VI.

Einige Wochen vor der Rückkehr des Mutius hatte Fabius das Bildnis

seiner Frau begonnen; es stellte sie mit den Attributen der heiligen

Cäcilie dar. -- Er hatte in seiner Kunst große Fortschritte gemacht; der

berühmte Luini, ein Schüler Leonardo da Vincis, hatte ihn in Ferrara

besucht und ihm neben eigenen Ratschlägen auch einige Lehren seines

großen Meisters mitgeteilt. Das Bildnis war fast fertig; Fabius hatte

nur noch mit wenigen Strichen das Gesicht zu vollenden; er durfte auf

sein Werk mit Recht stolz sein. -- Nachdem er Mutius nach Ferrara hatte

ziehen lassen, begab er sich in seine Werkstatt, wo ihn Valeria zu

erwarten pflegte; diesmal fand er sie aber nicht vor; er rief sie, und

sie antwortete nicht. Fabius fühlte sich von einer geheimen Unruhe

erfaßt und begann sie zu suchen. Im Hause war sie nicht; Fabius lief in

den Garten und fand schließlich Valeria in einer der entlegensten

Alleen. Den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände auf den Knien

gekreuzt, so saß sie auf einer Bank, und hinter ihr hob sich vom dunklen

Grün einer Zypresse ein marmorner Satyr ab, der schadenfroh grinste und

an den gespitzten Lippen eine Flöte hielt. Valeria freute sich sichtlich

über das Erscheinen des Gatten und antwortete auf seine unruhigen

Fragen, daß sie etwas Kopfweh habe, daß dies aber nichts weiter bedeute

und daß sie bereit sei, ihm zu sitzen. Fabius geleitete sie in die

Werkstatt, setzte sie auf den gewohnten Platz und ergriff den Pinsel;

doch zu seinem großen Verdruß wollte ihm das Gesicht nicht gelingen, so

wie er es gewollt hatte. Und nicht etwa, weil es blaß und ermattet

erschien ... nein; aber jenen reinen, heiligen Ausdruck, der ihm an ihr

so gut gefiel und der ihn auf den Gedanken gebracht hatte, seine Gattin

als die heilige Cäcilie darzustellen, -- diesen Ausdruck fand er heute

nicht. Schließlich warf er den Pinsel fort, sagte Valeria, daß er heute

nicht in der Stimmung sei und daß es auch ihr guttun würde, sich

hinzulegen, da sie nicht ganz wohl zu sein scheine, und stellte die

Staffelei mit dem Bilde zur Wand. Valeria stimmte ihm zu, daß sie

ausruhen müsse, klagte noch einmal über Kopfweh und zog sich in ihr

Schlafgemach zurück. Fabius blieb in der Werkstatt. Er fühlte eine

sonderbare Erregung, die er gar nicht begreifen konnte. Die Anwesenheit

Mutius' unter seinem Dache, die er selbst heraufbeschworen hatte, war

ihm auf einmal lästig. Es war nicht Eifersucht ... wie hätte er auch auf

Valeria eifersüchtig sein können! -- er erkannte aber in Mutius nicht

mehr den früheren Freund. All das Fremde, Unbekannte, Neue, was Mutius

aus den fernen Ländern mitgebracht hatte und was ihm in Fleisch und Blut

übergegangen zu sein schien -- alle diese magischen Kunstgriffe, Lieder,

seltsamen Getränke, dieser stumme Malaie, und selbst der scharfe würzige

Duft, den die Kleider Mutius', sein Haar und sein Atem ausströmten, --

all das flößte Fabius ein Gefühl ein, welches dem Mißtrauen, vielleicht

sogar der Furcht ähnlich war. Warum starrte dieser Malaie, wenn er bei

Tisch bediente, ihn, Fabius so unangenehm und unverwandt an? Man konnte

wirklich meinen, er verstände italienisch. Mutius behauptete von ihm,

daß er, indem er sich die Zunge herausschneiden ließ, ein großes Opfer

gebracht habe, wofür er aber jetzt über eine große geheime Kraft

verfüge. -- Was war das für eine Kraft? Und wie hat er sie um den Preis

seiner Zunge erlangen können? Das alles war ja so seltsam, so

unbegreiflich! -- Fabius ging zu seiner Frau ins Schlafzimmer. Sie lag

angekleidet auf dem Bett, schlief aber nicht. Als sie seine Schritte

hörte, fuhr sie zusammen, war aber dann über sein Kommen ebenso erfreut

wie vorhin im Garten. Fabius setzte sich zu ihr ans Bett, ergriff

Valerias Hand und fragte sie nach kurzem Schweigen, welch einen

ungewöhnlichen Traum sie heute Nacht gehabt und warum er sie so

erschreckt habe. Ob er in der Art jenes Traumes gewesen sei, von dem

Mutius erzählt habe? -- Valeria errötete und erwiderte: »O nein, nein!

Ich sah ... ein Ungeheuer, das mich zerreißen wollte.« -- »Ein

Ungeheuer? In Menschengestalt?« fragte Fabius. -- »Nein, in Gestalt

eines Tieres ... eines Tieres!« -- Und Valeria wandte sich ab und

verbarg ihr glühendes Gesicht in den Kissen. Fabius hielt noch eine

Weile die Hand seiner Frau in der seinigen fest, führte sie dann

schweigend an seine Lippen und verließ das Schlafgemach.

Beide Gatten hatten an diesem Tage wenig Freude. Etwas Finsteres schien

über ihnen zu lasten ... aber was es war, wußten sie nicht zu sagen. Sie

hatten das Bedürfnis, beieinander zu sein, als ob ihnen eine Gefahr

drohte; -- sie wußten aber nicht, was sie einander sagen könnten. Fabius

versuchte wieder am Bilde zu arbeiten; dann nahm er wieder Ariost vor,

dessen Gedicht erst vor kurzem in Ferrara erschienen und schon in ganz

Italien berühmt war; es wollte ihm aber nichts gelingen ... Spät am

Abend, gerade zum Nachtmahl, kehrte Mutius zurück.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 51 / 80 题