Wo alte Linden ihre Kronen breit und stolz gen Himmel wölben, ihre weit
ausladenden Äste nach allen Richtungen auseinanderstrecken, da hat nicht
nur die innere Lebenskraft sie zu so vollkommener Entwicklung befähigt,
da hat die Natur ihnen auch den freien Raum gewährt, der solches Wachsen
ermöglicht. Ihre jüngeren Geschwister und ihre Nachkommen erreichen
niemals die Höhe und Stärke der Großen über ihnen: sie genießen ihres
Schutzes, sie atmen dieselbe Luft; der Blütenreichtum, den der Sturm
abweht von denen da droben, fällt duftend auf ihre jungen Häupter, aber
mit ihrem vollen Strahlenkranz krönt sie die Sonne nicht -- im Dämmer
stehen sie, im Schatten der Titanen. Und das Zeichen ihres Lebens im
Schatten verlieren die Epigonen nie ...
Am 9. November des Jahres 1784, einem rauhen Spätherbsttage, brachte
Lätitia Bonaparte das letzte ihrer zwölf Kinder zur Welt: Jerome.
Fünfzehn Jahre früher, als die Hochsommersonne über Ajaccio brannte und
Herz und Geist der blühend schönen jungen Frau erfüllt war von den
Kämpfen um Korsikas Freiheit, die sie, hoch zu Roß, ihrem Gatten zur
Seite, das schlummernde Leben in ihrem Schoß, mitgekämpft hatte, war ihr
zweiter Sohn geboren worden: Napoleon. Ihn trieb der strenge Vater und
das rauhe Schicksal früh aus dem Schutz des Elternhauses; arm und
unbekannt mußte er sich schon als Knabe aus eigener Kraft die Stellung
schaffen. Anders Jerome. Sein Vater starb, als er ein Jahr alt war;
seine Mutter, seine Geschwister, allen voran der ernste Bruder, der, als
sei es selbstverständlich, an Stelle des Oberhauptes trat, umgaben das
reizende Kind mit den zierlichen Gliedern und den großen lachenden Augen
mit zärtlicher Liebe. Bis zu seinem dreizehnten Jahre blieb es bei der
Mutter, während schon der Stern Napoleons immer leuchtender aufging über
der Welt. Als dann das Kollegium von Juilly den jungen Jerome aufnahm,
war er nicht ein neuer, fremder Schüler wie andere, sondern der Bruder
des großen Napoleon, dessen Triumphe jedes französische Herz höher
schlagen machten; Lehrer und Kameraden, stolz, einen desselben Blutes
unter sich zu haben, begegneten ihm mit liebevoller Bewunderung.[1]
Von den Ferien in Paris bei Frau Lätitia in der Rue de Rocher oder in
dem kleinen Hause in der Rue Chantereine, wo Josephine ihn mit Zeichen
der Güte und Verwöhnung überschüttete,[2] kehrte er, erfüllt von
Schlachtenbildern und Siegeshymnen, in die Schule zurück. Und welche
Gefühle des Stolzes und der Begeisterung, welche Träume von Ruhm und
Glanz mußten den Fünfzehnjährigen bewegen, als Napoleon, von seinem
ägyptischen Märchenzuge heimkehrend, das jubelnde Frankreich durchzog.
Dieser Soldat von 30 Jahren, der Österreich unterworfen, England
erschüttert, Venedig gedemütigt und Italien erobert hatte, war sein
Bruder! Europa zitterte vor ihm; vor Jerome aber wandelte sich der
ernste Heros zum zärtlichen der Väter. Unter der Wohnung des ersten
Konsuls wurden dem Knaben seine Zimmer angewiesen. Er erfreute sich hier
der vollkommensten Freiheit, und selbst alte, graue Männer, die
Napoleons Zärtlichkeit für den jungen Bruder sahen, beugten den Nacken
vor ihm.[3] Seine Wünsche blieben selten unerfüllt; zwischen einer
Familie, die immer bereit war, seine Streiche zu verzeihen, und einem
Hof, dessen ständiges Amüsement sie waren, konnte Jerome seinen
Phantasien freien Lauf lassen.[4] Er war schön und graziös, voll
sprühenden Temperaments und lachenden Leichtsinns; alles Schöne
entzückte ihn, und sein Bedürfnis, das Glück, sein Lebenselement,
überall um sich zu fühlen, machte ihn verschwenderisch, wenn es galt,
Freunde zu erfreuen, Unglücklichen beizustehen. Ein liebenswürdiges
Glückskind -- so erschien er auf den ersten Blick. Er wäre es gewesen,
wenn nicht jene allzu häufige Begleiterscheinung der Güte -- Schwäche
denen gegenüber, die er liebte -- und die Familieneigenschaften der
Bonaparte --trotziger Stolz und verzehrender Ehrgeiz -- der lichten
Helligkeit seines Bildes die tiefen Schatten hinzugefügt hätten. Zwei
seiner Jugenderlebnisse sind bezeichnend für diese Seiten seines
Charakters.
Mit fünfzehn Jahren kannte er keinen heißeren Wunsch, als Napoleon in
den italienischen Feldzug zu begleiten. Seine Freundschaft für seinen
Spielkameraden Eugen Beauharnais verwandelte sich in einen nie ganz
überwundenen Haß, als der Wunsch diesem, dem älteren, gewährt, ihm aber
abgeschlagen wurde. Er blieb teilnahmlos und finster angesichts der
Siegesnachrichten und war der einzige, der den heimkehrenden Sieger zu
begrüßen sich weigerte und, von ihm aufgesucht, all seiner Zärtlichkeit
gegenüber eisig blieb. "Was soll ich tun, um dich zu versöhnen?" fragte
lächelnd der Held den jungen Trotzkopf. "Den Säbel von Marengo schenke
mir!" rief dieser. Sein Wunsch ward erfüllt, und unzertrennlich blieb er
bis zum Tode von der Waffe des Bruders.[5]
Ein Jahr später wurde er Soldat; im gleichen Regiment diente der Bruder
Davouts. Auch dessen Brust schwellte der Stolz, und er begegnete dem
Kameraden hochmütiger als dieser ihm. Einer von uns ist zuviel in der
Welt -- dieser Gedanke beherrschte Jerome mehr und mehr. Er forderte
Davout zum Duell, einem Duell ohne Zeugen bis zur Abfuhr. Sein Gegner
schoß ihn in den Unterleib, wo die Kugel sich an einem Knochen platt
drückte und dort liegen blieb, bis sie sechzig Jahre später bei der
Autopsie der Leiche gefunden wurde.[6] Schon damals also schien jene
dunkle Prophezeiung sich zu bewahrheiten: daß kein Bonaparte von einer
Kugel fällt -- jene Prophezeiung, die ein Unterpfand des Glücks zu sein
schien, und deren Erfüllung schließlich das Unglück erst vollenden half!
Inzwischen hatte Europa sich merkwürdig verwandelt: als wäre die Alte
Welt nichts als weiche, gefügige Masse in der Hand des Bildhauers
Napoleon. Er allein war es aber auch, der die Stelle zuerst empfand, wo
sie seiner Absicht harten Widerstand leistete. Das britische Inselreich
mit seiner meerbeherrschenden Macht war das Gespenst, das er drohend vor
sich sah und nicht zu fassen vermochte. Darum setzte er alle Kräfte
daran, die französische Flotte auszubauen und kriegstüchtig zu machen,
darum suchte er für die Marine sorgfältig die besten Männer aus. Seine
Liebe zu Jerome, seine große Meinung von den Fähigkeiten des Bruders
konnte er nicht besser beweisen als dadurch, daß er ihn zum künftigen
Admiral bestimmte. Hier, so glaubte er, sollte seine tollkühne
Tapferkeit und seine Abenteuerlust das rechte Feld finden. "Nur auf dem
Meere," so schrieb er an Jerome, "ist heute noch Ruhm zu erwerben. Lerne
was Du irgend kannst, dulde nicht, daß irgend jemand es Dir zuvortut,
suche Dich bei allen Gelegenheiten auszuzeichnen. Denke daran, daß die
Marine Dein Beruf sein soll."[7] Mit erstaunlicher Leichtigkeit fand
sich der verwöhnte siebzehnjährige Jüngling in den anstrengenden
Schiffsdienst, den ihm der Konteradmiral Gauteaume auf Napoleons
ausdrücklichen Befehl auferlegte. Die Flotte, die dieser im Verein mit
Salmgunt zu befehligen hatte, war für Ägypten bestimmt; die
Ungeschicklichkeit der Führer machte die Expedition zu einer völlig
zwecklosen. Jerome entgingen die Gründe nicht; sein Blick dafür wurde
durch den Ärger über die Situation, die es ihm unmöglich machte, sich
auszuzeichnen, noch geschärft. Er kritisierte scharf die beiden
Admirale, deren gegenseitige Eifersüchteleien sie am Vorgehen hinderten.
"Gibt es etwas Jämmerlicheres," schrieb er, "als um lächerlicher
Prätentionen willen eine große Sache zu gefährden? ... Wie gefährlich,
zwei Menschen zusammenzuspannen, von denen der eine nicht zu befehlen,
der andere nicht zu gehorchen versteht."[8] Mag sein, daß diese
freimütige Kritik seiner Vorgesetzten, die eine Kritik seines Bruders in
sich schloß, diesem zu Ohren kam und, ihm selbst vielleicht unbewußt,
dazu beitrug, Jerome mit anderen Augen anzusehen. Die großen
Tatmenschen haben mit den Mondsüchtigen eins gemein: sie vertragen es
auf ihrem gefährlichen Wege nicht, angerufen, gestört oder gar gewarnt
zu werden.
Unter dem Admiral Villaret-Joyeuse hatte Jerome Gelegenheit, sich auf
St. Domingo und Haiti im Kampfe gegen Toussaint Louverture
auszuzeichnen. Das gelbe Fieber, das ihn mit äußerster Heftigkeit
packte, trieb ihn auf kurze Zeit nach Frankreich zurück, von wo aus er
dann im Jahre 1802 zur Vollendung seiner seemännischen Ausbildung nach
den Antillen ging. In Martinique war sein ehemaliger Chef,
Villaret-Joyeuse, Gouverneur, ein ehrgeiziger Schmeichler, der sich die
Gunst des ersten Konsuls am sichersten durch die Gunst seines jungen
Bruders zu gewinnen glaubte. Er ernannte Jerome, den Achtzehnjährigen,
der kaum ein Jahr des Seedienstes hinter sich hatte, zum Kapitän des
"Epervier".[9] Als selbständiger Führer des eigenen Schiffes sollte er
nach Frankreich zurückfahren. Aber war es aus Leichtsinn, den brennender
Ehrgeiz steigerte, aus Unverstand oder aus Irrtum? bei der Begegnung mit
einem englischen Kriegsschiff nötigte er es, die Segel aufzubrassen und
Zweck und Ziel der Fahrt anzugeben, was einer Herausforderung fast
gleichkam. Das Unglück, das er dadurch heraufbeschwor, war um so größer,
als es gerade nur eines Zündstoffs bedurfte, um die kriegerische
Stimmung zwischen England und Frankreich zum Ausbruch kommen zu
lassen.[10] Rasch genug sah er ein, was er getan hatte; er meldete dem
Gouverneur von St. Pierre den Vorfall, als die Engländer bereits
beschlossen hatten, ihm den Weg nach Frankreich abzuschneiden und den
Bruder Napoleons als willkommene Geisel in Gefangenschaft zu nehmen.
Jerome, der von diesem Plan Kenntnis erhielt, blieb, wenn er Frankreich
vor schweren politischen Komplikationen, seinen Bruder vor den Folgen
seiner eigenen Schuld bewahren wollte, nichts anderes übrig, als auf
neutralem Schiff unerkannt die heimischen Gestade wiederzugewinnen. Er
wählte mit einem kleinen Gefolge Getreuer den Weg über Amerika, wo er
die Gelegenheit zur Überfahrt am leichtesten zu finden hoffte. Seine
Absicht, auch dort unerkannt zu bleiben, erfüllte sich nicht. Die
Liebedienerei der französischen Konsuln, die Sucht der Amerikaner,
Europäern von Rang ihre Huldigungen zu erweisen -- vielleicht ein
Zeichen, daß das Sklavenblut in den Adern vieler noch nicht
fortgeschwemmt ist -- zerrissen sein Inkognito schon wenige Stunden nach
seiner Ankunft. Wie ein Prinz von Geblüt wurde der Bruder Bonapartes
empfangen und umringt. In Washington und in Baltimore, wo er die
äußersten Anstrengungen machte, um seine Rückkehr nach Frankreich zu
beschleunigen, wurde er in einer Weise gefeiert, daß seine Anwesenheit
den Engländern nicht unbekannt bleiben konnte und sie ihre
Vorsichtsmaßregeln verdoppelten, um ihn nicht entkommen zu lassen. Es
bedurfte jedoch einer größeren Macht als der Englands, um den jungen
Brausekopf festzuhalten: der Augen Elisabeth Pattersons, die ihm
liebeglühend entgegenleuchteten, ihrer roten Lippen, die sich
glückverheißend ihm darboten. Sie schlugen ihn in Banden, ließen ihn
Vergangenheit und Zukunft vergessen und der seligen Gegenwart junger
Leidenschaft leben. Hat der eitle Vater des reizenden Mädchens ihn mit
schlauer Absicht gefesselt? Hat sie selbst dem Bruder des großen
Napoleon Schlingen der Koketterie gelegt? Müßige Fragen! Ist's nicht
genug der Erklärung, daß zwei junge schöne Menschen in Liebe zueinander
entbrennen? Mit dem Feuer seiner 19 Jahre liebte Jerome, mit der
Sicherheit des verwöhnten Lieblings der Seinen rechnete er auf deren
Zustimmung zu seiner Ehe mit Elisabeth. Er hatte sich verrechnet. Wohl
liebte Napoleon seine Brüder und Schwestern, und diesen, den jüngsten,
vor allen; aber in ihrer Mitte hatte nur ein Wille zu gelten: der seine;
wohl wollte er sie glücklich sehen, aber nur das Glück aus seinen Händen
galt ihm als solches. Die Nachricht, daß Jerome eigenmächtig, ohne seine
Zustimmung abzuwarten, die Ehe mit Miß Patterson geschlossen habe, traf
in dem Augenblick in Paris ein, als Frankreich dem ersten Konsul die
kaiserliche Würde verlieh und seine Brüder und Schwestern zu Prinzen und
Prinzessinnen erhob. Sie war der bittere Tropfen in dem Kelch seines
Ruhms, und da das französische Gesetz die Rechtsgültigkeit der ohne
Einwilligung der Eltern geschlossenen Ehe Minorenner nicht anerkannte
und Lätitia, die stolze Mutter eines Geschlechts von Herrschern, auf der
Seite Napoleons stand, erklärte Napoleon die Ehe für null und nichtig
und schloß Jerome aus der kaiserlichen Familie aus. Jeromes Hoffnungen
waren damit noch nicht zerstört; der hinreißende Liebreiz seines Weibes
mußte, so glaubte er, auch den eisernen Willen eines Napoleon brechen.
Im März 1805, anderthalb Jahre nach seiner Heirat, schiffte er sich mit
ihr nach Portugal ein. Aber der Arm des Kaisers reichte bis Lissabon;
französische Agenten verweigerten der jungen Frau die Landung, nur
Jerome erhielt die Erlaubnis, den Weg nach Italien einzuschlagen.
Wie anders fand er Europa, als da er es verließ. Die drei Jahre seiner
Abwesenheit, die ihn eingesponnen hatten in stilles Liebesglück, hatten
den Bruder, hatten Frankreich emporgeführt zum Gipfel des Weltruhms.
Konnte sein eigenes Geschick, sein Kampf um Anerkennung seiner Liebe,
jenem Manne, der die Geschicke der Völker in seinen Händen hielt und um
die Kronen Europas kämpfte, anders erscheinen als wie das Spiel eines
Kindes? Im Augenblick, da Napoleon sich zu Mailand Italiens Krone aufs
Haupt setzte und zum Gedächtnis der Schlacht von Marengo die
Böllerschüsse krachten, die Glocken läuteten, die Fahnen wehten und
Tausende und aber Tausende dem Rausch der Festesfreude sich hingaben,
betrat Jerome -- er, der den Säbel von Marengo trug! --ein Unbekannter,
ein Ausgeschlossener, den Boden Italiens. In Alessandria empfing ihn der
Kaiser. Weit mehr als der Zorn ihn geschreckt haben würde, -- er hätte
vielleicht nur seinen Stolz und seinen Eigensinn geweckt --, mußte ihn
die Zärtlichkeit Napoleons erschüttern. Alle sah er wieder, die Brüder,
die Freunde, geschmückt mit dem immergrünen Lorbeer des Ruhms, während
in seinen Händen die welkenden Rosen der Liebe schon entblätterten. Er
stand vor der Wahl, -- denn unerbittlich blieb der Kaiser --, auf der
einen Seite der Weg empor zu den Höhen der Menschheit, zu höchsten
Siegespreisen, zur Königskrone, auf der anderen das Leben im
Dämmerschein stillen Familienglücks, ohne Zweck und Ziel. So sehr sich
ihm auch das Herz zusammenkrampfte, -- wie er Elisabeth liebte, dafür
zeugen seine Briefe aus jener Zeit --, er wählte den Ruhm, nicht die
Liebe. Welch ein Jüngling von 21 Jahren hätte anders zu wählen
vermocht?![11]
Um die Stimme des Herzens zu übertönen und nachzuholen, was er versäumt
hatte, stürzte er sich mit Feuereifer in die Aufgabe, die ihm gestellt
wurde.
Im Sommer des Jahres 1806 kommandierte er in der Flotte des Admirals
Willaumez den "Veteran" und nahm mit ihm von Brest aus neun englische
Schiffe die zwei Kriegsschiffe eskortierten. Auf der Höhe von Concarneau
erreichte ihn die englische ihn verfolgende Flotte; die Situation war
verzweifelt; auf der einen Seite der überlegene Feind, auf der andren
Sandbänke und Riffe. Entschlossen, eher zu sterben als sich zu ergeben,
ergriff Jerome der Mut der Verzweiflung, und unter den Augen der
englischen Flotte vollzog sich jene Tat unwahrscheinlicher Tollkühnheit,
von der ein englisches Journal der Zeit folgendes berichtete: "Jerome
Napoleon hat allen unseren Maßregeln zu trotzen gewußt und alle
Anstrengungen unserer braven Matrosen nutzlos gemacht; daß er den Hafen
sicher und ohne Verluste erreichte, ist ein neues Beispiel für das
unglaubliche Glück, das sich an die Schritte der Bonapartes zu heften
scheint und alle ihre Operationen begleitet."[12]
Nun erst verlieh Napoleon dem Heimkehrenden den Titel eines
französischen Prinzen, und als Anerkennung seiner Tapferkeit den Rang
eines Kontreadmirals. Als höhere Auszeichnung noch empfand es Jerome,
daß Napoleon ihm für den bevorstehenden preußischen Feldzug die
bayrische und württembergische Division anvertraute und es ihm nun
endlich vergönnt war, unter den Augen des bewunderten kaiserlichen
Bruders zu fechten. Jerome bewährte sich. Trotz seiner 24 Jahre wußte er
sich den Respekt der Truppen und ihrer Führer zu gewinnen, aber mehr
noch das Herz der Soldaten durch seine Sorge für ihr Wohl.[13] Am Tage,
als die letzte schlesische Stadt vor ihm kapitulierte, erreichte ihn die
Nachricht vom Tilsiter Waffenstillstand. Der Friede folgte. Napoleon
hatte Preußen unterworfen und seinem Bruder ein Königreich erobert. Mit
ein paar Federstrichen warf er die Länder links von der Elbe zu einem
Staat zusammen und ernannte Jerome zum König von Westfalen; mit ein paar
gewechselten Briefen gewann er ihm in Katharina, der Tochter des
Souveräns von Württemberg, die Königin. Das Herz der also durch
kaiserliche Allmacht Vereinigten wurde nicht gefragt, und als das
blonde, rosige Prinzeßlein aus altem Fürstenstamm dem dunkeln, blassen
Jüngling aus dem Geschlecht der korsischen Usurpatoren gegenübertrat, da
wußte es noch nicht, wie rasch, wie dauernd der Sieggewohnte es erobern
würde.
Mit dem ganzen Prunk des kaiserlichen Hofes, in einer Gesellschaft, in
der Vertreter alter Dynastien sich mit den neugeschaffenen Aristokraten,
Fürsten und Königen von Napoleons Gnaden vereinigten, wurde am 28.
August 1807 die Hochzeit des jungen Paares gefeiert. Aber die bunten
Lichter, die ganz Paris am Abend erleuchten sollten, verlöschten in
strömendem Wolkenbruch, und die Raketen, die bestimmt gewesen waren,
prasselnd gen Himmel zu steigen, verstummten vor dem Grollen des
Donners ...
Inzwischen war die Organisation des jungen Königreichs erfolgt, mit dem
_Code Napoléon_ die neue Administration im Lande eingeführt, zum Empfang
des Herrscherpaares alles vorbereitet. Mit einem Brief, der dem Bruder
die Prinzipien, nach denen er regieren sollte, nochmals
auseinandersetzte, entließ ihn Napoleon. "Schenke denen kein Gehör, die
Dir sagen werden, daß Deine Völker, an Sklaverei gewöhnt, unserer
Gesetze nicht würdig sind," so heißt es darin, "das ist nicht wahr. Sie
erwarten vielmehr mit Ungeduld, daß ein jeder, den das Talent dazu
befähigt, -- nicht nur der Adlige --, zu jeder Stellung Zugang finden
kann, daß jede Form der Dienstbarkeit und Abhängigkeit ein für allemal
abgeschafft werde. Ich baue, was die Sicherung Deiner Monarchie
betrifft, weit mehr auf die Folgen dieser Maßregeln, als auf die
Resultate großer Eroberungen. Dein Volk muß sich einer Freiheit, einer
Gleichheit, eines Rechtsschutzes erfreuen, die in Deutschland nicht
ihresgleichen haben. Diese Art, zu regieren, wird zwischen Dir und
Preußen eine zuverlässigere Grenzscheide bilden als die Elbe, als
Frankreichs Festungen und sein Schutz. Welches Volk, das die Segnungen
einer liberalen Herrschaft kennen gelernt hat, wird in die Bande des
Absolutismus zurückkehren wollen? Sei darum ein konstitutioneller König.
Du schaffst Dir damit ein natürliches Übergewicht über Deine
Nachbarn."[14]
In den Empfindungen der großen Masse des Volkes schien sich Napoleon
nicht zu täuschen. Mochte der Bruder des Korsen ihm fremd erscheinen,
seine Person ihm zunächst gleichgültig, vielleicht sogar antipathisch
sein, es begrüßte in ihm den endlichen, heißersehnten Frieden, geordnete
Verhältnisse, gesicherte wirtschaftliche Entwicklung.[15] Darum war sein
Empfang ein überraschend freudiger, den die persönliche Freundlichkeit
des Herrscherpaares nur noch steigern konnte. Die Proklamation des
Königs, vor der in jedem Dorf des Landes sich die Neugierigen sammelten,
verhieß die Sicherstellung der Konstitution, die Abschaffung der Adels-
und Kirchenprivilegien, der Leibeigenschaft und aller Personaldienste,
die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichberechtigung aller
Religionsbekenntnisse, die Aufhebung der Sonderstellung der Juden, die
Neuordnung des Gerichtsverfahrens. "Lange genug hat Euer Land unter den
Vorrechten des Adels und den Intriguen der Fürsten gelitten. Alle Leiden
der Kriege mußtet Ihr tragen, von den Segnungen des Friedens bliebt Ihr
ausgeschlossen. Einige Eurer Städte erwarben die unfruchtbare Ehre, daß
Verträge und Traktate in ihren Mauern geschlossen wurden, in denen
nichts vergessen war, als das Schicksal des Volkes, das sie
bewohnte."[16] War dies nicht ein Widerhall der Prinzipien von 1789,
unter deren Einfluß das neue Frankreich sich entwickelt hatte, und deren
Verwirklichung in Deutschland an der Ohnmacht des Volkes und der Macht
der Fürsten gescheitert war? Sie bedeuteten diesmal mehr, als
Fürstenproklamationen und Versprechungen sonst zu bedeuten hatten.
Küster, der Geschäftsträger Preußens in Westfalen, der dem Berliner Hof
regelmäßig Bericht zu erstatten hatte und neben dem Grafen Reinhard, dem
Bevollmächtigten Napoleons und geistvollen Korrespondenten Goethes, der
zweifelfreieste Zeuge war, sah mit Erstaunen, wie rasch die neuen
Einrichtungen Wurzel zu fassen vermochten. Weite Kreise der Bevölkerung
empfanden die Regierung Jeromes als einen Fortschritt gegenüber den
alten Zuständen; die Gebildeten, von deren Unhaltbarkeit längst
überzeugt, freuten sich der neuen freiheitlichen Einrichtungen;
Kaufleute und Handwerker sahen sich besonders durch sie gefördert. "Was
mir aber das meiste Vergnügen macht," schrieb Küster am 21. November
1808 nach Berlin, "ist, in der Lage zu sein, dem Gange einer
aufgeklärten und gerechten Verwaltung folgen zu können, welche auf einer
glücklichen Konstitution sich aufbaut. Sie entwickelt sich mehr und mehr
durch die sukzessive Organisation aller ihrer Hauptzweige, und es ist
nicht zweifelhaft, daß dieser neue Staat, dessen Souverän nur das Gute
will, und zwar mit Bedacht und doch mit Entschlossenheit -- bald zu
einem hohen Grad der Vollkommenheit und des öffentlichen Glücks gelangen
wird."[17] In einem späteren Brief rühmt er die Einfachheit und
Schnelligkeit in der Verwaltung, berichtet von dem praktischen Wert des
durch den König geschaffenen Zentralbureaus für Armenunterstützung in
Kassel und sagt von ihm, daß er von den regierenden Brüdern des Königs
die meiste Energie und den meisten eigenen Willen besitze.[18]
Gerade das aber, was ihn auszeichnete, war das Unglück Jeromes. Ein
eigener Wille war jene Eigenschaft, die Napoleon bei seinen Brüdern am
wenigsten brauchen konnte, und Energie konnte nur dort am Platze sein,
wo etwas Wichtiges durchzusetzen, etwas Wertvolles zu erreichen war.
Jerome lag es am Herzen, seinem Lande ein guter König zu sein; ihn
verlangte danach, von dem ganzen Stolz seines Geschlechts beseelt, zu
beweisen, daß er es aus eigener Kraft sein konnte. Aber seine Absichten
stießen auf unüberwindliche Widerstände und wurden durch die Pläne des
Kaisers durchkreuzt.
Offiziell hatte seine Regierung mit dem Einzug in Kassel begonnen, aber
der Kampf mit den finanziellen Schwierigkeiten hatte bereits zwei Monate
früher angefangen. Auf dem Papier war ihm freilich eine Zivilliste von
fünf Millionen zugesichert worden, in Wirklichkeit aber war der
Staatsschatz durch Kriegsabgaben, durch die Lasten, die die Okkupation
durch französische Truppen dem Lande auferlegt hatte, vollkommen
erschöpft, und um allein die Kosten für die Einrichtung des Hofes, die
Reise nach Westfalen und den feierlichen Einzug bestreiten zu können,
mußte Jerome ein Darlehn aufnehmen.[19] Die traurigsten Verhältnisse
fand er vor, als er einzog. Selbst für ihn persönlich war die Lage eine
äußerst beschränkte: er, der gewöhnt war, rückhaltlos aus dem vollen zu
leben, der von einem Kaiserhofe kam, wo Luxus als etwas
Selbstverständliches erschien, der seine Freunde und Untergebenen, noch
ehe er ein König war, königlich zu belohnen pflegte, fand im Schlosse zu
Kassel nur notdürftig eingerichtete Zimmer und eine gähnende Leere im
Säckel des Hofmarschallamts. Schon 1808 schrieb der holländische
Gesandte an König Louis, den Bruder Jerome: "Die finanziellen
Schwierigkeiten Westfalens sind enorm."[20] Aber nicht genug der
vorgefundenen Not, wurden von Napoleon immer neue Opfer verlangt. Auf
der einen Seite machte er dem König heftige -- und nicht unberechtigte
-- Vorwürfe über die hohen Gehälter seiner Minister, auf der anderen
schrieb er ihm bereits einen Monat nach seinem Regierungsantritt: "Ich
brauche notwendig Geld und Truppen. Trotz der Einnahmen aus den
eroberten Ländern verschlingt die Armee mehr als sie; mein Kriegsbudget
allein beträgt 400 Millionen. Statt der 20000 Mann, die Du stellen mußt,
stelle 40000 -- Du kannst es."[21] Nach einem Vertrage vom April
desselben Jahres mußte sich Jerome verpflichten, die aus den Besitzungen
des früheren Souveräns und den säkularisierten Besitzungen derjenigen
Personen, die nicht mehr westfälische Untertanen waren, stammenden
Einkünfte dem Kaiser zu überlassen. Zwar nahm dieser zunächst nur sieben
Millionen davon in Anspruch. Jerome aber sollte den Rest von nicht
weniger als 26 Millionen im Verlauf von achtzehn Monaten aufbringen.[22]
Außerdem hatte Westfalen 12500 Mann französischer Truppen ständig zu
besolden und zu ernähren.[23]
Im Juli bereits erging eine neue Mahnung Napoleons an den Bruder: er
müsse, da Österreich rüste, seine Truppen in Kriegsbereitschaft halten;
im August wurden für den spanischen Feldzug 500 Pferde und 1000 Mann
verlangt; im September forderte er den gesicherten Unterhalt der
französischen Truppentransporte.[24] Als Jerome und Katharina der
Einladung Napoleons im Oktober 1808 zur Kaiserentrevue nach Erfurt
folgten, empfing er sie zwar aufs freundlichste, aber für die Sorgen des
Königs um sein Land hatte er kein Ohr. Die Not der Bauern, das
Daniederliegen von Handel und Gewerbe kümmerte ihn wenig; was galt ihm,
der Staaten zerstörte und schuf, Könige absetzte und krönte, das Land
Westfalen? Er, der Riese, sah weit hinweg über die Niederungen, nur die
Gipfel grüßend. Wie alle großen Tatmenschen war er, sich selbst
unbewußt, zum Zerstören vor allem geschaffen: das Alte zu stürzen, dazu
gehörte Titanenkraft; das Neue aufzubauen, ist die Aufgabe für den
emsigen Fleiß der Vielen.
Die Lage in Westfalen wurde von Jahr zu Jahr verzweifelter. Dem Aufstand
von Dörnberg, eines von Jerome mit Gnadenbeweisen überschütteten
Offiziers seiner Garde, folgten die Kämpfe von Schills Freischaren und
der verwegene Zug des tapferen Herzogs von Braunschweig-Öls, der zur
äußersten Entrüstung Napoleons sich durch Jeromes Truppen
durchzuschlagen und die ihn erwartende englische Flotte zu erreichen
imstande war. Mochte Jerome, der kaum Vierundzwanzigjährige, von allen
Seiten auf das härteste bedrängte König, sich wirklich taktischer Fehler
schuldig gemacht haben, -- er hatte sich stets als ein Draufgänger,
nicht als überlegener Feldherr bewiesen --, so war die Strafe, die ihn
traf, eine unverhältnismäßig harte. Napoleon ließ ihn seine Oberhoheit
auf das empfindlichste fühlen. Seinen Ministern wurde mitgeteilt, daß
sie "sich in erster Linie dem Kaiser gegenüber verantwortlich fühlen
müßten"; Graf Reinhard, der Vermittler dieser Nebenregierung, wurde
angehalten, "nach Paris zu melden, was in den westfälischen Küchen vor
sich geht", obwohl Jerome sich dieses System der Spionage entrüstet
verbeten und ihm erklärt hatte: "Alles, was mein Bruder wissen will,
kann er von mir selbst erfahren."[25] Und wie der Kaiser durch brutale
Zurücksetzung des Königs Stolz verletzte, so verletzten die
französischen Truppen die Sicherheit des Königreichs. "Seit meiner
Thronbesteigung fahren die französischen Offiziere, Soldaten, Reisende
und Kuriere fort, sich in meinen Staaten ebenso feindselig gegen die
Bewohner zu benehmen, als zur Zeit des Krieges gegen sie. Sie haben es
in einem Königreich, das mit Frankreich eng verbunden und ihm vollkommen
ergeben ist, an jeder Rücksicht und an allem schuldigen Respekt fehlen
lassen," schrieb Jerome an den Marschall Berthier.[26] Seine Bitte um
strengere Vorschriften für das Benehmen der Truppen hatten keinen
Erfolg, sie riefen nur neue, unbegreifliche Rücksichtslosigkeiten
hervor. Ohne irgendwelche offizielle oder inoffizielle Mitteilung, --
Jerome erfuhr gesprächsweise davon --, erschienen auf Napoleons Befehl
zur Festsetzung der einzelnen Stationen der Demarkationslinie gegen die
englische Einfuhr französische Zollbeamte in Westfalen und traten wie
die Herren auf.[27] Plünderungen und Diebstähle, die auf ihre Rechnung
geschoben wurden, kamen vor und reizten die Wut des Volkes aufs
äußerste. Jerome wollte sich zuerst mit allen Mitteln widersetzen. "Ich
ignoriere," schrieb er nach Paris, "durch welche Befehle fremde
Zollbeamte sich erlauben, sich bei mir festzusetzen. Werden solche
Vorkommnisse geduldet, so gibt es hier weder einen König noch ein
Königreich. Es kann doch unmöglich den Intentionen des Kaisers
entsprechen, daß ein Souverän in seinem eigenen Lande solchen
Übergriffen ausgesetzt ist." Zu Reinhard, dem er von seiner Absicht,
abzudanken, sprach, sagte er: "Ich bin sowieso nicht auf Rosen gebettet,
und ich kann nicht zugeben, daß durch solche, das Land ruinierende
Maßregeln das Volk mir vollends entfremdet wird."[28]
Seine Energie schien nicht ohne Eindruck zu bleiben. Die Vergrößerung
seines Reichs durch Hannover bis zur Küste der Nordsee wurde ihm in
Aussicht gestellt und damit die Beseitigung der finanziellen Nöte
gesichert. Im März 1810, als Jerome und Katharina mit großem Gefolge der
Einladung Napoleons zu seiner Hochzeit mit der Österreicherin nach Paris
gefolgt waren, leuchtete ihm wieder die volle Sonne kaiserlicher Huld.
Napoleon, auf der Höhe seines Glücks, wollte nur Glückliche um sich
sehen, und der Zauber von Paris, der Glanz der üppigen Feste ließen
Jerome alles Leid vergessen und seiner Jugend schrankenlos froh werden.
Bilder und Berichte der Zeit schildern ihn, wie er in weißem,
goldgesticktem Sammetkostüm, die weißen, wallenden, von blitzender
Brillantagraffe gehaltenen Federn auf dem Sammetbarett, das
feingeschnittene dunkle Gesicht mit den großen glänzenden Augen von
strahlendem Frohsinn erhellt, alle Herzen im Sturm zu erobern wußte. Er
und Pauline, seine Schwester, das waren im Kreise dieser napoleonischen
Olympier die Götter der Jugend und Schönheit, und die seligen Zeiten, da
er als Knabe, von allen verwöhnt, unter den Zimmern des großen Bruders
wohnte, schienen wiedergekehrt zu sein.
Voll neuer Hoffnungen und frischen Tatendrangs kehrte er nach Kassel
zurück. Der Plan eines Kanals zwischen Elbe und Weser wurde
ausgearbeitet, die Anlage eines Kriegshafens in Kuxhaven begonnen,
wichtige und kostspielige Regulierungen der Elbe- und Wesermündungen in
Angriff genommen. Da traf ihn ein neuer Schlag: Napoleon nahm den
wertvollsten Teil der dem Königreich Westfalen inzwischen neu
einverleibten hannoverschen Lande wieder in französischen Besitz und
hatte auf die Vorhaltungen des nach Paris entsandten Ministers von Bülow
nur die eine Antwort: "Ich nehme es, weil ich es brauche." Jerome berief
seine Minister und diktierte eine Note, durch die er in schärfster Form
als Entschädigung für Hannover Lippe, Anhalt, Waldeck, Schwarzburg und
die sächsischen Herzogtümer verlangte. Reinhard gegenüber sprach er
wieder von seiner Abdankung, die mehr und mehr ein Gebot der Ehre für
ihn sei. Der kaiserliche Gesandte berichtete unverzüglich über diese
Unterredung nach Paris und fügte hinzu: "Wenn jemals der König mir
Gelegenheit gegeben hat, die Geradheit und Sicherheit seines Geistes zu
bewundern und der Vornehmheit seiner Gesinnung Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen, so war es bei dieser Gelegenheit."[29] "Ich glaube, hätte
Jerome eine Armee von 300000 Mann, er würde mir den Krieg erklären!"
rief Napoleon beim Empfang dieser Nachrichten.[30]
Aber so groß auch Jeromes Entrüstung, so tief sein Stolz auch verletzt
war -- eine Empfindung behielt zuletzt bei ihm immer die Oberhand: die
Bewunderung und Ehrfurcht vor der Größe seines Bruders. Mitten im
härtesten Winter nach der Zurücknahme von Hannover zog er sich, um
seinen Schmerz in der Stille zu überwinden, auf das Land zurück und
schrieb von da aus an den Kaiser: "Entspricht es Ew. Majestät
politischen Absichten, Westfalen mit dem Kaiserreiche zu vereinigen, so
habe ich nur den einen Wunsch, davon sofort in Kenntnis gesetzt zu
werden, um nicht in die Lage zu kommen, deren Maßnahmen, trotz des besten
Willens, mich ihnen stets anzupassen, fortwährend zu durchkreuzen ...
Ich bin aller Opfer, aller Beweise meiner Anhänglichkeit fähig, wenn
Ew. Majestät es verlangt. Soll ich aber weiter regieren, so kann es nur
unter Bedingungen sein, die mich nicht entwürdigen."[31] Die Antwort war
-- Mahnungen zur Kriegsbereitschaft, zu neuen Aushebungen, zum Unterhalt
neuer französischer Truppendurchzüge. Mit einer Rücksichtslosigkeit, die
alles Vorhergegangene übertraf, führte der Marschall Davout, Jeromes
alter Feind, seine Armee durch Westfalen; in Kassel einziehend,
ignorierte er den König, im ganzen Reiche hausten seine Soldaten wie in
Feindesland. Und Napoleon schien blind und taub zu sein für das drohende
Schicksal, das sich langsam vorbereitete, für die zähneknirschende Wut,
die die Faust noch in der Tasche ballte, aber schon heimlich nach
offenen Waffen Umschau hielt. Jerome sah das Unheil wachsen, und als
einziger vielleicht, der es damals wagte, dem Imperator mit einer
selbständigen Meinung gegenüberzutreten, schrieb er ihm am 5. Dezember
1811 folgenden denkwürdigen Brief:[32]
"In einer Lage, die mich zum äußersten Vorposten Frankreichs macht,
durch Neigung und Pflicht dazu getrieben, alles zu beobachten, was sich
auf Ew. Majestät Interessen beziehen kann, ist es, denke ich, richtig
und notwendig, Sie mit aller Offenheit über das zu informieren, was in
meiner Nähe vor sich geht. Ich beurteile die Ereignisse vollkommen
ruhig; ich sehe der Gefahr entgegen, ohne sie zu fürchten; aber ich muß
Ew. Majestät die Wahrheit sagen, und ich hoffe, Sie vertrauen mir genug,
um sich auf meine Art, die Dinge zu sehen, verlassen zu können.
Ich weiß nicht, wie Ihre Generäle und Ihre Agenten Ihnen die jetzige
Situation in Deutschland darstellen; wenn sie Ihnen von Unterwerfung,
von Ruhe und Schwäche sprechen, so werden Sie von ihnen getäuscht und
betrogen. Die Gärung ist aufs höchste gestiegen; die verwegensten
Hoffnungen werden unterhalten und mit Begeisterung großgezogen; man hält
sich an das Beispiel Spaniens, und wenn der Krieg ausbrechen sollte, so
wird das ganze Land vom Rhein bis zur Oder der Herd einer ausgedehnten
und tatkräftigen Empörung sein.
Die Hauptursache dieser gefährlichen Bewegungen ist nicht allein der Haß
gegen die Franzosen und der Unwille gegen das Joch der Fremdherrschaft,
sie liegt noch weit mehr in den unglücklichen Zeiten, in dem gänzlichen
Ruin aller Klassen, in dem übermäßigen Druck, den die Abgaben, die
Kriegskontributionen, der Unterhalt der Truppen, die Durchzüge der
Soldaten und die unausgesetzt sich wiederholenden Belästigungen aller
Art ausüben. Es sind Ausbrüche der Verzweiflung von den Völkern zu
besorgen, die nichts mehr zu verlieren haben, weil man ihnen alles
genommen hat.
Es ist nicht nur in Westfalen und in den Frankreich unterstellten
Ländern, daß die Feuersbrunst ausbrechen wird, sondern auch in den
Ländern aller Souveräne des Rheinbunds. Sie selbst werden die ersten von
ihren Untertanen Unterworfenen sein, wenn sie nicht mit ihnen gemeinsame
Sache machen ...
Ew. Majestät braucht nicht anzunehmen, daß ich übertreibe, indem ich
Ihnen das Unglück des Volkes schildere; ich kann Ihnen sagen, daß in
Hannover, in Magdeburg und anderen wichtigen Städten meines Königreiches
die Besitzer ihre Häuser im Stiche lassen und vergebens versuchen, sie
zu den niedrigsten Preisen loszuwerden. Überall droht das Elend den
Familien; der Aristokrat, der Bürger und der Bauer, überlastet mit
Schulden, scheinen keine andere Hilfe mehr zu erwarten, als von einem
Befreiungsfeldzug, den sie mit all ihren Wünschen herbeisehnen, auf den
sie alle Gedanken richten.
Dieses Bild entspricht in all seinen Einzelheiten den Tatsachen. Von
den Hunderten von Berichten, die mir täglich zukommen, widerspricht ihm
keiner. Ich wiederhole es Ew. Majestät: ich wünsche nichts so sehr, als
daß Sie angesichts dieser Tatsachen die Augen öffnen und mit all der
Überlegenheit Ihres Geistes urteilen mögen, um danach die Ihnen richtig
erscheinenden Maßnahmen zu treffen ..."
Selbst wenn der Inhalt dieses Briefes von Eindruck gewesen ist, -- er
kam zu spät, der unheilvolle Krieg gegen Rußland, wo Feuer und Frost
sich vereinigten, um, weil Menschenkraft der großen Armee nichts
anzuhaben vermochte, zum vernichtenden Feinde zu werden --, war schon
beschlossen, und als einzige Antwort brachte der Kurier des Kaisers die
mit eigener Hand in größter Eile hingeworfene Frage nach dem Stande der
verfügbaren Streitkräfte Westfalens.[33] Wenige Monate später rückte
Jerome an der Spitze seiner Truppen in Polen ein. Er war bestimmt, den
rechten Flügel der Armee zu kommandieren und sich dem Heere des Prinzen
Bagration gegenüberzustellen. Nach mühseligen Märschen im Regen und im
Sumpf gönnte Jerome in Grodno seinen Truppen drei Ruhetage. Dem Kaiser
wurde davon Meldung gemacht. Er sah eine Eigenmächtigkeit des Bruders
darin, die seine sorgfältig erwogenen Pläne durchkreuzte, und befahl dem
Marschall Davout, sobald seine Armee mit der Jeromes zusammenstieße, den
Oberbefehl über beide zu übernehmen. Davout nahm die Gelegenheit wahr,
in schroffster Form dem Befehl Folge zu leisten. Jerome reichte sein
Entlassungsgesuch ein und verließ Polen noch am gleichen Tage. Nicht das
Verlangen nach den Vergnügungen Kassels, -- wenig verlockend mögen sie
in dieser Zeit dumpfer Gewitterschwüle gewesen sein! --, trieb ihn zu
diesem raschen Entschluß: sein tief verletzter Stolz allein hieß ihn
handeln.[34] Und sein Entschluß war berechtigt; starrköpfig und falsch
wurde seine Handlungsweise erst, als Napoleon ihn zu bleiben bat und er
dennoch den Weg heimwärts fortsetzte. Im August kam er in Kassel an,
zwei Monate später kehrten die traurigen Reste der westfälischen Armee
in die Heimat zurück, durchzogen die jammervollen, von Frost und Hunger,
Krankheit und Verwundungen gezeichneten Gestalten, die letzten Glieder
der großen Armee, plündernd, stehlend und bettelnd das erschöpfte Land.
Und schon wurden von Paris neue Forderungen laut: Magdeburg sollte mit
20000 Mann besetzt und auf ein Jahr verproviantiert werden, eine neue
Armee galt es zu schaffen, ohne Aufenthalt Bataillone und Eskadronen
formieren![35] Jerome wußte es: das war das Ende, und entrüstet wandte
er sich an Reinhard, der ihn zur Eile in der Erfüllung der kaiserlichen
Befehle nötigen wollte. "Wenn Westfalen dem Elend erliegen wird," rief
er aus, "und die Einwohner sich lieber eine Kugel vor den Kopf schießen,
als daß sie ihr letztes Stück Brot opfern, dann wird man Ihnen
vorwerfen, daß Sie die wahre Lage verschwiegen haben. Ihre Pflicht wäre
es, die Wahrheit zu sagen, selbst auf die Gefahr hin, in Ungnade zu
fallen. Nach drei Monaten würde man Ihnen recht geben."[36] Sein Appell
blieb ohne Erfolg. Und nun rüstete er sich mit vollem Bewußtsein zum
Ende seines Königsdramas, das viele töricht -- oder verlogen -- genug
waren, für eine fröhliche Operette zu erklären.
Zunächst brachte er die Königin in Sicherheit: er sandte sie am 10. März
1813 mit einigen Damen ihres Hofes nach Paris, sie rücksichtsvoll in dem
Glauben lassend, daß es sich nur um eine kurze Abwesenheit handeln
würde. Nachdem ihm dann der Kaiser seine dringende Bitte, sich in
Magdeburg, dem wichtigsten und am meisten gefährdeten Punkt seiner
Monarchie, mit seinen Truppen einschließen zu dürfen, rundweg
abgeschlagen hatte,[37] wandte er all seine Zeit und Kraft auf die
Ausbildung der jungen Rekruten, ohne den Forderungen des Kaisers rasch
genug nachkommen zu können. Infanterie, Artillerie, Husaren, Kürassiere
-- lauter blutjunge Westfalen, die, wie Jerome einmal in der
Verzweiflung ausrief, sich oft noch vor dem eigenen Gewehr fürchteten
und auf dem Pferde nicht festsaßen, -- sollten zur Armee des Prinzen
Eugen stoßen. Kassels Garnison bestand schließlich nur noch in einem
Regiment unausgebildeter Rekruten. Dabei wurde der Geldmangel immer
empfindlicher, die von Frankreich versprochene finanzielle Unterstützung
für die Equipierung der neuen Truppen blieb aus, und die
Armeelieferanten wollten nur noch gegen sofortige Bezahlung liefern.
Jerome verkaufte die Staatswagen, den größten Teil seines Marstalls,
Silber und Kleinodien, um sie in Waffen und Uniformen zu wandeln.[38]
Noch einmal bat er den Kaiser bei einer persönlichen Begegnung in
Dresden um einen Posten in dem großen Kampf, der bevorstand. Napoleon
bot ihm, den er selbst zum König gemacht hatte, eine untergeordnete
Stellung als Untergebener eines seiner Marschälle an. Jerome, in der
bitteren Erinnerung an die noch nicht vernarbte Wunde, die ihm in Polen
geschlagen worden war, lehnte ab. Aber mochte auch der Kaiser ihn an
seiner verwundbarsten Stelle, seinem Stolze, treffen, seine persönlichen
Dienste geringschätzen, -- der Napoleonischen Sache, die auch die seine
war, blieb sein Denken und Tun geweiht. Mit ruhigem Ernst, fast mit
Heiterkeit, hinter der selbst seine Freunde die Überzeugung des Königs
von der Unabänderlichkeit des kommenden Untergangs nicht zu ahnen
vermochten, widmete er sich weiter der Reorganisation der Truppen und
sandte sie immer wieder zur Armee, sobald ihre Ausbildung es
ermöglichte. Nicht er, der wissen mußte, daß die Entblößung der
Hauptstadt von allen Verteidigungsmitteln der Preisgabe seiner Person
gleichkam, sondern Reinhard war es schließlich, der von der kaiserlichen
Armee die Deckung Kassels gegen die Scharen der immer näher anrückenden
Kosaken forderte. Umsonst! Die Angst der Bewohner wuchs zusehends, nur
Jerome blieb ruhig. Im Morgengrauen des 28. September waren die Russen
vor den Toren. Die in der Nacht und am Abend vorher unter des Königs
Augen aufgeführten Barrikaden, von den Königshusaren verteidigt, an
deren Spitze der vierundachtzigjährige General von Schlieffen focht wie
ein Rekrut, waren von der russischen Artillerie bald überwunden. Der
Ministerrat trat zusammen: er überwand schließlich den Widerstand des
Königs und vermochte ihn dazu, die Stadt zu verlassen, um sich mit den
bereits angekündigten Hilfstruppen der kaiserlichen Armee zu vereinigen.
Seine erste Empfindung hatte ihm den richtigen Weg gezeigt: die Stadt zu
verteidigen bis zum letzten Blutstropfen, zu fallen eher als
davonzugehen oder sich zu ergeben; daß er ihr nicht folgte, -- wer will
ihn darum richten? Die Hoffnung ist eine starke, lebenerhaltende Kraft,
bei einem Mann von 29 Jahren vor allem. Zu bleiben bedeutete für ihn
gewissen Tod oder Schlimmeres: russische Gefangenschaft. Und Größere als
er haben zur rechten Zeit zu sterben nicht verstanden!
Am Nachmittage desselben Tages kapitulierte Kassel vor Czernischeff.
Fünf Tage später verließen die Russen die Stadt. Und nach zwei weiteren
Tagen erschienen zum Erstaunen aller die ersten königlichen Truppen
wieder. Jerome folgte ihnen von Koblenz aus. Aber in jeder Stunde, die
ihn Kassel näher führte, schien sich der Himmel mehr zu verdüstern:
Bayern hatte sich vom Kaiser losgesagt, Württemberg schloß sich unter
der Führung von Jeromes Schwiegervater seinen Feinden an, Bremen hatte
kapituliert, in Scharen desertierten die Soldaten, um sich den Gegnern
anzuschließen, und vom Kaiser selbst keine Nachricht! Trotz alledem
trieb es Jerome nach Kassel zurück, -- niemand wußte, warum. Am Abend
des 16. Oktober traf er ein; zwei Tage darauf folgte dem Kaisertraum der
Bonapartes das furchtbare Erwachen der Leipziger Schlacht. Bis zum Abend
des 24. Oktober drangen nur dunkle Gerüchte von dem, was geschehen war,
in die Stadt, bis sich die Masse der Alliierten langsam heranwälzte. Wo
ist der Kaiser? Diese eine Frage peinigte Jerome unausgesetzt. Hilfe dem
Kaiser! Dieser Gedanke beherrschte ihn schließlich allein. Alle, die
die Treue noch hielten, -- es waren angesichts der wachsenden Desertion
wenig genug --, ihm zuführen: dieser Wunsch wurde zum Entschluß. Mit
einer kleinen, von allen Seiten zusammengezogenen Armee von 5000 bis
6000 Mann erreichte er Köln, ein anderer Truppenteil von demselben
Umfang befand sich in Wesel. Nun, da er, ein König ohne Land und Krone,
dem besiegten Kaiser gegenüberstand, hoffte er endlich als einfacher
französischer General seine unter so schweren Opfern geschaffene und
zusammengehaltene Armee in den Entscheidungskampf führen zu dürfen. Über
seinen Kopf hinweg wurde dem Herzog von Tarent der Oberbefehl übergeben.
So war er verurteilt, er, der treueste der Brüder, abseits zu stehen,
als die letzten Kämpfe geschlagen wurden.
Napoleons Abdankung und der Einzug der Bourbonen machten auch Jerome zum
Heimatlosen, Landesflüchtigen. Nachdem sein Schwiegervater, der König
von Napoleons Gnaden, ihn in Württemberg, wo Katharina im Hause der
Eltern Zuflucht glaubte finden zu können, zum Gefangenen gemacht, ihn
unausgesetzt auf das ehrenrührigste behandelt hatte und seine tapfere
treue Frau mit allen Mitteln der Überredung und der Drohung hatte
bewegen wollen,[39] sich von ihm zu trennen, wurde ihm schließlich mit
Weib und Kind, das ihm Katharina in der Zeit der tiefsten Erniedrigung
geboren hatte, von jenem politischen Rechenkünstler Metternich, der in
dem letzten Trauerspiel der Napoleoniden die Stelle des Mephisto spielen
sollte, Triest als Aufenthaltsort angewiesen. Er wurde bewacht wie ein
Gefangener; trotzdem erreichte ihn die Nachricht von Napoleons Flucht
aus Elba, seinem Triumphzug durch Frankreich, und es gelang ihm, aller
Bewachung und aller Gefahr zum Trotz, nach Frankreich zu entkommen, der
erste und der einzige der Brüder des Kaisers, der sich zu seiner Fahne
meldete. Mit dem Kommando einer Division belohnte ihn Napoleon, die bei
Belle-Alliance den äußersten linken Flügel der Armee bildete, und aus
deren Reihen die ersten Schüsse fielen, das Signal zur furchtbaren
Schlacht. Gegen den Wald und das Schloß von Hougoumont stürzte Jerome
tollkühn mit den Seinen, und überall, wo das Gewühl am dichtesten war,
wehte sein weißer Mantel.[40] Als es zu Ende ging, blieb er in nächster
Nähe Napoleons. "Zu spät, mein Bruder, hab' ich dich erkannt," soll der
Kaiser im Augenblick, da sein Stern auf immer verlöschte, zu ihm gesagt
haben.[41] Die Sage meldet, daß sie beide der erlösenden Kugel warteten.
Wer aber zu so schwindelnder Höhe stieg, muß bis zum tiefsten Abgrund
niedersteigen: zu Tausenden fielen die alten Krieger um sie her, ihnen
aber war bestimmt, Schlimmeres zu ertragen als den Tod: die
Verlassenheit.
Jeromes Leben war von da an, wie das aller Bonapartes, ein unstetes
Wanderleben, unter ständigen, quälenden Sorgen. Wo er hinkam, war er ein
Gefangener, von den Kreaturen Metternichs bewacht, der ihn in einem
Bericht an die deutschen Souveräne für "einen der gefährlichsten und
unruhigsten Köpfe der Bonaparteschen Familie" erklärte, und auf dessen
Veranlassung die Mächte den Vertrag von Fontainebleau, durch den die
Bourbonen verpflichtet worden waren, den Mitgliedern der Familie
Bonaparte bestimmte Revenuen zukommen zu lassen, umstießen, weil es zu
gefährlich sei, "den verwegensten der kaiserlichen Brüder, Jerome, mit
Geldmitteln zu versehen."[42] Erst als der einsame gefesselte Adler auf
fernem Felsen die große Seele ausgehaucht hatte, als sein junger Sohn
der langsamen österreichischen Seelenvergiftung erlegen war und die
Überreste des Welteroberers in der Erde des Landes ruhten, das sein
Geist und sein Schwert zwei Jahrzehnte lang zum ruhmreichsten der Erde
gemacht hatte -- erst dann war es dem alternden Jerome, dem letzten der
großen Napoleoniden, vergönnt, in Frankreich auszuleben. Zum Gouverneur
der Invaliden ernannt, hütete er den toten Bruder, wie er dem lebenden
gedient hatte, und starb, ein Greis, im Schatten des Titanen, unter dem
sein Leben verflossen war.
Ist das das Bild des "Königs Lustik", das uns von allen Moralpredigern
und guten Patrioten von klein auf als abschreckendes Beispiel
verderblicher Sündhaftigkeit vor Augen geführt wurde? Haben in diesem
Leben, vor allem in den sechs Jahren des westfälischen Königtums, von
denen ein Jahr immer reicher war an Kämpfen nach innen und außen als das
andere, alle jene schwülen Geschichten Platz, die die lange
Regierungszeit eines Ludwig _XV._ kaum ausfüllen könnten? Es scheint,
daß der Bruder des Mannes, den der Ruhm zu den Größten der Erde erhob,
ein Opfer der historischen Legende werden mußte, weil Haß und Neid nicht
emporreichte bis zu Napoleon selbst; die Ehre, den Namen dieses
Halbgottes zu tragen, mußte er mit Verfolgung und Verbannung bezahlen.
Jerome war ein lebensfroher Mensch, mit einem empfänglichen, leicht zu
entflammenden Herzen; der antike Schönheitskultus von Florenz, der Stadt
seiner Ahnen, schien vor allem in ihm wieder lebendig geworden zu sein.
In seiner Freigebigkeit kannte er keine Grenzen, und Freude zu bereiten,
war für ihn die größte Freude. Seine erste Jugend, seine ganze
Erziehung, in der die Frage nach dem materiellen Wert der Dinge nie eine
Rolle spielte, unterstützten die Entwicklung dieser Seiten seines
Wesens. Er war ein _grandseigneur_, -- es gibt keine deutsche
Bezeichnung dafür. Mit dem Maßstab des Kleinbürgers gemessen, war er ein
Verschwender. Daß er es in einem anderen Sinne nicht sein konnte, dafür
zeugt die finanzielle Lage seines Königreichs, der ständige Kampf mit
den durch die Forderungen der Napoleonischen Politik entstehenden großen
pekuniären Schwierigkeiten. Gewiß: sein Hof, der eines jungen
strahlenden Fürsten, war ein glänzender, die leeren Räume der Schlösser
von Kassel und Napoleonshöhe füllten sich bald nach seinem Einzug mit
den schönsten Erzeugnissen der feinen Kunst der Empire; er und die
Königin --, deren tatsächlich vorhandene Neigung zur Verschwendung zwar
von Reinhard wiederholt getadelt und noch im Exil von Jerome selbst im
Zügel gehalten werden mußte, aber von den Sittenrichtern Jeromes, die
den Franzosen, den "Erbfeind" treffen wollten und die deutsche
Prinzessin daher schonten, sorgfältig verschwiegen wurde[43] --, hatten
immer eine offene Hand für ihre Freunde. Gewiß: Jerome erwies sich oft
als allzu gutmütig, indem er Unwürdige mit Geschenken überschüttete;
noch für die Kinder seiner Freunde oder seiner im Kriege gefallenen
Offiziere sorgte er in einer Weise, die seine Kräfte überstieg, und den
Wünschen derer, die er liebte, konnte er niemals widerstehen. Aber der
finanzielle Ruin Westfalens war zum geringsten Teil seine Schuld: er war
schon vorhanden, als er die Regierung übernahm, und mußte durch die
furchtbaren Erfordernisse der Napoleonischen Kriegszüge notwendig zum
Äußersten führen. Was aber die Berichte über Jeromes wahnsinnige
Verschwendungen noch sicherer in das Bereich der Märchen verweist, ist
die Tatsache, daß Jerome, der beschuldigt worden ist, ein großes
Vermögen aus Westfalen mitgenommen zu haben, schon auf dem Wege von
Kassel nach Köln gezwungen war, seine letzten Pferde, ein herrliches
Gespann von sechs Schimmeln, für neunzehnhundert Frank zu verkaufen, und
daß er schließlich nur ein bares Vermögen von 80000 Frank besaß. Er und
die Königin waren genötigt, alles, was sie an Wertsachen ihr Eigentum
nannten, -- Brillanten, Perlen, Silber, Kunstgegenstände --, zu
verkaufen, um überhaupt existieren zu können.[44]
Aber wenn er schon kein verbrecherischer Verschwender war, so ist er
doch ein Wüstling gewesen, sagen die Tugendhaften, die zwar das
"Austoben" ihrer eigenen Jugend für selbstverständlich halten, aber an
den korsischen König von 23 Jahren den strengsten Maßstab der Moral
anlegen zu müssen glauben.
Seine Zeitgenossen erzählen von ihm, wie schön und verwegen, von welch
bestrickender Liebenswürdigkeit er gewesen ist. Noch als Greis wußte er
die Menschen zu faszinieren. Küster rühmte von Kassel aus seine große
Güte für hoch und niedrig, und sein strahlendes, alle mit sich
fortreißendes Temperament;[45] Reinhard, der ihm kritisch genug
gegenüberstand, schrieb: "Nichts ist der Leichtigkeit und Würde zu
vergleichen, mit der der König repräsentiert; nichts erscheint
angelernt, nichts studiert. Man sieht, daß ihn die Krone nicht drückt,
die er trägt, weil er sich würdig fühlt, sie zu tragen."[46] Und diese
Krone fiel ihm in den Schoß, da er kaum 23 Jahre alt war! Zu gleicher
Zeit aber fesselten ihn politische Rücksichten an ein Weib, das sein
Herz nicht begehrt hatte, das er erst nach und nach zu lieben lernte.
In Kassel strömte ein buntes Gemisch von Abenteurern und alten
Aristokraten seinem Hofe zu. Viele, die sich später als Freiheitskämpfer
ihrer Vaterlandsliebe nicht laut genug rühmen konnten, umschmeichelten
ihn und empfingen dankbar Geld und Orden und Würden aus seinen Händen.
Die Frauen vor allem, ehrgeizige und leichtsinnige, solche, die den
König beherrschen, und solche, die von dem schönen Manne geliebt sein
wollten, drängten sich in seine Nähe. Und er war kein prinzipienfester
Tugendbold, -- korsisches Blut ist wild und heiß --, er liebte die
schönen Frauen. Es bedurfte keiner Verführungskünste, um sie zu
besitzen; wie der Prinz im Märchen vom Rosengarten war er: die Rosen
schmiegten sich ihm von selbst zu Füßen, er brauchte sie nicht zu
brechen. Die Gräfin Truchseß-Waldburg, geborene Prinzessin von
Hohenzollern, kam mit der Absicht, ihn zu gewinnen, an den Hof, die
Gräfin Bocholtz war ihre Rivalin in diesem Kampf.[47] Reinhard, der in
seinen Berichten nach Paris jedes Detail eines Maskenballes sorgfältig
registrierte, allen Hofklatsch der Schilderung für wert befand, weiß
wohl von denen zu erzählen, die das Herz des Königs entflammten, aber
von den wüsten Orgien, die jene übel duftende, gleich nach dem Sturz des
Königs anonym erschienene "Geheime Geschichte des ehemaligen
westfälischen Hofes zu Kassel"[48] behaglich und weitschweifig
darstellt, weiß er nichts. Auch der kleine Page von Lehsten, dessen
Erinnerungen Otto von Boltenstern kürzlich veröffentlichte, weiß nichts
davon. Von schönen Frauen und frohen Festen erzählt er, auch davon, daß
der König die Liebe genoß, aber zu gleicher Zeit erklärt er, daß die
geringste Verletzung des Anstands, daß zweideutige Äußerungen und
öffentliche Galanterien am Hofe vom König selbst auf das strengste
bestraft wurden und "kein Beispiel bekannt war, wonach die Unschuld
eines jungen Mädchens von gutem Ruf durch Verführungskünste untergraben
worden wäre".[49] Neuerdings schien dagegen ein Buch Moritz von
Kaisenbergs über Jerome dem alten Klatsch neue Nahrung zu geben. Bei
näherer Prüfung aber zeigt es sich, daß ein großer Teil der
veröffentlichten Briefe fingiert ist und dem romanhaften Charakter des
Ganzen entspricht. Die darin erzählten Schauergeschichten sind vielfach
wörtlich jener ominösen "Geheimen Geschichte" entnommen, die auch vielen
ebenso wertlosen wie tendenziösen Romanen das Material geliefert
hat.[50] Kein Patriotismus ist ja auch wohlfeiler wie der der
Beschimpfung des Feindes, und durch nichts fühlt die eigene gemeine
kleine Seele sich wohltuender erhoben, als wenn sie Hochgestellte im
Schmutze findet. Ohne diese fatale menschliche Eigenschaft würden
Klatsch und Verleumdung es nicht so leicht haben, an Stelle der Wahrheit
zu treten. Auch nicht angesichts der Person des Westfalenkönigs, dessen
Charakter eine unumstößliche Rechtfertigung gefunden hat. Für ihn gilt,
wie für Faust: das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.
Katharina von Württemberg war ihm ohne Liebe vermählt worden. Bald nach
der Hochzeit schon schrieb sie an ihren Vater: "Ich bin die glücklichste
der Frauen und kann der Vorsehung nicht genug danken, daß sie mein
Schicksal mit dem der besten der Männer vereint hat."[51] Reinhard
berichtete von Kassel aus an den Kaiser: "Das Leben der Königin ist nur
von der der Anbetung gleichkommenden Liebe zum König beherrscht."[52]
Das Tagebuch der Königin bringt auf jeder Seite die rührendsten Beweise
ihrer Liebe und ihres Vertrauens.[53] Während der häufigen Trennungen
korrespondierten die Gatten täglich miteinander, und über einen langen
Zeitraum verstreut finden sich in den Briefen der Königin folgende
Stellen: "Ich habe nur Dich in der Welt" -- "Lieber nehme ich alle
Unannehmlichkeiten auf mich, als das Unglück, Dir zu mißfallen" -- "Du
weißt, daß nichts mich so zur Verzweiflung bringt und mich so
unglücklich macht, als von Dir getrennt zu sein."[54]
Nach dem Sturze des Kaiserreichs, als Katharina für sich und ihr Kind
einer vollkommen unsicheren Zukunft entgegensah, bot ihr ihr Vater ein
Schloß in Württemberg und eine gesicherte, ihrem Rang entsprechende
Existenz an für den Preis ihrer Trennung von Jerome. Aber während
Napoleons Gattin den vom Glück Verlassenen ruhig verriet und seinen und
ihren Sohn um ihres Wohllebens willen an Österreich auslieferte, schrieb
Katharina ihrem Vater: "Durch die Politik gezwungen, den König zu
heiraten, hat das Schicksal es doch gefügt, daß ich die glücklichste
Frau wurde, die es geben kann. Alle meine Gefühle gehören ihm: Liebe,
Zärtlichkeit, Bewunderung," und sie erklärte zum Schluß: "Der Tod oder
mein Gatte, das ist die Devise meines Lebens!"[55]
Einem Mann, der ein Wüstling ist, kann eine Frau sich vielleicht aus
falschem Pflichtgefühl opfern, nie aber wird sie ihm die heiße Liebe
eines Lebens weihen, -- jene Liebe, die selbst die schwerste Probe
besteht: daß das Herz des anderen nicht stets in gleicher Liebe für sie
entbrannte.
Allen Schmutz, den Neid und Haß und böswillige Verleumdung auf Jeromes
Grab gehäuft haben, spült der Strom der Liebe Katharinas fort, und
gelingt es ihm nicht ganz, bleibt noch etwas von ihm an den bunten
Blumen der Erinnerung haften, die darauf wachsen wollen, so weiß ich von
einer anderen Liebe, einer heimlichen, stillen, die auch die letzten
Blättchen reinwäscht. Von ihr will ich erzählen.