Helen A. Keller.
Die fremdsprachigen Ausdrücke in den folgenden Briefen, von denen
der erste während eines Besuches im Blindenkindergarten geschrieben
wurde, hat Helen Monate zuvor kennen gelernt und in ihrem Gedächtnis
aufbewahrt. Sie machte sich die Wörter zurecht und bediente sich ihrer,
indem sie sie mitunter ganz sinngemäß gebrauchte, mitunter aber auch
nur nach Papageienart wiederholte. Selbst wenn sie Wörter oder Gedanken
nicht ganz verstand, so liebte sie sie dennoch niederzuschreiben. Auf
diese Weise lernte sie Wörter, die einen Gesichts- und Gehörseindruck
und mithin Vorstellungen bezeichnen, die außerhalb ihrer persönlichen
Erfahrung liegen, richtig gebrauchen. »Edith« ist Edith Thomas.
_An Herrn Michael Anagnos._
Roxbury, Mass. 17. Oktober 1888.
~Mon cher Monsieur Anagnos.~
Ich sitze am Fenster, und die schöne Sonne bescheint mich. Lehrerin
und ich kamen gestern in den Kindergarten. Es sind hier sieben kleine
Mädchen, und alle sind blind. Ich bin traurig, daß sie nicht viel sehen
können. Werden sie einst sehr gesunde Augen haben? Die arme Edith ist
blind und taub und stumm. Sind Sie sehr traurig über Edith und mich?
Ich werde bald nach Hause gehen, um meine Mutter und meinen Vater und
meine kleine gute, süße Schwester wiederzusehen. Ich hoffe, Sie werden
nach Alabama kommen, um mich zu besuchen, und ich will Sie in meinem
kleinen Wagen zu einer Ausfahrt mitnehmen, und ich hoffe, Sie werden
sich freuen, wenn Sie mich auf dem Rücken meines kleinen lieben Ponys
sehen... Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, will ich in viele fremde und
schöne Länder reisen. Ich werde sehr hohe Berge in Norwegen ersteigen
und viel Eis und Schnee sehen. Ich hoffe, ich werde nicht fallen und
mir den Kopf zerschlagen. Ich werde den kleinen Lord Fauntleroy[14] in
England besuchen, und er wird sich freuen, mir sein großes und sehr
altes Schloß zu zeigen. Und wir werden zu den Hirschen laufen und die
Kaninchen füttern und die Eichhörnchen fangen. Ich werde mich nicht
vor Fauntleroys großem Hunde Dougal fürchten. Ich hoffe, Fauntleroy
wird mich mitnehmen, damit ich eine sehr freundliche Königin sehe.
Wenn ich nach Frankreich gehe, will ich französisch sprechen. Ein
kleiner französischer Knabe wird sagen: ~Parlez-vous français?~ und
ich werde sagen: ~Oui, Monsieur, vous avez un joli chapeau. Donnez-moi
un baiser.~ Ich hoffe, Sie werden mich mit nach Athen nehmen, um das
Mädchen von Athen zu besuchen. Sie war eine sehr liebliche Dame, und
ich will griechisch mit ihr sprechen. Ich will sagen: ~se agapo~ und
~pos echete~, und ich denke, sie wird sagen ~kalos~, und dann will
ich sagen ~chaere~. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mich bald zu
besuchen und mich mit nach dem Theater zu nehmen. Wenn Sie kommen, will
ich sagen ~Kale emera~, und wenn Sie nach Hause gehen, will ich sagen
~Kale nykta~. Nun bin ich zu müde, um mehr zu schreiben. ~Je vous aime.
Au revoir.~