Im Jahre 1890 starb Jenny von Gustedt, deren Leben diese Blätter
schildern sollen. Sie war die letzte Zeugin einer großen Zeit, ihre
Gestalt war geweiht und verklärt durch Goethes Freundschaft. Unter dem
Titel "Aus Goethes Freundeskreise" gab ich ein Jahr nach ihrem Tode ihre
Erinnerungen und hinterlassenen Papiere heraus. Sie sind auch diesmal
die Grundlage des vorliegenden Buches. Aber es ist nicht dasselbe wie
damals. Es ist äußerlich und innerlich ein anderes geworden. Das gilt
nicht nur in bezug auf die Anordnung des Stoffes, sondern auch in bezug
auf den Inhalt, der sich um vieles bereichert und manchen für die
Öffentlichkeit uninteressanten Ballast verloren hat. Auch die Gestalt,
die im Mittelpunkt des Buches steht, Jenny von Gustedt, meine geliebte
Großmutter, erscheint verändert. Ihr Bild, das die junge Enkelin noch
nicht zu erkennen vermochte, weil sie jenes Sehen noch nicht gelernt
hatte, das sich nur auf den vielverschlungenen Pfaden eigenen Lebens
lernen läßt, dessen Wiedergabe daher mißlingen mußte, weil all die
mannigfaltigen Farbentöne ihr fehlten, die nur durch persönliche
Erfahrungen zu gewinnen sind, tritt jetzt lebendiger hervor. Wie die
Menschheit stets erst nach und nach zu ihren großen Führern heranreift
und ihnen in Geist und Herzen Altäre baut, lange nachdem sie ihre
Standbilder auf ihren Gräbern in Erz und Marmor errichtet hat, so werden
die Toten jedes einzelnen Menschenlebens ihm auch erst mit der Reihe der
Jahre vertraut und wahrhaft lebendig.
Wohl war meine Großmutter mir von klein auf Schutzgeist und Leitstern
des Lebens, bei ihr fand ich Verständnis für alles, was mich bewegte;
fremd war mir die eigene Mutter im Vergleich zu ihr. "Wie mein das Kind
ist, könnt ihr nicht glauben," schrieb sie, als ich kaum fünf Jahre alt
war. Aber erst jetzt, nachdem sie lange in der Erde ruht, nachdem ich
Weib und Mutter geworden bin, nachdem die "Krallen des Lebens", von
denen sie die Narben trug, sich auch mir ins Fleisch geschlagen haben,
verstehe ich sie ganz. Ich weiß nun aber auch, was ich ihr schuldig bin:
Wahrheit. Nicht nur die Wahrheit, die ich erst im Laufe der Jahre
erkannte, sondern auch die, die ich, unter dem Einfluß konventioneller
Familienmoralbegriffe, bei der ersten Ausgabe des Buches zu verhüllen
gezwungen war.
Von Kindheit an verwob sich mir das Bild meiner Großmutter mit dem jener
Titanen, die an der Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts die Welt
beherrscht hatten: Goethes und Napoleons. Wenn andere Kinder, der Ahne
zu Füßen sitzend, den alten trauten Märchen lauschen, die sie erzählt,
so ward ich nicht müde, den Lebensmärchen ihrer Jugend zuzuhören. Von
Weimars Glanzzeit sprach sie mir, von vielen kleinen Dingen und
Erlebnissen, die groß wurden, weil das Licht des Goethenamens sie umgab,
von den Menschen der Zeit, die wie ein anderes Geschlecht von da an in
meiner Erinnerung lebten, von dem Großen, Herrlichen selbst, dessen Haus
ihr eine Heimat war und Zeit ihres Lebens ihres Geistes Heimat geblieben
ist. Als ich älter wurde, war sie es, die mir Goethes Lebenswerk
erschloß; aus dem alten blauen Band der "Iphigenie", den er ihr
geschenkt hatte, tönten zuerst seine Worte an mein Ohr. Schauer der
Ehrfurcht ließen mein Herz erzittern, wie sie dann der Fünfzehnjährigen
den schmalen Goldreif an den Finger steckte, der stets ihr liebstes
Angebinde aus des Dichters Hand gewesen war. Wenige Jahre später,
während einer langen Genesungszeit nach schwerer Krankheit, wo ein
junges Ding, wie sie sagte, so leicht auf törichte Gedanken kommt,
sandte sie mir ihre schriftlichen Aufzeichnungen, für die sie bei ihren
Kindern ein Interesse nicht voraussetzen konnte. Sie schrieb dazu:
Lablacken, 22./11. 1884.
Mein trautstes geliebtes Lilichen!
Die alten Manuskripte, die ich Dir sende, werden Dir vielleicht mehr
Last als Freude sein; sie sind nach Zeit, Stimmung, Schrift und
Abschrift so kunterbunt durcheinander, und jede Sache bedarf fast einer
Erklärung, so daß ich Dein Versprechen hinnehme, Dich und Deine Augen,
Deine Zeit und Deine Gedanken nicht damit zu quälen, sondern sie nur als
leichte Beschäftigung und Anregung zu betrachten. Ich habe, wie Du
weißt, viel verbrannt, so als Braut vier Bände Tagebücher und später
viele Kisten voll oft recht interessanter Briefe, auch die von
Scheidler, meinem Hausphilosophen, wie er sich nannte. Die Briefe an ihn
ließ ich nach seinem Tode von seiner Tochter verbrennen, ebenso bat ich
Holtei und manche andere meiner Korrespondenten darum; ich bedaure es
auch nicht: man liest kaum mehr die schönsten klassischen Werke, wie
wird man alte, vergilbte, schwierige Handschriften lesen! Was übrig
blieb, überlasse ich Dir, mein geliebtes Enkelkind, ganz und gar, Du
darfst mit alledem thun und lassen, was Du willst, ich bin damit, wie
mit Allem im Leben, außer mit meiner fast krankhaften Mutterliebe und
mit meinem immer mehr reifenden Christenthum vollständig fertig, bin
sehr unproductiv, und nur manchmal, wenn die Anregung von außen kommt,
schreibe ich Erinnerungen nieder, die Du später auch haben sollst. Mein
Bestes an Gedanken und Gefühlen legte und lege ich in Briefen nieder.
Die meisten anderen Sachen haben eine Geschichte: Entwicklung, Klärung,
unnütze oder gut ausgenutzte Leiden, von Anderen angeregte
Ueberschwänglichkeiten, von innen verarbeitete Irrthümer. Die Aufsätze
aus Wilhelmsthal hatten persönliche Beziehungen und gehören in die
Kategorie getrockneter, gepreßter Blumen mit leisem Duft und matter
Farbe. Die vier französisch geschriebenen Charakterbilder waren die
Fortsetzung früherer, ebenfalls dem Feuertode geweihter, die unter
Goethes Augen entstanden waren und ihn interessierten. Die Art Novelle
'Gräfin Thara' ist mein letztes Geschreibsel; sie hat mich, mit langen
Unterbrechungen, oft angenehm beschäftigt und sollte eigentlich nur eine
Art Einleitung, ein Faden sein, an den ich Erfahrungen und Ansichten
reihen wollte ...
Die Beschäftigung mit den alten Manuskripten bildete ein neues Band
zwischen uns. Ich bat oft um Erklärungen, die mir mündlich und
schriftlich bereitwillig gegeben wurden, so daß nach und nach zu den
alten Schriften viele neue hinzukamen, auch die Erinnerungen, die sie
auf Anregung des Großherzogs Karl Alexander von Sachsen-Weimar, ihres
treuen Freundes, noch in ihrer letzten Lebenszeit niedergeschrieben
hatte.
Einst, als ich wenige Jahre vor ihrem Tode wieder einmal in ihrem
stillen grünen Zimmer bei ihr saß, öffnete sie das wohlbekannte Fach
ihres Schreibtisches, das in seiner vorderen Hälfte für mich immer eine
Fundgrube wunderbarer Dinge gewesen war: Ringe aus Haaren, Broschen mit
geheimnisvoll darin verschlossenen Bildchen, Gemmen und Steine, und
andere Merkwürdigkeiten hatten zu meinem Lieblingsspielzeug gehört, um
das sich tausend Träume schlangen; an einem Miniaturbilde aber, das die
Mitte eines breiten goldenen Armreifens bildete, war mein Blick stets
gebannt hängen geblieben: einen Mann in großer Uniform, mit klassisch
regelmäßigen Zügen und dunklen, leuchtenden Augen stellte es dar. Jerome
Napoleon war es, des großen Kaisers Bruder, jenes Kaisers, den
Großmutters Erzählungen mir immer als einen Riesen der Vorzeit hatten
erscheinen lassen -- nicht als jenen bekannten Kleinkinderschreck aller
guten Preußenkinder, sondern als eine schier übermenschliche Gestalt,
deren Machtgebot eine Welt formte und beherrschte. Aus der hinteren
Hälfte des Fachs, das alle diese Wunderdinge enthielt, zog Großmutter
ein sorgfältig verschnürtes Paket hervor und gab es mir. "Bewahre es mit
dem übrigen," sagte sie, "damit es, wenn ich sterbe, nicht vernichtet
wird." Es enthielt Briefe des einstigen Königs von Westfalen an sie, die
geliebte Tochter aus seinem heimlichen Liebesbund mit einer ihm immer
unvergeßlichen Frau. Wohl hatte ich schon lange von Großmamas Herkunft
reden hören, als Kind schon hatte man mich meines Ahnherrn wegen
verhöhnt, und wenn ich an Eltern und Verwandte schüchterne Fragen nach
ihm zu richten wagte, so wurden sie rot und schalten mich; ich wußte nie
recht, ob ich stolz sein oder mich nicht vielmehr seiner schämen sollte.
Seine Briefe erst lehrten mich ihn lieben.
Als Großmama gestorben war und ich ihre Erinnerungen der Öffentlichkeit
übergeben durfte, war es selbstverständlich meine Absicht, ihrer
Herkunft der Wahrheit gemäß zu gedenken. Aber die engere und die weitere
Familie, in deren Mitte ich lebte, entrüstete sich nicht wenig über mein
Vorhaben; sie sah ihre Ehre dadurch bedroht, die Stellung ihrer
Mitglieder in Staat und Gesellschaft gefährdet. Und ich, der Bande des
Bluts noch gleichbedeutend erschienen mit Banden des Geistes und
Herzens, fürchtete, sie durch Widerspruch zu zerreißen, und gehorchte.
Daß dieser Gehorsam der Familie gegenüber durch eine Lüge vor der
Öffentlichkeit erkauft wurde, daran dachte niemand. Nur mich quälte sie,
und in der Empfindung, daß eine Zeit kommen werde, in der ich mein
Unrecht gutzumachen vermöchte, bewahrte ich sorgfältig die Briefe
Jeromes und weigerte mich wiederholt, sie zu vernichten. Indem ich sie
nunmehr der Lebensbeschreibung meiner Großmutter einfüge, glaube ich ihr
gegenüber eine Pflicht zu erfüllen. Und noch mehr vielleicht bin ich
ihrem Vater die Veröffentlichung schuldig: nicht nur, daß sie seines
Blutes war, zeigt sich darin, sondern auch, daß er es wert gewesen ist,
diese Tochter zu besitzen.
Sein Name hat in Deutschland keinen guten Klang: der widerlichste
Klatsch, dessen Geifer zur Höhe eines Napoleon, auch als er ein
gestürzter Riese war, nicht heraufreichte, hielt sich dafür an seinen
Brüdern und Schwestern schadlos. Halb Wüstling -- halb Schwachkopf -- so
lebt Jerome in der Tradition der Nachkommen jener Deutschen, die sich zu
seinem Hofe drängten, die von seiner allzu freigebigen Hand Titel und
Würden, Vermögen und Grundbesitz dankbar entgegennahmen. Seine Briefe an
meine Großmutter haben mich veranlaßt, ihn selbst in seinen Memoiren und
seinem Briefwechsel, seine Familie, seine Zeitgenossen und die
objektive Geschichtschreibung zu Rate zu ziehen, um seine wahre
Erscheinung dadurch kennen zu lernen. Nur sehr wenig sieht sie der
traditionellen gleich. Das auch vor der Öffentlichkeit festzustellen,
das Bild seiner Persönlichkeit zu reinigen von dem Schmutz, mit dem man
es beworfen hat, es in seiner Güte und Liebenswürdigkeit, wie in seiner
erschütternden Tragik auferstehen zu lassen -- wurde mir zum
Herzensbedürfnis. Und da es stets einer der schönsten Züge meiner
Großmutter gewesen ist, der Verleumdung zu steuern, wo sie ihr
begegnete, glaube ich um so mehr in ihrem Sinne zu handeln, wenn ich in
diesem Buche der Schilderung ihres Vaters Raum gewähre.
Unklar mußte leider das Bild ihrer Mutter bleiben. Wie sie auf jedem
ihrer Porträte eine andere ist, so ist auch ihr Wesen nicht
festzuhalten. Die Geliebte Jeromes wurde als ein so dunkler Fleck in der
Familiengeschichte betrachtet, daß man versuchte, ihn so sehr als
möglich zu verwischen. Ihr letzter Brief an ihre Tochter ist das einzige
persönliche Zeichen ihres Daseins, das mir erhalten blieb. Was sonst
wohl vorhanden sein mag, schläft wahrscheinlich unter dem strengen
Schutze der Prüderie in Rumpelkammern und Familienarchiven den Schlaf
des Todes. Auch die anderen Briefe, die ich dem Buch neu einverleiben
konnte, sind an Umfang geringer, als es unter anderen Umständen hätte
sein können. Sehr vieles mag der Vernichtung anheimgefallen sein, und
die verschlossenen Familienschreine und fürstlichen Hausarchive, wo sich
z. B. die Briefe an die Kaiserin Augusta, an die Herzogin von Orleans,
an den Großherzog Karl Alexander und an andere finden dürften, öffnen
sich mir nicht mehr. Wo es geschah -- was ich nicht unterlassen will,
dankbar zu erwähnen --, wie im Goethe-Schiller-Archiv und im
Familienarchiv der Bonapartes, hat sich nichts gefunden.
* * * * *
Für eine Zeit, wie die unsere, die ihrer selbst in all ihrer
verständigen Nüchternheit überdrüssig wurde, ist es charakteristisch,
daß sie der Vergangenheit nachspürt, verborgene Schätze wieder ans Licht
befördert, Toten neues Leben einflößt und ewig lebendige, die für sie
lange verschollen waren, wieder auf sich wirken läßt. Viele sehen nichts
anderes darin als ein Zeichen der Dekadenz, des Absterbens, weil es an
alte Menschen erinnert, die mit steigenden Jahren immer mehr in der
Erinnerung leben. Mir scheint, daß es vielmehr ein Zeichen neuen,
werdenden Lebens ist, dem freilich, wie immer im Herbst, ein Absterben
des alten vorangehen muß. Denn Sehnsucht drückt sich aus darin, und
Sehnsucht ist immer etwas Junges, dem Erfüllung folgen muß. Diese
Sehnsucht aber möchte dieses Buch nähren.