D. Fr. Sie haben Ihre Zeit nicht ganz übel angewendet. Es übt die Feder,
wenn man sich bemüht, etwas gründlicher, als gewöhnlich, und doch plan,
wie es für die Kanzel seyn soll, zu arbeiten; es macht unsere eigene
Erkenntniss lebendiger, wenn man sie überdies mit einiger Wärme
vorträgt.
D. V. Ich verstehe. -- Und ein Exercitium hat seine Bestimmung erreicht,
wenn es unsere eigenen Kräfte geübt hat. Es gehört vor die Augen des
Lehrmeisters, oder des gutmüthigen Freundes, wenn man über die Jahre
hinaus ist, einen Lehrmeister zu haben; nicht vor das Publicum.
D. Fr. Wenn Sie es so nehmen wollen! -- Doch erlauben Sie mir eine
Frage: auf welche Art der Leser rechnen Sie?
D. V. Auf Leser aller Art, welche moralische und religiöse Wahrheit, und
das Nachdenken darüber lieben.
D. Fr. -- Die das Nachdenken lieben, mithin dasselbe kennen, aus
Erfahrung kennen, die in einem Stande leben, der ihnen ehemals
Unterricht, jetzt Musse gewährt. -- Vielleicht finden diese etwas noch
Besseres zu lesen, als Ihre Predigten.
D. V. Und warum sollten sie nicht auch in Ständen gelesen werden, die
auf einer tieferen Stufe der Cultur stehen, die ihnen weniger Quellen
eröffnet? -- Sie haben doch nicht vergessen, was ich Ihnen sagte, dass
der grösste Theil dieser Predigten in mancherlei Ländern, vor sehr
gemischten Zuhörern, nicht ohne merklichen Eindruck gehalten worden?
D. Fr. Abgerechnet, dass Sie allenthalben Fremder und Gastprediger waren
-- angenommen, dass Ihre Eigenliebe diesen merklichen Eindruck sich
nicht um eines Haares Breite grösser vorgestellt habe -- alles, was Sie
wollen, abgerechnet und angenommen: so wissen Sie doch gewiss, welch ein
Unterschied es ist, Predigten hören oder Predigten lesen.
D. V. Aber es werden doch darum noch häufig Predigten gelesen, in
höheren und niederen Ständen.
D. Fr. Welcher innere Unterschied zwischen jenen häufig gelesenen
Predigten und den Ihrigen sey, werden Ihnen die Recensenten sagen; auf
den Unterschied in den Personen übernehme ich es, Sie aufmerksam zu
machen. -- Gehen Sie hin, und werden der Lieblingsprediger des feineren
Publicums in einer volkreichen, Ton angebenden, von Fremden häufig
besuchten Stadt; dann sammeln Sie Ihre Predigten und setzen Ihren Namen
vor. Wird man sie auch nicht immer lesen, so wird man sie doch kaufen,
sauber binden und in seine Bücherschränke aufstellen. Aber -- anonyme
Predigten -- das ist unerhört! Oder wollen Sie Ihren unbekannten Namen
vorsetzen?
D. V. Und wäre er berühmt, so würde ich desto mehr Anstand nehmen, ihn
zu nennen. Ich möchte die Aufmerksamkeit dem Inhalte verdanken, und
nicht dem Namen.
D. Fr. Dem Inhalte? So hätten Sie entweder weniger gewöhnliche
Gegenstände behandeln, oder die behandelten gewöhnlichen von einer
gewöhnlichen Seite darstellen sollen! Sie haben der Sache beides, zu
wenig und zu viel, gethan. Wer Ihre Predigten verstehen, beurtheilen,
schätzen könnte, liest keine Predigten; und wer Predigten liest,
versteht die Ihrigen nicht.