Wieder daheim

Jenny Gustedt war 64 Jahre geworden, ein Alter, von dem sie zu sagen

pflegte, daß es ihm angemessen sei, "sich in den Schatten, sich aus dem

Wege der Welt zu stellen, um seiner selbst willen, weil die Grenze des

Diesseits schon das Jenseits streift, um Anderer willen, weil in den

Lebensverhältnissen das Greisenalter, ich möchte sagen, über dem Etat

ist und oft beengend auf die nächste Generation wirkt". Und wenn sie

auch äußerlich fast unverändert blieb und die Pforten ihres geistigen

Lebens sich nicht, wie bei den meisten alten Leuten, vor der Außenwelt

und ihren Eindrücken zuschlossen, nur das Besitztum der Vergangenheit

hütend, so zeigte sich doch ein untrügliches Merkmal hoher Jahre:

Heimweh. Es befällt nicht nur den einen, der lange in fremden Ländern

war, als eine Sehnsucht nach den Wäldern und Wiesen, wo seine Jugend

reifte; noch stärker und schmerzhafter macht es sich vielmehr dem

anderen fühlbar, der in geistiger Fremde lebte, und nun heim verlangt

nach dem vertrauten Boden, in dem sein inneres Leben wurzelt, der seiner

Seele die erste Nahrung gab. Nicht die Zahl der Jahre bestimmt den

Zeitpunkt, wann dieses Heimweh unüberwindlich wird, sondern das Maß der

Entfernung und die Menge der begrabenen Hoffnungen. Am längsten vermag

die Mutterliebe, die das Weib an das innere und äußere Leben des Kindes

fesselt, die Stimmen der Sehnsucht zu übertönen. Aber schließlich, wenn

der müde Fuß den raschen Schritten der Jugend nicht mehr folgen kann und

das Auge nichts als eine fremde Welt vor sich sieht, dann siegt das lang

unterdrückte Verlangen, dorthin zurückzukehren, von dannen wir gekommen

sind.

Nach dem Tode ihres Gatten war der erste Gedanke der Witwe gewesen, sich

von nun an dauernd in Weimar niederzulassen. Liebe und Pflichtgefühl

hatten sie daran gehindert. Jetzt, zehn Jahre später, sah sie, daß ihre

Kinder ihrer nicht bedurften, daß sie ihnen, selbst wenn sie litten,

kaum zu helfen vermochte, weil ihr Trost ihnen kein Trost war, und es

regte sich nun wohl auch in ihr der Wunsch, zum Schlusse des Lebens noch

einmal sich selbst zu leben. Im Hause ihres Schwagers, des Grafen Beust,

am Ende der Ackerwand, wo die alten Bäume des Parks in die Fenster

hineingrüßten und der Brunnen dasselbe Lied rauschte und murmelte, wie

vor einem halben Jahrhundert, fand sie eine kleine, freundliche Wohnung.

"Meine Stuben würden Dir sehr gefallen," schrieb sie mir, "sie sind

kleiner als die in Berlin, aber sehr harmonisch, und enthalten Alles,

was mir notwendig, nützlich, angenehm und lieb ist; meine Freunde sind

sehr gern darin, meistens zwischen 6 und 8 Uhr, dann brennen meine

Lampen, alles ist still und friedlich, voll Blumen sind die Tische ...

Morgens nach dem Frühstück gehe ich fast ohne Rücksicht auf das Wetter

im Park, der immer schön ist, spazieren und vergesse vor lauter Erinnern

zuweilen das halbe Jahrhundert, das zwischen meiner Jugend und meinem

Alter liegt. Um 1 Uhr esse ich und habe neben der Güte der einfachen

Mahlzeit die Freude stets unbestellter Gerichte, die Du, mein

Herzensenkelkind, auch empfinden wirst, wenn Du einmal jahrzehntelang

Hausfrau warst und -- leider muß ich das vermuthen -- wie ich, gar kein

Talent dafür hattest. Oft esse ich auch bei meinem lieben Schwager

Fritz, der dann schon am Abend vorher sagt: Auf morgen freue ich mich,

dann bist Du bei mir! Selten vergeht ein Tag, ohne daß ich liebe

Verwandte oder Freunde besuche oder empfange, und wie ein weicher,

warmer Mantel legt sich die vertraute geistige Luft Weimars um mich ...

Abends lese ich viel und mache mir darüber kurze Notizen, die Dir

vielleicht einmal nützlich sein werden. Man vergeudet so viel Zeit mit

schlechter Lektüre, daß es ein großer Gewinn wäre, wenn Kinder und Enkel

sich darin wenigstens von den Alten raten und leiten ließen. Um 11 Uhr

bin ich zu Bett und schlafe mit Gedanken und Gebet für meine Kinder und

Enkel ein ... Ich denke, wir Beide, mein geliebtes Kind, könnten jetzt

schon besser plaudern, als auf unseren Wegen in Berlin, und im Lieben

und Denken wirst Du mich immer besser verstehen ..."

Wenn es auch nicht das alte Weimar war, das meine Großmutter wieder

aufnahm, so war es doch in der Hauptsache das alte geblieben. Es schien,

als ob jeder im Umfang seiner Kräfte sich bemühte, die Tradition

aufrechtzuerhalten, die vorschrieb, geistige Interessen in den

Mittelpunkt des Lebens zu stellen. Und der Großherzog Karl Alexander

war es, der darin mit dem guten Beispiel voranging. Er besaß jene

Fürstentugend, die wir heute vergebens suchen: Talente heranzuziehen und

zu beschützen, ihnen freie Bahn zu schaffen, ohne sie beeinflussen zu

wollen. Seine Ehrfurcht vor geistiger Bedeutung war so groß, daß er vor

ihr bescheiden zurückzutreten verstand. Niemals hätte er einem Künstler

seinen Willen aufgezwungen und ihn dadurch auf das Niveau eines bloßen

Handwerkers herabgedrückt. Die geistige Atmosphäre, die er dadurch schuf

oder vielmehr erhielt, denn sie war Karl Augusts kostbares Vermächtnis,

ermöglichte es, daß aus dem Weimar Goethes und Schillers noch ein Weimar

Liszts und Wagners wurde. Obwohl die Welt Franz Liszt zu Füßen lag,

wählte er sich die kleine Stadt, um alljährlich sein Haus an der

Hofgärtnerei zum Mittelpunkt der Musikbewegung zu machen. Von Weimars

unscheinbarem Theater aus trat Wagners "Lohengrin" den Siegeszug durch

die Welt an. Ohne den Großherzog hätte Liszt seine Aufführung nicht

durchzusetzen vermocht. Daß der Hof der modernen Musik so viel

Verständnis und Förderung zuteil werden ließ, zog eine Reihe anderer

Musiker, die später zu großer Bedeutung gelangten -- es sei hier nur an

Männer wie Eugen d'Albert und Richard Strauß erinnert -- nach Weimar.

Und wie die moderne Musik, so fand die moderne bildende Kunst hier zwar

nicht einen Mittelpunkt des Lebens, wohl aber eine stille Wiege, wo sie

die jungen Glieder strecken, von wo aus auch sie den Weg in die Welt

antreten konnte. Graf Kalkreuth und Schillers liebenswürdig-geistvoller

Enkel, Herr von Gleichen-Rußwurm, waren Ende der siebziger Jahre ihre

Hauptvertreter in Weimar. Wie viele Dichter, Maler und Musiker haben

außerdem, wenn nicht den Beginn oder den Höhepunkt ihres geistigen

Schaffens, so doch Stunden der Anregung und Befriedigung -- jener

seltenen Feiertage des Lebens, die ihnen notwendig sind, wie dem

Arbeiter die Sonntagsruhe -- der lieblichen Stadt an der Ilm zu

verdanken. Dem Fürsten aber, dem es gelang, im brandenden Meer des

modernen Weltlebens diese Insel der Ruhe, des stillen Schaffens und

Werdens, zu erhalten, blieb das Schicksal nicht erspart, das auf die

eine oder andere Weise alle traf, die im Schatten der Titanen geboren

wurden. Derselbe Mann, der vor seinen Freunden ein lebendiger,

geistvoller Plauderer und immer ein vornehmer Mensch im besten Sinne des

Wortes war, schien der verantwortungsvollen Last der großen

Vergangenheit seines Hauses und Landes oft fast zu erliegen, wenn er

sich unter Freunden im großen Kreise bewegte: er fühlte sich bedrückt,

wenn alle Augen auf ihn sahen, wenn jeder darauf wartete, was er sagen

würde, und seine Zerstreutheit, seine Schüchternheit und Verlegenheit

machten ihn in der breiten Öffentlichkeit zu einer lächerlichen Figur.

Meine Großmutter schrieb einmal von ihm: "Daß mein guter Großherzog so

oft mißverstanden, ja, was noch schlimmer ist, verhöhnt wird, schmerzt

mich um so mehr, als er im Grunde seines Wesens und seiner Anschauungen

der Typus dessen ist, was ein Fürst in unseren konstitutionellen Staaten

überhaupt noch sein kann: ein Grandseigneur, der die alte schöne

Tradition pflegt und die Entwicklung einer neuen Kultur fördert, indem

er wie ein guter Gärtner dort der wildwuchernden Rosenranke eines

Talents eine Stütze giebt, dort einer andern, die im Verdorren ist,

Wasser, Luft und Licht zuführt und allmählich einen Park anlegt, in dem

Natur und Kunst den Gärtner gleichmäßig preisen, weil er die Natur nicht

knebelte und die Kunst nicht degradierte."

Neben ihrem Schwager Beust, der ein ungemein liebenswürdiger Mensch war,

und trotz seiner lebenslangen Hofstellung -- was ebenso für den Fürsten

wie für seinen Hofmarschall spricht -- nie ein Höfling wurde, gehörte

der Großherzog zu meiner Großmutter vertrautestem Umgang. Er besuchte

sie oft, und sie war ein häufiger Gast im Schloß, wenn sie allein kommen

konnte oder nur ein kleiner Kreis versammelt war. Bei solchen

Gelegenheiten war es, wo sie Liszts herrliches Spiel genoß, sich des

genialen, geistvollen Gesellschafters freute, und durch ihn Wagners

Musik kennen lernte. Es war eine neue Welt für sie und eine, die sich

der altgewohnten harmonisch anschloß.

"Ich habe zu viel Sinn für Musik," schrieb sie einmal, "um es nicht

unerträglich zu finden, bei einem Kaffeekonzert, wo zwischen: 'wie freue

ich mich, Sie zu sehen' -- 'Kellner, eine Portion Kaffee' -- 'nein, sieh

nur diese Toilette' -- wo zwischen diesen und ähnlichen Gedanken und

Gesprächen einige Töne von Mendelssohn oder Beethoven und dann zum

lauten Entzücken des Publikums das 'Pariser Leben' ertönt. Das Ideal von

Musik, das ich in der Seele trage, ist Verklärung, Seligkeit reinster

Liebe, Auflösung des Innern in Ton und Klang. Wenn ich still in

dämmeriger Ecke saß und Liszt spielte, wenn mir in Karlsbad, hoch über

dem Konzert, auf einsamer Waldbank Wagners wunderbarer Pilgerchor

entgegenklang, wenn ich in Freiburg in der stillen dunklen Kirche saß

und die Orgel über mir brauste -- das Alles war Musik. Es beeinträchtigt

schon meinen Genuß, wenn ich, um eine Wagnersche Oper zu hören, in ein

volles Theater mit im Zwischenakt schwatzenden und kokettierenden

Menschen gehen muß. -- Wie ich den Faust nicht auf der Bühne sehen kann

-- den zweiten Teil aufzuführen, ist überhaupt eine Blasphemie -- so ist

für mich jede Art Kunst, Musik insbesondere, entwertet, oder besser

entweiht, wenn sie auf das Niveau des Massenamüsements heruntergezogen

wird. Wertvoller für den Menschen ist ein schönes Bild im eigenen

Zimmer, als Hunderte weltberühmter Bilder im Museum, an denen er mit

einer Karawane Fremder vorüberziehen muß. Eine Welt höchster

künstlerischer Kultur müßte alle Museen auflösen und die Kunstwerke in

den Wohnungen verteilen, müßte in gothischen Domen mit gemalten Fenstern

täglich musizieren und singen lassen, wobei einem Jeden der Eintritt zu

Genuß und Andacht frei stünde ..."

Das Interesse für den Musiker Wagner führte sie zu dem Dichter und

Denker, und nichts zeugt mehr für ihre geistige Regsamkeit und

Auffassungsfähigkeit, als die Tatsache, daß er bei aller

Grundverschiedenheit der geistigen Tendenz so stark auf sie wirkte. "Ich

lese mit wachsender Anteilnahme, wobei Staunen, Entzücken, Empörung,

Bewunderung in lebhaftem Streit mit einander liegen, Richard Wagners

Prosaschriften und Dichtungen," schrieb sie 1877 aus Weimar; "Alles

darin ist bedeutend und sehr klar; in schöner bündiger Weise

unterrichtend sind alle Artikel über Musik. Wie Wagner selbst die Musik

versteht, ist mir sonnenklar vor die Seele gesprungen in den wenigen

Worten: 'Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an'. Nicht allein ihre

wortlose Herrlichkeit hienieden wird damit bezeichnet; aber man fühlt

sie als Sphärensprache der Ewigkeit. Die Aufsätze: 'Eine Pilgerfahrt zu

Beethoven', 'Ein Ende in Paris', 'Ein glücklicher Abend' erinnern

ausnehmend in Tendenz, Empfindungen, spöttischer, tiefer

Menschenverachtung, von der man sich selbst fast allein ausschließt, an

Byron, der einmal mein Lieblingsdichter war, bis ich Goethe und sein

Urteil über die von ihm so richtig bezeichnete 'Lazarethphilosophie'

begreifen lernte. Es muß wohl Jeder, der von innen heraus wächst, dieses

Seelenstadium durchmachen -- auch Goethe mußte es und hat es im Werther

geschildert und überwunden -- aber wehe dem, der darin stecken bleibt:

nicht nur, daß er selbst ein dauernd unglücklicher Mensch wird, auch

seine Schaffenskraft zerbricht. In welcher herrlichen Verklärung tritt

im klarsten Gegensatz zu der ganzen Lazarethphilosophie und

Menschenverachtung das Christentum vor meine Seele. Die

Menschenverachtung, die dort zu Spott, Haß und Verzweiflung führt, die

Lebensbeziehungen der Menschen untereinander vergiftet und zerstört,

führt hier zu tiefem Mitleid mit dem Sünder, der noch blind für die

Wahrheit ist: 'die Sünde ist der Leute Verderben', führt zu sorgfältiger

Prüfung der Ursachen, die Gemeinheit und Schlechtigkeit nähren und

entstehen lassen, und zum rücksichtslosen Kampf gegen sie. Auf der Seite

der Menschenverächter ein Schrei der Verzweiflung neben dem anderen, auf

der anderen Seite das himmlische: Freuet euch in dem Herrn, und abermals

sage ich euch, freuet euch. Auf der einen Seite Krieg mit oder

Abgeschlossenheit von den Menschen, auf der anderen Seite hülfreiches,

thätiges Zusammenleben und Lieben ... Ich kann Richard Wagner gegenüber

den Eindruck nicht überwinden, der mich z. B. auch bei Heinrich Heine

immer wieder überwältigte, daß sein Menschliches noch mit seinem

Göttlichen -- und jeder Künstler und Dichter ist gottbegnadet -- im

Kampfe liegt. Seine Musik, seine Dichtung, z. B. im Tannhäuser --

widerspricht seiner, nicht vom Genie, sondern vom irdischen Verstand

diktierten Lazarethphilosophie. In Beethovens neunter Symphonie ist das

rein Göttliche zu unvergleichlichem Ausdruck gekommen; ich warte nun auf

Richard Wagners Neunte! ..."

Einige Jahre später las meine Großmutter, noch ehe sie die Musik kannte,

den "Parsival" und schrieb mir darüber: "Ich begann ihn gleichgültig,

werde aber immer mehr davon hingerissen und begreife nicht, wie

Eitelkeit, Weltlichkeit und Genußsucht einen Geist beschatten konnten,

der solcher Gedanken, Anschauungen und Gefühle fähig ist. Die

Verherrlichung und Weihe des Mitleids, das er als die höchste Liebe

hinstellt, die Heiligung durch Buße und Gnade aller seiner Helden, die

Auffassung des Abendmahls werfen Lichter in meine Seele, wie noch kein

theologisches Buch es gethan hat.

"Wie oft habe ich mich geprüft, ob es denn nicht Falschheit und

Schmeichelei sei, was mich so liebevoll hinzog zu Menschen, deren mein

Herz für mich gar nicht bedurfte. Wagners Auffassung des Mitleids

erklärt mir meinen eigenen inneren Widerspruch. Das Mitleid, welches ich

in seiner höchsten, mir oft krankhaft erscheinenden Potenz von je her

für Menschen und Thiere empfand, ist eben die höhere und bessere Liebe,

weil das Mitleid nichts für sich will, auch nicht Gegenseitigkeit, die

meiste Liebe aber etwas sucht und braucht für sich."

In einem anderen Briefe heißt es: "Ich habe nun auch einen großen Teil

der Musik zum Parsival kennen gelernt. Sie gehört zu den

erschütterndsten Eindrücken meines Lebens. Wunderschön war mir schon

seine Sprache, um wie viel herrlicher ist seine Musik. Wenn ich sagen

müßte, welches die höchsten Emanationen des Göttlichen im Menschen sind,

die ich kenne, so würde ich heute antworten: Goethes Faust und Wagners

Parsival. Sie stehen mir auch in anderer Weise gleich: wie ich den Faust

nicht auf der Bühne sehen mag, möchte ich den Parsival nicht sehen. Zwar

ist der Bayreuther Gedanke, der den Ort zu einer Art Wallfahrtsort macht

und die Menschen dadurch schon aus der Alltagsstimmung herausreißt, mir

sympathisch, aber da es leider auch dort weniger die stillen, auf

seelischen Genuß gestimmten Seelen sein werden, die sich zusammen

finden, sondern die jeder neuen Sensation auf dem Fuße folgenden großen

Geldbeutel, so möchte ich um Alles in der Welt nicht unter ihnen

sitzen."

Mit vollen Zügen, mit einer fast ungebrochenen jugendlichen Kraft genoß

Jenny Gustedt das geistige Leben, das wieder in breiten Fluten zu ihr

hereinströmte. "Ich empfinde mit täglichem Dankgefühl," schrieb sie

ihrer Tochter, "wie wertvoll der Mensch dem Menschen ist, sofern wir uns

entschließen, die Präliminarien des Konventionellen rasch zu erledigen,

und uns dann geben, wie wir sind, d. h. mit dem Besten, was in uns ist.

Eure Art, das Innerste zu verschweigen, also im Konventionellen stecken

zu bleiben, so daß der Verkehr mit Menschen schließlich zum

überflüssigsten Zeitvertreib wird, ist nur eine Folge Eures Mangels an

echter menschlich-christlicher Gesinnung: Ihr fürchtet jede

Meinungsverschiedenheit, weil Ihr andere Ansichten in Eurer egoistischen

Rechthaberei gar nicht mehr vertragen könnt. Das ist nicht nur ein Nagel

zum Sarg der Geselligkeit, sondern auch zum Sarg der Freundschaft, der

Ehe, ja selbst der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Bereichert

wird unser Leben, erweitert unser Gesichtskreis nur durch andere

Ansichten als die unseren, und nur durch ihren Austausch können wir

fördernd und anregend aufeinander wirken. Übrigens gilt dasselbe auch

vom Lesen: Nichts törichter, als nur lesen zu wollen, was in unseren

engen geistigen Horizont, in unsere Seelenstimmung, in unsere

Glaubensauffassung hineinpaßt, und zu sagen: Das und das kann man

nicht lesen. Man kann es nicht nur, man soll es sogar. Wie ein gesunder

Körper sich Wind und Wetter aussetzt und davon nur gekräftigt wird, so

muß ein gesunder, reifer Geist sich allen geistigen Luftströmungen

aussetzen, um immer gesunder zu werden ..."

Die Bücherliste der Weimarer Zeit ist erstaunlich reichhaltig und

umfangreich, und Auszüge aus dem Gelesenen füllen einige Bände.

Memoiren, Korrespondenzen und Biographien aus der Zeit Goethes und

Napoleons, Friedrichs des Großen philosophische und historische Werke

und seine Korrespondenz mit Voltaire, Chateaubriands zwölfbändiges

Memoirenwerk nehmen auch in bezug auf die Auszüge einen breiten Raum

ein. Kants Metaphysik der Sitten, Schopenhauers Ethik, Nietzsches

Geburt der Tragödie, Strauß' Leben Jesu und sein Voltaire wurden

studiert; kleinere historische und kulturhistorische Schriften,

Reisebeschreibungen und hier und da auch ein Roman finden sich daneben

verzeichnet. In ihren Briefen erwähnte sie meist, was sie gerade

beschäftigte; da ich damals noch ein Kind war, blieben ihre Äußerungen

mir gegenüber meinem Alter angepaßt. An die elfjährige Enkelin schrieb

sie: "... Ich wünschte Dir, mein Kind, die Weimarer Luft, die Deiner

Entwicklung notwendiger wäre, als die Offiziersinteressen-Atmosphäre,

in der Du lebst ... Wie oft finde ich im Laufe meiner Lektüre Vieles,

was ich Dir jetzt vorlesen und über das ich mit Dir sprechen könnte.

Ganze Abschnitte aus Goethes Faust, aus Wahrheit und Dichtung, viele

seiner herrlichen Briefe an seine Freunde würden Dich besser vorwärts

bringen als Deine stupende Geschichtstabellenweisheit, die mir als

Gedächtnisleistung zwar sehr imponiert, aber sonst doch gar keinen Zweck

hat, als etwa den Eitelkeitszweck, damit zu prunken. Aber Bildung

bedeutet nicht eine möglichst große Ansammlung von Wissensstoff, sondern

ein persönliches Gewordensein ... Über all das wollen wir miteinander

reden, wenn ich Dich bei mir habe, mein Herzenskind."

Bald darauf, im Frühling 1877, kam ich zum ersten Male zu Großmama nach

Weimar. Während einer langen, schweren Krankheit, die ich im Jahre

vorher durchgemacht hatte, war ich aus den Kinderschuhen

herausgewachsen, und noch sehe ich mich im Spiegel von Großmamas grünem

Salon vor ihr stehen: einen hoch aufgeschlossenen Backfisch, blaß und

schmal, die blonden Haare straff aus der so schrecklich hohen Stirn

gekämmt, und daneben die schöne alte Frau mit dem feinen Gesicht und den

graziösen Bewegungen, die mich gerührt in die Arme schloß. Ich weiß

nicht, warum ich herzbrechend weinen mußte, vielleicht wußte sie es

besser als ich; ihre ersten Worte waren: "Mein armes Kind", und sanft

und vorsichtig behandelte sie mich wie eine Kranke.

Wer keine Großmutter hat, der weiß nichts vom schönsten Märchenwinkel

des Kindheitsparadieses, der ist um das kostbarste Erbe der

Vergangenheit betrogen worden. Und wer von den armen Kindern der

Gegenwart besitzt sie noch, auch wenn sie nicht gestorben ist? Jene

gütige, verstehende, auf der Höhe der Lebenserfahrung milde gewordene

Frau, die nicht nur unsere Schmerzen besser mitempfindet als die Mutter,

die auch die Ruhe des Alters besitzt, die notwendig ist, um sie zu

heilen? Die für sich selbst nichts mehr will und darum Zeit hat für uns;

der wir alles sagen dürfen, weil sie alles versteht.

Die Stadt der Epigonen, von der Dingelstedt sagte: "Sie mahnt mich

selber wie ein Sarkophag", wurde mir zu einer Stadt geistiger

Auferstehung. Meiner Großmutter Erzählungen, das Zusammensein mit ihren

Freunden, die mir durch die Gloriole der Vergangenheit, die sie umgab,

wie Wesen aus einer anderen Welt erschienen, belebten die Straßen, die

Häuser, die Alleen und die stillen Waldwege mit den Gestalten Goethes

und Schillers. Hier durfte ich, ohne daß das Lachen der anderen meinen

Mund versiegelte, von all meinen phantastisch-törichten Kinderträumen

reden, hier konnte ich meiner Begeisterung für Menschen und Werke den

überschwenglichsten Ausdruck geben, ohne daß ich zu fürchten brauchte,

für "dumm" oder "albern" gehalten zu werden. Großmama verstand mich,

denn nur altkluge Kühle hätte sie nicht begriffen. Täglich wanderte ich

mit ihr, die bis in ihr spätestes Alter eine rüstige Fußgängerin war,

morgens durch den Park und nachmittags nach Tiefurt oder nach Belvedere.

Nie versiegte unser Gespräch, nie ermüdete sie, meine Fragen zu

beantworten. Abends und bei schlechtem Wetter lasen wir zusammen die

"Iphigenie" aus dem alten blauen Buch, den Osterspaziergang aus dem

Faust und manches, was Großmama selber in ihrer Jugend geschrieben

hatte. Ihre Verwandten und ihre Freunde besuchte ich mit ihr, und

seltsam muteten die Räume, die ich betrat, das heimatlose, von Ort zu

Ort verschlagene Soldatenkind an: Großeltern, Eltern, Kinder hatten

nacheinander darinnen gehaust, an den Bildern, den Möbeln, den tausend

Kleinigkeiten der Umgebung haftete der Duft der Tradition; sie waren wie

ein Kleid, das sich, je älter es wird, desto genauer und

selbstverständlicher um den schmiegt, der es trägt, und das die

Ausstrahlung seines Wesens aufnimmt. Jene Harmonie, die denen verloren

gehen muß, die auch die Wohnung und ihre Einrichtung dem Wechsel der

Mode unterwerfen, umfing mich ebenso wohltätig wie der große Kreis der

Familie, für die ich, als Großmamas Enkelin, von Anfang an keine Fremde

war. Meiner Großmutter starker Familiensinn, der durch ein erstaunliches

Gedächtnis für die verwickeltsten verwandtschaftlichen Beziehungen

unterstützt wurde, war sehr oft ein Gegenstand des Amüsements für ihre

Kinder; ich habe ihn immer nur als die Grundlage einer großen

Lebenswohltat empfunden: der Gedanke, nirgends verlassen und vereinsamt

zu sein, gibt eine gewisse innere Sicherheit, die freilich meist der

erst schätzen lernte, der sie verlor. Doch was sind alle diese Eindrücke

und Empfindungen gegenüber der Erinnerung an jenes eine Ereignis meiner

Kindheit, dessen tief erschütterndes Erleben bestimmend für mich werden

sollte: mein erster Besuch in Goethes Haus.

Zwischen jener Zeit, wo Jenny Pappenheims zierliche Mädchenfüße täglich

die breite, klassische Treppe emporgestiegen waren, und der Gegenwart

lag ein Menschenleben. Als sie heimkehrte nach Weimar, eine alte Frau,

hatte Ottilie Goethe die Augen geschlossen, Ulrike, ihre Schwester, war

ihr gefolgt, und einsam und menschenscheu, um ihr Lebensanrecht an Glück

betrogen, niedergebeugt unter der Last der weithin leuchtenden Krone,

die Goethes Name bedeutete, lebten Walter und Wolf in den stillen

Dachstuben des großen Hauses am Frauenplan. Die alte Freundin ihrer

Jugend war immer mit ihnen in Verbindung geblieben und hatte von Jahr zu

Jahr gehofft und gewartet, daß sie sich doch noch einen selbständigen

Platz in der Welt erobern würden. Vergebens! Walters musikalisches

Talent, das vielleicht ausgereicht hätte, einem Menschen mit unbekanntem

Namen eine Durchschnittsstellung ohne Prätensionen von Berühmtheit zu

schaffen, war wie eine Pflanze, die, wenn man sie künstlich treiben

will, vor der Entfaltung verdorrt. "Er versuchte den Kampf mit dem Leben

nicht mehr, er ergab sich darein," schrieb meine Großmutter von ihm. "Er

nahm es mit tiefem, aber verborgenem Schmerze auf, als seine

Compositionen nicht beachtet wurden. Er dachte unendlich gering von sich

selbst. Mit rührender Treue hing er an seiner Mutter, opferte ihr Geld,

Zeit, Gesundheit, Lebensfreude. Pietät war der Cultus seines Lebens,

doch auch hier in schroffen Gegensätzen zur Welt. Nicht mittheilend,

unter vielem Kleinlichen auch die großartigen Kundgebungen der deutschen

Nation abweisend, waren er und sein Bruder mißverstehend und

mißverstanden. Mit allen Opfern persönlichen Behagens erstrebten sie das

pietätvollste Erhalten des Überkommenen, aber ihre größte und verborgene

Pietät bestand darin, Weimar, welches durch Goethe groß geworden und aus

dem seine Größe herausgewachsen war, durch keine selbstische

Vertheidigung, durch keine Anklage, Enthüllung, Preisgeben von

Controversen, literarischen Klatsch in Wort und That zu schädigen."

Weit schwerer ertrug Wolf die Tragik seines Lebens, die ihn -- den Enkel

-- zum Schattendasein verdammte, denn die Kraft, die in ihm zerstört

wurde, war eine bedeutend größere als die des Bruders, ihr Kampf gegen

die Unerbittlichkeit des Schicksals daher länger und schmerzhafter. Mit

neunzehn Jahren schrieb er eine romantisch-philosophische Tragödie, die

den Kampf des Menschen gegen die Natur und den Zwiespalt zwischen

heidnisch-naturreligiöser und kirchlich-christlicher Anschauung zum

Gegenstand hatte und eine nicht gewöhnliche Begabung verriet. Meine

Großmutter, die Wolf von klein an in ihr Herz geschlossen hatte und ihn

auch als den geistigen Erben Goethes ansah, schrieb von ihm:

"Niemand staunte, Niemand begriff, was in einem Menschen liegen mußte,

der mit neunzehn Jahren 'Erlinde' schrieb. Humboldt und Varnhagen

schienen es zu begreifen, ihr Lob war aber nicht mächtig und nicht

nachhaltig genug, und so kam es, daß sein Werk, wie sein ganzes Leben,

durch Enttäuschung, Überreizung und Stolz vereinzelt verloren ging." Er

vergrub sich später in archivalische Studien, wurde zeitweise

Legationssekretär bei einer Gesandtschaft, aber seine zunehmenden

schweren neuralgischen Leiden hinderten ihn an allem und verbitterten

ihm immer dann das Leben, wenn es eine glücklichere Wendung zu nehmen

schien. "Er litt unter seinem Zustand wie unter einem Fluch, er litt

ebenso unter dem Fluch eines Namens, den er nicht überbieten konnte ...

Seine Vernunft paßte nicht zur Welt und die Vernunft der Welt nicht zu

ihm. Das empfand er und hüllte sich stolz und stumm in sein einsames

geistiges Leben, durchschritt ernst, forschend, lernend und denkend ein

langes Lebensdasein.

"Er hat sich einmal um ein Amt in Weimar beworben, es hätte ihn zu einer

ersehnten glücklichen Häuslichkeit geführt. Der Minister von Watzdorf

stemmte sich dagegen; später allerdings wurden ihm sehr wohlwollende

Anerbietungen gemacht, aber sein Leben war abgelaufen.

"Im Jahrhundert der Geldgier und des Ehrgeizes verachtete Wolf Geld und

äußere Ehre; für nichts und niemand war ihm seine Würde feil. Seine

großen, tiefen Gedanken blieben verschlossen in seiner Seele, sein

leidenschaftliches Herz wurde stumm.

"Es fand ein Mann am Meer eine Muschel, und weil sie keine Auster war,

schleuderte er sie zurück in die wogende See, nicht ahnend, daß sie die

köstlichste Perle enthielt. Der Mann war Deutschland, die geschlossene

Muschel Wolfs liebe, edle, große Seele ..."

Mit jener unglückseligen Eigenschaft der Nachgeborenen begabt, die jeden

Luftzug des Mißverstehens wie ein Ungewitter, jeden leisen Nadelstich

der Lieblosigkeit wie ein Ans-Kreuz-Schlagen empfinden läßt, zogen sich

die beiden Brüder immer mehr von der Außenwelt zurück -- "zwei in

Nachtvögel verzauberte Prinzen, die einen vergrabenen Schatz bewachen".

In dem fatalistischen Glauben an den notwendigen Untergang ihres

Geschlechts, hatten die Brüder auch die Liebe zum Weibe in sich

unterdrückt -- niemand sollte von neuem geboren werden, um den Namen

Goethe fortzusetzen. Schon in den vierziger Jahren, nach dem Tode der

reizenden Alma, des letzten Sonnenstrahls der Familie, hatte Walter

Goethe an den Sekretär Schuchardt geschrieben: "Wenn Sie so in den

Sammlungsräumen oder dem Arbeitszimmer des Großvaters Staub und böse

Geister bannen, so gereut es Sie vielleicht doch nicht, daß Sie treu an

uns festhalten, den Überbliebenen aus Tantalus' Haus. Aber glauben Sie

mir: das Reich der Eumeniden geht zu Ende ...!" Und seitdem war eine

neue Welt neben ihnen emporgeblüht, aber sie sahen sie nicht, wollten

sie nicht sehen, und empfanden es doch peinigend, daß sie selbst von ihr

auch übersehen wurden.

Zu den wenigen Freunden, denen ihr Heim und ihr Herz immer offen

geblieben war, gehörte Jenny Gustedt. "Du bist ein Vermächtniß, eine

Erinnerung und ein Gegenwartstrost," schrieb ihr Walter, "Du, die Du

verstanden hast, in dieser Welt weiter zu leben." Und von Wolf erhielt

sie kurz vor ihrer Ankunft in Weimar diese Zeilen: "Seit der Mutter Tod

lebe ich nicht mehr. Ich passe auch zu nichts anderem, als allein zu

sein. Dich aber will ich wie ein Stück meiner selbst und wie das

Allerbeste begrüßen." Von nun an war sie wieder einer der häufigsten

Gäste in den Dachstuben. "Ich möchte Lebenswärme hineintragen, da es

keine Gottesliebe sein kann," sagte sie. Daß ich sie begleiten durfte,

war eine große Vergünstigung, die ich wie ein Geschenk aus einer höheren

Welt empfing. Mit angehaltenem Atem und pochenden Schläfen stieg ich mit

ihr die Treppe empor. Es schien mir wie Frevel, diese Stufen, die Goethe

gegangen war, mit denselben Schuhen zu betreten, an denen der Staub der

Straße haftete. Eine uralte Frau öffnete uns. Ich zitterte wie vor einer

Erscheinung: auch sie, die alte Dienerin, hatte Goethe noch gekannt! An

der Schwelle blieb ich wie verzaubert stehen: Goethe selbst mit lebendig

leuchtendem Blick sah mir entgegen. Es war das Stielersche Bild, das an

der Wand gegenüber hing. Und ich übersah angesichts dieser Gestalt den

unscheinbaren kleinen Mann, der uns entgegengekommen war: Walter

Goethe. Als dann aber die Türe aufging und sein Bruder eintrat und

plötzlich ein paar große, ernste, forschende Augen auf mich richtete,

kam ich zu mir. Während Großmama und Walter plauderten, stand Wolf auf

und ging mit mir herunter. Kein gläubiger Katholik kann die Kapelle der

wundertätigen Madonna mit inbrünstigeren Gefühlen betreten, als ich die

Zimmer Goethes. Wie ein Sturm brauste es mir dabei in den Ohren, so daß

ich nicht hörte, was mein Begleiter sprach. Im Arbeitszimmer des

Dichters ließ er mich allein. Wie lange ich dort in Andacht versunken

blieb, weiß ich nicht. Der kleine Garten lag im Sonnenlicht unter mir,

nichts regte sich; nur durch meinen Kopf und mein Herz spukten Träume

und Phantasien. Großmamas Stimme riß mich aus meiner Versunkenheit. Wir

gingen still nach Hause, während über die dunklen Bäume des Parks

rosenrote Abendwölkchen zogen. Zurück in die große Vergangenheit

schweiften die Gedanken der alten Frau, vorwärts in die unbekannte,

geheimnisvolle Zukunft wanderten die des Kindes neben ihr.

Fast drei Monate war ich bei Großmama geblieben, schweren Herzens

trennte ich mich von ihr, denn selbst der Briefwechsel, der von nun an

ein immer regerer wurde, war nur ein schwacher Ersatz für den täglichen

Umgang, für den ständigen Einfluß dieser in ihrer Güte, ihrer

Anteilnahme, ihrer freundlichen Stimmung sich stets gleichbleibenden

Frau. Nie hörte ich ein ungeduldiges Wort von ihr, nie kam das ein

weiches Kindergemüt so oft verbitternde "das verstehst du nicht" über

ihre Lippen, niemals verfiel sie in den Ton des Moralpredigers oder

suchte mir ihre religiösen Ansichten aufzudrängen; aber gerade weil sie

keine Autorität über mich zu gewinnen suchte, wurde sie mir zur höchsten

Autorität. --

Dasselbe Jahr führte uns noch einmal zusammen. Ihren jüngsten Sohn, den

schließlich die Verhältnisse genötigt hatten, sich von der Garde fort

nach dem fernen Osten versetzen zu lassen, hatte das Leben in die

Schule genommen und ihn gelehrt, was er von der Mutter nicht hatte

lernen wollen; sein Leben war, zu ihrer Beruhigung, in ein anderes

Fahrwasser geraten, und als er ihr seine Verlobung mitteilte, die die

Umwandlung des Offiziers in einen seßhaften Gutsbesitzer in Aussicht

stellte, freute sie sich dessen um so mehr, als all ihre Hoffnungen und

Träume, die sie einst an die Tätigkeit ihres Gatten als Gutsherrn

geknüpft hatte, nun mit alter Lebendigkeit wieder erwachten. Im Herbst

des Jahres 1877 vereinigte sich die ganze Familie in Ostpreußen zur

Hochzeit, und meine Großmutter benutzte die Gelegenheit, um Verwandte,

die sie seit ihrem Abschied von Rosenberg nicht gesehen hatte, wieder

aufzusuchen. Von der Besitzung ihrer Schwägerin, der Gräfin Kleist, aus

schrieb sie nach Weimar: "Wir bleiben noch diesen Monat hier, dann kehre

ich heim, und es wird mir sehr gut tun, wenn ich wieder in meiner grünen

Stube und bei meinen alten Freunden bin, obwohl es mir in meinem lieben

Preußen recht gut gefällt ... Körperlich ist mir nicht ganz wohl, und

das mahnt an die Weisheit bei alten Leuten, nicht zu reisen. Zwar sind

es nur kleine Unbehagen, die nicht stören, wenn man nicht immer die

Sorge wie eine beharrliche Herbstfliege verscheuchen müßte, außerhalb

seines zu Hause krank zu werden ... Ich habe 14 Tage in Lablacken

zugebracht und ein schönes Gut, eine liebe Schwiegertochter und einen

Sohn, der zufrieden ist, gefunden. Wenn ich Dir Alles erzählen wollte,

würde ich viele Seiten des dünnsten Papiers beschreiben müssen, so muß

ich für unsere Winterabende Alles aufbewahren, um so mehr, als Alles so

ganz anders ist, als was Du kennst, daß wirklich nur mündlich und mit

den Ausdrücken von Auge, Stimme und zeichnendem Finger eine Schilderung

möglich ist ..." In einem anderen Briefe heißt es: "Nun muß ich Dir noch

sagen, daß sich meine untergegangene Freudefähigkeit aus ihrem

Scheintode rührt durch das Glück meines geliebten Sohnes ... Aber noch

mehr durch seine zunehmende Ähnlichkeit mit seinem Vater, durch seinen

Ernst und seine Männlichkeit. Hier darf ich auf einen Ruhepunkt für

meine Gedanken und meine Muttergefühle hoffen, der um so notwendiger

ist, als es sonst der Sorgen gar zu viele giebt."

Ihr armes Sorgenkind Otto hatte, körperlich zum Militärdienst nicht mehr

fähig, den Abschied nehmen müssen, und sein Leben spielte sich zwischen

Plänen zu neuer Tätigkeit und steten Enttäuschungen, wenn es an ihre

Ausführung gehen sollte, ab. Dazu kam die zunehmende Schwierigkeit

seiner ökonomischen Lage, aus der die Mutter ihn immer wieder zu

befreien suchte. Aber auch dort, wo ihre Sorgen bisher die wenigste

Nahrung fanden, bei ihrer Tochter, war vieles anders geworden. Zwar war

die militärische Karriere meines Vaters eine ungewöhnlich gute, und die

Zukunft schien in der Richtung gesichert, aber mit jeder höheren

Stellung wuchsen die Ansprüche an sie und die Verpflichtungen, die sie

auferlegte, ohne daß ihr Einkommen in gleichem Verhältnis zunahm. Es

entstand jenes Mißverhältnis, dessen ganze nervenaufreibende Qual nur

der ermessen kann, der es selbst erlebte, zwischen einem glänzenden

Leben nach außen mit ausgedehnter Geselligkeit, schönen Toiletten und

einem großen Haushalt und der ängstlichen Sparsamkeit nach innen, die

meiner Mutter früh jeden Frohsinn nahm und das Familienleben mit jener

Gewitterschwüle erfüllte, die sich schwer auf die Brust eines jeden

legte und den freien Atem beengte. Wer anders war es, als wieder die

Großmutter, die helfend einsprang, sei es durch materielle Opfer, sei es

dadurch, daß sie Tochter und Enkelin monatelang zur Kräftigung ihrer

zarten Gesundheit und zur Erleichterung des Lebens mit sich nahm, wenn

sie nach Karlsbad, nach der Schweiz oder nach Tirol reiste. "Alle

irdischen Hoffnungen, die noch so sicher erschienen, erwiesen sich in

meinem Leben als auf Sand gebaut," schrieb Jenny Gustedt im Hinblick auf

das Schicksal ihrer Kinder; "es ist das der Weg, den Gott mit uns geht,

um uns zu der Erkenntniß zu führen, daß Alles eitel ist und nur Eins not

thut. Ich würde auch für mich selbst nicht klagen, denn ich verstehe

den Lehrmeister und habe immer mehr irdischen Ballast über Bord

geworfen. Aber meine Kinder verstehen ihn ganz und gar nicht. Ihnen wird

irdisches Unglück nicht zur Stufenleiter geistigen Wachstums; sie

vermögen ihm nicht ruhig ins Gesicht zu sehen, es willkommen zu heißen

mit der Frage: wohin führst Du mich? Ich bin bereit! Und was mich für

sie doppelt sorgenvoll in die Zukunft sehen läßt, das ist die Tatsache,

daß sie ja vom eigentlichen Unglück, von wirklichen Nahrungssorgen, von

leiblicher oder seelischer Gefährdung der Kinder noch gar nichts wissen;

wie würden sie das ertragen, da sie schon jetzt sich als zu schwach

erweisen ... Ich frage mich oft, was ihnen besser ist, wenn ich in ihrer

Nähe oder wenn ich fern von ihnen bin, aber da ich, so schmerzlich auch

diese Erkenntniß ist, mit meinem Rat und Beispiel gar nichts und nur mit

materieller Unterstützung helfen kann, so ist es besser, ich bleibe in

Weimar und erhalte mich in der dortigen, mir so wohltuenden Atmosphäre

ihnen so lange wie möglich."

Die Entfernung allein war auch imstande, ihre Gedanken und Empfindungen

abzulenken und ihr noch ein persönlich reiches Leben zu sichern, wie

Weimar es ihr bieten konnte. Bald nach ihrer Rückkehr aus Ostpreußen

schrieb sie mir von dort: "Warm und freundlich haben meine stillen

Stuben mich wieder aufgenommen. Mein guter Schwager, der liebe

Großherzog, Walter Goethe und alle anderen Freunde und Freundinnen kamen

mir entgegen, als hätten sie mich alle sehr vermißt, und es gab ein

Fragen, ein Erzählen ohne Ende. Viele schöne Blumen haben mein Zimmer in

einen Garten verwandelt, eine Reihe schöner Bücher lassen mich schon die

Abendfeierstunden ahnen, bei denen Du, mein Lilychen, mir recht fehlen

wirst. Ich wünschte, Du wärst wieder unter meinem Dach, wo es Dir so gut

gefällt und Dein leider sonst so verschlossenes Herzchen Dir wieder

aufgehen würde. Jedenfalls sollst Du wissen, daß Du mir immer alles

sagen kannst, ohne ein Mißverstehen zu fürchten. Deine alte Großmama

war auch einmal jung und war wie Du ..." Nachdem ich es mit Großmamas

Hilfe erreicht hatte, daß meine Briefe nicht mehr als Stil- und

Schönschreibübungen betrachtet wurden, die vor der Absendung die Kritik

beider Eltern zu bestehen hatten, schrieb ich ihr oft, und jede Antwort

von ihr war ein Fest, das mich nach dem lieben Weimar zurückzauberte.

"Du würdest Dich wie ein Fischlein im Bache wohl fühlen," schrieb sie

mir im Sommer 1878, "wenn Du all die Herrlichkeit mit erleben könntest,

von der jetzt ganz Weimar voll ist. Im Juni war hier die Erstaufführung

von Wagners 'Rheingold'. Es wimmelte von Musikbeflissenen -- echten und

unechten -- aus aller Herren Länder, und jeder dritte Mensch, dem man

begegnete, war eine Berühmtheit oder eine, die es werden wollte. Da

hätte doch mein Lilychen hineingepaßt?! Ich habe den Strom an mir

vorüberfluten lassen, habe ganz im Stillen manches Schöne gehört, habe

unter anderem auch die Wagnersche Nibelungendichtung gelesen, die aber

dem Original nicht gerecht wird. Die germanischen Göttersagen haben mir

sowohl vom aesthetischen wie vom sittlichen Gesichtspunkt immer viel

höher gestanden als die griechischen; sie sind ein unerschöpflicher

Quell für die epische und die dramatische Dichtung, der aber in seiner

lebendigen Urkraft nur in den Dramen Hebbels zu spüren ist. Hebbel als

Dichter -- Wagner als Komponist -- das wäre vielleicht die richtige

Mischung gewesen, da einen Goethe und einen Wagner zusammen zu wünschen,

eine Vermessenheit wäre ... Was mir einen sehr fatalen Eindruck machte,

ist das genialische Geberden, das sich die Kunstjünger beiderlei

Geschlechts jetzt angewöhnt zu haben scheinen: wehende Locken und

vernachlässigte Toilette. Es erinnert mich an ein Wort Goethes, das er

einmal angesichts ähnlicher Erscheinungen sagte: Je mehr einer was

scheinen will, desto weniger ist er was ... Eben haben wir das

Jubiläumsfest des lieben Großherzogs überstanden. Es war ein gräßlicher

Trubel, mein armer Fritz aufs äußerste angestrengt. Den ganzen Tag

waren Husaren, Lakaien, Hofequipagen unterwegs. Wie Cyrus seinem

Großvater vor dessen üppiger Tafel sagte: Wie viel Umstände, um satt zu

werden, so sage ich: Wie viel Umstände, um zu leben. Eine Episode der

Feste war wunderschön: das Morgenkonzert im Park unter dem goldenen

flutenden Glanz der Sommersonne mit der schönen Greisengestalt Franz

Liszts am Dirigentenpult ..."

Ein altes Bild von Goethes Lili hatte Großmama dem Großherzog als

Jubiläumsgeschenk gegeben und mit folgenden Versen begleitet:

Anmutig im Vergangenen sich ergehen,

Das Schöne schöner noch zu sehen,

Die Schatten doppelt zu verdecken,

Viele Liebe geben und viele Liebe wecken:

Das ist des Tages festliches Beginnen,

Das Ziel von unserm Wünschen, unserm Sinnen.

Ein Frauenbild, das lieblichste von Allen,

Das irdisch längst der Zeit verfallen,

Bring ich Dir heut; es mahne Dich der Zeiten,

Die, ob auch tot, uns noch lebendig leiten.

So möge nie im Herzen uns veralten,

Was liebt und lebt in ewigen Gestalten.

Und wenn wir heut uns in Gedanken einen,

Wird über uns ein ander Bild erscheinen,

Im Glorienglanze steigt es vor uns auf.

Ich nenn' es nicht -- ich zeige nur hinauf!

Was groß und gut Dir heute kommt entgegen --

Das Beste dankst Du Deiner Mutter Segen.

Der Großherzog antwortete darauf:

"Zierlich denken und süß erinnern,

Ist das Leben im tiefsten Innern!"

"Nie hab ich die Wahrheit dieses Wortes von Lilis unsterblichem Freunde

tiefer empfunden als heute, als in diesem Augenblick, wo die innigst

verehrte Freundin mir jenes Bildniß durch meine Tochter übermitteln

läßt und die Gabe durch ein Gedicht begleitet, das mich unentschieden

läßt, was sinniger zu bezeichnen ist, Bild oder Gedicht. Indessen stammt

beides noch von einem Sinn und von demselben Herzen, das so glücklich zu

geben weiß, weil es so richtig empfindet und in der "Mutter Segen" den

Schlußstein für so bedeutungsreiche Erinnerungen, so viel bedeutende

Wünsche findet. Glauben Sie meinem Dank, weil er nicht die Worte zu

finden weiß, und Sie vor allem dem Herzen glauben,

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 57 / 80 题