Vorwort zur deutschen Ausgabe

Unsere Welt ist in Unordnung geraten. Die Arbeitslosigkeit ist eine

große Belastung für alle. Sozialleistungen werden weiter drastisch

gekürzt. Das Universitätssystem befindet sich im Umbruch. Politik,

Wirtschaft und Arbeitswelt durchlaufen Veränderungen, die sich nicht

nach dem gewohnten ordentlichen Muster des sogenannten Fortschritts

richten. Gleichwohl verfolgen Politiker aller Couleur politische

Programme, die mit den eigentlichen Problemen und Herausforderungen

in Deutschland (und in Europa) nicht das Geringste zu tun haben. Das

vorliegende Buch möchte sich diesen Herausforderungen widmen, aus

einer Perspektive, die die Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung betont.

Wenn man eine Hypothese vorstellt, benötigt man ein geeignetes

Prüffeld. In meinen Augen ist Deutschland am besten dafür geeignet.

In keinem anderen Land der Welt läßt sich die Dramatik des Umbruchs

so unmittelbar verfolgen wie hier. In Deutschland treffen die Kräfte

und Werte, die zu den großen historischen Errungenschaften und den

katastrophalen historischen Fehlleistungen dieses Landes geführt

haben, mit den neuen Kräften und Werten, die das Gesicht der Welt

verändern, gewissermaßen in Reinform zusammen.

An Ordnung, Disziplin und Fortschritt gewöhnt, beklagen die Bürger

heute eine allgegenwärtige lähmende Bürokratie, die von Regierung und

Verwaltung ausgeht. Früher galt das, verbunden mit dem Namen

Bismarcks, als gute deutsche Tugend, eine der vielen

Qualitätsmaschinen „Made in Germany“. Im Verlauf der Zeit aber wurde

der Bürger abhängig von ihr und konnte sich nicht vorstellen, jemals

ohne sie auszukommen. Die Mehrheit schreckt vor Alternativen zurück

und möchte nicht einmal über sie nachdenken. Geprägt von Technik und

Qualitätsarbeit ist die Vorstellung, daß das Industriezeitalter

seinem Ende entgegengeht, den meisten eine Schreckensvision. Sie

würden eher ihre Schrebergärten hergeben als die digitale Autobahn zu

akzeptieren, die doch die Staus auf ihren richtigen Autobahnen zu den

Hauptverkehrszeiten abbauen könnte--ich betone das „könnte“. Noch

immer lebt es sich gut durch den Export eines technischen und

wissenschaftlichen Know-how, dessen Glanzzeit allerdings vorüber ist.

Als ein hochzivilisiertes Land ist Deutschland fest entschlossen, den

barbarischen Teil seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen. Der

Klarheit halber sei gesagt, was ich unter barbarisch verstehe:

Hitler-Deutschland verdient keinen anderen Namen, ebensowenig wie

alle anderen Äußerungen von Aggression, Antisemitismus und Rassismus,

die noch immer nicht der Vergangenheit angehören. Aber bis heute hat

man nicht verstanden, daß eben jene pragmatische Struktur, die die

industrielle Kraft Deutschlands begründete, auch die destruktiven

Kräfte begünstigte. (Man denke nur an die Technologieexporte, die

die wahnsinnigen Führer ölreicher Länder erst jüngst in die Hände

bekommen haben.) Das wiedervereinigte Deutschland ist bereit, in

einer Welt mit globalen Aufgaben und globalen Problemen Verantwortung

zu übernehmen. Es setzt sich unter anderem für den Schutz des

tropischen Regenwaldes ein und zahlt für Werte--den Schutz der

Umwelt--statt für Produkte. Aber die politischen Führer Deutschlands

und mit ihnen große Teile der Bevölkerung haben noch nicht begriffen,

daß der Osten des Landes nicht unbedingt ein Duplikat des Westens

werden muß, damit beide Teile zusammenpassen. Differenz, d. h.

Andersartigkeit, ist eine Qualität, die sich in Deutschland keiner

großen Wertschätzung erfreut. Verlorene Chancen sind der Preis, den

Deutschland für diese preußische Tugend der Gleichmacherei bezahlen

muß.

Die englische Originalfassung dieses Buches wurde 1997 auf der

Leipziger Buchmesse vorgestellt und in der Folge von der Kritik

wohlwollend aufgenommen. Dank der großzügigen Unterstützung durch

die Mittelsten-Scheid Stiftung Wuppertal und die Alfred und Cläre

Pott Stiftung Essen, für die ich an dieser Stelle noch einmal Dank

sage, konnte dann Anfang 1998 die Realisierung des von Beginn an

bestehenden Plans einer deutschsprachigen Ausgabe konkret ins Auge

gefaßt werden. Und nachdem Prof. Dr. Norbert Greiner, bei dem ich

mich hier ebenfalls herzlich bedanken möchte, für die Übersetzung

gewonnen war, konnte zügig an die Erarbeitung einer gegenüber der

englischen Ausgabe deutlich komprimierten und stärker auf den

deutschsprachigen Diskussionskontext zugeschnittenen deutschen

Ausgabe gegangen werden. Einige Kapitel der Originalausgabe sind in

der deutschsprachigen Edition entfallen, andere wurden stark

überarbeitet. Entfallen sind vor allem solche Kapitel, die sich in

ihren inhaltlichen Bezügen einem deutschen Leser nicht unmittelbar

erschließen würden. Ein Nachwort, das sich ausschließlich an die

deutschen Leser wendet, wurde ergänzt.

Die deutsche Fassung ist also eigentlich ein anderes Buch. Wer das

Thema erweitern und vertiefen möchte, ist selbstverständich

eingeladen, auf die englische Version zurückzugreifen, in die 15

Jahre intensiver Forschung, Beobachtung und Erfahrung mit der neuen

Technologie und der amerikanischen Kultur eingegangen sind. Ein

Vorzug der kompakten deutschen Version liegt darin, daß die jüngsten

Entwicklungen--die so schnell vergessen sein werden wie alle anderen

Tagesthemen--„Fortsetzungen“ meiner Argumente darstellen und sie

gewissermaßen kommentieren. Sie haben wenig miteinander zu tun und

sind dennoch in den folgenden Kapiteln antizipiert: Guildos Auftritt

beim Grand Prix d’Eurovision (liebt er uns eigentlich immer noch, und

warum ist das so wichtig?), die enttäuschende Leistung der deutschen

Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft (standen sich im

Endspiel Brasilien und Frankreich oder Nike und Adidas gegenüber?),

die Asienkrise, das Ergebnis der Bundestagswahlen, der Euro, neue

Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie, die jüngsten

Arbeitslosenzahlen, die Ökosteuer und vieles mehr. Wer sich der Mühe

einer gründlichen Lektüre des vorliegenden Buches unterzieht, wird

sich auf diese Entwicklungen einen eigenen Reim machen können, sehr

viel besser als die Mediengurus, die uns das Denken abnehmen wollen.

Zumindest wird er über die wortreichen Artikel halbgebildeter

Akademiker und opportunistischer Journalisten schmunzeln, die allzeit

bereit sind, anderen zu erklären, was sie selbst nicht verstehen.

Wie in der englischen Version möchte ich auch meine deutschen Leser

einladen, mit mir in Kontakt zu treten und mir ihre kritischen

Kommentare oder Fragen per e-mail zukommen zu lassen: nadin@acm.org.

Im Einklang mit dem Ziel des Buches, für die Kommunikation jenseits

der Schriftkultur das schriftkulturelle Eins-zu-Viele-Verhältnis

(Autor:Leser) zu überwinden, wird für dieses Buch im World Wide Web

ein Forum eingerichtet. Die Zukunft gehört der Interaktion zwischen

Vielen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 31 / 65 题