Seiner Bitte um ein Erinnern folgte von Weimar aus eine neue: Goethes
letzte Lebensjahre möchte sie schildern, sie, die von allen Überlebenden
dem großen Toten jetzt noch am nächsten stand. Und während der
Wintersturm vom Haff herüberbrauste und Wintereinsamkeit das Haus mit
tiefer Stille füllte, saß die alte Frau am Schreibtisch und suchte ihren
Erinnerungen eine Form zu geben. "Ich werde selbst wieder jung dabei,"
schrieb sie mir, als sie von ihrer Tätigkeit erzählte. Auf ihre ersten
Sendungen antwortete der Großherzog:
"Weimar, 28. Januar 1890.
"... Ich erhielt die Blätter, die Sie, meine liebenswürdige und getreue
Freundin, die geduldige Güte hatten mit Details über Goethe und die
englische Gesellschaft während seiner letzten Lebensjahre zu füllen, und
um die ich mir erlaubt hatte, Sie zu bitten. Ich komme heute, um Ihnen
die Hand dafür zu küssen. Vor allem aber komme ich, um Sie um
Entschuldigung dafür zu bitten, daß ich abermals an dieselbe Güte
appelliere, die mich so zu Dank verpflichtet, und an dieselbe
Erinnerung, die mich entzückt. Meine Unbescheidenheit verlangt vor Allem
eine Erklärung; hier ist sie: Das Testament Walter Goethes hat mit dem
Augenblick, da es bekannt wurde, in Weimar ein neues Leben erweckt. Ich
kann es nicht besser charakterisieren, als indem ich versichere, daß man
den Eindruck hat, als ob die Seele des größten deutschen Dichters, die
Seele Goethes, wieder eingezogen sei in diese Stadt, in sein altes Haus,
in das Schloß, um aufs neue zu wirken und zu schaffen. Hervorragende
Männer sind herberufen worden, um Walter Goethes Vermächtniß zu ordnen
und zu verwalten, andere haben sich bemüht, Zulassung zu der
wundervollen neu entdeckten Quelle zu finden; sie kamen und kommen, um
im Archiv zu arbeiten, und wir verdanken dem Umstand eine Fülle
interessanter Bekanntschaften. Einen jungen Amerikaner, Mr. G..., rechne
ich dazu, der eine Arbeit "Goethe in England" unter der Feder hat, und
für den es sehr wichtig ist, alle Beziehungen zwischen Goethe und
England kennen zu lernen. Diese Notwendigkeit führte mich zu Ihnen, und
das Interesse, das ich an der Sache nehme, läßt mich meine Bitte
wiederholen. Und um meine Zudringlichkeit vollends auf die Spitze zu
treiben, gestatten Sie mir, Sie zu bitten, für mich Notizen über Alles
zu machen, was an Tatsachen, Unterhaltungen und Namen aus jener Zeit
noch in Ihrer Erinnerung lebt. Diese Zudringlichkeit ist so natürlich,
daß Sie sie verzeihen, und so notwendig, daß Sie sie verstehen werden.
Es lohnt sich der Mühe, die Arbeit, die ich Ihnen zumute, in zwei Teile
zu teilen: die eine, die Erinnerungen an die Engländer enthaltend, so
daß sie Mr. G... von Nutzen sein kann, die andre, für mich persönlich,
die die übrigen Erinnerungen an die große Epoche Weimars zum Gegenstand
hat.
"Goethe hatte die Gewohnheit, jeden großen Schmerz dadurch zu bekämpfen,
daß er eine neue Arbeit unternahm. Dieser Brief ist freilich keine,
aber er gehört zu jener Tätigkeit, die ich mich bemühe, im Gang zu
erhalten, weil ich in dieser fremden Welt der Seelen so schwer zu
kämpfen habe. Dieser Kampf wird mir um so leichter werden, je eher ich
dort Verständniß finde, wo ich verstanden sein möchte. Sie werden aus
diesem Bekenntniß, teuerste Freundin, nichts Neues folgern, denn Sie
kennen, wie ich hoffe,