusammenziehen der Muskeln zu fühlen,
und hat davon einen wahrhaften Genuß. Niemand weiß jedoch genau,
welcher Art ihre Empfindungen dabei sind. Es ist belustigend, in einer
Zeitschrift aus dem Jahre 1895 zu lesen, daß Fräulein Keller den
verschiedenen Komponisten eine gerechte und verständnisvolle Würdigung
entgegenzubringen vermöge, da sie deren Musik im buchstäblichen Sinne
des Wortes fühle; Schumann sei ihr Lieblingskomponist. Wenn sie den
Unterschied zwischen Schumann und Beethoven kennt, so rührt dies daher,
daß sie darüber gelesen hat, sich an das Gelesene erinnert und mit
jemand, der sie danach fragt, über dieses Thema sprechen kann.
Fräulein Kellers Streben, es anderen in Bezug auf Intelligenz
gleichzutun, hält sie auch betreffs der Tagesereignisse auf dem
laufenden. Als ihre Erziehung systematischer wurde und sie sich mit
Büchern beschäftigte, würde es für Fräulein Sullivan ein leichtes
gewesen sein, sie zur Einkehr in sich selbst anzuhalten, wenn sie
dazu geneigt gewesen wäre. Aber jedermann, der mit ihr zusammenkam,
hat ihr sein Bestes gegeben, und sie hat es angenommen. Wenn im Laufe
einer Unterhaltung der ihr zunächst Sitzende auch nur einen Augenblick
aufhört, in ihre Hand zu buchstabieren, so erfolgt unausbleiblich die
Frage: Worüber sprechen Sie jetzt? Auf diese Weise speichert sie die
Bruchstücke aus der täglichen Unterhaltung normal beanlagter Menschen
in sich auf, und ihre Einzelkenntnisse sind daher äußerst umfassend und
genau. Auch spricht sie gut über die kleinen täglichen Ereignisse des
Lebens.
Einen großen Teil ihres Wissens erwirbt sie sich auf unmittelbarem
Wege. Wenn sie ausgeht, bleibt sie oft plötzlich stehen, von dem
Geruche eines Strauches angezogen. Sie streckt ihre Hand aus, befühlt
die Blätter, und empfindet an der Pflanzenwelt denselben Genuß wie wir,
wenn sie die Blätter zwischen ihren Fingern hält, den Duft der Blüten
einsaugt und wenn sie sich später wieder daran erinnert.
Befindet sie sich an einer neuen Oertlichkeit, namentlich einer
interessanten wie den Niagarafällen, so ist ihr Begleiter, -- in
der Regel ist es natürlich Fräulein Sullivan -- bemüht, ihr eine
Vorstellung von den sichtbaren Einzelheiten beizubringen. Fräulein
Sullivan, die das Innere ihres Zöglings kennt, wählt aus der Landschaft
die wesentlichen Züge aus, die imstande sind, Helens innerer
Anschauung der Außenwelt, die unseren Augen eine verwirrende Fülle
von Einzelheiten darbietet, eine gewisse Klarheit und Bestimmtheit zu
verleihen. Wenn ihr Begleiter ihr nicht genug Einzelheiten mitteilt, so
stellt Helen selbst Fragen, bis sie sich das Landschaftsbild zu ihrer
Befriedigung ergänzt hat.
Sie sieht nicht mit ihren Augen, wohl aber mittels der inneren
Fähigkeit, zu deren Unterstützung uns die Augen gegeben sind. Wenn
sie von einem Spaziergang zurückkehrt und mit jemand über diesen
spricht, so sind ihre Beschreibungen zutreffend und lebendig. Eine
auf Vergleichung beruhende Erfahrung, die sie aus schriftlichen
Schilderungen und aus den mündlichen ihrer Lehrerin schöpft, schützt
sie vor Irrtümern im Gebrauche der Bezeichnungen für Gehörs- und
Gesichtseindrücke. Ihre Anschauung vom Leben ist in der Tat höchst
farbenreich, und die Welt, wie Helen sie erblickt, ist unzweifelhaft
ein wenig besser als in Wirklichkeit. Doch ist Fräulein Kellers
Kenntnis von ihr durchaus nicht so unvollständig, wie man annehmen
könnte. Gelegentlich setzt sie ihre Umgebung durch ihre Unkenntnis
einer Tatsache in Erstaunen, die ihr zufällig niemand mitgeteilt hat;
so wußte sie zum Beispiel bis zu ihrem ersten Seebade nicht, daß das
Meerwasser salzig ist. Viele der vereinzelten Ereignisse und Tatsachen
unseres täglichen Lebens gehen an ihr unbemerkt vorüber, aber sie hat
eine genügende Kenntnis von der Welt, um sich eine im wesentlichen
lückenlose Anschauung von ihr bilden zu können.
Der größte Teil ihres unmittelbaren Wissens geht auf ihren Gefühlssinn
zurück. Dieser Sinn ist jedoch nicht so fein ausgebildet wie
bei anderen Blinden. Laura Bridgman konnte die winzigsten, fast
verschwindenden Unterschiede in der Stärke von Fäden wahrnehmen und
fertigte wundervolle Spitzen an. Fräulein Keller versteht zu stricken
und zu häkeln, aber sie hat Besseres zu tun. Bei ihren mannigfaltigen
Gaben und Anlagen hat sie sich des Gefühlssinns nicht genügend bedient,
um ihn allzuhoch über die normale Schärfe hinaus zu entwickeln. Ein
Bekannter stellte eines Tages bei Helen Versuche mit verschiedenen
Münzen an. Das Wiedererkennen nach Maßgabe ihres Gewichts- und
Größenverhältnisses ging langsamer von statten, als er erwartet hatte.
Aber man muß dabei bedenken, daß sie fast nie Geld in die Hände bekommt
und, nebenbei gesagt, so von einer der schmutzigen und kleinlichen
Einzelheiten des Lebens verschont bleibt.
Sie erkennt den Vorwurf und die allgemeine Idee einer sechs Zoll
hohen Statuette. Etwas, was flacher ist, als ein Basrelief von einem
halben Zoll Höhe ist für sie ein leeres Blatt, insofern es sich dabei
um die Empfindung des Schönen handelt. Große Statuen, bei denen sie
den Schwung der Linien mit der ganzen Hand verfolgen kann, gewähren
ihr einen höheren ästhetischen Genuß. Sie bemerkt selbst, daß sie
sie besser zu würdigen imstande ist als wir, weil sie die wirklichen
Dimensionen zu erfassen und die körperliche Natur eines plastischen
Werkes unmittelbarer zu empfinden vermag. Als sie das Museum der
schönen Künste in Boston besuchte, stand sie auf einer Stehleiter und
ließ beide Hände über die Statuen gleiten. Als sie ein Basrelief mit
der Darstellung tanzender Mädchen befühlte, fragte sie: Wo sind die
Sängerinnen? -- Nachdem sie diese gefunden hatte, sagte sie: Eine von
ihnen schweigt. -- Die Lippen der Sängerin waren geschlossen.
Am meisten bietet jedoch ihr tägliches Leben Gelegenheit, die Feinheit
ihrer Sinne und ihrer Handfertigkeit zu beobachten. Sie scheint
sehr wenig Orientierungssinn zu besitzen. Sie tastet ihren Weg mit
ziemlicher Unsicherheit selbst in Zimmern entlang, mit denen sie ganz
bekannt ist. Die meisten Blinden werden durch das Gehör unterstützt,
sodaß man sie nicht mit diesen vergleichen kann, sondern billigerweise
nur mit anderen taubstummen Blinden. Ihre Geschicklichkeit ist weder
im Verhältnis zu normalen Personen, deren Bewegungen durch das Auge
geleitet werden, noch, wie mir versichert wurde, zu anderen Blinden
bemerkenswert. Sie hat keine einzige Fertigkeit ausgeübt, die den
Gebrauch ihrer Hände erfordert haben würde. Als sie zwölf Jahre alt
war, ließ ein Bekannter von ihr, der Künstler Albert H. Munsell,
sie Versuche mit einer Wachstafel und einem Griffel anstellen. Er
berichtet, sie habe sich ganz gut dabei angestellt und nach Modellen
einige Umrißzeichnungen von Blättern und Rosetten angefertigt.
Ihre einzige Beschäftigung, die Handfertigkeit erfordert, ist ihre
Tätigkeit an der Schreibmaschine. Obgleich sie diese von ihrem zwölften
Lebensjahre an benutzt hat, arbeitet sie an ihr eher sorgfältig als
rasch. Sie schreibt mit angemessener Schnelligkeit und absoluter
Sicherheit. Ihre Manuskripte enthalten selten Schreibfehler, wenn sie
sie Fräulein Sullivan zum Durchlesen übergibt. Ihre Schreibmaschine
weist keine besonderen Einrichtungen auf. Sie überzeugt sich von der
Stellung der einzelnen Tasten zueinander durch eine gelegentliche
Berührung des Außenrandes der Platte mit dem kleinen Finger.
Fräulein Kellers Verstehen des Fingeralphabets vermittelst des Gefühls
scheint einigermaßen Verwunderung zu erregen. Selbst Leute, die Helen
sehr gut kannten, haben in Zeitschriften von Fräulein Sullivans
»geheimnisvoller telegraphischer Zwiesprache« mit ihrem Zögling
gesprochen. Das Fingeralphabet ist das bei allen tauben Personen,
die eine Erziehung genossen haben, übliche. Die meisten Wörterbücher
enthalten eine bildliche Darstellung der Fingeralphabete. Der sehende
Taube blickt auf die Finger seines Begleiters, aber es ist auch
möglich, sie zu fühlen. Fräulein Keller legt ihre Finger leicht über
die Hand dessen, der mit ihr spricht, und faßt die Worte so rasch auf,
wie sie buchstabiert werden können. Wie sie erklärt, ist sie sich
weder der einzelnen Buchstaben noch einzelner Wörter bewußt. Fräulein
Sullivan und andere, die beständig mit Tauben zu tun haben, können sehr
rasch buchstabieren -- schnell genug, um die Geschwindigkeit einer
langsamen Lektüre zu erreichen, jedoch nicht, um jedem Worte eines
raschen Gespräches folgen zu können.
Jedermann kann das Fingeralphabet in wenigen Minuten erlernen, nach
Verlauf eines Tages langsam anwenden und nach einer beständigen Uebung
von dreißig Tagen sich durch dasselbe mit Helen Keller oder einer
anderen tauben Person verständigen, ohne auf die Bewegung der Finger
zu achten. Wäre das Fingeralphabet allgemeiner bekannt und erlernten
die Bekannten und Angehörigen tauber Kinder es zugleich mit diesen, so
würden die Tauben der ganzen Welt glücklicher und besser unterrichtet
sein.
Helen Keller liest mit Hilfe von Hochdrucken und den verschiedenen
Arten der Brailleschrift. Das gewöhnliche Buch in Hochdruck ist mit
römischen Lettern, sowohl kleinen wie großen, hergestellt. Diese
Lettern sind von einfacher, viereckiger, rechtwinkliger Gestalt. Die
kleinen Buchstaben sind ungefähr 3/16 Zoll hoch und erheben sich über
die Blattfläche ungefähr um die Dicke eines Daumennagels. Die Bücher
haben ein großes Format, ungefähr Lexikonformat. Das französische
Elementarbuch von Ploetz umfaßt zum Beispiel vier Bände. Die Bücher
sind nicht schwer, weil die Blätter mit der erhöhten Schrift nicht
dicht übereinander liegen. Am meisten fällt Helens Blindheit ihren
Bekannten auf, wenn die plötzlich im Dunkeln zu ihr kommen und das
Rascheln ihrer Finger über die Buchseite hören.
[Illustration: Helen Keller bei der Lektüre]
Der geeignetste Druck für die Blinden ist die Brailleschrift, die
verschiedene Abarten aufweist, leider nur zu viele -- die englische,
die amerikanische, die New Yorker. Fräulein Keller liest sie alle.
Die meisten Blinden mit Schulbildung verstehen verschiedene Systeme,
aber es würde die Sache vereinfachen, wenn, wie Fräulein Keller
vorschlägt, die englische Brailleschrift allgemein angenommen würde.
Jedes Zeichen (entweder ein Buchstabe oder eine, der Brailleschrift
eigentümliche Zusammenziehung mehrerer Buchstaben) besteht aus einer
Anzahl von Punkten (zwischen 1 und 6 schwankend), die in verschiedenen
Stellungen zueinander angeordnet sind. Fräulein Keller besitzt eine
Brailleschreibmaschine, auf der sie ihre Notizen anfertigt und Briefe
an ihre blinden Freunde schreibt. Diese Maschine hat sechs Tasten, und
durch das Niederdrücken einer oder mehrerer von diesen zu gleicher
Zeit (genau so wie man einen Akkord auf dem Klavier greift) bringt der
Schreibende ein Zeichen in einem Bogen dicken Papiers hervor und kann
halb so rasch schreiben wie auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine.
Die Brailleschrift eignet sich vorzugsweise zur Herstellung einzelner
Abschriften von Büchern.
Bücher für Blinde gibt es verhältnismäßig wenige.[21] Ihre Herausgabe
erfordert große Kosten, und sie haben einen zu kleinen Abnehmerkreis,
als daß das Geschäft für den Verleger gewinnbringend sein könnte. Es
gibt jedoch verschiedene Anstalten mit besonderen Fonds zur Herstellung
von Büchern in Hochdruck. Fräulein Keller ist glücklicher daran als
die meisten anderen Blinden, da ihre Freunde so aufmerksam waren,
eigens für sie Bücher herzustellen und sich Herren, wie zum Beispiel
Herr E. E. Allen vom ~Pennsylvania Institute for the Instruction of
the Blind~ bereit fanden, Ausgaben von Büchern, deren sie gerade
bedurfte, zu veranstalten.
Fräulein Keller liest in der Regel nicht allzu schnell, sondern
eher bedächtig, nicht weil sie die Worte weniger geschwind fühlte,
als wir sie sehen, sondern weil sie es sich zur Gewohnheit gemacht
hat, alles gründlich und gut zu tun. Wenn sie sich für eine Stelle
interessiert oder sich dieselbe zu künftiger Verwendung einprägen
will, so buchstabiert sie sich diese mit den Fingern der rechten Hand
vor. Mitunter geht dieses Fingerspiel ganz unbewußt von statten.
Auch spricht Helen in Geistesabwesenheit oft zu sich selbst mittels
des Fingeralphabets. Wenn sie in der Halle oder der Veranda auf-
und abgeht, so bewegen sich ihre Hände mit der Geschwindigkeit von
Vogelflügeln.
Es gibt, wie mir versichert wird, ebenso ein auf dem Gefühl beruhendes
Gedächtnis, wie ein auf dem Gesicht und Gehör beruhendes. Fräulein
Sullivan erklärt, daß sowohl sie wie Fräulein Keller sich »in ihren
Fingern« daran erinnerten, was sie gesagt haben. Wenn Helen Keller
einen Satz in der Fingersprache buchstabiert, so macht dies auf ihren
Geist denselben Eindruck, wie wenn wir etwas, das wir oft gehört
haben, dadurch unbewußt lernen, daß wir uns den Klang des Gehörten ins
Gedächtnis zurückrufen können.
Gleich jedem Tauben oder Blinden besitzt Fräulein Keller einen
außerordentlich feinen Geruch. Als sie ein kleines Mädchen war, roch
sie alles und erkannte an den verschiedenen Gerüchen, wo sie war, an
welchem Hause sie vorüberkam u. s. w. Als ihr Intellekt zunahm, wurde
sie weniger abhängig von diesem Sinne. In welchem Umfange sie bis jetzt
Dinge an ihrem Geruche wiedererkennt, läßt sich schwer feststellen.
Der Geruchssinn ist in Mißkredit gekommen, und ein Tauber spricht nur
ungern von ihm. In Fräulein Kellers feinem Geruchssinn mag jedoch zum
Teil eine Erklärung für jenes Wiedererkennen von Personen und Dingen
zu finden sein, das man sich gewöhnt hat, einem besonderen Sinne
zuzuschreiben, oder einer außergewöhnlichen Entwickelung der Fähigkeit,
die wir alle zu besitzen scheinen, nämlich der Fähigkeit, anzugeben,
wenn sich jemand in unserer Nähe befindet.
Die Frage nach einem besonderen »sechsten Sinne«, wie man ihn Fräulein
Keller beigelegt hat, ist eine sehr heikle. Soviel ist sicher, sie
kann keinen Sinn haben, den andere nicht auch haben können, und das
Vorhandensein eines besonderen Sinnes ist weder ihr selbst noch
ihrer Umgebung bekannt. Fräulein Kellers Wesen gibt ganz bestimmt
keine Stütze für Geheimlehren und mysteriöse Theorien ab, und jeder
Versuch, ihre Eigenart auf diese Weise zu erklären, scheitert an ihrer
Normalität. Ihre Natur ist nicht geheimnisvoller und verwickelter
als die jedes anderen Menschen. Alles, was sie ist, alles, was sie
geleistet hat, läßt sich auf natürliche Weise erklären, bis auf die
Züge, die sich in jedem Menschen vorfinden, ohne daß sie jemals
erklärt werden können. Sie liefert offenbar keinen Beweis für die
Existenz eines Geistes ohne Materie, das Dasein angeborener Ideen
oder die Unsterblichkeit oder für sonst etwas, wofür sich nicht in
jedem anderen menschlichen Wesen ein Beweis finden ließe. Philosophen
haben festzustellen gesucht, welcher Art ihr Begriff von abstrakten
Vorstellungen war, ehe sie sprechen lernte. Hatte sie irgendwelchen
Begriff von solchen, so läßt sich diese Frage nicht mehr beantworten,
denn sie kann sich nicht darauf entsinnen, und natürlich liegen auch
keine Aufzeichnungen aus jener Zeit vor. Sie hatte keinen Begriff von
Gott, ehe sie das Wort »Gott« gehört hatte, wie ihre eigenen Aussagen
deutlich bekunden.[22]
Ihr Zeitsinn ist vortrefflich ausgebildet; ob er sich aber zu
einer besonderen Begabung entwickelt haben würde, läßt sich nicht
feststellen, denn sie besitzt seit ihrem siebenten Jahre eine Uhr.
Fräulein Keller besitzt zwei Uhren, die ihr zum Geschenk gemacht worden
sind. Sie sind, glaube ich, die einzigen ihrer Art in Amerika. Die Uhr
hat auf der Rückseite einen flachen goldenen Zeiger, der soweit von
links nach rechts gedreht werden kann, bis er, mittels eines Stiftes
innen im Gehäuse, an den Stundenzeiger anstößt, und so eine diesem
entsprechende Stellung erhält. Die Spitze dieses goldenen Zeigers
ragt über den Rand des Gehäuses vor, auf welchem elf erhöhte Punkte
angebracht sind, der Griff vertritt die Stelle des zwölften. Diese Uhr
-- eine gewöhnliche Uhr mit einem gewöhnlichen Ziffernblatt für den
Sehenden, -- wird durch die beschriebene Vorrichtung zur Blinden-Uhr,
mit einem (einzigen) erhöhten Zeiger und erhöhten Stundenziffern.
Obgleich der sechzig Minuten entsprechende Zwischenraum zwischen den
einzelnen Punkten weniger als einen halben Zoll beträgt, so liest
Fräulein Keller die Zeit doch ziemlich genau ab. Man muß übrigens
sagen, daß auch eine Uhr mit doppeltem Gehäuse, aber ohne Glas, einem
Blinden hinreichende Dienste leistet, wenn dessen Gefühl fein genug
ist, um die Stellung der Zeiger zu erkennen, ohne sie zu beschädigen.
Die feineren Züge von Fräulein Kellers Charakter sind so allgemein
bekannt, daß man nicht viel Worte über sie zu verlieren braucht.
Gesunder Menschenverstand, guter Humor und Phantasie machen ihre
Auffassung der Dinge zu einer gesunden und schönheitserfüllten. Niemals
ist von ihrer Umgebung ein Versuch gemacht worden, sie vor Illusionen
zu bewahren oder ihr diese zu rauben. Als sie noch ein kleines Mädchen
war, wurde eine ganze Menge unverständiger und taktloser Dinge, die
über sie gesprochen worden waren, dank der weisen Wachsamkeit Fräulein
Sullivans vor ihr nicht wiederholt. Jetzt, wo sie erwachsen ist, denkt
niemand daran, weniger offen mit ihr zu sprechen, als mit jeder anderen
intelligenten jungen Dame.
Ich glaube, sie ist das reinste menschliche Wesen, das je existiert
hat... Die Welt ist für sie das, was ihr eigenes Bewußtsein ist. Sie
hat nicht einmal gelernt, »moralische Entrüstung« zu zeigen, worauf
viele so stolz sind.
Als vor einiger Zeit ein Polizist ihren Hund totschoß, den sie
zärtlich liebte und der ihr täglicher Begleiter war, fand sie in ihrem
verzeihenden Herzen keine Verurteilung für diesen Mann; sie sagte nur:
„Wenn er nur gewußt hätte, was für ein guter Hund es war, so würde er
ihn gewiß nicht erschossen haben. -- Vor langer Zeit wurde uns gesagt:
‚Vater vergib ihnen, denn die wissen nicht, was sie tun!‘“ --
Natürlich wird die Frage aufgeworfen werden, ob Helen Keller das sein
würde, was sie heutzutage ist, wenn sie nicht vor jeder Berührung
mit dem Schlechten behütet worden wäre. ... Ihre Seele ist weder
durch verweichlichende und schmutzige Lektüre entnervt noch durch den
leisesten Hauch von Gemeinheit befleckt worden. Infolgedessen ist ihr
Geist nicht nur kräftig, sondern auch rein. Sie liebt edle Handlungen,
edle Gedanken und den Charakter edler Männer und Frauen.
Sie zeigt noch jetzt eine kindliche Abneigung gegen Tragödien. Ihre
Phantasie ist so rege, daß sie vollständig unter dem Einfluß einer
Erzählung steht und in deren Welt lebt. Fräulein Sullivan schrieb 1891
in einem Briefe:
Gestern las ich ihr die Geschichte von Macbeth vor, wie sie von Charles
und Mary Lamb erzählt wird. Sie geriet in heftige Erregung und sagte:
Das ist ja schrecklich. Ich fürchte mich davor. -- Nachdem sie eine
Weile nachgedacht hatte, fuhr sie fort: Ich glaube, Shakespeare hat
dies deshalb so schrecklich dargestellt, damit man sehen soll, wie
furchtbar es ist, unrecht zu tun. --
Von der realen Welt weiß sie mehr Gutes und weniger Schlechtes, als
die meisten Menschen zu wissen glauben. Ihre Lehrerin behelligte sie
nicht mit den kleinen Miseren des Lebens; aber von den bedeutenden
Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellten, wurde Fräulein
Keller völlig in Kenntnis gesetzt, nahm teil an den Sorgen und dachte
über die Lösung der Probleme nach. Sie ist logisch und duldsam, voller
Vertrauen zu einer Welt, von der sie stets mit Güte behandelt worden
ist.
Als sie einmal aufgefordert wurde, den Begriff »Liebe« zu definieren,
antwortete sie: Mein Gott, das ist doch leicht; es ist das, was jeder
gegen jeden anderen empfindet. --
Duldsamkeit, -- sagte sie einmal, als sie ihre Freundin Frau Laurence
Hutton besuchte, ist die größte Geistesgabe; sie erfordert dieselbe
Anstrengung des Denkens, die in körperlicher Hinsicht nötig ist, wenn
man sich auf einem Zweirade im Gleichgewicht erhalten will. --
Sie besitzt eine umfassende, hochherzige Sympathie für alles und
ein durch und durch ehrliches Wesen. Insofern sie sich offenkundig
von anderen unterscheidet, ist sie auch weniger durch das Herkommen
gebunden. Sie hat den Mut ihrer kühnen Metaphern und läßt sich
von diesen himmelwärts erheben, während wir armen selbstbewußten
Menschen sie für zu hoch halten, als daß wir sie in unsrer täglichen
Unterhaltung anwenden könnten. Sie sagt stets genau das, was sie
denkt, ohne Furcht vor der nackten Wahrheit, und dabei ist niemand
taktvoller und gewandter im Umschreiben einer unangenehmen Wahrheit,
um die Gefühle anderer so wenig wie möglich zu verletzen. Aber all die
Aufmerksamkeit, die ihr seit ihrer Kindheit zu teil geworden ist, hat
nicht vermocht, sie eitel auf sich selbst zu machen. Bisweilen nimmt
sie einen geradezu salbungsvollen Ton an. Dann nennt ihre Lehrerin
sie ihre kleine, unverbesserliche Sonntagsnachmittagspredigerin, und
sie lacht dann über sich selbst. Oft jedoch sind ihre nüchternen
Gedanken durchaus nicht lächerlich, denn ihr ernster Eifer reißt alle
Hörer mit sich fort. Niemals ist die leiseste Spur einer falschen
Sentimentalität in ihren Worten zu entdecken. Sie ist von allem, was
sie sagt, so durchdrungen, daß selbst ihre Citate, die Wiederholungen
dessen, was sie gelesen hat, den Eindruck eigener selbständiger
Gedanken hervorrufen.
Ihre Logik und ihr warmes Empfinden halten sich stets ausgezeichnet
die Wage. Ihr Empfinden ist von rascher und hilfsbereiter Art, wie
sie es glücklicherweise so oft bei anderen angetroffen hat. Aber ihre
Sympathien gehen weiter und beeinflussen ihr Urteil über politische
und nationale Bewegungen. Sie war eine begeisterte Burenfreundin und
schrieb einen geharnischten Artikel zugunsten der Unabhängigkeit
der Buren. Als ihr die Waffenstreckung des tapferen kleinen Volkes
mitgeteilt wurde, umwölkte sich ihr Antlitz, und sie verstummte für
einige Minuten. Dann stellte sie klare, eindringliche Fragen nach den
Bedingungen der Kapitulation und begann die letzteren zu erörtern.
Sowohl Herr Gilman wie Herr Keith, ihre beiden Lehrer, die sie für
die Universität vorbereiteten, waren erstaunt über die Stärke des
konstruktiven Denkens, die sie bei ihr wahrnahmen; ihre Leistungen in
der reinen Mathematik waren ganz vorzüglich, obgleich sie niemals eine
besondere Vorliebe für diese Wissenschaft gehabt zu haben scheint.
Zu dem besten, was sie geschrieben hat, gehören, abgesehen von ihren
phantasievollen dichterischen Ergüssen, ihre Examensarbeiten und ihre
Abhandlungen über technische Fragen sowie einige Briefe, die sie zur
Aufklärung von Mißverständnissen schreiben zu müssen glaubte und die
Muster folgerichtigen Denkens und bestrickender Beredsamkeit sind. Sie
ist Optimistin und Idealistin.
Ich hoffe, heißt es in einem ihrer Briefe, daß L. nicht allzu praktisch
ist, denn in diesem Falle würde sie, fürchte ich, auf einen großen Teil
des Lebensgenusses verzichten müssen. --
In das Tagebuch, das sie während ihres Aufenthaltes in der
Wright-Humason-Schule in New York führte, trug sie unter dem 18.
Oktober 1894 ein: Ich finde, daß ich während meines Schullebens hier
und überhaupt im Leben viererlei zu lernen habe: klar zu denken ohne
Uebereilung und Verwirrung, jedermann aufrichtig zu lieben, in allem
mich von den höchsten Motiven leiten zu lassen und unverrückt auf den
lieben Gott zu bauen. --
[21] Die Blindenanstalt in Steglitz bei Berlin besitzt eine
Bibliothek von gegen 6000 Bänden in Blindenschrift, (die Bibel
allein umfaßt 71 Bände!) die in Dresden eine solche von über
3000 Bänden. Wie reichhaltig diese Literatur ist, möge ein Blick
auf das nachfolgende Autorenverzeichnis lehren, das noch dazu
nicht einmal vollständig ist: E. M. Arndt Auerbach, Bauernfeld,
Baumbach, Beecher-Stowe, Brentano, W. Busch, Chamisso, Dahn,
Ebers, Ebner-Eschenbach, Eckstein, Eichendorff, Eschstruth,
Fouqué, Freytag, Frommel, Ganghofer, Geibel, Gerok, Goethe,
Grillparzer, Grimm, Gutzkow, Hammer, Hauptmann, Hebel, Herder,
Heyse, Hillern, Franz Hoffmann, Horn, Ibsen, Jensen, Immermann,
G. Keller, Kinkel, Kleist, Kögel, Körner, Kügelgen, Lavater,
Lessing, Loti, Ludwig, Luther, Masius, C. F. Meyer, Moltke,
Nathusius, Nieritz, Polko, Putlitz, Reinick, Reuter, Riehl,
Rogge, Roquette, Rosegger, Rückert, Scheffel, Schiller, Schmid,
Seidel, Shakespeare, Sophokles, Spitta, Spyri, Stifter, Stinde,
Storm, Sturm, Sudermann, Tegnér, Tolstoi, Uhland, Vollmar,
Walter v. d. Vogelweide, A. Weber, Wildenbruch, Wildermuth, I.
Wolf. Auch das Nibelungenlied ist vertreten; in größerer Auswahl
sind Lehr- und Erbauungsbücher vorhanden.
Anm. d. Uebers.
[22] Vergl. S. 291 ff. und 295 ff.
Helen Kellers Bildungsgang.
~Dr.~ Howe und Laura Bridgman. -- Helen Keller kein Objekt für
psychologische Beobachtungen. -- Unwahre und übertriebene Berichte
über ihre Fortschritte. -- Fräulein Sullivans Persönlichkeit.
-- Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. --
Psychologische und pädagogische Betrachtungen über Fräulein Sullivans
Methode.
Es sind jetzt fünfundsiebzig Jahre verflossen, seit ~Dr.~ Samuel
Gridley Howe erkannte, daß es ihm gelungen sei, sich durch Laura
Bridgmans Finger einen Zugang zu ihrem Geiste zu eröffnen. Die Namen
Laura Bridgman und Helen Keller werden stets zusammen genannt werden,
und man muß zuvörderst einen Einblick in das gewinnen, was ~Dr.~ Howe
für seinen Zögling getan hat, ehe man an eine Darstellung von Fräulein
Sullivans Tätigkeit gehen kann. Denn ~Dr.~ Howe ist der große Pionier,
auf dessen Wirken die Leistungen Fräulein Sullivans und anderer Lehrer
von blinden Taubstummen unmittelbar beruhen.
~Dr.~ Samuel Gridley Howe war am 10. November 1801 in Boston
geboren und starb ebendaselbst am 9. Januar 1876. Er war ein großer
Philanthrop, der sich namentlich für die Erziehung aller mangelhaft
Beanlagten, der Schwachsinnigen, der Blinden und der Taubstummen
interessierte. Weit seiner Zeit voraus, befürwortete er mancherlei
öffentliche Vorkehrungen zum Besten der Armen und Kranken, wegen deren
er damals verlacht wurde, die aber seitdem praktisch durchgeführt sind.
Als Leiter der Perkinsschen Blindenanstalt in Boston hörte er von Laura
Bridgman und brachte sie am 4. Oktober 1837 nach der Anstalt.
Laura Bridgman war am 21. Dezember 1829 zu Hanover in New Hampshire
geboren; sie war also beinahe acht Jahre alt, als ~Dr.~ Howe seine
Versuche mit ihr begann. Im Alter von sechsundzwanzig Monaten
hatte sie ein Scharlachfieber überstanden, durch diese Krankheit
aber Gesicht und Gehör und außerdem den Geruch- und Geschmackssinn
verloren. ~Dr.~ Howe war ein Experimentalforscher, erfüllt von dem
Geiste des Transcendentalismus von Neuengland, dessen Hauptmerkmale
starker Glaube und großartige Liebeswerke sind. Wissenschaft und
Glaube im Verein veranlaßten ihn, zu versuchen, ob er sich nicht
einen Weg in die Seele bahnen könnte, mit der seiner Auffassung nach
Laura Bridgman ebenso geboren worden sei wie jedes andere menschliche
Wesen. Sein Plan ging dahin, Laura mit Hilfe von erhaben geprägten
Buchstaben zu unterrichten. Er klebte aus solchen Buchstaben bestehende
Wörter an Gegenstände und ließ sie dieselben mit den Gegenständen
und die Gegenstände mit den Wörtern vergleichen. Nachdem sie auf
diese Weise gelernt hatte, erhaben geprägte Wörter mit Gegenständen
zusammenzubringen, wie er sagt, fast in derselben Weise, wie ein Hund
Kunststücke lernt, begann er die Wörter in ihre lautlichen Bestandteile
aufzulösen und Laura zu lehren, ~k--e--y~, ~c--a--p~ zusammenzusetzen.
Sein Erfolg überzeugte ihn davon, daß sich die Sprache durch
Vermittelung des Gefühles dem Geiste des blinden und taubstummen
Kindes beibringen läßt, das sich vor dem Beginn des Unterrichts in der
Lage des kleinen Kindes befindet, das noch nicht sprechen kann; ja,
ersteres befindet sich sogar in einer viel ungünstigeren Lage, denn das
Gehirn hat sich jahrelang ohne seine natürliche Nahrung entwickelt.
Nachdem Lauras Unterricht zwei Monate hindurch nur unter Benutzung
erhaben geprägter Buchstaben fortgesetzt worden war, sandte ~Dr.~
Howe eine der Lehrerinnen der Anstalt fort, um von einem Taubstummen
das Fingeralphabet zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr unterrichtete
sie Laura darin, und seit dieser Zeit wurde das Fingeralphabet als
Verständigungsmittel im Verkehr mit ihr benutzt.
Nach ein bis zwei Jahren unterrichtete ~Dr.~ Howe Laura Bridgman
nicht mehr selbst, sondern vertraute sie anderen Lehrern an, die
sich unter seiner Leitung an die Aufgabe machten, ihr das Sprechen
beizubringen.
Man kann gar nicht genug zum Lobe von ~Dr.~ Howes Unternehmen sagen.
Als Forscher hatte er stets in erster Reihe wissenschaftliche
Gesichtspunkte im Auge. Er vergaß niemals, seine Beobachtungen an Laura
Bridgman in der Art jemandes niederzulegen, der in einem Laboratorium
arbeitet. Die Folge davon ist, daß seine Berichte systematisch und
sorgfältig abgefaßt sind.[23] Vom wissenschaftlichen Standpunkte
aus ist es zu bedauern, daß es unmöglich war, eine so umfassende
Darlegung von Helen Kellers Entwicklungsgang zu erhalten. Dieser
Umstand an sich ist ein sprechender Beleg für den großen Unterschied
zwischen Laura Bridgman und Helen Keller. Laura blieb stets ein
Objekt für wissenschaftliche Forschung. Helen Keller machte so rasche
Fortschritte, daß ihre Lehrerin Mühe hatte, den geistigen Bedürfnissen
ihres Zöglings zu genügen, und weder Zeit noch Gelegenheit fand,
wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen.
Fräulein Sullivan erkannte gleich von Anfang an, daß der Unterricht
Helen Kellers interessanter und von größerem Erfolg begleitet sein
würde als der Laura Bridgmans, und erklärte in einem ihrer Briefe, es
sei durchaus notwendig, Aufzeichnungen über den Entwickelungsgang ihrer
Schülerin zu machen. Aber weder ihr Temperament noch ihre Vorbildung
gestatteten ihr, ihren Zögling zum Gegenstand von Experimenten oder
Beobachtungen zu machen, die für die Entwickelung des Kindes keinen
praktischen Wert besaßen. Sobald etwas erledigt, ein bestimmtes Ziel
erreicht war, blickte die Lehrerin nicht mehr zurück, um den Weg,
den sie gegangen war, zu beschreiben. Die Erklärung der Tatsache war
unwesentlich im Vergleich zu der Tatsache selbst und der Notwendigkeit,
weiterzueilen. Es liegen auch noch zwei weitere Gründe für die
Unvollständigkeit von Fräulein Sullivans Aufzeichnungen vor. Erstens
war in ihren Augen das Schreiben stets eine schwere Aufgabe, und dann
wurde sie auch schon bald durch die Willkür, mit der man ihre ersten
Angaben benutzt hatte, von weiteren Veröffentlichungen abgeschreckt.
Als sie zum ersten Male aus Tuscumbia an Herrn Michael Anagnos, ~Dr.~
Howes Schwiegersohn und Nachfolger in der Leitung der Perkinsschen
Anstalt, über ihre erzieherische Tätigkeit geschrieben hatte, begannen
die Bostoner Zeitungen sofort, übertriebene Berichte über Helen
Keller zu veröffentlichen. Fräulein Sullivan protestierte dagegen. In
einem Briefe vom 10. April 1887, kaum fünf Wochen nach dem Beginn des
Unterrichts, schrieb sie an eine Freundin:
... schickte mir eine Nummer des Boston Herald, die einen törichten
Artikel über Helen enthält. Wie völlig albern ist es, zu sagen, daß
Helen „schon fließend spricht“! Nun, ebensogut könnte jemand sagen, daß
sich ein zweijähriges Kind fließend unterhält, wenn es sagt: ~Apple
give~ oder ~Baby walk go~. Ich glaube allerdings, daß wenn Sie ein
Kreischen, Krähen, Wimmern, Lallen und Schreien nebst gelegentlichen
Schluckanfällen mit zur Unterhaltung rechnen, die als fließend, ja
sogar als beredt gelten könnte. Dann macht es mir auch Spaß, von den
sorgfältigen Vorbereitungen zu lesen, denen ich mich unterzogen hätte,
um mich für die große Aufgabe fähig zu machen, die meine Freunde mir
anvertraut hätten. Ich bedaure nur, daß diese Vorbereitungen sich nicht
auch auf den Gebrauch des Fingeralphabets erstreckten; ich würde mir
dann eine Menge Mühe erspart haben. --
* * * * *
Am 4. März 1888 schreibt sie in einem Briefe:
Ich bin in der Tat herzlich froh, daß ich nicht alles kenne, was über
Helen und mich selbst gesprochen und geschrieben wird. Ich versichere
Sie, ich erfahre genug und übergenug. Fast jede Post bringt irgend eine
alberne -- geschriebene oder gedruckte -- Auslassung. Die Wahrheit
ist nicht sensationell genug, um die Zeitungen zufriedenzustellen;
daher übertreiben sie und bringen lächerliche Ausschmückungen an. Eine
Zeitung behauptet, Helen löse geometrische Aufgaben mit Hilfe ihres
Baukastens. Ich erwarte, demnächst zu hören, daß sie eine Abhandlung
über die Entstehung und die Zukunft der Planeten geschrieben hat! --
Im Dezember 1887 erschien der erste Bericht des Direktors des
Perkinsschen Institutes, der sich mit Helen Keller beschäftigt. Für
diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan, einer Bitte Herrn Anagnos’
widerwillig nachgebend, eine Schilderung ihrer Tätigkeit. Diese ist
neben den ebenfalls in dem Bericht veröffentlichten Auszügen aus ihren
Briefen die erste zuverlässige Quelle über Helen Keller. Ueber diesen
Bericht schrieb Fräulein Sullivan in einem Buche vom 30. Oktober 1887:
Haben Sie schon den Aufsatz gelesen, den ich für den »Bericht«
geliefert habe? Herr Anagnos war ganz entzückt von ihm. Er meint,
Helens Fortschritte seien „gleich von Anfang an ein Siegeszug“ gewesen
und weiß über ihre Lehrerin viel Schmeichelhaftes zu sagen. Ich
glaube, er neigt zu Uebertreibungen; jedenfalls ist seine Sprache
zu begeistert, und ganz einfache Tatsachen werden in einer Weise
vorgebracht, daß sie den Leser allerdings in Erstaunen setzen müssen.
Ohne Zweifel erscheint ihm die Tätigkeit der letzten paar Monate
im Lichte eines Siegeszuges, aber man beachtet dabei selten, wie
langsam und mühevoll die Schritte sind, mittels deren man auch den
unbedeutendsten Erfolg erreichen muß. --
Da Anagnos der Leiter des großen Instituts war, so hatten seine
Aeußerungen mehr Gewicht als die von Fräulein Sullivan erwähnten
Tatsachen, auf die sich seine Behauptungen stützten. Die Zeitungen
wurden von Anagnos’ Ton angesteckt und übertrieben maßlos. Nach Ablauf
des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit sah Fräulein Sullivan
sich und ihre Schülerin als den Mittelpunkt einer erstaunlichen
Legendenbildung. Die Erzieher der ganzen Welt wollten ihre Meinung
sagen, trugen aber größtenteils nichts zur Klärung der Sachlage bei.
Es erhoben sich eine Menge Streitfragen, die jetzt sehr belustigend zu
betrachten sind. Taubstummenlehrer bewiesen ~a priori~, daß das, was
Fräulein Sullivan geleistet hatte, unmöglich sei, und ihren Angaben
wurde mit Mißtrauen begegnet, weil sie von Anagnos’ phrasenhafter
Beredsamkeit umkleidet waren. So hatte Helen Kellers Geschichte, die
schon bei nüchternem Vortrage unglaublich war, das Mißgeschick, in
übertriebenen Schilderungen in die Welt posaunt zu werden und begegnete
natürlich entweder unverständiger Leichtgläubigkeit oder ungläubiger
Feindseligkeit.
Im November 1888 erschien ein anderer Bericht des Perkinsschen
Instituts mit einem zweiten Beitrage von Fräulein Sullivan, und dann
wurde jahrelang nichts Offizielles mehr veröffentlicht, bis Anagnos
im November 1891 seinen letzten Bericht erstattete, der Mitteilungen
über Helen Keller enthielt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein
Sullivan die ausführlichste und umfangreichste Abhandlung, die sie
je geschrieben hat, und hier erschien auch der »Frostkönig«, von dem
in einem späteren Kapitel ausführlich die Rede sein wird (s. S. 323
ff.[24]). Jetzt entbrannte der Kampf heftiger als je.
Da Fräulein Sullivan fand, daß andere Leute viel mehr von Helen
Keller zu wissen schienen, als sie selbst, so schwieg sie und hat
zehn Jahre lang geschwiegen, abgesehen von ihrem Beitrage für das
erste »~Volta Bureau Souvenir of Helen Keller~« und die Abhandlung,
die sie auf Wunsch ~Dr.~ Bells im Jahre 1894 für die in Chautauqua
abgehaltene Versammlung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung
der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen verfaßte. Als ~Dr.~ Bell
und andere ihr erklärten, was von einem unpersönlichen Standpunkte aus
unzweifelhaft richtig ist, daß sie es der Sache der Erziehung schuldig
sei, niederzuschreiben, was sie wisse, antwortete sie sehr treffend,
sie schulde ihre ganze Zeit und ihre ganze Kraft ihrem Zöglinge.
Obgleich Fräulein Sullivan sich mehr darüber amüsiert als ärgert,
wenn jemand, und wäre es selbst einer ihrer näheren Bekannten, in
einem Artikel Irrtümliches über sie und Fräulein Keller berichtet,
so sieht sie doch ein, daß Helens Buch alle Auskünfte enthalten muß,
die die Lehrerin zur Zeit erteilen kann, und erteilte daher ihre
Zustimmung zur Veröffentlichung von Auszügen aus Briefen, die sie
während des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit geschrieben hatte.
Diese Briefe waren an Frau Sophia C. Hopkins gerichtet, die einzige
Freundin, an die Fräulein Sullivan stets schrieb, wie es ihr ums Herz
war. Frau Hopkins war zwanzig Jahre lang Pflegerin im Perkinsschen
Institute gewesen und vertrat während der ganzen Zeit, in der Fräulein
Sullivan Schülerin der Anstalt war, Mutterstelle an dem Mädchen. In
diesen Briefen haben wir einen beinahe allwöchentlichen Bericht über
Fräulein Sullivans Tätigkeit. Manche Einzelheiten hat sie übergangen,
da sie sich immer mehr daran gewöhnte, hauptsächlich die allgemeinen
Gesichtspunkte zu betonen. Viele sind der Ansicht gewesen, daß jeder
Versuch, Prinzipien in ihrer Methode zu finden, weiter nichts sei als
eine spätere Theorie, die man Fräulein Sullivans Tätigkeit unterschoben
habe. Aber aus diesen Briefen geht hervor, daß sie sich über ihr
Tun und Lassen klare Rechenschaft abgelegt hat. Sie war ihre eigene
Kritikerin, und trotz ihrer späteren Erklärung, die sie in ihrer
bescheidenen Zurückhaltung abgegeben hat, daß sie keine bestimmte
Methode befolgt habe, erkannte sie doch im Verfolg ihrer Aufgabe mit
der höchsten Klarheit gewisse Erziehungsprinzipien, die nicht allein
für den Unterricht der taubstummen, sondern aller Kinder überhaupt von
hervorragendem Werte waren. Die Auszüge aus ihren Briefen und Berichten
bilden einen wichtigen Beitrag zur Pädagogik und rechtfertigen vollauf
das Urteil ~Dr.~ Daniel C. Gilmans, der ihr 1893, als er Rektor der
John Hopkins-Universität war, schrieb:
Ich habe soeben... Ihren höchst interessanten Bericht über die
verschiedenen Wege gelesen, die Sie bei der Erziehung Ihrer wunderbaren
Schülerin eingeschlagen haben, und ich hoffe, Sie werden mir gestatten,
daß ich Ihnen meine Bewunderung für die Weisheit ausdrücke, die Ihre
Schritte geleitet hat und ebenso für die Liebe, von der Ihr ganzes
Wirken erfüllt ist.
Fräulein Anne Mansfield Sullivan war in Springfield in Massachusetts
geboren. In früher Jugend erblindete sie fast gänzlich und wurde am 7.
Oktober 1880 im Alter von vierzehn Jahren in das Perkinssche Institut
aufgenommen. Später erhielt sie ihr Gesicht teilweise wieder.
Anagnos sagt in seinem Berichte vom Jahre 1887: Sie mußte auf der
niedrigsten und elementarsten Stufe beginnen, zeigte aber sofort beim
ersten Anlauf, daß sie die Kraft und Fähigkeit in sich hatte, die
den Erfolg verbürgen... Sie hat schließlich das Ziel erreicht, nach
dem sie so unermüdlich strebte. Die goldenen Worte, die ~Dr.~ Howe
aussprach, und das Beispiel, das er gab, gingen ihr in Fleisch und Blut
über und unterstützten sie auf ihrer segensvollen Laufbahn, und jetzt
steht sie ihm als seine würdige Nachfolgerin in einer der geachtetsten
Abteilungen seines Unternehmens zur Seite... Fräulein Sullivan besitzt
die höchste Begabung.
Im Jahre 1886 legte sie ihr Lehrerinnenexamen am Perkinsschen Institut
ab. Als sich Hauptmann Keller mit der Bitte um eine Lehrerin an den
Direktor wandte, empfahl dieser Fräulein Sullivan. Die einzige Frist,
die ihr zur Vorbereitung für ihre schwere Aufgabe blieb, dauerte vom
August 1886, in dem Hauptmann Keller geschrieben hatte, bis zum Februar
1887. Während dieser Zeit las sie ~Dr.~ Howes Berichte. Ferner wurde
sie durch den Umstand unterstützt, daß sie während der sechs Jahre
ihres Schullebens mit Laura Bridgman in einem Hause gewohnt hatte. Erst
durch ~Dr.~ Howes Wirken an Laura Bridgman wurden Fräulein Sullivans
Erfolge möglich; aber sie war es, die die Mittel und Wege entdeckte,
den blinden Taubstummen die Sprache beizubringen.
Man darf nicht vergessen, daß Fräulein Sullivan ihre Aufgabe zu lösen
hatte ganz ohne vorausgegangene Erfahrung und ohne die Unterstützung
eines anderen Lehrers. Während des ersten Jahres ihrer Tätigkeit, in
der sie ihre Schülerin sprechen lehrte, blieben beide in Tuscumbia,
und als sie nach dem Norden kamen und das Perkinssche Institut
besuchten, wurde Helen Keller hier nicht regelrecht als Schülerin
aufgenommen und unterstand auch nicht den Anstaltsgesetzen. Die
Annahme, Fräulein Sullivan habe Helen Keller „unter der Leitung
des Herrn Anagnos“ erzogen, ist falsch. In den drei Jahren, während
deren Fräulein Keller und Fräulein Sullivan zu verschiedenenmalen
Gäste des Perkinsschen Institutes waren, erhielt Fräulein Sullivan
von den Lehrern der Anstalt keine Unterstützung, ja der Direktor
Anagnos konnte sich nicht einmal des Fingeralphabets mit Geläufigkeit
bedienen. Der letztere schrieb in dem Bericht des Perkinsschen
Instituts vom 27. November 1888: Auf mein dringendes Ersuchen kam
Helen in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Lehrerin in der letzten
Maiwoche nach dem Norden, und alle drei blieben mehrere Monate
als unsere Gäste bei uns... Wir gestatteten Helen mit Freuden die
Benutzung unserer Bibliothek von Hochdruckbüchern, unserer Sammlung
von ausgestopften Tieren, Muscheln, Modellen von Blumen und Pflanzen
und unserer sonstigen Apparate zur Unterweisung der Blinden durch den
Gefühlssinn. Ich zweifle nicht, daß sie viel Vergnügen daran gefunden
und großen Nutzen davon gehabt hat. Mag aber Helen zu Hause bleiben
oder andere Teile des Landes besuchen, ihre Erziehung steht stets unter
der unmittelbaren Leitung und der ausschließlichen Kontrolle ihrer
Lehrerin. Niemand hat Einfluß auf Fräulein Sullivans Unterrichtsplan
oder nimmt an ihrer Aufgabe teil. Sie genießt völlige Freiheit in der
Wahl ihrer Mittel und Methoden zur Vollendung ihres großen Werkes, und
soviel wir aus ihren Erfolgen entnehmen können, macht sie einen höchst
umsichtigen und taktvollen Gebrauch von diesem Vorrechte. Was ihre
kleine Schülerin auf diesem Wege geleistet hat, ist weithin bekannt,
und ihre erstaunliche Begabung erregt allgemeine Bewunderung; aber
nur diejenigen, die mit den Einzelheiten des großen Unternehmens
vertraut sind, wissen, daß der Erfolg zum großen Teile der Intelligenz,
der Klugheit, dem Scharfblicke, der unermüdlichen Ausdauer und dem
unbeugsamen Willen ihrer Erzieherin zu verdanken ist, die das Kind aus
der Tiefe der immerwährenden Nacht und des ewigen Schweigens gerettet
hat und über den einzelnen Phasen seiner geistigen und sittlichen
Entwickelung mit mütterlicher Sorgfalt und begeisterter Hingebung wacht.
* * * * *
Im folgenden sollen nun Fräulein Sullivans Briefe und die wichtigsten
Stellen aus ihren Berichten in chronologischer Reihenfolge
wiedergegeben werden. Der erste Brief ist vom 6. März 1887 datiert,
drei Tage nach ihrer Ankunft in Tuscumbia.
... Es war halb sieben Uhr, als ich in Tuscumbia ankam. Frau Keller und
Herr James Keller warteten auf mich. Die Fahrt nach dem Landhause, das
ungefähr eine Meile von der Station entfernt lag, war sehr angenehm.
Ich war überrascht, in Frau Keller eine Frau von sehr jugendlichem
Aussehen, nicht viel älter als ich selbst, möchte ich glauben,
anzutreffen. Hauptmann Keller kam uns auf dem Hofe entgegen und bot
mir ein fröhliches Willkommen und einen herzlichen Händedruck. Meine
erste Frage war: „Wo ist Helen?“ Ich versuchte mit aller Kraft meine
Aufregung zu unterdrücken, denn ich zitterte so stark, daß ich mich
kaum auf den Füßen halten konnte. Als wir uns dem Hause näherten, sah
ich ein Kind an der Tür stehen, und Hauptmann Keller sagte: „Dort
ist sie. Sie hat den ganzen Tag gewußt, daß wir jemand erwarteten,
und sie ist ganz ungebärdig geworden, seit ihre Mutter nach dem
Bahnhof ging, um Sie abzuholen.“ -- Kaum hatte ich meinen Fuß auf die
Treppenstufen gesetzt, als sie mit solcher Gewalt auf mich zustürzte,
daß ich zu Boden gestürzt wäre, hätte Hauptmann Keller nicht hinter
mir gestanden. Sie befühlte mir Gesicht und Kleid, und ebenso meine
Reisetasche, die sie mir aus der Hand nahm und zu öffnen versuchte.
Sie ging nicht gleich auf, und Helen fühlte sorgfältig nach dem
Schlüsselloch. Als sie es gefunden hatte, wandte sie sich zu mir und
bewegte die Hand, als drehe sie einen Schlüssel herum, indem sie auf
die Tasche deutete. In diesem Augenblick kam ihre Mutter herbei und
machte Helen durch Zeichen klar, daß sie den Koffer nicht berühren
dürfe. Sie wurde rot, und als ihre Mutter versuchte, ihr den Koffer
aus der Hand zu nehmen, geriet sie in heftigen Zorn. Ich lenkte ihre
Aufmerksamkeit ab, indem ich ihr meine Uhr zeigte und sie ihr in die
Hand gab. Sofort legte sich der Sturm, und wir gingen zusammen die
Treppe hinauf. Hier öffnete ich die Tasche und sie durchsuchte dieselbe
sofort eifrig, wahrscheinlich in der Erwartung, etwas zum Essen zu
finden. Bekannte hatten ihr vermutlich Zuckerwerk in ihren Koffern
mitgebracht, und sie erwartete, solches auch in dem meinigen zu finden.
Ich deutete auf eine Truhe, die im Hausflur stand, dann auf mich und
nickte mit dem Kopfe, um ihr verständlich zu machen, daß ich eine
Truhe hätte; dann machte ich das Zeichen, das sie für essen gebraucht
hatte, und nickte wieder. Sie verstand mich sofort und rannte die
Treppe hinunter zu ihrer Mutter, um ihr durch ausdrucksvolle Zeichen
zu verstehen zu geben, daß sich Zuckerzeug für sie in einer Truhe
befände. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück und half mir meine
Sachen wegräumen. Es war zu komisch zu sehen, wie sie sich meinen
Hut aufsetzte, ihren Kopf kokett erst nach der einen, dann nach der
anderen Seite drehte und in den Spiegel blickte, genau als ob sie sehen
könnte. Ich hatte einigermaßen erwartet, ein blasses, zartes Kind vor
mir zu sehen -- ich glaube, ich entnahm diese Vorstellung ~Dr.~ Howes
Schilderung von Laura Bridgman bei ihrer Aufnahme in das Institut. Aber
Helen zeigte keine Spur von Blässe oder Zartheit. Sie ist groß, stark,
von blühender Gesichtsfarbe und in ihren Bewegungen so ungezügelt
wie ein junges Füllen. Sie hat keine jener nervösen Gewohnheiten, die
bei blinden Kindern so deutlich erkennbar sind und einen so traurigen
Eindruck hinterlassen. Ihr Körper ist wohlgebildet und kräftig, und
Frau Keller erzählt mir, sie sei seit ihrer Krankheit, die sie des
Gesichts und Gehörs beraubt habe, auch nicht einen einzigen Tag
unpäßlich gewesen. Sie hat einen schöngeformten Kopf, der ganz gerade
auf ihren Schultern sitzt. Ihr Gesicht ist schwer zu beschreiben. Es
ist intelligent, entbehrt aber der Beweglichkeit, der Seele, oder wie
man sich sonst ausdrücken will. Ihr Mund ist groß und fein geschnitten.
Man bemerkt auf den ersten Blick, daß sie blind ist. Ein Auge ist
größer als das andere und steht auffallend vor. Sie lächelt selten;
in der Tat habe ich sie seit meiner Ankunft erst ein- oder zweimal
lächeln sehen. Sie zeigt kein anschmiegendes Wesen und sträubt sich
sogar gegen Liebkosungen, ausgenommen ihrer Mutter gegenüber. Sie
ist von sehr raschem Temperament und höchst eigenwillig, und niemand
außer ihrem Bruder James hat den Versuch gemacht, sie zu zügeln.
Die schwerste Aufgabe, die ich vor mir habe, besteht darin, sie zu
zügeln und in Zucht zu halten, ohne ihren Geist zu brechen. Ich will
zuerst langsam vorgehen, und ihre Liebe zu gewinnen suchen. Ich werde
keinen Versuch machen, sie nur durch Kraft zu besiegen, aber gleich
von Anfang an auf einem vernünftigen Gehorsam bestehen. Ein Umstand,
der jedermann auffällt, ist Helens unermüdlicher Tätigkeitstrieb.
Sie steht keinen Augenblick still. Sie ist bald hier, bald dort,
kurz überall. Ihre Hände sind mit allem beschäftigt, aber nichts
vermag ihre Aufmerksamkeit längere Zeit zu fesseln. Ein liebes Kind,
dessen rastloser Geist im Dunkeln umhertappt. Ihre ungeschickten,
unbefriedigten Hände zerstören alles, was sie berühren, weil sie nicht
wissen, was sie sonst mit den Gegenständen anfangen sollen.
Sie half mir meine Truhe auspacken, als diese ankam, und war entzückt,
als sie die Puppe fand, die die kleinen Mädchen ihr schickten. Ich
hielt dies für eine gute Gelegenheit, sie das erste Wort zu lehren.
Ich buchstabierte langsam ~d--o--l--l~ in ihre Hand, deutete auf die
Puppe und nickte mit dem Kopfe, was ihr Zeichen dafür zu sein scheint,
daß ihr etwas gehöre. Wenn jemand ihr etwas gibt, so deutet sie
zuerst auf den Gegenstand, dann auf sich und nickt mit dem Kopfe. Sie
machte ein ganz verwundertes Gesicht und befühlte meine Hand und ich
wiederholte ihr nun die Buchstaben. Sie ahmte sie vortrefflich nach und
deutete auf die Puppe. Dann nahm ich die Puppe, in der Absicht, sie
ihr zurückzugeben, wenn sie die Buchstaben gemacht hätte; sie glaubte
aber, ich wolle sie ihr wegnehmen, geriet augenblicklich in Aufregung
und versuchte die Puppe an sich zu reißen. Ich schüttelte den Kopf und
versuchte die Buchstaben mit Hilfe ihrer Finger zu bilden; aber sie
wurde immer ungebärdiger. Ich zwang sie auf einen Stuhl und hielt sie
dort fest, bis ich ganz erschöpft war. Dann fiel es mir ein, es sei
nutzlos, den Kampf fortzusetzen -- ich mußte etwas tun, um sie auf
andere Gedanken zu bringen. Ich ließ sie los, verweigerte ihr aber die
Puppe. Ich ging die Treppe hinunter und holte einen Cake (sie ist eine
große Freundin von Süßigkeiten). Ich zeigte ihn ihr und buchstabierte
ihr ~c--a--k--e~ in die Hand, wobei ich ihr den Cake entgegenhielt.
Natürlich bekam sie Lust auf ihn und wollte ihn an sich nehmen; ich
buchstabierte jedoch das Wort zum zweiten Male und tätschelte ihr die
Hand. Sie machte rasch die Buchstaben, und ich gab ihr den Kuchen, den
sie eiligst aufaß, weil sie wohl glaubte, ich würde ihn ihr wieder
wegnehmen. Dann zeigte ich ihr die Puppe und buchstabierte abermals das
Wort, indem ich ihr die Puppe entgegenhielt wie vorhin den Kuchen. Sie
machte die Buchstaben ~d--o--l~, ich fügte das noch fehlende ~l~ hinzu
und gab ihr die Puppe. Sie rannte sofort mit ihr die Treppe hinunter
und konnte den ganzen Tag nicht dahin gebracht werden, in mein Zimmer
zurückzukehren.
Gestern gab ich ihr auf, an einer Nähkarte zu arbeiten. Ich machte
die erste Reihe senkrechter Stiche, ließ Helen die Karte befühlen und
darauf achten, daß auf ihr mehrere Reihen kleiner Löcher angebracht
waren. Sie begann eifrig zu arbeiten, vollendete die Karte in wenigen
Minuten und machte dies wirklich ganz sauber. Ich wollte nun versuchen,
ihr ein anderes Wort beizubringen und buchstabierte ihr ~c--a--r--d~
in die Hand. Sie machte ~c--a~ nach, dann hielt sie nachdenklich
inne, machte das Zeichen für essen, deutete nach unten und schob mich
auf die Tür zu, womit sie meinte, ich solle nach unten gehen und ihr
einen Cake holen. Sie sehen, die beiden Buchstaben ~c--a~ hatten ihr
ihre »Lektion« vom Freitag in das Gedächtnis zurückgerufen -- nicht
daß sie irgend eine Ahnung davon hatte, daß cake die Bezeichnung für
den betreffenden Gegenstand sei, sondern es war, wie ich glaube,
eine einfache Ideenassociation. Ich beendete das Wort ~c--a--k--e~
und erfüllte Helens Wunsch, worüber sie sehr erfreut war. Dann
buchstabierte ich ~d--o--l--l~ und begann nach der Puppe zu suchen.
Sie verfolgt mit ihren Händen jede Bewegung, die man macht, und wußte
sofort, daß ich mich nach der Puppe umsah. Sie wies nach unten, was
bedeuten sollte, die Puppe befinde sich im Erdgeschoß. Ich machte
das Zeichen, das sie gebraucht hatte, als sie wünschte, ich solle
ihr den Cake holen, und drängte sie auf die Tür zu. Sie schritt
vorwärts, dann zögerte sie einen Augenblick und kämpfte offenbar mit
sich, ob sie gehen sollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, mich
hinunterzuschicken. Ich schüttelte den Kopf, buchstabierte ihr das
Wort ~d--o--l--l~ mit größerem Nachdruck in die Hand und öffnete ihr
die Tür; aber sie weigerte sich hartnäckig zu gehorchen. Sie hatte
ihren Cake noch nicht aufgegessen, und ich nahm ihn ihr weg, indem
ich ihr bedeutete, daß wenn sie mir die Puppe brächte, ich ihr den
Cake zurückgeben würde. Sie stand längere Zeit ganz still, das Gesicht
wie mit Blut übergossen, dann siegte ihr Verlangen nach dem Cake, sie
lief die Treppe hinunter und brachte mir die Puppe; natürlich gab ich
ihr den Cake, konnte sie aber nicht bewegen, wieder in mein Zimmer zu
kommen.
Sie war sehr unruhig, als ich heut morgen zu schreiben begann. Sie
stellte sich hinter mich, legte ihre Hand auf das Papier und steckte
sie ins Tintenfaß. Diese Kleckse hier sind ihr Werk. Schließlich
erinnerte ich mich an die Kindergartenperlen und wies Helen an, sie
aufzureihen. Zuerst nahm ich zwei Holzperlen und eine Glasperle
und ließ sie dann die Schnur und die beiden Oeffnungen der Perlen
befühlen. Sie nickte und begann sofort die Schnur mit hölzernen Perlen
zu beziehen. Ich schüttelte den Kopf, nahm sie alle ab und ließ sie
die beiden Holzperlen und die eine Glasperle befühlen. Sie prüfte
sie nachdenklich und begann von neuem. Diesmal reihte sie zuerst die
Glasperlen und dann die beiden Holzperlen auf. Ich nahm sie wieder ab
und zeigte ihr, daß zuerst die beiden Holzperlen kommen müßten und
dann erst die Glasperle. Sie hatte keine weitere Mühe damit und reihte
die Perlen rasch aneinander, leider nur allzu rasch. Als sie fertig
war, knüpfte sie die beiden Enden der Schnur zusammen und legte sie
um ihren Hals. In der nächsten Schnur hatte ich den Knoten nicht groß
genug gemacht, und die Perlen fielen fast so rasch wieder herunter, wie
Helen sie aufgereiht hatte; sie löste aber selbst die Schwierigkeit,
indem sie die Schnur durch eine Perle zog und letztere festknüpfte. Ich
fand dies sehr geschickt. Sie unterhielt sich mit den Perlen bis zum
Mittagessen und legte mir ab und zu die Ketten zur Begutachtung vor.
* * * * *
Montag nachmittags.
Heute früh hatte ich einen heißen Kampf mit Helen zu bestehen. Obgleich
ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, gewaltsame Mittel zur
Anwendung zu bringen, so fürchte ich doch, dies wird sich auf die Dauer
nicht umgehen lassen.
Helens Benehmen bei Tische ist entsetzlich. Sie greift mit ihren
Händen auf unsere Teller und nimmt davon weg, und wenn die Schüsseln
herumgegeben werden, so greift sie hinein und nimmt sich, was ihr
beliebt. Heut früh wollte ich ihr nicht erlauben, mit der Hand auf
meinen Teller zu fassen. Sie beharrte bei ihrem Vorsatz, und es folgte
nun ein sehr heftiger Auftritt. Natürlich verließ die übrige Familie
voller Verlegenheit das Zimmer. Ich verschloß die Türe zum Speisezimmer
und setzte mich wieder zu meinem Frühstück hin, obgleich mich die
Speisen beinahe anwiderten. Helen lag schreiend und mit Händen und
Füßen um sich schlagend auf dem Fußboden und suchte meinen Stuhl unter
mir fortzuziehen. So verging eine halbe Stunde; dann stand sie auf, um
zu sehen, was ich tat. Ich zeigte ihr, daß ich aß, ließ sie aber nicht
mit der Hand auf den Teller fassen. Sie kniff mich, und ich schlug ihr
jedesmal, wenn sie dies tat, auf die Hand. Dann ging sie um den ganzen
Tisch herum, um zu sehen, wer da sei, und war ganz erstaunt, als sie
außer mir niemand fand. Nach ein paar Minuten kam sie zu ihrem Platze
zurück und begann ihr Frühstück mit den Fingern zu verzehren. Ich gab
ihr einen Löffel, den sie aber auf den Fußboden warf. Ich zerrte sie
von ihrem Stuhle herunter und zwang sie, ihn aufzuheben. Endlich gelang
es mir, sie auf ihren Stuhl zurückzubringen; ich drückte ihr den Löffel
in die Hand und nötigte sie, damit zu essen. Nach einigen Minuten fügte
sie sich und beendete ruhig ihr Frühstück. Darauf hatten wir einen
anderen Zwist über das Zusammenfalten ihrer Serviette. Als sie mit
ihrem Frühstück fertig war, warf sie das Tuch zur Erde und lief zur
Tür. Als sie diese verschlossen fand, begann sie wieder mit den Füßen
auszuschlagen und zu schreien. Es dauerte eine volle Stunde, ehe ich
sie dazu bringen konnte, ihre Serviette zusammenzulegen. Dann ließ
ich sie in den warmen Sonnenschein hinaus und begab mich nach meinem
Zimmer, wo ich mich ganz erschöpft auf das Bett warf. Ich weinte mich
ordentlich aus und fühlte mich darauf besser. Ich glaube, ich werde
noch mehr solcher Kämpfe mit der jungen Dame zu bestehen haben, ehe
sie die beiden wesentlichen Dinge lernt -- die einzigen, die ich ihr
beibringen kann -- Gehorsam und Liebe.
Gott befohlen, meine Liebe! Aengstigen Sie sich nicht um mich. Ich
will mein Bestes tun und das übrige der Macht anheimstellen, die das
vollbringt, was uns zu leisten unmöglich ist. Frau Keller ist mir sehr
sympathisch.
* * * * *
Tuscumbia, Alabama, 11. März 1887.
Seit ich das letztemal schrieb, sind wir, Helen und ich, nach einem
kleinen Gartenhause, das nicht weit von Ivy Green, dem Familienhause,
entfernt liegt, umgezogen und leben hier ganz für uns allein. Ich sah
sehr bald ein, daß mit Helen im Schoße ihrer Familie, die ihr stets in
allem den Willen gelassen hat, absolut nichts anzufangen sei. Sie hat
jedermann tyrannisiert, ihre Mutter, ihren Vater, die Dienerschaft,
die kleinen Negerkinder, die mit ihr spielten, und niemand ist ihr je
bis zu meiner Ankunft ernstlich entgegengetreten, mit Ausnahme ihres
Bruders James, der dies ab und zu getan hat, und wie alle Tyrannen hält
sie an diesem ihrem angestammten Rechte von Gottes Gnaden, alles zu
tun, was ihr beliebt, mit Zähigkeit fest. Als ich sie zu unterrichten
begann, hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie wollte
um keines Haares Breite nachgeben, ohne es auf einen verzweifelten
Kampf ankommen zu lassen. Im guten konnte ich gar nichts von ihr
erreichen. Selbst zu den einfachsten Dingen wie zum Kämmen ihres
Haares, zum Händewaschen, zum Zuknöpfen ihrer Schuhe mußte sie mit
Gewalt angehalten werden, und natürlich war ein peinlicher Auftritt die
Folge. Die Angehörigen fühlten natürlich Neigung, sich einzumischen,
namentlich ihr Vater, der es nicht ertragen kann, sie weinen zu sehen.
So waren sie alle gewillt, des lieben Friedens halber nachzugeben. Ich
sah klar ein, daß jeder Versuch, sie im Gebrauch der Sprache oder in
sonst etwas zu unterrichten, zwecklos sei, solange sie nicht gelernt
habe, mir zu gehorchen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und je
reiflicher ich mir die Sache überlege, desto fester bin ich davon
überzeugt, daß Gehorsam das Tor ist, durch welches das Wissen, ja sogar
die Liebe ihren Einzug in die Seele eines Kindes halten. Wie ich Ihnen
schon schrieb, glaubte ich anfangs nur Schritt für Schritt vorgehen
zu dürfen. Ich hatte mir vorgenommen, mir die Liebe und das Vertrauen
meines kleinen Zöglings durch dieselben Mittel zu gewinnen, die ich in
Anwendung gebracht haben würde, wenn sie hätte sehen und hören können.
Aber bald fand ich, daß mir kein Weg zu ihrem Herzen offen stand. Sie
nahm alles, was ich für sie tat, als selbstverständlich hin, wehrte
meine Liebkosungen ab, und es war mir schlechterdings unmöglich, mir
ihre Zuneigung zu erwerben.
Ich hatte eine freie, offene Aussprache mit Frau Keller und setzte ihr
auseinander, wie schwer es für mich unter den obwaltenden Umständen
sei, etwas mit Helen zu beginnen. Ich erklärte ihr, daß meiner Meinung
nach das Kind mindestens für einige Wochen von der Familie getrennt
werden und daß Helen mir gehorchen lernen müsse, ehe ich irgend etwas
anderes unternehmen könne. Nach einer langen Pause antwortete mir Frau
Keller, sie wolle sich die Sache überlegen und hören, was ihr Gatte
zu dem Plane meinte. Der Hauptmann Keller willigte gegen mein Erwarten
sehr rasch ein, und ich beeilte mich, die Vorkehrungen zum Umzuge so
bald wie möglich zu treffen.
In der neuen Wohnung zeigte sich Helen anfangs sehr ungebärdig und ließ
sich am ersten Abend erst nach einem erbitterten zweistündigen Kampfe
zu Bett bringen. Am nächsten Morgen war sie ruhiger, litt aber offenbar
an Heimweh. Sie spielte mehr als sonst mit ihren Puppen und behandelte
diese mit großer Zärtlichkeit, wollte aber nichts von mir wissen.
Helen kennt jetzt verschiedene Wörter, hat aber weder eine Ahnung von
ihrem Gebrauche, noch weiß sie, daß jedes Ding einen Namen hat. Ich
glaube jedoch, daß sie leicht und schnell lernen wird. Wie erwähnt,
ist sie außerordentlich lebhaft und geschäftig und in ihren Bewegungen
ebenso rasch wie unstet.
* * * * *