Im stillen Winkel

Eine Neigung, die für die Gestaltung ihrer Zukunft bestimmend werden

sollte, hatten Jenny und Werner von Gustedt gemeinsam: die für ein Leben

auf dem Lande in stiller Arbeit und Zurückgezogenheit. Jenny hatte das

Leben der großen Welt genug genossen, seine Reize waren für sie

erschöpft, und nicht nach Vergnügen und Zerstreuung, sondern nach

Tätigkeit und Sammlung trug sie Verlangen. Bei Werner wieder machte sich

die Familiengewohnheit der Jahrhunderte geltend, und beide stimmten in

der Ansicht überein, die Jenny aussprach, indem sie schrieb: "Nichts,

auch kein Königthum ist mir vergleichbar mit dem ausfüllbaren,

übersehbaren Wirken eines großen, reichen Gutsbesitzers. Der Beruf, zu

ordnen, zu beglücken, zu verschönern, zu verbessern, der Land und Leute,

Natur und Geist umfaßt, erscheint mir so gut und so groß wie kein

anderer."

Und so hatte sich Werner Gustedt entschlossen, dem Gedanken an den

Staatsdienst zu entsagen. In Westpreußen, in schöner wald- und

seenreicher Gegend, zwischen Deutsch-Eylau und Marienwerder, kaufte er

das Rittergut Garden, und hierher, in tiefe Einsamkeit, fern allem

gewohnten Verkehr mit den geistesverwandten Freunden, führte er die

junge Frau, das einstige gefeierte Weimarer Hoffräulein. Nun erst

forderte das Leben den Beweis für das, was sie geworden war. Ihr ganzes

Wesen hatte schon längst so sehr nach Betätigung verlangt, daß selbst

eine so schwere Aufgabe, wie die ihr gestellte, ihr nur willkommen sein

konnte.

Die Erfüllung der praktischen Pflichten einer Gutsfrau ist für die an

den städtischen Haushalt gewöhnten niemals leicht; um wie viel

schwieriger mußte sie vor siebzig Jahren im äußersten Osten

Deutschlands, inmitten einer halbpolnischen Bevölkerung, ohne städtische

Nachbarschaft, ohne Eisenbahn, ja selbst ohne Chausseen, sich gestalten,

noch dazu für eine junge, nur an das Hofleben gewöhnte Frau. "Wie oft

muß ich in meinem Haushalt von 30 Personen," schrieb Jenny an Frau

Wilhelmine Froriep, der Schwägerin ihrer lieben Emma, mit der sie ihre

praktischen Erfahrungen eingehend auszutauschen pflegte, "meine

hofdämische Unwissenheit büßen." Und doch beschränkte sie sich nicht

allein auf den Kreis der gegebenen häuslichen Pflichten. Leid und Armut

waren ihr auch in Weimar begegnet, und sie hatte nach besten Kräften zu

helfen gesucht, aber was sie dort suchen mußte, das trat ihr hier auf

Schritt und Tritt entgegen, was dort ihr mitleidiges Herz bewegte, dafür

fühlte sie sich hier verantwortlich, wo es sich um die Bevölkerung des

eigenen Gutes handelte.

Es war im großen ganzen ein verwahrlostes, dem Trunk ergebenes, in

Unreinlichkeit und Unordnung dahinvegetierendes Volk. Kranken- und

Armenhäuser gab es meilenweit in der Runde nicht, die Schule war

schlecht, um das körperliche und geistige Wohl der Kinder kümmerte sich

niemand. Jenny empfand diese Mängel auf das schmerzlichste. "Für die

Kollekte der hiesigen Provinz für Spitäler in Jerusalem," schrieb sie

einmal, "während wir fast in keinem Kreise eines haben, gebe ich

keinen Pfennig;" und ein andermal: "Was uns verdrießt, ist die alberne

Errichtung eines Denkmals für den verewigten König, -- eine so

kostspielige Schmeichelei in einem Lande, wo es fast gänzlich an

Kranken-, Waisen-, Armenhäusern, an Chausseen und Kanälen fehlt." So

viel in ihren Kräften stand, suchte sie die Unterlassungssünden von

Staat und Gemeinde auf dem Gebiete, das ihr unterstellt war,

gutzumachen. Was sie leistete, war weniger Wohltätigkeit im damals

üblichen Sinn, als soziale Hilfsarbeit, wie wir sie heute verstehen. Wo

sie Armut fand, suchte sie ihr durch Überweisung von Arbeit abzuhelfen;

sie setzte es bei ihrem Manne durch, daß eine Dreschmaschine, durch die

einige dreißig Familien im Winter brotlos geworden wären, erst

angeschafft wurde, als eine andere Erwerbsarbeit ihnen gesichert war; wo

ihr Trunksucht begegnete -- und das geschah in jenem fernen Winkel

Preußens noch häufiger als anderswo -- bekämpfte sie sie zunächst durch

Verabreichung von gesunder und kräftiger Nahrung; wo Alter und Krankheit

zur Arbeit unfähig machten, da suchte sie neben allzeit bereiter

persönlicher Hilfe die Gemeinde und den Kreis zur Erfüllung

selbstverständlicher Menschenpflichten heranzuziehen. Sie stieß bei

ihrer Arbeit auf viel Übelwollen, viel Mißverstehen: Von der einen Seite

sagte man ihr achselzuckend: "Armut hat es immer gegeben, und die Leute,

deren Elend Sie als etwas so entsetzliches empfinden, sind daran

gewöhnt." Was half es, wenn sie empört ausrief: "Mag sein, daß dem

Menschen der Jammer zur Gewohnheit wird, aber nie, nie gewöhnt sich eine

Mutter an die Not ihres Kindes," und von der anderen Seite ihre Hilfe

nur zu oft als unbequeme Bevormundung empfunden und dem Säugling schon

der schnapsgetränkte Lutschbeutel in den Mund geschoben wurde. Zu lange

schon, das fühlte sie bald, hatte das Elend, der schlimmste aller

Erzieher, unter dessen Peitschenhieben der Mensch sich nur zum Sklaven

entwickeln kann, auf den armen Knechten und Mägden, den fast noch

leibeigenen Instleuten gelastet, als daß sie selbst noch hätten

wandlungsfähig sein können. "Zu so großem Zweck reicht ein Menschenleben

nicht aus," schrieb sie; "wollen wir von der Zukunft irgend eine

Besserung erwarten, so müssen wir nicht bei den Erwachsenen anfangen,

die wir nur vor Noth zu bewahren vermögen, sondern bei den unschuldigen

Kindern."

Ihre Natur, die sich mit dem einen Wort "Mütterlichkeit" am besten

charakterisieren ließ, hatte sie stets, schon als ganz junges Mädchen,

zu den Kindern gezogen. Alles Leid, das ihr begegnete, empfand sie bis

zum körperlichen Schmerz, das der Unschuldigsten -- der Kinder --

verursachte ihr die größten Qualen. Nicht nur, weil es die Wehrlosen

traf, sondern auch weil es immer aufs neue ihren schwer errungenen

Glauben zu erschüttern drohte. Zu der Überzeugung vom Vorhandensein

eines allgütigen Schöpfers, eines Gottes der Liebe, eines himmlischen

Vaters nach Christi Lehre, stand das Elend in der Welt und das Unglück

des Lebens in einem furchtbaren Widerspruch, den sie nur dadurch glaubte

lösen zu können, daß sie es als Strafen für begangene Sünden auffaßte,

und zwar für Begehungs- und für Unterlassungssünden der Besitzenden wie

der Besitzlosen. Würden alle Besitzenden ihre Menschen- und

Christenpflicht erfüllen, würden alle Armen echte Christen sein, so gäbe

es bald -- davon war sie damals noch überzeugt -- weder Not noch Elend.

Um diese Auffassung zu verstehen, muß zuerst Jennys Begriff des

Christentums verstanden werden. "Religion ist That," schrieb sie,

"Christenthum ist That, lauter That, nur That." Der religiöse Glaube

hat, wie sie meinte, nur für den Menschen selbst, den er beglückt,

Bedeutung, für die Allgemeinheit kommt es allein auf das Handeln an. An

einen Freund schrieb sie einmal darüber:

"Glauben ist nicht das gewöhnliche Fürwahrhalten, wie etwa bei einer

geschichtlichen Thatsache, es ist die Hand, die sich Gott

entgegenstreckt. Es ist nicht wie ein Wissen, das der Schulmeister

einpaukt, es ist die Kraft des Schaffens und der Liebe, die durch

christliches Wollen, Wandeln, demüthiges Forschen zu unserer Seele

herangezogen wird, wie Eisen durch den Magnet. Wer glaubt, daß Christus

Gottes Sohn ist, und seinen Diener oder auch nur seinen Hund mißhandelt,

der ist kein Christ! Wenn Sie diese Äußerlichkeiten nicht für wahr

halten können, so lassen Sie doch die Geburt, die Wunder, die

Höllenfahrt, die Auferstehung des Herrn ganz bei Seite, wandeln Sie nur

mit allen Kräften Ihrer Seele nach seinen Geboten, aber so, daß das

tägliche Leben wie eingehüllt ist darin und alle Beziehungen zu Ihren

Nebenmenschen darin wurzeln. Denkt man, der Glaube sei ein Fürwahrhalten

aus genügenden Gründen? Aber die Gründe sind nie genügend. Er sei eine

Zuversicht dessen, was man nicht sieht und doch weiß? Die Prüfung kommt

und die Zuversicht weicht. Glaube ist Leben, nur Leben, lauter Leben."

Das Rechte tun und nicht den Glauben predigen -- das forderte sie als

Beweis für echtes Christentum, und sie war so überzeugt davon, daß die

'Sünde der Leute Verderben' ist, daß sie alles Unglück aus dem

Unrechttun ableiten zu können glaubte; ein langes Leben voll harter

Erfahrungen vermochte zwar ihre Ansicht auf der einen Seite zu

modifizieren, auf der anderen zu erweitern -- im Grunde aber war und

blieb sie der Grund und Boden, in dem ihr geistiges Leben wurzelte.

Ein Brief, den sie von Garden aus an ihre Freundin Emma Froriep schrieb,

ist dafür bezeichnend:

"Mit dem Verweisen auf künftige, ewige Seligkeit lockst Du keinen Hund

hinter dem Ofen des Materialismus hervor. Diese Hoffnung, so wahr und so

tröstlich für den Gläubigen, ist nur ein Reiz zu Spott und Zweifel für

den Ungläubigen. Suche das Weltkind auf seinem Feld zu schlagen, und

zwar mit der beweisbaren, augenscheinlichen Wahrheit, daß die Sünde auch

hier auf Erden der Leute Verderben ist; male in hundert Bildern die

Gegensätze, z. B. die arme Tagelöhnerfamilie, bei der der Vater nach

schwerer Arbeit in seiner reinlichen Hütte sitzt, den Löffel freundlich

mit Frau und Kind in die Mehlsuppe taucht, noch eine Stunde vor der Thür

sein Pfeifchen raucht, mit den Kleinen spielt, betet und sich zur Ruhe

legt; dagegen den Trunkenbold, der flucht, dem Wucherer für Schnaps mehr

als den Tagelohn hingiebt, die Frau schlägt, die Kinder verwünscht, in

Schmutz und Lumpen verkommt. Male den Gutsbesitzer, der Rath, Hülfe,

Trost für jeden seiner Leute hat, und den, der in Erpressung und

Lieblosigkeit alle Arbeitskraft ausnutzt; male den reichen Offizier, der

sein Vermögen verthut, vertrinkt, verspielt und mit einer Kugel durch

den Kopf endet, und den armen Mann, der durch geistige oder körperliche

Arbeit ein Vermögen gewinnt und Gutes für die Menschheit leistet; male

treu ihr inneres und äußeres Leben und dann laß aufrichtig die Frage

beantworten: 'Auf welcher Seite ist das Glück?' Auch dann, wenn nach

diesem Leben nichts wäre, auch dann ist der Christ der glücklichste

Mensch auf Erden."

Das Leiden der Kinder aber -- und schließlich auch das der Tiere, für

das ihr Mitleid fast ebenso rege war -- schien die Grundpfeiler des

ganzen Gebäudes ihrer Religion zu erschüttern. Ist es möglich,

angesichts eines gequälten Tieres, eines mißhandelten Kindes an den Gott

der Liebe zu glauben?! Kann ein gütiger Vater im Himmel ruhig mit

ansehen, was für einen guten Menschen schon unerträglich ist?! Selbst

die weitere Erklärung des Unglücks als einer Prüfung, an der die

moralischen und geistigen Kräfte reifer Menschen wachsen sollen,

versagte angesichts derer, die noch keine Kräfte haben. Und die

alttestamentarische Ansicht von den Sünden der Väter, die sich rächen

bis ins dritte und vierte Glied, erschien ihr unvereinbar mit dem Gott

der Christen. Sollte sie sich mit Goethes Weisheit, 'das Erforschliche

erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren' zufrieden

geben, wo sie nur Verabscheuungswürdiges sah? Nach vielen schweren

Gewissenskämpfen --'wie Jakob mit dem Engel, so habe ich mit mir selbst

gerungen' -- glaubte sie darin einen, wenn auch keineswegs

befriedigenden, so doch als weiteren Ansporn zur Tat dienenden Ausweg

gefunden zu haben: "Kinderleiden sind gewiß zum Theil eine Folge der

ungeheuren Schuld der Gesellschaft gegenüber den Armen, und sie rächen

sich an derselben Gesellschaft, indem sie Verbrecher, moralische und

physische Krüppel, Lebens- und Arbeitsunfähige entstehen lassen." Hier

also schloß sich der zerrissene Ring ihres Gedankengangs wieder. Ist das

Leid Folge der Schuld, so wird es im selben Umfang verschwinden, als die

Schuld abgetragen wird. Ihr tiefes Mitgefühl und ihre Überzeugung wurden

zusammen zur Triebkraft ihres Tuns.

Zu einer Zeit, wo Fröbels Erziehungsgedanken noch nicht bis zu dem

einsamen Gut in Westpreußen gedrungen sein konnten -- seinen ersten

Kindergarten eröffnete er ungefähr im selben Jahr -- sammelte Jenny von

Gustedt die Kinder der Landarbeiter und der Instleute um sich, "um ihnen

neben warmen Kleidern, guter Milch, reinen Händen und Gesichtern, durch

Spiel, Erzählung und Gespräch die primitivsten Ideen des Guten, Wahren

und Schönen beizubringen." Zur weiteren Unterstützung ihrer Bestrebungen

veranlaßte sie ihren Mann, die bisher in einem fernen Dorf gelegene

Schule nach Garden zu verpflanzen, und einen jungen, guten Lehrer

anzustellen, der Hand in Hand mit ihr zu arbeiten fähig war.

"Unsere Träume und Hoffnungen für Garden," so schrieb sie an Wilhelmine

Froriep im Hinblick auf das bisher Erreichte, "treten allmählich als

Wirklichkeiten hervor: ein junger, eifriger Lehrer, unterstützt von

unserer häufigen Anwesenheit beim Unterricht, von Preisen und kleinen

Kinderfesten, bringt schnell die liebe Schuljugend zu Ordnung, Fleiß und

Reinlichkeit, und da beim Verderb der Erwachsenen nur durch die Kinder

ein Heil für die Zukunft zu erwarten ist, hat Werner das etwas große

Opfer nicht gescheut, ganz allein die Kosten dieser Stelle zu tragen."

Aber den unglücklichsten der Kinder war durch all das doch nur zum Teil

geholfen: da gab es Verlassene und Waisen, denen selbst das ärmlichste

Zuhause fehlte. Jenny entschloß sich, zunächst vier von ihnen in ihr

Haus zu nehmen und mit Hilfe einer dafür angestellten Pflegerin unter

ihren Augen erziehen zu lassen. Das erste Kind, das sie aufnahm und von

dem sie noch als alte Frau besonders gern zu erzählen pflegte, war ein

wunderschönes kleines Mädchen, das sie im Straßengraben neben der

schwerbetrunkenen Mutter liegend fand. Erstaunt über den sorgfältig

gepflegten Körper des Kindes, erfuhr sie, daß die Mutter es mit dem

Schnaps zu waschen pflege, ehe sie ihn trinke. Fünf Jahre blieb das

Mädchen in Jennys Obhut, dann entführte es die Mutter, nach weiteren

fünf Jahren fand man es eines Morgens sterbend vor der Türe, einen

elenden Säugling im Arme.

Die Beschäftigung mit den Zöglingen, deren Zahl schließlich auf sieben

anwuchs, führte im allgemeinen zu erfreulichen Resultaten. Über die

Anfänge des Stiftes schrieb sie: "Das kleine Mädchenstift ist auch ins

Leben getreten, und vier sehr nette Mädchen im Alter von 3-11 Jahren

werden unter meiner Aufsicht erzogen; da es die ärmsten und

verwaistesten waren, fühlen sie sich sehr wohl ... Zu Weihnachten wurde

durch diesen Zuwachs der Familie die Freude sehr erhöht, und ich kann

nicht sagen, wie rührend mir die kleinen Wesen waren, die zum

erstenmal in ihrem Leben eine Weihnachtsfreude, diesen Glanzpunkt der

Kindheit, kennen lernten."

Was wäre aber Jennys Leben, so reich und vielseitig sie auch seinen

Inhalt gestaltete, für sie selbst gewesen, wenn ihrer Mütterlichkeit nur

fremde Kinder anvertraut worden wären. "Man sagt oft," schrieb sie

einmal, "daß ein Weib, das fremde Kinder erzieht, aller Muttergefühle

theilhaftig würde. Nur ein Mann oder eine Kinderlose kann das behaupten,

die von den Wundern des Mutterseins, den geheimnißvollen Einflüssen des

Blutes keine Ahnung haben. Alle Qualen der unglücklichen Ehe wiegen

federleicht gegenüber der Seligkeit der Mutterschaft, alle körperlichen

Nöthe und Schmerzen sind nichts als ein nothwendiger winziger Erdenrest,

der daran mahnt, daß sie nicht reine Himmelswonne ist. Dabei ist das

Mutterherz ein besonders merkwürdiges Ding: neben der Gattenliebe findet

eine andere ähnliche keinen Platz, ohne sie zu beeinträchtigen oder zu

verdrängen, das Mutterherz aber ist wie ein Diamant: bei jedem Kinde

wird eine neue Seite geschliffen und eine neue Flamme erzeugt, die der

früheren nicht schadet, sondern sie noch mehr verklärt." Als sie diesen

Brief -- ein Gratulationsschreiben an eine jung Vermählte -- absandte,

war ihr zweites Kind, ein Töchterchen, das dem ältesten, einem Sohn,

nach kaum einem Jahre gefolgt war, gerade geboren worden, und die Kinder

bildeten ihr wachsendes Entzücken, den Mittelpunkt ihres Denkens und

Tuns. Welche mütterlichen Träume und Zukunftsgedanken umspielten jetzt

schon Ottos schwarzes Köpfchen und das goldig schimmernde der kleinen

Marianne!

Die Kinder sind unsere Unsterblichkeit -- wer vermag diesen Gedanken in

seiner ganzen Tiefe, in der ganzen Schwere der Verantwortung, den er

auferlegt, stärker zu empfinden als eine Mutter, als eine solche Mutter,

bei der "Gefühle und Erfahrungen so unverlöschbare Eindrücke

hinterließen und eine südliche Phantasie ins Ungemessene trug".

Nach ihren Briefen aus jener Zeit zu schließen, überließ sie die Kinder

so wenig als möglich anderen. Gerade die unbewußten Eindrücke der ersten

Kindheit erschienen ihr als ausschlaggebend für das ganze Leben. Das

sprach sie schon aus, als sie bei der Geburt des Grafen von Paris an die

Herzogin von Orleans schrieb: "O, gieb wohl Acht, aus welchen Zweigen du

die Wiege des Kindes flichtst, denn die Zweige wachsen zu Bäumen empor

und beschatten das Menschenleben; umsonst umwindest du dann die Stämme

mit Kränzen, umsonst schmückst du die Wipfel mit Blumen, ein Windstoß

des Schicksals verweht sie, und es zeigt sich wieder, ob eine

Traueresche oder eine immergrüne Tanne darunter wuchs."

Keinerlei gesellige Ansprüche entzogen sie ihren Mutterpflichten; bei

den weiten Entfernungen und schlechten Verbindungen war an nachbarlichen

Verkehr nicht zu denken, und das Leben war so ausgefüllt, daß er nicht

vermißt wurde: "Ich lebe nach all meinen Einsamkeitsträumen und finde

sie in Wirklichkeit noch lieber," schrieb sie nach dreijährigem

Aufenthalt in Garden und fügte hinzu, daß sie sich nicht vorzustellen

vermöchte, jemals in das städtische Leben zurückkehren zu können. Nur

leise klang hie und da die Sehnsucht nach fernen Lieben durch. "Von

mir," heißt es in einem Brief an Frau Froriep, "kann ich nur

Erfreuliches berichten: meine lieben Herzenskinder gedeihen an Geist und

Körper, und übermorgen ist Weihnachten!! -- Ottchen ist groß und

kräftig, und seine Liebe und Zärtlichkeit beglückt mich unendlich ...

Wir sehen niemanden, und jeder Tag ist sich gleich -- gleich lieb und

angenehm, ich zeichne, stricke, schreibe, lese zuweilen, spiele abends

mit Werner Schach, oder wir lesen einander vor. Die Grundfarbe des

Lebens sind immer die zwei lieben Engelchen, und hätte ich meine Mama

und meine Emma, dann möchte ich niemals sterben."

Das liebe Bild Weimars mochte aber doch immer lockender vor ihrer Seele

stehen, und das Verlangen, ihr Frauenglück, ihren Mutterstolz dort

strahlen zu lassen, wo alle Freuden und Leiden ihres Mädchenlebens sich

abgespielt hatten, war bald stark genug, um sie die beschwerliche Reise

im Wagen mit zwei kleinen Kindern nicht fürchten zu lassen. Im Februar

1841 schrieb sie an eine ihrer Weimarer Freundinnen:

"Wie ich mich freue, Dich wieder zu sehen, Dir meine lieben, lieben

Kinderchen zu zeigen! Wie ich die Unerschöpflichkeit über dieses Thema

nun selbst übe, kann Dir Emma sagen; jetzt, wo ich die süße Hoffnung

habe, sie nach Hause zu bringen, sie dort lieben und hoffentlich

gefallen zu sehen, kann ich eher schweigen, obwohl mir Ottos Geschichten

bei weitem interessanter erscheinen als die Berechnungen über den

Durchbruch der Weichsel und die Angelegenheiten vom Gleichgewichte

Europas! ... Jetzt habe auch ich die stille Ruhe eines befriedigten

Herzens und eines ausgebildeten und ausgefüllten Lebens; mein Werner,

meine Kinder, mein Haus, meine Lebensweise, meine Gegenwart, meine

Aussicht für die Zukunft, alles erfüllt mich mit der gleichen

unausgesetzten Dankbarkeit gegen Gott, und die Opfer vieler

Lieblingsbeschäftigungen erscheinen mir um so unbedeutender, da ich mit

regem Interesse Werners Thätigkeit, seinem so reichen und viel

umfassenden Berufe folge."

Alte und neue Freunde, unter diesen der Gatte ihrer Stiefschwester

Cecile, Graf Fritz Beust, machten ihren Weimarer Aufenthalt zu einem

sehr wohltuenden, und doch kehrte sie gern zurück in den Kreis ihrer

Wirksamkeit, zu ihrem Gatten, den sie mehr und mehr lieben lernte.

Manche Aussprüche in ihren Briefen legen von dem ungetrübten Glück

ihrer ersten Ehejahre Zeugnis ab. So schrieb sie einmal, als Werner in

Geschäften längere Zeit abwesend gewesen war:

"Während meiner sechswöchentlichen Strohwittwenschaft war ich sehr

einsam, und gegen das Ende dieser Zeit ergriff mich eine große

Sehnsucht, dennoch habe ich mich durch stille Beschäftigung und

namentlich durch die ununterbrochene Gegenwart meiner Kinderchen

erheitert -- als aber einmal mitten in der Nacht mein Werner neben

meinem Bette stand und leise meinen Namen rief, da wußte ich mich doch

kaum eines schöneren Moments in meinem Leben zu erinnern; seitdem kann

ich der Freude seiner Gegenwart gar nicht satt werden, und so einförmig

und still unsere Tage aussehen, so sind sie doch lebendig durch unser

Glück und unsere Liebe."

Und in einem anderen Briefe heißt es: "... ich bin schon einigemale mit

den Kindern und deren Kameraden zu dem unschuldigen Fest der

Schlüsselblumenlese auf einer runden allerliebsten Wiese mitten in einem

herrlichen Buchenwald gewesen -- wenn ich da mit einem Buche sitze und

die kleine jubelnde Gesellschaft um mich herum spielt, scheint es mir,

als gäbe es gar keine anderen Feste in der Welt, und komme ich dann nach

Hause und gehe mit meinem Werner herum, so scheint mir dies wieder wie

ein beneidenswertes Fest -- kurz, ich bin eine glückliche Frau ..."

Wie wenig die Außenwelt sie lockte, mit der sie nur durch den

Briefwechsel mit ihren Freunden verbunden war, wie sicher sie sich

glaubte in ihrem stillen Frieden vor allen Zweifeln, aller Zerrissenheit

des Innern, unter der sie einstmals litt, geht aus folgenden Zeilen

hervor: "Die liebe Prinzeß Augusta hat meiner Ignoranz in der neuesten

schönen Litteratur etwas nachgeholfen und mir die Reisebilder der Hahn

und einige andere Bücher geschickt; ich habe sie mit großem Interesse

gelesen, mich dabei mit einigem Grausen an die Atmosphäre von Ottiliens

Salon und leider recht viel an ihr armes zerrissenes Gemüt erinnert, --

ich bin mit einigen Kopfwunden und einigen radikal verwachsenen Narben

durch den Strom geschwommen, der die arme Ottilie umbrauste und dem sie

sich hingab und hingiebt wie die verrückte Hahn, -- jetzt wo ich am

friedlichen Ufer stehe, wo der Strom nicht einmal mit seinem Schaum

hinkommt, erscheinen mir die Seelen doppelt unselig, die sich hin- und

herschleudern lassen, anstatt einen kühnen Sprung zu tun und ans Land zu

kommen."

Demselben Gedankengang folgte sie, als ihr junger Freund, der

Erbgroßherzog Karl Alexander, sich verlobt hatte und sie ihm schrieb:

"Am ruhigen Ufer angelangt zu sein, wie ich, sich selbst freudig in dem

geliebten Anderen und dann in den Anderen aufgehen zu sehen, wie ich,

von dieser sicheren Stätte aus nach außen im Großen zu wirken, wie ich

es nur im Kleinen vermag -- darin vereinigen sich meine höchsten und

besten Wünsche." Auf ihren Brief erhielt sie folgende Antwort, die der

erste Anfang zu dauernder brieflicher Verbindung sein sollte:

Weimar, den 1. März 1842.

"Meine liebe gute Frau von Gustedt!

"Sie werden vielleicht erstaunt sein, einen Brief von dieser Hand zu

erhalten, die es wagt, in einem Tone zu schreiben, der auf alte

freundschaftliche Beziehungen schließen läßt, aber wenn ich Ihnen sage,

daß die Person, die Ihnen schreibt, von allen Ihren Freunden der Treuste

und Ihnen am aufrichtigsten zugetan ist, und dessen dauernde

Freundschaft für Sie aus seiner Kindheit stammt, werden Sie leicht

erraten, welche Hand sich heute zum ersten Mal die Freiheit nimmt, Ihnen

zu schreiben. Es ist ein alter Wunsch von mir, Ihnen einmal brieflich zu

wiederholen, daß weder Zeit noch Entfernung jemals aus meinem Herzen die

Erinnerung und meine tiefe Anhänglichkeit an Sie auslöschen können, aber

die Furcht, indiskret zu erscheinen, hat mich zurückgehalten, heute

aber, wo ich an einem der wichtigsten Abschnitte meines Lebens

angekommen bin, habe ich das Bedürfnis, meine Gefühle dem Herzen einer

Freundin anzuvertrauen und hätte ich da, sagen Sie es selbst, gnädige

Frau, schweigen und mich nicht an Sie wenden sollen? Arbeiten aller Art,

zwingende Briefe haben mich verhindert, den Wunsch, den ich hatte, Sie

zu sprechen, zu verwirklichen, denn es giebt Dinge, die zu wichtig und

zu zart sind, um besprochen zu werden, wenn nicht Körper und Geist in

Ruhe sind. Ich weiß bereits, welche Teilnahme Sie für meinen letzten

wichtigen Entschluß empfunden haben, es war auch kaum nötig, es noch zu

versichern, denn ich wußte im Voraus, daß Sie mir bei dieser Gelegenheit

Ihre Glückwünsche nicht verweigern würden, die mir so notwendig sind und

denen ich einen so hohen Wert beimesse. Dafür möchte ich Ihnen jetzt

meinen aufrichtigen Dank aussprechen, nehmen Sie ihn an mit der

Versicherung, daß er aus dem Grunde eines Herzens kommt, das Ihnen ganz

ergeben ist. Ich wage die Bitte hinzuzufügen: geben Sie mir Ihren Segen

als Freundin, er wird mir Glück bringen, er wird mir die Kraft geben,

Sie nachzuahmen in der Erfüllung Ihrer Pflichten und in der geistigen

Entwicklung, die Sie zu so schönen Erfolgen geführt hat und die alle

Menschen ergreift, die das Glück haben, sich Ihnen zu nähern. Sie müssen

von nun an auch meiner Braut ein wenig Freundschaft entgegen bringen,

denn ich liebe sie aufrichtig, und sie verdient Ihre Achtung. Ich darf

wohl sagen, daß sie alle Eigenschaften hat, die hoffen lassen, daß wir

gut miteinander leben werden, ihr sanfter Charakter, ihre immer frohe

und gleiche Laune, ihr gebildeter Verstand und die Zuneigung, die sie

mir entgegenbringt, berechtigen mich, wie ich glaube, zu dieser

Hoffnung. Ich wage sogar zu hoffen, daß sie dereinst den beschwerlichen,

aber segensreichen Weg wandeln wird, den auch meine Urgroßmutter, meine

Großmutter und meine Mutter gegangen sind und noch mit solchen Erfolgen

gehen; und das ist nicht der geringste Vorteil, den sowohl das Land wie

auch meine Familie aus dieser geplanten Vereinigung ziehen werden ...

"Meine 23 Jahre und ihre 17 sind allerdings kein hohes Alter, aber das

Sprichwort sagt: 'wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch die Kraft',

das läßt mich hoffen, daß unsere Jugend kein Unglück ist, um so mehr als

sich dieser Fehler ja mit jedem Tage verringert. Ich wünsche herzlich,

Sie bald mit meiner Braut bekannt machen zu können, und hoffe, daß wenn

ich erst verheiratet bin, Sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen

werden, wie es in meinem kleinen Haushalt zugeht. Der Gedanke, daß ich

von meinem Haushalt spreche, kommt mir so seltsam vor, daß ich zu

träumen glaube. -- Aber dieser Brief wird ein Buch, und ich muß

gestehen, daß ich vergaß, daß ich Ihre Güte und Ihre Geduld mißbrauche,

wenn ich in einem fort von mir spreche. Gestatten Sie mir noch, Sie zu

bitten, Ihrem Gatten meine Empfehlung zu vermitteln, und bewahren Sie

Ihre Güte und Freundschaft dem, der für das Leben bleibt

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 49 / 80 题