Einige Wochen vor der Rückkehr des Mutius hatte Fabius das Bildnis
seiner Frau begonnen; es stellte sie mit den Attributen der heiligen
Cäcilie dar. -- Er hatte in seiner Kunst große Fortschritte gemacht; der
berühmte Luini, ein Schüler Leonardo da Vincis, hatte ihn in Ferrara
besucht und ihm neben eigenen Ratschlägen auch einige Lehren seines
großen Meisters mitgeteilt. Das Bildnis war fast fertig; Fabius hatte
nur noch mit wenigen Strichen das Gesicht zu vollenden; er durfte auf
sein Werk mit Recht stolz sein. -- Nachdem er Mutius nach Ferrara hatte
ziehen lassen, begab er sich in seine Werkstatt, wo ihn Valeria zu
erwarten pflegte; diesmal fand er sie aber nicht vor; er rief sie, und
sie antwortete nicht. Fabius fühlte sich von einer geheimen Unruhe
erfaßt und begann sie zu suchen. Im Hause war sie nicht; Fabius lief in
den Garten und fand schließlich Valeria in einer der entlegensten
Alleen. Den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände auf den Knien
gekreuzt, so saß sie auf einer Bank, und hinter ihr hob sich vom dunklen
Grün einer Zypresse ein marmorner Satyr ab, der schadenfroh grinste und
an den gespitzten Lippen eine Flöte hielt. Valeria freute sich sichtlich
über das Erscheinen des Gatten und antwortete auf seine unruhigen
Fragen, daß sie etwas Kopfweh habe, daß dies aber nichts weiter bedeute
und daß sie bereit sei, ihm zu sitzen. Fabius geleitete sie in die
Werkstatt, setzte sie auf den gewohnten Platz und ergriff den Pinsel;
doch zu seinem großen Verdruß wollte ihm das Gesicht nicht gelingen, so
wie er es gewollt hatte. Und nicht etwa, weil es blaß und ermattet
erschien ... nein; aber jenen reinen, heiligen Ausdruck, der ihm an ihr
so gut gefiel und der ihn auf den Gedanken gebracht hatte, seine Gattin
als die heilige Cäcilie darzustellen, -- diesen Ausdruck fand er heute
nicht. Schließlich warf er den Pinsel fort, sagte Valeria, daß er heute
nicht in der Stimmung sei und daß es auch ihr guttun würde, sich
hinzulegen, da sie nicht ganz wohl zu sein scheine, und stellte die
Staffelei mit dem Bilde zur Wand. Valeria stimmte ihm zu, daß sie
ausruhen müsse, klagte noch einmal über Kopfweh und zog sich in ihr
Schlafgemach zurück. Fabius blieb in der Werkstatt. Er fühlte eine
sonderbare Erregung, die er gar nicht begreifen konnte. Die Anwesenheit
Mutius' unter seinem Dache, die er selbst heraufbeschworen hatte, war
ihm auf einmal lästig. Es war nicht Eifersucht ... wie hätte er auch auf
Valeria eifersüchtig sein können! -- er erkannte aber in Mutius nicht
mehr den früheren Freund. All das Fremde, Unbekannte, Neue, was Mutius
aus den fernen Ländern mitgebracht hatte und was ihm in Fleisch und Blut
übergegangen zu sein schien -- alle diese magischen Kunstgriffe, Lieder,
seltsamen Getränke, dieser stumme Malaie, und selbst der scharfe würzige
Duft, den die Kleider Mutius', sein Haar und sein Atem ausströmten, --
all das flößte Fabius ein Gefühl ein, welches dem Mißtrauen, vielleicht
sogar der Furcht ähnlich war. Warum starrte dieser Malaie, wenn er bei
Tisch bediente, ihn, Fabius so unangenehm und unverwandt an? Man konnte
wirklich meinen, er verstände italienisch. Mutius behauptete von ihm,
daß er, indem er sich die Zunge herausschneiden ließ, ein großes Opfer
gebracht habe, wofür er aber jetzt über eine große geheime Kraft
verfüge. -- Was war das für eine Kraft? Und wie hat er sie um den Preis
seiner Zunge erlangen können? Das alles war ja so seltsam, so
unbegreiflich! -- Fabius ging zu seiner Frau ins Schlafzimmer. Sie lag
angekleidet auf dem Bett, schlief aber nicht. Als sie seine Schritte
hörte, fuhr sie zusammen, war aber dann über sein Kommen ebenso erfreut
wie vorhin im Garten. Fabius setzte sich zu ihr ans Bett, ergriff
Valerias Hand und fragte sie nach kurzem Schweigen, welch einen
ungewöhnlichen Traum sie heute Nacht gehabt und warum er sie so
erschreckt habe. Ob er in der Art jenes Traumes gewesen sei, von dem
Mutius erzählt habe? -- Valeria errötete und erwiderte: »O nein, nein!
Ich sah ... ein Ungeheuer, das mich zerreißen wollte.« -- »Ein
Ungeheuer? In Menschengestalt?« fragte Fabius. -- »Nein, in Gestalt
eines Tieres ... eines Tieres!« -- Und Valeria wandte sich ab und
verbarg ihr glühendes Gesicht in den Kissen. Fabius hielt noch eine
Weile die Hand seiner Frau in der seinigen fest, führte sie dann
schweigend an seine Lippen und verließ das Schlafgemach.
Beide Gatten hatten an diesem Tage wenig Freude. Etwas Finsteres schien
über ihnen zu lasten ... aber was es war, wußten sie nicht zu sagen. Sie
hatten das Bedürfnis, beieinander zu sein, als ob ihnen eine Gefahr
drohte; -- sie wußten aber nicht, was sie einander sagen könnten. Fabius
versuchte wieder am Bilde zu arbeiten; dann nahm er wieder Ariost vor,
dessen Gedicht erst vor kurzem in Ferrara erschienen und schon in ganz
Italien berühmt war; es wollte ihm aber nichts gelingen ... Spät am
Abend, gerade zum Nachtmahl, kehrte Mutius zurück.