Carl Alexander."

Kurze Zeit nach Empfang dieses Briefes schrieb mir meine Großmutter:

"Mein von Dir übersetzter alter Aufsatz über Ottilie ist freilich keine

Biographie und mein Auszug noch weniger, doch bin ich dem alten guten

treuen Freund gern gefällig, der ihn haben will. Er schreibt mir gute

und schöne Briefe und hat mir endlich mein Wegziehen von Weimar

vergeben; unserer Kaiserin Tod hat uns zu einander isoliert, und was den

Jetztmenschen Phrase ist, bleibt uns Bedürfnis und Wahrheit. Das stumme

Nebeneinanderhergehen in Freud und Leid schnürt mir jetzt wieder, da die

Söhne hier sind, das Herz zusammen und nimmt dem Zusammenleben Trost und

Wärme; wenn auch etwas Tränen und Sorge dabei gespart werden, so wird

viel Höheres an Rat, Mitgefühl, Seeleneinfluß und Liebe Preis gegeben

oder wenigstens beschattet und verscharrt ... Ich bin immer sehr müde

und schlafe viel; dabei lächelt eine heitere Frühlingssonne in mein

Zimmer und tanzt freundlich um die Bilder meiner Lieben. Wenn ich im

Halbschlummer liege, ist es mir, als ob sie Alle lebendig würden, oft

füllt sich der Raum ganz an mit trauten Gestalten -- fernen, halb

vergessenen und ewig geliebten. Dann meine ich oft, ich wäre in Weimar

... Mein guter Großherzog ist es, der mir die Vergangenheit so lebendig

vor die Seele zaubert. Ich danke es ihm, denn sie war schön -- viel

schöner als die Gegenwart, und meine Sehnsucht wächst, je weiter ich

mich von ihr entferne ... Oder nähere ich mich ihr wieder? ..."

Oft schien es, als spräche sie mit teuren, anwesenden Freunden -- und

doch war das Zimmer leer. Auf einen fragenden, erstaunten Blick ihrer

Kinder sagte sie dann lächelnd: "Wundert Euch nicht -- sie waren

wirklich da, sie reden mit mir, während Ihr schweigt --" Sie hatte

keinerlei Schmerzen, aber ihr Bedürfnis, allein zu sein, nahm zu, ihre

Spaziergänge wurden immer kürzer, und ein äußeres Interesse nach dem

anderen fiel von ihr ab. Ihr Herz aber lebte ein um so stärkeres Leben,

und aus ihren Augen leuchtete es wie Verklärung. Mitte April schrieb sie

dem Großherzog u. a.: "Mutterliebe und Erinnerung sind meine

Lebenselixire. Wie in einen schützenden Mantel und undurchdringlichen

Harnisch möchte ich Kinder und Enkel hüllen, und dankbar vor dem

Abschied von dieser Lebensstufe ein paar immergrüne Blättchen dem zu

Füßen legen, der meiner Jugend Abgott, meines reifen Lebens Erzieher,

meines Alters Freund und Vorbild ist. Ihnen brauch ich ihn nicht zu

nennen ... Nehmen Sie, was ich schrieb, nur wieder als Zeichen der guten

Absicht an, denn die Kräfte versagen. Die Vorangegangenen werden mir

immer gegenwärtiger. Sie rufen mich." Der Großherzog schrieb darauf:

"Weimar, den 26. April 1890.

"In Ihrem gütigen und interessanten Brief vom 16. sagen Sie mir, daß

Ihnen, gnädige Frau, die Biographie von Mrs. Jameson unbekannt ist. Ich

erlaube mir, sie Ihnen zuzuschicken ... Da Sie Ottiliens

Lebensgeheimnisse kennen, werden Sie zwischen den Zeilen lesen, was die

Freundschaft verbergen wollte. Man sagt, daß der Kaschnack -- der

Schleier, mit dem die Frauen des Orients ihr Antlitz bedecken und der

nur die Augen frei läßt -- ihnen einen ganz besonderen Reiz verleiht.

Die Seiten der Biographie, in denen von Ottilie die Rede ist, betätigen

diese Auffassung. -- Und Walter Goethe, mein Freund Walter, wo bleibt

sein Portrait, seine Biographie, die ihn darstellt, so wie er war! Das

schmerzt mich, denn ich empfinde es als eine Ungerechtigkeit und

Undankbarkeit, daß die großen Eigenschaften dieser edlen Seele nicht in

der Oeffentlichkeit bekannt werden ... Dürfte ich selbst zur Feder

greifen? Um Walter richtig zu beurteilen, muß man mit ihm vertraut

gewesen sein, es genügte nicht, ihn zu sehen oder auch nur mit ihm zu

verkehren. Er zeigte sich nur in der Intimität, und ich darf wohl sagen,

daß ich zu denen gehörte, die ihm am nächsten standen ... Seine

Schöpfung, das Goethe-Schiller-Archiv, vervollständigt sich inzwischen

mehr und mehr, und ich hoffe, daß es sich nach und nach zum Archiv der

deutschen Litteratur erweitern wird. Sie sehen: meine Träume suchen

immer den Frühling! Sie sprechen vom Herbst, von den schweren Verlusten

der Freundschaft -- lassen Sie mich Ihnen mit einer Hoffnung antworten.

Hoffnung aber läßt nie zu Schanden werden!

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 74 / 80 题