Kurze Zeit nach Empfang dieses Briefes schrieb mir meine Großmutter:
"Mein von Dir übersetzter alter Aufsatz über Ottilie ist freilich keine
Biographie und mein Auszug noch weniger, doch bin ich dem alten guten
treuen Freund gern gefällig, der ihn haben will. Er schreibt mir gute
und schöne Briefe und hat mir endlich mein Wegziehen von Weimar
vergeben; unserer Kaiserin Tod hat uns zu einander isoliert, und was den
Jetztmenschen Phrase ist, bleibt uns Bedürfnis und Wahrheit. Das stumme
Nebeneinanderhergehen in Freud und Leid schnürt mir jetzt wieder, da die
Söhne hier sind, das Herz zusammen und nimmt dem Zusammenleben Trost und
Wärme; wenn auch etwas Tränen und Sorge dabei gespart werden, so wird
viel Höheres an Rat, Mitgefühl, Seeleneinfluß und Liebe Preis gegeben
oder wenigstens beschattet und verscharrt ... Ich bin immer sehr müde
und schlafe viel; dabei lächelt eine heitere Frühlingssonne in mein
Zimmer und tanzt freundlich um die Bilder meiner Lieben. Wenn ich im
Halbschlummer liege, ist es mir, als ob sie Alle lebendig würden, oft
füllt sich der Raum ganz an mit trauten Gestalten -- fernen, halb
vergessenen und ewig geliebten. Dann meine ich oft, ich wäre in Weimar
... Mein guter Großherzog ist es, der mir die Vergangenheit so lebendig
vor die Seele zaubert. Ich danke es ihm, denn sie war schön -- viel
schöner als die Gegenwart, und meine Sehnsucht wächst, je weiter ich
mich von ihr entferne ... Oder nähere ich mich ihr wieder? ..."
Oft schien es, als spräche sie mit teuren, anwesenden Freunden -- und
doch war das Zimmer leer. Auf einen fragenden, erstaunten Blick ihrer
Kinder sagte sie dann lächelnd: "Wundert Euch nicht -- sie waren
wirklich da, sie reden mit mir, während Ihr schweigt --" Sie hatte
keinerlei Schmerzen, aber ihr Bedürfnis, allein zu sein, nahm zu, ihre
Spaziergänge wurden immer kürzer, und ein äußeres Interesse nach dem
anderen fiel von ihr ab. Ihr Herz aber lebte ein um so stärkeres Leben,
und aus ihren Augen leuchtete es wie Verklärung. Mitte April schrieb sie
dem Großherzog u. a.: "Mutterliebe und Erinnerung sind meine
Lebenselixire. Wie in einen schützenden Mantel und undurchdringlichen
Harnisch möchte ich Kinder und Enkel hüllen, und dankbar vor dem
Abschied von dieser Lebensstufe ein paar immergrüne Blättchen dem zu
Füßen legen, der meiner Jugend Abgott, meines reifen Lebens Erzieher,
meines Alters Freund und Vorbild ist. Ihnen brauch ich ihn nicht zu
nennen ... Nehmen Sie, was ich schrieb, nur wieder als Zeichen der guten
Absicht an, denn die Kräfte versagen. Die Vorangegangenen werden mir
immer gegenwärtiger. Sie rufen mich." Der Großherzog schrieb darauf:
"Weimar, den 26. April 1890.
"In Ihrem gütigen und interessanten Brief vom 16. sagen Sie mir, daß
Ihnen, gnädige Frau, die Biographie von Mrs. Jameson unbekannt ist. Ich
erlaube mir, sie Ihnen zuzuschicken ... Da Sie Ottiliens
Lebensgeheimnisse kennen, werden Sie zwischen den Zeilen lesen, was die
Freundschaft verbergen wollte. Man sagt, daß der Kaschnack -- der
Schleier, mit dem die Frauen des Orients ihr Antlitz bedecken und der
nur die Augen frei läßt -- ihnen einen ganz besonderen Reiz verleiht.
Die Seiten der Biographie, in denen von Ottilie die Rede ist, betätigen
diese Auffassung. -- Und Walter Goethe, mein Freund Walter, wo bleibt
sein Portrait, seine Biographie, die ihn darstellt, so wie er war! Das
schmerzt mich, denn ich empfinde es als eine Ungerechtigkeit und
Undankbarkeit, daß die großen Eigenschaften dieser edlen Seele nicht in
der Oeffentlichkeit bekannt werden ... Dürfte ich selbst zur Feder
greifen? Um Walter richtig zu beurteilen, muß man mit ihm vertraut
gewesen sein, es genügte nicht, ihn zu sehen oder auch nur mit ihm zu
verkehren. Er zeigte sich nur in der Intimität, und ich darf wohl sagen,
daß ich zu denen gehörte, die ihm am nächsten standen ... Seine
Schöpfung, das Goethe-Schiller-Archiv, vervollständigt sich inzwischen
mehr und mehr, und ich hoffe, daß es sich nach und nach zum Archiv der
deutschen Litteratur erweitern wird. Sie sehen: meine Träume suchen
immer den Frühling! Sie sprechen vom Herbst, von den schweren Verlusten
der Freundschaft -- lassen Sie mich Ihnen mit einer Hoffnung antworten.
Hoffnung aber läßt nie zu Schanden werden!