Fünftes Kapitel

In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lido machte Gustav von

Aschenbach einige die Außenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmungen.

Erstens schien es ihm, als ob bei steigender Jahreszeit die Frequenz

seines Gasthofes eher ab-als zunähme, und, insbesondere, als ob die

deutsche Sprache um ihn her versiege und verstumme, so daß bei Tisch

und am Strand endlich nur noch fremde Laute sein Ohr trafen. Eines

Tages dann fing er beim Coiffeur, den er jetzt häufig besuchte, im

Gespräche ein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mann hatte einer

deutschen Familie erwähnt, die soeben nach kurzem Verweilen abgereist

war und setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu: »Sie bleiben, mein

Herr; Sie haben keine Furcht vor dem Übel.« Aschenbach sah ihn an.

»Dem Übel?« wiederholte er. Der Schwätzer verstummte, tat beschäftigt,

überhörte die Frage, und als sie dringlicher gestellt ward, erklärte

er, er wisse von nichts und suchte mit verlegener Beredsamkeit

abzulenken.

Das war um Mittag. Nachmittags fuhr Aschenbach bei Windstille und

schwerem Sonnenbrand nach Venedig; denn ihn trieb die Manie, den

polnischen Geschwistern zu folgen, die er mit ihrer Begleiterin den

Weg zur Dampferbrücke hatte einschlagen sehen. Er fand den Abgott

nicht bei San Marco. Aber beim Tee, an seinem eisernen Rundtischchen

auf der Schattenseite des Platzes sitzend, witterte er plötzlich in

der Luft ein eigentümliches Arom, von dem ihm jetzt schien, als habe

es schon seit Tagen, ohne ihm ins Bewußtsein zu dringen, seinen Sinn

berührt,--einen süßlich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wunden

und verdächtige Reinlichkeit erinnerte. Er prüfte und erkannte ihn

nachdenklich, beendete seinen Imbiß und verließ den Platz auf der dem

Tempel gegenüberliegenden Seite. In der Enge verstärkte sich der

Geruch. An den Straßenecken hafteten gedruckte Anschläge, durch welche

die Bevölkerung wegen gewisser Erkrankungen des gastrischen Systems,

die bei dieser Witterung an der Tagesordnung seien, vor dem Genusse

von Austern und Muscheln, auch vor dem Wasser der Kanäle

stadtväterlich gewarnt wurde. Die beschönigende Natur des Erlasses war

deutlich. Volksgruppen standen schweigsam auf Brücken und Plätzen

beisammen; und der Fremde stand spürend und grübelnd unter ihnen.

Einen Ladeninhaber, der zwischen Korallenschnüren und falschen

Amethyst-Geschmeiden in der Türe seines Gewölbes lehnte, bat er um

Auskunft über den fatalen Geruch. Der Mann maß ihn mit schweren Augen

und ermunterte sich hastig. »Eine vorbeugende Maßregel, mein Herr!«

antwortete er mit Gebärdenspiel. »Eine Verfügung der Polizei, die man

billigen muß. Diese Witterung drückt, der Scirocco ist der Gesundheit

nicht zuträglich. Kurz, Sie verstehen,--eine vielleicht übertriebene

Vorsicht...« Aschenbach dankte ihm und ging weiter. Auch auf dem

Dampfer, der ihn zum Lido zurücktrug, spürte er jetzt den Geruch des

keimbekämpfenden Mittels.

Ins Hotel zurückgekehrt, begab er sich sogleich in die Halle zum

Zeitungstisch und hielt in den Blättern Umschau. Er fand in den

fremdsprachigen nichts. Die heimatlichen verzeichneten Gerüchte,

führten schwankende Ziffern an, gaben amtliche Ableugnungen wieder und

bezweifelten deren Wahrhaftigkeit. So erklärte sich der Abzug des

deutschen und österreichischen Elementes. Die Angehörigen der übrigen

Nationen wußten offenbar nichts, ahnten nichts, waren noch nicht

beunruhigt. »Man soll schweigen!« dachte Aschenbach erregt, indem er

die Journale auf den Tisch zurückwarf. »Man soll das verschweigen!«

Aber zugleich füllte sein Herz sich mit Genugtuung über das Abenteuer,

in welches die Außenwelt geraten wollte. Denn der Leidenschaft ist,

wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags

nicht gemäß, und jede Lockerung des bürgerlichen Gefüges, jede

Verwirrung und Heimsuchung der Welt muß ihr willkommen sein, weil sie

ihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann. So empfand

Aschenbach eine dunkle Zufriedenheit über die obrigkeitlich

bemäntelten Vorgänge in den schmutzigen Gäßchen Venedigs,--dieses

schlimme Geheimnis der Stadt, das mit seinem eigensten Geheimnis

verschmolz, und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war. Denn

der Verliebte besorgte nichts, als daß Tadzio abreisen könnte und

erkannte nicht ohne Entsetzen, daß er nicht mehr zu leben wissen

werde, wenn das geschähe.

Neuerdings begnügte er sich nicht damit, Nähe und Anblick des Schönen

der Tagesregel und dem Glücke zu danken; er verfolgte ihn, er stellte

ihm nach. Sonntags zum Beispiel erschienen die Polen niemals am

Strande; er erriet, daß sie die Messe in San Marco besuchten, er eilte

dorthin, und aus der Glut des Platzes in die goldene Dämmerung des

Heiligtums eintretend, fand er den Entbehrten, über ein Betpult

gebeugt beim Gottesdienst. Dann stand er im Hintergrunde, auf

zerklüftetem Mosaikboden, inmitten knieenden, murmelnden,

kreuzschlagenden Volkes, und die gedrungene Pracht des

morgenländischen Tempels lastete üppig auf seinen Sinnen. Vorn

wandelte, hantierte und sang der schwergeschmückte Priester, Weihrauch

quoll auf, er umnebelte die kraftlosen Flämmchen der Altarkerzen, und

in den dumpfsüßen Opferduft schien sich leise ein anderer zu mischen:

der Geruch der erkrankten Stadt. Aber durch Dunst und Gefunkel sah

Aschenbach, wie der Schöne dort vorn den Kopf wandte, ihn suchte und

ihn erblickte.

Wenn dann die Menge durch die geöffneten Portale hinausströmte auf den

leuchtenden, von Tauben wimmelnden Platz, verbarg sich der Betörte in

der Vorhalle, er versteckte sich, er legte sich auf die Lauer. Er sah

die Polen die Kirche verlassen, sah, wie die Geschwister sich auf

zeremoniöse Art von der Mutter verabschiedeten und wie diese sich

heimkehrend zur Piazzetta wandte; er stellte fest, daß der Schöne, die

klösterlichen Schwestern und die Gouvernante den Weg zur Rechten durch

das Tor des Uhrturmes und in die Merceria einschlugen, und nachdem er

sie einigen Vorsprung hatte gewinnen lassen, folgte er ihnen, folgte

ihnen verstohlen auf ihrem Spaziergang durch Venedig.

Er mußte stehen bleiben, wenn sie sich verweilten, mußte in Garküchen

und Höfe flüchten, um die Umkehrenden vorüber zu lassen; er verlor

sie, suchte erhitzt und erschöpft nach ihnen über Brücken und in

schmutzigen Sackgassen und erduldete Minuten tödlicher Pein, wenn er

sie plötzlich in enger Passage, wo kein Ausweichen möglich war, sich

entgegenkommen sah. Dennoch kann man nicht sagen, daß er litt. Haupt

und Herz waren ihm trunken, und seine Schritte folgten den Weisungen

des Dämons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Würde unter

seine Füße zu treten.

Irgendwo nahmen Tadzio und die Seinen dann wohl eine Gondel, und

Aschenbach, den, während sie einstiegen, ein Vorbau, ein Brunnen

verborgen gehalten hatte, tat, kurz nachdem sie vom Ufer abgestoßen,

ein Gleiches. Er sprach hastig und gedämpft, wenn er den Ruderer,

unter dem Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes, anwies, jener

Gondel, die eben dort um die Ecke biege, unauffällig in einigem

Abstand zu folgen; und es überrieselte ihn, wenn der Mensch, mit der

spitzbübischen Erbötigkeit eines Gelegenheitsmachers, ihm in demselben

Tone versicherte, daß er bedient, daß er gewissenhaft bedient werden

solle.

So glitt und schwankte er denn, in weiche, schwarze Kissen gelehnt,

der anderen schwarzen, geschnabelten Barke nach, an deren Spur die

Passion ihn fesselte. Zuweilen entschwand sie ihm: dann fühlte er

Kummer und Unruhe. Aber sein Führer, als sei er in solchen Aufträgen

wohl geübt, wußte ihm stets durch schlaue Manöver, durch rasche

Querfahrten und Abkürzungen das Begehrte wieder vor Augen zu bringen.

Die Luft war still und riechend, schwer brannte die Sonne durch den

Dunst, der den Himmel schieferig färbte. Wasser schlug glucksend gegen

Holz und Stein. Der Ruf des Gondoliers, halb Warnung, halb Gruß, ward

fernher aus der Stille des Labyrinths nach sonderbarer Übereinkunft

beantwortet. Aus kleinen, hochliegenden Gärten hingen Blütendolden,

weiß und purpurn, nach Mandeln duftend, über morsches Gemäuer.

Arabische Fensterumrahmungen bildeten sich im Trüben ab. Die

Marmorstufen einer Kirche stiegen in die Flut; ein Bettler, darauf

kauernd, sein Elend beteuernd, hielt seinen Hut hin und zeigte das

Weiße der Augen, als sei er blind, ein Altertumshändler, vor seiner

Spelunke, lud den Vorüberziehenden mit kriecherischen Gebärden zum

Aufenthalt ein, in der Hoffnung, ihn zu betrügen. Das war Venedig, die

schmeichlerische und verdächtige Schöne,--diese Stadt, halb Märchen,

halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einst

schwelgerisch aufwucherte und welche den Musikern Klänge eingab, die

wiegen und buhlerisch einlullen. Dem Abenteuernden war es, als tränke

sein Auge dergleichen Üppigkeit, als würde sein Ohr von solchen

Melodien umworben; er erinnerte sich auch, daß die Stadt krank sei und

es aus Gewinnsucht verheimliche, und er spähte ungezügelter aus nach

der voranschwebenden Gondel.

So wußte und wollte denn der Verwirrte nichts anderes mehr, als den

Gegenstand, der ihn entzündete, ohne Unterlaß zu verfolgen, von ihm

zu träumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden,

seinem bloßen Schattenbild zärtliche Worte zu geben. Einsamkeit,

Fremde und das Glück eines späten und tiefen Rausches ermutigten und

überredeten ihn, sich auch das Befremdlichste ohne Scheu und Erröten

durchgehen zu lassen, wie es denn vorgekommen war, daß er, spät abends

von Venedig heimkehrend, im ersten Stock des Hotels an des Schönen

Zimmertür Halt gemacht, seine Stirn in völliger Trunkenheit an die

Angel der Tür gelehnt und sich lange von dort nicht zu trennen

vermocht hatte, auf die Gefahr, in einer so wahnsinnigen Lage ertappt

und betroffen zu werden.

Dennoch fehlte es nicht an Augenblicken des Innehaltens und der halben

Besinnung. Auf welchen Wegen! dachte er dann mit Bestürzung. Auf

welchen Wegen! Wie jeder Mann, dem natürliche Verdienste ein

aristokratisches Interesse für seine Abstammung einflößen, war er

gewohnt, bei den Leistungen und Erfolgen seines Lebens der Vorfahren

zu gedenken, sich ihrer Zustimmung, ihrer Genugtuung, ihrer

notgedrungenen Achtung im Geiste zu versichern. Er dachte ihrer auch

jetzt und hier, verstrickt in ein so unstatthaftes Erlebnis, begriffen

in so exotischen Ausschweifungen des Gefühls; gedachte der

haltungsvollen Strenge, der anständigen Männlichkeit ihres Wesens und

lächelte schwermütig. Was würden sie sagen? Aber freilich, was hätten

sie zu seinem ganzen Leben gesagt, das von dem ihren so bis zur

Entartung abgewichen war, zu diesem Leben im Banne der Kunst, über das

er selbst einst, im Bürgersinne der Väter, so spöttische

Jünglingserkenntnisse hatte verlauten lassen und das dem ihren im

Grunde so ähnlich gewesen war! Auch er hatte gedient, auch er sich in

harter Zucht geübt; auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen, gleich

manchen von ihnen,--denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender

Kampf, für welchen man heute nicht lange taugte. Ein Leben der

Selbstüberwindung und des Trotzdem, ein herbes, standhaftes und

enthaltsames Leben, das er zum Sinnbild für einen zarten und

zeitgemäßen Heroismus gestaltet hatte,--wohl durfte er es männlich,

durfte es tapfer nennen, und es wollte ihm scheinen, als sei der Eros,

der sich seiner bemeistert, einem solchen Leben auf irgendeine Weise

besonders gemäß und geneigt. Hatte er nicht bei den tapfersten Völkern

vorzüglich in Ansehen gestanden, ja, hieß es nicht, daß er durch

Tapferkeit in ihren Städten geblüht habe? Zahlreiche Kriegshelden der

Vorzeit hatten willig sein Joch getragen, denn gar keine Erniedrigung

galt, die der Gott verhängte, und Taten, die als Merkmale der Feigheit

wären gescholten worden, wenn sie um anderer Zwecke willen geschehen

wären: Fußfälle, Schwüre, inständige Bitten und sklavisches Wesen,

solche gereichten dem Liebenden nicht zur Schande, sondern er erntete

vielmehr noch Lob dafür.

So war des Betörten Denkweise bestimmt, so suchte er sich zu stützen,

seine Würde zu wahren. Aber zugleich wandte er beständig eine spürende

und eigensinnige Aufmerksamkeit den unsauberen Vorgängen im Innern

Venedigs zu, jenem Abenteuer der Außenwelt, das mit dem seines Herzens

dunkel zusammenfloß und seine Leidenschaft mit unbestimmten,

gesetzlosen Hoffnungen nährte. Versessen darauf, Neues und Sicheres

über Stand oder Fortschritt des Übels zu erfahren, durchstöberte er in

den Kaffeehäusern der Stadt die heimatlichen Blätter, da sie vom

Lesetisch der Hotelhalle seit mehreren Tagen verschwunden waren.

Behauptungen und Widerrufe wechselten darin. Die Zahl der

Erkrankungs-, der Todesfälle sollte sich auf zwanzig, auf vierzig, ja

hundert und mehr belaufen, und gleich darauf wurde jedes Auftreten der

Seuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf völlig

vereinzelte, von außen eingeschleppte Fälle zurückgeführt. Warnende

Bedenken, Proteste gegen das gefährliche Spiel der welschen Behörden

waren eingestreut. Gewißheit war nicht zu erlangen.

Dennoch war sich der Einsame eines besonderen Anrechtes bewußt, an dem

Geheimnis teil zu haben, und, gleichwohl ausgeschlossen, fand er eine

bizarre Genugtuung darin, die Wissenden mit verfänglichen Fragen

anzugehen und sie, die zum Schweigen verbündet waren, zur

ausdrücklichen Lüge zu nötigen. Eines Tages beim Frühstück im großen

Speisesaal stellte er so den Geschäftsführer zur Rede, jenen kleinen,

leise auftretenden Menschen im französischen Gehrock, der sich

grüßend und beaufsichtigend zwischen den Speisenden bewegte und auch

an Aschenbachs Tischchen zu einigen Plauderworten Halt machte. Warum

man denn eigentlich, fragte der Gast in lässiger und beiläufiger

Weise, warum in aller Welt, man seit einiger Zeit Venedig

desinfiziere?--»Es handelt sich«, antwortete der Schleicher, »um eine

Maßnahme der Polizei, bestimmt, allerlei Unzuträglichkeiten oder

Störungen der öffentlichen Gesundheit, welche durch die brütende und

ausnehmend warme Witterung erzeugt werden möchten, pflichtgemäß und

beizeiten hintanzuhalten.«--»Die Polizei ist zu loben«, erwiderte

Aschenbach, und nach Austausch einiger meteorologischer Bemerkungen

empfahl sich der Manager.

Selbigen Tages noch, abends nach dem Diner, geschah es, daß eine

kleine Bande von Straßensängern aus der Stadt sich im Vorgarten des

Gasthofes hören ließ. Sie standen, zwei Männer und zwei Weiber, an dem

eisernen Mast einer Bogenlampe und wandten ihre weißbeschienenen

Gesichter zur großen Terrasse empor, wo die Kurgesellschaft sich bei

Kaffee und kühlenden Getränken die volkstümliche Darbietung gefallen

ließ. Das Hotelpersonal, Liftboys, Kellner und Angestellte der Office,

zeigte sich lauschend an den Türen zur Halle. Die russische Familie,

eifrig und genau im Genuß, hatte sich Rohrstühle in den Garten

hinabstellen lassen, um den Ausübenden näher zu sein, und saß dort

dankbar im Halbkreise. Hinter der Herrschaft, in turbanartigem

Kopftuch, stand ihre alte Sklavin.

Mandoline, Guitarre, Harmonika und eine quinkelierende Geige waren

unter den Händen der Bettelvirtuosen in Tätigkeit. Mit instrumentalen

Durchführungen wechselten Gesangsnummern, wie denn das jüngere der

Weiber, scharf und quäkend von Stimme, sich mit dem süß

falsettierenden Tenor zu einem verlangenden Liebesduett zusammentat.

Aber als das eigentliche Talent und Haupt der Vereinigung zeigte sich

unzweideutig der andere der Männer, Inhaber der Guitarre und im

Charakter eine Art Baryton-Buffo, fast ohne Stimme dabei, aber mimisch

begabt und von bemerkenswerter komischer Energie. Oftmals löste er

sich, sein großes Instrument im Arm, von der Gruppe der anderen los

und drang agierend gegen die Rampe vor, wo man seine Eulenspiegeleien

mit aufmunterndem Lachen belohnte. Namentlich die Russen, in ihrem

Parterre, zeigten sich entzückt über soviel südliche Beweglichkeit und

ermutigten ihn durch Beifall und Zurufe, immer kecker und sicherer aus

sich heraus zu gehen.

Aschenbach saß an der Balustrade und kühlte zuweilen die Lippen mit

einem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda, das vor ihm rubinrot im

Glase funkelte. Seine Nerven nahmen die dudelnden Klänge, die vulgären

und schmachtenden Melodien begierig auf, denn die Leidenschaft lähmt

den wählerischen Sinn und läßt sich allen Ernstes mit Reizen ein,

welche die Nüchternheit humoristisch aufnehmen oder unwillig ablehnen

würde. Seine Züge waren durch die Sprünge des Gauklers zu einem fix

gewordenen und schon schmerzenden Lächeln verrenkt. Er saß lässig da,

während eine äußerste Aufmerksamkeit sein Inneres spannte, denn sechs

Schritte von ihm lehnte Tadzio am Steingeländer.

Er stand dort in dem weißen Gürtelanzug, den er zuweilen zur

Hauptmahlzeit anlegte, in unvermeidlicher und anerschaffener Grazie,

den linken Unterarm auf der Brüstung, die Füße gekreuzt, die rechte

Hand in der tragenden Hüfte, und blickte mit einem Ausdruck, der kaum

ein Lächeln, nur eine entfernte Neugier, ein höfliches Entgegennehmen

war, zu den Bänkelsängern hinab. Manchmal richtete er sich gerade auf

und zog, indem er die Brust dehnte, mit einer schönen Bewegung beider

Arme den weißen Kittel durch den Ledergürtel hinunter. Manchmal aber

auch, und der Alternde gewahrte es mit Triumph, mit einem Taumeln

seiner Vernunft und auch mit Entsetzen, wandte er zögernd und behutsam

oder auch rasch und plötzlich, als gelte es eine Überrumpelung, den

Kopf über die linke Schulter gegen den Platz seines Liebhabers. Er

fand nicht dessen Augen, denn eine schmähliche Besorgnis zwang den

Verwirrten, seine Blicke ängstlich im Zaum zu halten. Im Grund der

Terrasse saßen die Frauen, die Tadzio behüteten, und es war dahin

gekommen, daß der Verliebte fürchten mußte, auffällig geworden und

beargwöhnt zu sein. Ja, mit einer Art von Erstarrung hatte er

mehrmals, am Strande, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco,

zu bemerken gehabt, daß man Tadzio aus seiner Nähe zurückrief, ihn von

ihm fernzuhalten bedacht war--und eine furchtbare Beleidigung daraus

entnehmen müssen, unter der sein Stolz sich in ungekannten Qualen

wand, und welche von sich zu weisen sein Gewissen ihn hinderte.

Unterdessen hatte der Guitarrist zu eigener Begleitung ein Solo

begonnen, einen mehrstrophigen, eben in ganz Italien florierenden

Gassenhauer, in dessen Kehrreim seine Gesellschaft jedesmal mit

Gesang und sämtlichem Musikzeug einfiel und den er auf eine

plastisch-dramatische Art zum Vortrag zu bringen wußte. Schmächtig

gebaut und auch von Antlitz mager und ausgemergelt, stand er,

abgetrennt von den Seinen, den schäbigen Filz im Nacken, so daß ein

Wulst seines roten Haars unter der Krempe hervorquoll, in einer

Haltung von frecher Bravour auf dem Kies und schleuderte zum Schollern

der Saiten in eindringlichem Sprechgesang seine Späße zur Terrasse

empor, indes vor produzierender Anstrengung die Adern auf seiner

Stirne schwollen. Er schien nicht venezianischen Schlages, vielmehr

von der Rasse der neapolitanischen Komiker, halb Zuhälter, halb

Komödiant, brutal und verwegen, gefährlich und unterhaltend. Sein

Lied, lediglich albern dem Wortlaut nach, gewann in seinem Munde,

durch sein Mienenspiel, seine Körperbewegungen, seine Art, andeutend

zu blinzeln und die Zunge schlüpfrig im Mundwinkel spielen zu lassen,

etwas Zweideutiges, unbestimmt Anstößiges. Dem weichen Kragen des

Sporthemdes, das er zu übrigens städtischer Kleidung trug, entwuchs

sein hagerer Hals mit auffallend groß und nackt wirkendem Adamsapfel.

Sein bleiches, stumpfnäsiges Gesicht, aus dessen bartlosen Zügen

schwer auf sein Alter zu schließen war, schien durchpflügt von

Grimassen und Laster, und sonderbar wollten zum Grinsen seines

beweglichen Mundes die beiden Furchen passen, die trotzig, herrisch,

fast wild zwischen seinen rötlichen Brauen standen. Was jedoch des

Einsamen tiefe Achtsamkeit eigentlich auf ihn lenkte, war die

Bemerkung, daß die verdächtige Figur auch ihre eigene verdächtige

Atmosphäre mit sich zu führen schien. Jedesmal nämlich, wenn der

Refrain wieder einsetzte, unternahm der Sänger unter Faxen und

grüßendem Handschütteln einen grotesken Rundmarsch, der ihn

unmittelbar unter Aschenbachs Platz vorüberführte, und jedesmal, wenn

das geschah, wehte, von seinen Kleidern, seinem Körper ausgehend, ein

Schwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor.

Nach geendigtem Couplet begann er, Geld einzuziehen. Er fing bei den

Russen an, die man bereitwillig spenden sah, und kam dann die Stufen

herauf. So frech er sich bei der Produktion benommen, so demütig

zeigte er sich hier oben. Katzbuckelnd, unter Kratzfüßen schlich er

zwischen den Tischen umher, und ein Lächeln tückischer Unterwürfigkeit

entblößte seine starken Zähne, während doch immer noch die beiden

Furchen drohend zwischen seinen roten Brauen standen. Man musterte das

fremdartige, seinen Unterhalt einsammelnde Wesen mit Neugier und

einigem Abscheu, man warf mit spitzen Fingern Münzen in seinen Filz

und hütete sich, ihn zu berühren. Die Aufhebung der physischen Distanz

zwischen dem Komödianten und den Anständigen erzeugt, und war das

Vergnügen noch so groß, stets eine gewisse Verlegenheit. Er fühlte sie

und suchte, sich durch Kriecherei zu entschuldigen. Er kam zu

Aschenbach und mit ihm der Geruch, über den niemand ringsum sich

Gedanken zu machen schien.

»Höre!« sagte der Einsame gedämpft und fast mechanisch. »Man

desinfiziert Venedig. Warum?«--Der Spaßmacher antwortete heiser: »Von

wegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze

und bei Scirocco. Der Scirocco drückt. Er ist der Gesundheit nicht

zuträglich...« Er sprach wie verwundert darüber, daß man dergleichen

fragen könne und demonstrierte mit der flachen Hand, wie sehr der

Scirocco drücke.--»Es ist also kein Übel in Venedig?« fragte

Aschenbach sehr leise und zwischen den Zähnen.--Die muskulösen Züge

des Possenreißers fielen in eine Grimasse komischer Ratlosigkeit. »Ein

Übel? Aber was für ein Übel? Ist der Scirocco ein Übel? Ist

vielleicht unsere Polizei ein Übel? Sie belieben zu scherzen! Ein

Übel! Warum nicht gar! Eine vorbeugende Maßregel, verstehen Sie doch!

Eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drückenden

Witterung...« Er gestikulierte.--»Es ist gut«, sagte Aschenbach

wiederum kurz und leise und ließ rasch ein ungebührlich bedeutendes

Geldstück in den Hut fallen. Dann winkte er dem Menschen mit den

Augen, zu gehen. Er gehorchte grinsend, unter Bücklingen; aber er

hatte noch nicht die Treppe erreicht, als zwei Hotelangestellte sich

auf ihn warfen und ihn, ihre Gesichter dicht an dem seinen, in ein

geflüstertes Kreuzverhör nahmen. Er zuckte die Achseln, er gab

Beteuerungen, er schwor, verschwiegen gewesen zu sein; man sah es.

Entlassen, kehrte er in den Garten zurück, und, nach einer kurzen

Verabredung mit den Seinen unter der Bogenlampe, trat er zu einem

Dank-und Abschiedsliede noch einmal vor.

Es war ein Lied, das jemals gehört zu haben der Einsame sich nicht

erinnerte; ein dreister Schlager in unverständlichem Dialekt und

ausgestattet mit einem Lach-Refrain, in den die Bande regelmäßig aus

vollem Halse einfiel. Es hörten hierbei sowohl die Worte wie auch die

Begleitung der Instrumente auf, und nichts blieb übrig als ein

rhythmisch irgendwie geordnetes, aber sehr natürlich behandeltes

Lachen, das namentlich der Solist mit großem Talent zu täuschendster

Lebendigkeit zu gestalten wußte. Er hatte bei wiederhergestelltem

künstlerischen Abstand zwischen ihm und den Herrschaften seine ganze

Frechheit wiedergefunden, und sein Kunstlachen, unverschämt zur

Terrasse emporgesandt, war Hohngelächter. Schon gegen das Ende des

artikulierten Teiles der Strophe schien er mit einem unwiderstehlichen

Kitzel zu kämpfen. Er schluchzte, seine Stimme schwankte, er preßte

die Hand gegen den Mund, er verzog die Schultern, und im gegebenen

Augenblick brach, heulte und platzte das unbändige Lachen aus ihm

hervor, mit solcher Wahrheit, daß es ansteckend wirkte und sich den

Zuhörern mitteilte, daß auch auf der Terrasse eine gegenstandslose und

nur von sich selbst lebende Heiterkeit um sich griff. Dies aber eben

schien des Sängers Ausgelassenheit zu verdoppeln. Er beugte die Knie,

er schlug die Schenkel, er hielt sich die Seiten, er wollte sich

ausschütten, er lachte nicht mehr, er schrie; er wies mit dem Finger

hinauf, als gäbe es nichts Komischeres, als die lachende Gesellschaft

dort oben, und endlich lachte dann alles im Garten und auf der

Veranda, bis zu den Kellnern, Liftboys und Hausdienern in den Türen.

Aschenbach ruhte nicht mehr im Stuhl, er saß aufgerichtet wie zum

Versuche der Abwehr oder der Flucht. Aber das Gelächter, der

heraufwehende Hospitalgeruch und die Nähe des Schönen verwoben sich

ihm zu einem Traumbann, der unzerreißbar und unentrinnbar sein Haupt,

seinen Sinn umfangen hielt. In der allgemeinen Bewegung und

Zerstreuung wagte er es, zu Tadzio hinüberzublicken, und indem er es

tat, durfte er bemerken, daß der Schöne, in Erwiderung seines Blickes

ebenfalls ernst blieb, ganz so, als richte er Verhalten und Miene nach

der des Anderen und als vermöge die allgemeine Stimmung nichts über

ihn, da jener sich ihr entzog. Diese kindliche und beziehungsvolle

Folgsamkeit hatte etwas so Entwaffnendes, Überwältigendes, daß der

Grauhaarige sich mit Mühe enthielt, sein Gesicht in den Händen zu

verbergen. Auch hatte es ihm geschienen, als bedeute Tadzios

gelegentliches Sichaufrichten und Aufatmen ein Seufzen, eine

Beklemmung der Brust. »Er ist kränklich, er wird wahrscheinlich nicht

alt werden«, dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit, zu welcher

Rausch und Sehnsucht bisweilen sich sonderbar emanzipieren, und reine

Fürsorge zugleich mit einer ausschweifenden Genugtuung erfüllte sein

Herz.

Die Venezianer unterdessen hatten geendigt und zogen ab. Beifall

begleitete sie, und ihr Anführer versäumte nicht, noch seinen Abgang

mit Spaßen auszuschmücken. Seine Kratzfüße, seine Kußhände wurden

belacht, und er verdoppelte sie daher. Als die Seinen schon draußen

waren, tat er noch, als renne er rückwärts empfindlich gegen einen

Lampenmast und schlich scheinbar krumm vor Schmerzen zur Pforte. Dort

endlich warf er auf einmal die Maske des komischen Pechvogels ab,

richtete sich, ja schnellte elastisch auf, bleckte den Gästen auf der

Terrasse frech die Zunge heraus und schlüpfte ins Dunkel. Die

Badegesellschaft verlor sich; Tadzio stand längst nicht mehr an der

Balustrade. Aber der Einsame saß noch lange, zum Befremden der

Kellner, bei dem Rest seines Granatapfelgetränkes an seinem Tischchen.

Die Nacht schritt vor, die Zeit zerfiel. Im Hause seiner Eltern, vor

vielen Jahren, hatte es eine Sanduhr gegeben,--er sah das gebrechliche

und bedeutende Gerätchen auf einmal wieder, als stünde es vor ihm.

Lautlos und fein rann der rostrot gefärbte Sand durch die gläserne

Enge, und da er in der oberen Höhlung zur Neige ging, hatte sich dort

ein kleiner, reißender Strudel gebildet.

Schon am folgenden Tage, nachmittags, tat der Starrsinnige einen neuen

Schritt zur Versuchung der Außenwelt und diesmal mit allem möglichen

Erfolge. Er trat nämlich vom Markusplatz in das dort gelegene

englische Reisebureau, und nachdem er an der Kasse einiges Geld

gewechselt, richtete er mit der Miene des mißtrauischen Fremden an den

ihn bedienenden Clerk seine fatale Frage. Es war ein wollig

gekleideter Brite, noch jung, mit in der Mitte geteiltem Haar, nahe

bei einander liegenden Augen und von jener gesetzten Loyalität des

Wesens, die im spitzbübisch behenden Süden so fremd, so merkwürdig

anmutet. Er fing an: »Kein Grund zur Besorgnis, Sir. Eine Maßregel

ohne ernste Bedeutung. Solche Anordnungen werden häufig getroffen,

um gesundheitsschädlichen Wirkungen der Hitze und des Scirocco

vorzubeugen...« Aber seine blauen Augen aufschlagend, begegnete er dem

Blicke des Fremden, einem müden und etwas traurigen Blick, der mit

leichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war. Da errötete der

Engländer. »Dies ist«, fuhr er halblaut und in einiger Bewegung fort,

»die amtliche Erklärung, auf der zu bestehen man hier für gut

befindet. Ich werde Ihnen sagen, daß noch etwas anderes dahinter

steckt.« Und dann sagte er in seiner redlichen und bequemen Sprache

die Wahrheit.

Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstärkte

Neigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt aus

den warmen Morästen des Ganges-Deltas, aufgestiegen mit dem

mephitischen Odem jener üppig-untauglichen, von Menschen gemiedenen

Urwelt-und Inselwildnis, in deren Bambusdickichten der Tiger kauert,

hatte die Seuche in ganz Hindustan andauernd und ungewöhnlich heftig

gewütet, hatte östlich nach China, westlich nach Afghanistan und

Persien übergegriffen und, den Hauptstraßen des Karawanenverkehrs

folgend, ihre Schrecken bis Astrachan, ja selbst bis Moskau getragen.

Aber während Europa zitterte, das Gespenst möchte von dort aus und zu

Lande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern übers

Meer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhäfen

aufgetaucht, hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermo

und Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schien aus ganz Calabrien

und Apulien nicht mehr weichen zu wollen. Der Norden der Halbinsel war

verschont geblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand man zu

Venedig an ein und demselben Tage die furchtbaren Vibrionen in den

ausgemergelten, schwärzlichen Leichnamen eines Schifferknechtes und

einer Grünwarenhändlerin. Die Fälle wurden verheimlicht. Aber nach

einer Woche waren es deren zehn, waren es zwanzig, dreißig und zwar in

verschiedenen Quartieren. Ein Mann aus der österreichischen Provinz,

der sich zu seinem Vergnügen einige Tage in Venedig aufgehalten,

starb, in sein Heimatstädtchen zurückgekehrt, unter unzweideutigen

Anzeichen, und so kam es, daß die ersten Gerüchte von der Heimsuchung

der Lagunenstadt in deutsche Tagesblätter gelangten. Venedigs

Obrigkeit ließ antworten, daß die Gesundheitsverhältnisse der Stadt

nie besser gewesen seien und traf die notwendigsten Maßregeln zur

Bekämpfung. Aber wahrscheinlich waren Nahrungsmittel infiziert worden.

Gemüse, Fleisch oder Milch, denn geleugnet und vertuscht, fraß das

Sterben in der Enge der Gäßchen um sich, und die vorzeitig

eingefallene Sommerhitze, welche das Wasser der Kanäle laulich

erwärmte, war der Verbreitung besonders günstig. Ja, es schien, als ob

die Seuche eine Neubelebung ihrer Kräfte erfahren, als ob die

Tenazität und Fruchtbarkeit ihrer Erreger sich verdoppelt hätte. Fälle

der Genesung waren sehr selten; achtzig vom Hundert der Befallenen

starben und zwar auf entsetzliche Weise, denn das Übel trat mit

äußerster Wildheit auf und zeigte häufig jene gefährlichste Form,

welche »die trockene« benannt ist. Hierbei vermochte der Körper das

aus den Blutgefäßen massenhaft abgesonderte Wasser nicht einmal

auszutreiben. Binnen wenigen Stunden verdorrte der Kranke und

erstickte am pechartig zähe gewordenen Blut unter Krämpfen und

heiseren Klagen. Wohl ihm, wenn, was zuweilen geschah, der Ausbruch

nach leichtem Übelbefinden in Gestalt einer tiefen Ohnmacht erfolgte,

aus der er nicht mehr oder kaum noch erwachte. Anfang Juni füllten

sich in der Stille die Isolierbaracken des Ospedale civico, in den

beiden Waisenhäusern begann es an Platz zu mangeln, und ein

schauerlich reger Verkehr herrschte zwischen dem Kai der neuen

Fundamente und San Michele, der Friedhofsinsel. Aber die Furcht vor

allgemeiner Schädigung, die Rücksicht auf die kürzlich eröffnete

Gemäldeausstellung in den öffentlichen Gärten, auf die gewaltigen

Ausfälle, von denen im Falle der Panik und des Verrufes die Hotels,

die Geschäfte, das ganze vielfältige Fremdengewerbe bedroht waren,

zeigte sich mächtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vor

internationalen Abmachungen; sie vermochte die Behörde, ihre Politik

des Verschweigens und des Ableugnens hartnäckig aufrecht zu erhalten.

Der oberste Medizinalbeamte Venedigs, ein verdienter Mann, war

entrüstet von seinem Posten zurückgetreten und unter der Hand durch

eine gefügigere Persönlichkeit ersetzt worden. Das Volk wußte das; und

die Korruption der Oberen zusammen mit der herrschenden Unsicherheit,

dem Ausnahmezustand, in welchen der umgehende Tod die Stadt versetzte,

brachte eine gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor, eine

Ermutigung lichtscheuer und antisozialer Triebe, die sich in

Unmäßigkeit, Schamlosigkeit und wachsender Kriminalität bekundete.

Gegen die Regel bemerkte man abends viele Betrunkene; bösartiges

Gesindel machte, so hieß es, nachts die Straßen unsicher; räuberische

Anfälle und selbst Mordtaten wiederholten sich, denn schon zweimal

hatte sich erwiesen, daß angeblich der Seuche zum Opfer gefallene

Personen vielmehr von ihren eigenen Anverwandten mit Gift aus dem

Leben geräumt worden waren; und die gewerbsmäßige Liederlichkeit nahm

aufdringliche und ausschweifende Formen an, wie sie sonst hier nicht

bekannt und nur im Süden des Landes und im Orient zu Hause gewesen

waren.

Von diesen Dingen sprach der Engländer das Entscheidende aus. »Sie

täten gut«, schloß er, »lieber heute als morgen zu reisen. Länger, als

ein paar Tage noch, kann die Verhängung der Sperre kaum auf sich

warten lassen.«--»Danke Ihnen«, sagte Aschenbach und verließ das Amt.

Der Platz lag in sonnenloser Schwüle. Unwissende Fremde saßen vor den

Cafés oder standen, ganz von Tauben bedeckt, vor der Kirche und sahen

zu, wie die Tiere, wimmelnd, flügelschlagend, einander verdrängend,

nach den in hohlen Händen dargebotenen Maiskörnern pickten. In

fiebriger Erregung, triumphierend im Besitze der Wahrheit, einen

Geschmack von Ekel dabei auf der Zunge und ein phantastisches Grauen

im Herzen, schritt der Einsame die Fliesen des Prachthofes auf und

nieder. Er erwog eine reinigende und anständige Handlung. Er konnte

heute Abend nach dem Diner der perlengeschmückten Frau sich nähern und

zu ihr sprechen, was er wörtlich entwarf: »Gestatten Sie dem Fremden,

Madame, Ihnen mit einem Rat, einer Warnung zu dienen, die der

Eigennutz Ihnen vorenthält. Reisen Sie ab, sogleich, mit Tadzio und

Ihren Töchtern! Venedig ist verseucht.« Er konnte dann dem Werkzeug

einer höhnischen Gottheit zum Abschied die Hand aufs Haupt legen, sich

wegwenden und diesem Sumpfe entfliehen. Aber er fühlte zugleich, daß

er unendlich weit entfernt war, einen solchen Schritt im Ernste zu

wollen. Er würde ihn zurückführen, würde ihn sich selber wiedergeben;

aber wer außer sich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sich

zu gehen. Er erinnerte sich eines weißen Bauwerks, geschmückt mit

abendlich gleißenden Inschriften, in deren durchscheinender Mystik das

Auge seines Geistes sich verloren hatte; jener seltsamen

Wandrergestalt sodann, die dem Alternden schweifende

Jünglingssehnsucht ins Weite und Fremde erweckt hatte; und der Gedanke

an Heimkehr, an Besonnenheit, Nüchternheit, Mühsal und Meisterschaft,

widerte ihn in solchem Maße, daß sein Gesicht sich zum Ausdruck

physischer Übelkeit verzerrte. »Man soll schweigen!« flüsterte er

heftig. Und: »Ich werde schweigen!« Das Bewußtsein seiner

Mitwisserschaft, seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe Mengen

Weines ein müdes Hirn berauschen. Das Bild der heimgesuchten und

verwahrlosten Stadt, wüst seinem Geiste vorschwebend, entzündete in

ihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft überschreitend, und von

ungeheuerlicher Süßigkeit. Was war ihm das zarte Glück, von dem er

vorhin einen Augenblick geträumt, verglichen mit diesen Erwartungen?

Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenüber den Vorteilen des Chaos?

Er schwieg und blieb.

In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum,--wenn man als Traum

ein körperhaft-geistiges Erlebnis bezeichnen kann, das ihm zwar im

tiefsten Schlaf und in völligster Unabhängigkeit und sinnlicher

Gegenwart widerfuhr, aber ohne daß er sich außer den Geschehnissen im

Raume wandelnd und anwesend sah; sondern ihr Schauplatz war vielmehr

seine Seele selbst, und sie brachen von außen herein, seinen

Widerstand--einen tiefen und geistigen Widerstand--gewalttätig

niederwerfend, gingen hindurch und ließen seine Existenz, ließen die

Kultur seines Lebens verheert, vernichtet zurück.

Angst war der Anfang, Angst und Lust und eine entsetzte Neugier nach

dem, was kommen wollte. Nacht herrschte, und seine Sinne lauschten;

denn weither näherte sich Getümmel, Getöse, ein Gemisch von Lärm:

Rasseln, Schmettern und dumpfes Donnern, schrilles Jauchzen dazu und

ein bestimmtes Geheul im gezogenen u-Laut, alles durchsetzt und

grauenhaft süß übertönt von tief girrendem, ruchlos beharrlichen

Flötenspiel, welches auf schamlos zudringende Art die Eingeweide

bezauberte. Aber er wußte ein Wort, dunkel, doch das benennend was

kam: »_Der fremde Gott!_« Qualmige Glut glomm auf: da erkannte er

Bergland, ähnlich dem um sein Sommerhaus. Und in zerrissenem Licht,

von bewaldeter Höhe, zwischen Stämmen und moosigen Felstrümmern wälzte

es sich und stürzte wirbelnd herab: Menschen, Tiere, ein Schwarm, eine

tobende Rotte, und überschwemmte die Halde mit Leibern, Flammen,

Tumult und taumelndem Rundtanz. Weiber, strauchelnd über zu

lange Fellgewänder, die ihnen vom Gürtel hingen, schüttelten

Schellentrommeln über ihren stöhnend zurückgeworfenen Häuptern,

schwangen stiebende Fackelbrände und nackte Dolche, hielten züngelnde

Schlangen in der Mitte des Leibes erfaßt oder trugen schreiend ihre

Brüste in beiden Händen. Männer, Hörner über den Stirnen, mit Pelzwerk

geschürzt und zottig von Haut, beugten die Nacken und hoben Arme und

Schenkel, ließen eherne Becken erdröhnen und schlugen wütend auf

Pauken, während glatte Knaben mit umlaubten Stäben Böcke stachelten,

an deren Hörner sie sich klammerten und von deren Sprüngen sie sich

jauchzend schleifen ließen. Und die Begeisterten heulten den Ruf aus

weichen Mitlauten und gezogenem u-Ruf am Ende, süß und wild zugleich,

wie kein jemals erhörter: hier klang er auf, in die Lüfte geröhrt, wie

von Hirschen, und dort gab man ihn wieder, vielstimmig, in wüstem

Triumph, hetzte einander damit zum Tanz und Schleudern der Glieder und

ließ ihn niemals verstummen. Aber alles durchdrang und beherrschte der

tiefe, lockende Flötenton. Lockte er nicht auch ihn, den widerstrebend

Erlebenden, schamlos beharrlich zum Fest und Unmaß des äußersten

Opfers? Groß war sein Abscheu, groß seine Furcht, redlich sein Wille,

bis zuletzt das Seine zu schützen gegen den Fremden, den Feind des

gefaßten und würdigen Geistes. Aber der Lärm, das Geheul, vervielfacht

von hallender Bergwand, wuchs, nahm Überhand, schwoll zu hinreißendem

Wahnsinn. Dünste bedrängten den Sinn, der beizende Ruch der Böcke,

Witterung keuchender Leiber und ein Hauch wie von faulenden Wassern,

dazu ein anderer noch, vertraut: nach Wunden und umlaufender

Krankheit. Mit den Paukenschlägen dröhnte sein Herz, sein Gehirn

kreiste, Wut ergriff ihn, Verblendung, betäubende Wollust, und seine

Seele begehrte, sich anzuschließen dem Reigen des Gottes. Das obszöne

Symbol, riesig, aus Holz, ward enthüllt und erhöht: da heulten sie

zügelloser die Losung. Schaum vor den Lippen tobten sie, reizten

einander mit geilen Gebärden und buhlenden Händen, lachend und

ächzend,--stießen die Stachelstäbe einander ins Fleisch und leckten

das Blut von den Gliedern. Aber mit ihnen, in ihnen war der Träumende

nun und dem fremden Gotte gehörig. Ja, sie waren er selbst, als sie

reißend und mordend sich auf die Tiere hinwarfen und dampfende Fetzen

verschlangen, als auf zerwühltem Moosgrund grenzenlose Vermischung

begann, dem Gotte zum Opfer. Und seine Seele kostete Unzucht und

Raserei des Unterganges.

Aus diesem Traum erwachte der Heimgesuchte entnervt, zerrüttet und

kraftlos dem Dämon verfallen. Er scheute nicht mehr die beobachtenden

Blicke der Menschen; ob er sich ihrem Verdacht aussetze, kümmerte

ihn nicht. Auch flohen sie ja, reisten ab; zahlreiche Strandhütten

standen leer, die Besetzung des Speisesaals wies größere Lücken auf,

und in der Stadt sah man selten noch einen Fremden. Die Wahrheit

schien durchgesickert, die Panik, trotz zähen Zusammenhaltens der

Interessenten, nicht länger hintanzuhalten. Aber die Frau im

Perlenschmuck blieb mit den Ihren, sei es, weil die Gerüchte nicht zu

ihr drangen, oder weil sie zu stolz und furchtlos war, um ihnen zu

weichen: Tadzio blieb; und jenem, in seiner Umfangenheit, war es

zuweilen, als könne Flucht und Tod alles störende Leben in der Runde

entfernen und er allein mit dem Schönen auf dieser Insel

zurückbleiben,--ja, wenn vormittags am Meere sein Blick schwer,

unverantwortlich, unverwandt auf dem Begehrten ruhte, wenn er bei

sinkendem Tage durch Gassen, in denen verheimlichterweise das ekle

Sterben umging, ihm unwürdig nachfolgte, so schien das Ungeheuerliche

ihm aussichtsreich und hinfällig das Sittengesetz.

Wie irgend ein Liebender wünschte er, zu gefallen und empfand bittere

Angst, daß es nicht möglich sein möchte. Er fügte seinem Anzüge

jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und

benutzte Parfüms, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit für seine

Toilette und kam geschmückt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts

der süßen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib,

der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszüge stürzte

ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich körperlich zu

erquicken und wiederherzustellen; er besuchte häufig den Coiffeur des

Hauses.

Im Frisiermantel, unter den pflegenden Händen des Schwätzers im Stuhle

zurückgelehnt, betrachtete er gequälten Blickes sein Spiegelbild.

»Grau«, sagte er mit verzerrtem Munde.

»Ein wenig«, antwortete der Mensch. »Nämlich durch Schuld einer

kleinen Vernachlässigung, einer Indifferenz in äußerlichen Dingen,

die bei bedeutenden Personen begreiflich ist, die man aber doch

nicht unbedingt loben kann und zwar umso weniger, als gerade solchen

Personen Vorurteile in Sachen des Natürlichen oder Künstlichen wenig

angemessen sind. Würde sich die Sittenstrenge gewisser Leute gegenüber

der kosmetischen Kunst logischerweise auch auf ihre Zähne erstrecken,

so würden sie nicht wenig Anstoß erregen. Schließlich sind wir so alt,

wie unser Geist, unser Herz sich fühlen, und graues Haar bedeutet

unter Umständen eine wirklichere Unwahrheit, als die verschmähte

Korrektur bedeuten würde. In Ihrem Falle, mein Herr, hat man ein Recht

auf seine natürliche Haarfarbe. Sie erlauben mir, Ihnen die Ihrige

einfach zurückzugeben?«

»Wie das?« fragte Aschenbach.

Da wusch der Beredte das Haar des Gastes mit zweierlei Wasser, einem

klaren und einem dunklen, und es war schwarz wie in jungen Jahren. Er

bog es hierauf mit der Brennscheere in weiche Lagen, trat rückwärts

und musterte das behandelte Haupt.

»Es wäre nun nur noch«, sagte er, »die Gesichtshaut ein wenig

aufzufrischen.«

Und wie jemand, der nicht enden, sich nicht genug tun kann, ging er

mit immer neu belebter Geschäftigkeit von einer Hantierung zur anderen

über. Aschenbach, bequem ruhend, der Abwehr nicht fähig, hoffnungsvoll

erregt vielmehr von dem, was geschah, sah im Glase seine Brauen sich

entschiedener und ebenmäßiger wölben, den Schnitt seiner Augen sich

verlängern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lides sich

heben, sah weiter unten, wo die Haut bräunlich-ledern gewesen, weich

aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen, seine Lippen, blutarm soeben

noch, himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, die

Runzeln der Augen unter Crème und Jugendhauch verschwinden,--erblickte

mit Herzklopfen einen blühenden Jüngling. Der Kosmetiker gab sich

endlich zufrieden, indem er nach Art solcher Leute dem, den er bedient

hatte, mit kriechender Höflichkeit dankte. »Eine unbedeutende

Nachhilfe«, sagte er, indem er eine letzte Hand an Aschenbachs Äußeres

legte. »Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben.« Der Berückte

ging, traumglücklich, verwirrt und furchtsam. Seine Krawatte war rot,

sein breitschattender Strohhut mit einem mehrfarbigen Bande umwunden.

Lauwarmer Sturmwind war aufgekommen; es regnete selten und spärlich,

aber die Luft war feucht, dick und von Fäulnisdünsten erfüllt.

Flattern, Klatschen und Sausen umgab das Gehör, und dem unter der

Schminke Fiebernden schienen Windgeister üblen Geschlechts im Raume

ihr Wesen zu treiben, unholdes Gevögel des Meeres, das des

Verurteilten Mahl zerwühlt, zernagt und mit Unrat schändet. Denn die

Schwüle wehrte der Eßlust, und die Vorstellung drängte sich auf, daß

die Speisen mit Ansteckungsstoffen vergiftet seien.

Auf den Spuren des Schönen hatte Aschenbach sich eines Nachmittags in

das innere Gewirr der kranken Stadt vertieft. Mit versagendem

Ortssinn, da die Gäßchen, Gewässer, Brücken und Plätzchen des

Labyrinthes zu sehr einander gleichen, auch der Himmelsgegenden nicht

mehr sicher, war er durchaus darauf bedacht, das sehnlich verfolgte

Bild nicht aus den Augen zu verlieren, und zu schmählicher

Behutsamkeit genötigt, an Mauern gedrückt, hinter dem Rücken

Vorangehender Schutz suchend, ward er sich lange nicht der Müdigkeit,

der Erschöpfung bewußt, welche Gefühl und immerwährende Spannung

seinem Körper, seinem Geiste zugefügt hatten. Tadzio ging hinter den

Seinen, er ließ der Pflegerin und den nonnenähnlichen Schwestern in

der Enge gewöhnlich den Vortritt, und einzeln schlendernd wandte er

zuweilen das Haupt, um sich über die Schulter hinweg der Gefolgschaft

seines Liebhabers mit einem Blick seiner eigentümlich dämmergrauen

Augen zu versichern. Er sah ihn, und er verriet ihn nicht. Berauscht

von dieser Erkenntnis, von diesen Augen vorwärts gelockt, am

Narrenseile geleitet von der Passion, stahl der Verliebte sich seiner

unziemlichen Hoffnung nach--und sah sich schließlich dennoch um ihren

Anblick betrogen. Die Polen hatten eine kurz gewölbte Brücke

überschritten, die Höhe des Bogens verbarg sie dem Nachfolgenden, und

seinerseits hinaufgelangt, entdeckte er sie nicht mehr. Er forschte

nach ihnen in drei Richtungen, geradeaus und nach beiden Seiten den

schmalen und schmutzigen Quai entlang, vergebens. Entnervung,

Hinfälligkeit nötigten ihn endlich, vom Suchen abzulassen.

Sein Kopf brannte, sein Körper war mit klebrigem Schweiß bedeckt, sein

Genick zitterte, ein nicht mehr erträglicher Durst peinigte ihn, er

sah sich nach irgendwelcher, nach augenblicklicher Labung um. Vor

einem kleinen Gemüseladen kaufte er einige Früchte, Erdbeeren,

überreife und weiche Ware und aß im Gehen davon. Ein kleiner Platz,

verlassen, verwunschen anmutend, öffnete sich vor ihm, er erkannte

ihn, es war hier gewesen, wo er vor Wochen den vereitelten Fluchtplan

gefaßt hatte. Auf den Stufen der Zisterne, inmitten des Ortes, ließ er

sich niedersinken und lehnte den Kopf an das steinerne Rund. Es war

still, Gras wuchs zwischen dem Pflaster. Abfälle lagen umher. Unter

den verwitterten, unregelmäßig hohen Häusern in der Runde erschien

eines palastartig, mit Spitzbogenfenstern, hinter denen die Leere

wohnte, und kleinen Löwenbalkonen. Im Erdgeschoß eines anderen befand

sich eine Apotheke. Warme Windstöße brachten zuweilen Karbolgeruch.

Er saß dort, der Meister, der würdig gewordene Künstler, der Autor des

»Elenden«, der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und der

trüben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekündigt und das

Verworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, Überwinder seines

Wissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten des

Massenzutrauens sich gewöhnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessen

Name geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bilden

angehalten wurden,--er saß dort, seine Lider waren geschlossen, nur

zuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spöttischer und

betretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen,

kosmetisch aufgehöht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was sein

halb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte.

»Denn die Schönheit, Phaidros, merke das wohl! nur die Schönheit ist

göttlich und sichtbar zugleich, und so ist sie denn also des

Sinnlichen Weg, ist, kleiner Phaidros, der Weg des Künstlers zum

Geiste. Glaubst du nun aber, mein Lieber, daß derjenige jemals

Weisheit und wahre Manneswürde gewinnen könne, für den der Weg zum

Geistigen durch die Sinne führt? Oder glaubst du vielmehr (ich stelle

dir die Entscheidung frei), daß dies ein gefährlich-lieblicher Weg

sei, wahrhaft ein Irr-und Sündenweg, der mit Notwendigkeit in die Irre

leitet? Denn du mußt wissen, daß wir Dichter den Weg der Schönheit

nicht gehen können, ohne daß Eros sich zugesellt und sich zum Führer

aufwirft; ja, mögen wir auch Helden auf unsere Art und züchtige

Kriegsleute sein, so sind wir wie Weiber, denn Leidenschaft ist unsere

Erhebung, und unsere Sehnsucht muß Liebe bleiben,--das ist unsere Lust

und unsere Schande. Siehst du nun wohl, daß wir Dichter nicht weise

noch würdig sein können? Daß wir notwendig in die Irre gehen,

notwendig liederlich und Abenteurer des Gefühles bleiben? Die

Meisterhaltung unseres Styls ist Lüge und Narrentum, unser Ruhm und

Ehrenstand eine Posse, das Vertrauen der Menge zu uns höchst

lächerlich, Volks-und Jugenderziehung durch die Kunst ein gewagtes, zu

verbietendes Unternehmen. Denn wie sollte wohl der zum Erzieher

taugen, dem eine unverbesserliche und natürliche Richtung zum Abgrunde

eingeboren ist? Wir möchten ihn wohl verleugnen und Würde gewinnen,

aber wie wir uns auch wenden mögen, er zieht uns an. So sagen wir etwa

der auflösenden Erkenntnis ab, denn die Erkenntnis, Phaidros, hat

keine Würde und Strenge: sie ist wissend, verstehend, verzeihend, ohne

Haltung und Form; sie hat Sympathie mit dem Abgrund, sie ist der

Abgrund. Diese also verwerfen wir mit Entschlossenheit, und fortan

gilt unser Trachten einzig der Schönheit, das will sagen der

Einfachheit, Größe und neuen Strenge, der zweiten Unbefangenheit und

der Form. Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros, führen zum Rausch

und zur Begierde, führen den Edlen vielleicht zu grauenhaftem

Gefühlsfrevel, den seine eigene schöne Strenge als infam verwirft,

führen zum Abgrund, zum Abgrund auch sie. Uns Dichter, sage ich,

führen sie dahin, denn wir vermögen nicht, uns aufzuschwingen, wir

vermögen nur auszuschweifen. Und nun gehe ich, Phaidros, bleibe du

hier; und erst wenn du mich nicht mehr siehst, so gehe auch du.«

* * * * *

Einige Tage später verließ Gustav von Aschenbach, da er sich leidend

fühlte, das Bäder-Hotel zu späterer Morgenstunde als gewöhnlich. Er

hatte mit gewissen, nur halb körperlichen Schwindelanfällen zu

kämpfen, die von einer heftig aufsteigenden Angst und Ratlosigkeit

begleitet waren, einem Gefühl der Ausweg-und Aussichtslosigkeit, von

dem nicht klar wurde, ob es sich auf die äußere Welt oder auf seine

eigene Existenz bezog. In der Halle bemerkte er eine große Menge zum

Transport bereitliegenden Gepäcks, fragte einen Türhüter, wer es sei,

der reise, und erhielt zur Antwort den polnischen Adelsnamen, dessen

er insgeheim gewärtig gewesen war. Er empfing ihn, ohne daß seine

verfallenen Gesichtszüge sich verändert hätten, mit jener kurzen

Hebung des Kopfes, mit der man etwas, was man nicht zu wissen

brauchte, beiläufig zur Kenntnis nimmt, und fragte noch: »Wann?« Man

antwortete ihm: »Nach dem Lunch.« Er nickte und ging zum Meere.

Es war unwirtlich dort. Über das weite, flache Gewässer, das den

Strand von der ersten gestreckten Sandbank trennte, liefen kräuselnde

Schauer von vorn nach hinten. Herbstlichkeit, Überlebtheit schien über

dem einst so farbig belebten, nun fast verlassenen Lustorte zu liegen,

dessen Sand nicht mehr reinlich gehalten wurde. Ein photographischer

Apparat, scheinbar herrenlos, stand auf seinem dreibeinigen Stativ am

Rande der See, und ein schwarzes Tuch, darüber gebreitet, flatterte

klatschend im kälteren Winde.

Tadzio, mit drei oder vier Gespielen, die ihm geblieben waren, bewegte

sich zur Rechten vor der Hütte der Seinen, und, eine Decke über den

Knieen, etwa in der Mitte zwischen dem Meer und der Reihe der

Strandhütten in seinem Liegestuhl ruhend, sah Aschenbach ihm noch

einmal zu. Das Spiel, das unbeaufsichtigt war, denn die Frauen mochten

mit Reisevorbereitungen beschäftigt sein, schien regellos und artete

aus. Jener Stämmige, im Gürtelanzug und mit schwarzem, pomadisiertem

Haar, der »Jaschu« gerufen wurde, durch einen Sandwurf ins Gesicht

gereizt und geblendet, zwang Tadzio zum Ringkampf, der rasch mit dem

Fall des schwächeren Schönen endete. Aber als ob in der

Abschiedsstunde das dienende Gefühl des Geringeren sich in grausame

Roheit verkehre und für eine lange Sklaverei Rache zu nehmen trachte,

ließ der Sieger auch dann noch nicht von dem Unterlegenen ab, sondern

drückte, auf seinem Rücken knieend, dessen Gesicht so anhaltend in den

Sand, daß Tadzio, ohnedies vom Kampf außer Atem, zu ersticken drohte.

Seine Versuche, den Lastenden abzuschütteln, waren krampfhaft, sie

unterblieben auf Augenblicke ganz und wiederholten sich nur noch als

ein Zucken. Entsetzt wollte Aschenbach zur Rettung aufspringen, als

der Gewalttätige endlich sein Opfer freigab. Tadzio, sehr bleich,

richtete sich zur Hälfte auf und saß, auf einen Arm gestützt, mehrere

Minuten lang unbeweglich, mit verwirrtem Haar und dunkelnden Augen.

Dann stand er vollends auf und entfernte sich langsam. Man rief ihn,

anfänglich munter, dann bänglich und bittend; er hörte nicht. Der

Schwarze, den Reue über seine Ausschreitung sogleich erfaßt haben

mochte, holte ihn ein und suchte ihn zu versöhnen. Eine

Schulterbewegung wies ihn zurück. Tadzio ging schräg hinunter zum

Wasser. Er war barfuß und trug seinen gestreiften Leinenanzug mit

roter Schleife.

Am Rande der Flut verweilte er sich, gesenkten Hauptes mit einer

Fußspitze Figuren im feuchten Sande zeichnend, und ging dann in die

seichte Vorsee, die an ihrer tiefsten Stelle noch nicht seine Knie

benetzte, durchschritt sie, lässig vordringend, und gelangte zur

Sandbank. Dort stand er einen Augenblick, das Gesicht der Weite

zugekehrt, und begann hierauf, die lange und schmale Strecke

entblößten Grundes nach links hin langsam abzuschreiten. Vom

Festlande geschieden durch breite Wasser, geschieden von den

Genossen durch stolze Laune, wandelte er, eine höchst abgesonderte

und verbindungslose Erscheinung, mit flatterndem Haar dort draußen

im Meere, im Winde, vorm Nebelhaft-Grenzenlosen. Abermals blieb er

zur Ausschau stehen. Und plötzlich, wie unter einer Erinnerung, einem

Impuls, wandte er den Oberkörper, eine Hand in der Hüfte, in schöner

Drehung aus seiner Grundpositur und blickte über die Schulter zum

Ufer. Der Schauende dort saß wie er einst gesessen, als zuerst, von

jener Schwelle zurückgesandt, dieser dämmergraue Blick dem seinen

begegnet war. Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam der

Bewegung des draußen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsam

dem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so daß seine Augen von

unten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenen

Ausdruck tiefen Schlummers zeigte. Ihm war aber, als ob der bleiche

und liebliche Psychagog dort draußen ihm lächle, ihm winke; als ob er,

die Hand aus der Hüfte lösend, hinausdeute, voranschwebe ins

Verheißungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu

folgen.

Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zur

Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tages

empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem

Tode.

Der Tod in Venedig · 第 8 / 8 题