Der Hund

»Wenn man die Möglichkeit des Übernatürlichen, die Möglichkeit seines

Hineinspielens in das wirkliche Leben zugeben soll, -- so gestatten Sie

die Frage, welche Rolle soll dann noch der gesunde Menschenverstand

spielen?« verkündete Anton Stepanowitsch und kreuzte seine Hände über

dem Magen.

Anton Stepanowitsch hatte den Rang eines Staatsrates, war an irgendeinem

sonderbaren Departement angestellt, redete langsam, gemessen und im Baß

und erfreute sich allgemeiner Hochachtung. Erst kurz vorher hatte man

ihm, wie seine Neider sagten, den Stanislausorden angehängt.

»Sie haben vollkommen recht,« bemerkte Skworewitsch.

»Darüber wird auch niemand streiten,« fügte Kinarewitsch hinzu.

»Ganz meine Meinung,« bestätigte mit einer Fistelstimme der Gastgeber,

Herr Finoplentow, der in einer Ecke saß.

»Ich kann mich aber, offen gestanden, dieser Meinung nicht anschließen,

denn mir selbst ist einmal etwas durchaus Übernatürliches passiert,«

sagte ein Mann von mittlerem Wuchs und mittleren Jahren, mit einem

ziemlichen Embonpoint und einer Glatze, der bisher schweigend hinter dem

Ofen gesessen hatte ... Alle Anwesenden blickten ihn sofort neugierig

und fragend an, -- und alle schwiegen.

Dieser Mann, ein nicht sehr bemittelter Gutsbesitzer aus dem

Gouvernement Kaluga, war erst vor kurzem nach Petersburg gekommen. Er

hatte einmal bei den Husaren gedient, sein Vermögen verspielt, den

Abschied genommen und sich schließlich auf dem Lande niedergelassen. Die

mit der Abschaffung der Leibeigenschaft zusammenhängenden

wirtschaftlichen Veränderungen hatten seine Einkünfte erheblich gekürzt,

und so war er nach Petersburg gekommen, um sich nach einer Stelle

umzusehen. Er besaß weder irgendwelche Fähigkeiten noch Verbindungen,

baute aber felsenfest auf die Freundschaft eines ehemaligen

Regimentskameraden, der plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, Karriere

gemacht hatte und dem er einst behilflich gewesen war, einen

Falschspieler zu verprügeln. Außerdem baute er auch noch auf sein Glück,

welches ihn auch wirklich nicht im Stiche ließ: einige Tage später bekam

er die Stelle eines Inspektors der Staatsmagazine, eine vorteilhafte und

sogar ehrenvolle Stelle, die keinerlei besondere Talente erforderte: die

Magazine bestanden überhaupt nur im Projekt, und es war sogar noch nicht

bekannt, womit sie einst gefüllt werden sollten; ersonnen waren sie aber

aus Gründen der Staatsökonomie.

Anton Stepanowitsch war der erste, der das allgemeine Schweigen brach.

»Wie, mein sehr verehrter Herr?« begann er: »Sie wollen im Ernste

behaupten, daß Sie etwas Übernatürliches erlebt haben, ich will sagen,

etwas, was mit den Gesetzen der Natur nicht übereinstimmt?«

»Ja, das will ich behaupten,« entgegnete der »sehr verehrte Herr«, der

eigentlich Porfirij Kapitonowitsch hieß.

»Etwas, was mit den Gesetzen der Natur nicht übereinstimmt!« wiederholte

Anton Stepanowitsch, dem diese Phrase offenbar gut gefiel, beinahe

empört.

»Ja, das meine ich eben; gerade so etwas, wie Sie zu sagen geruhten.«

»Das ist höchst merkwürdig! Was meinen Sie, meine Herren?« Anton

Stepanowitsch bemühte sich, seinen Zügen einen ironischen Ausdruck zu

geben; es kam aber nichts dabei heraus, oder richtiger gesagt, der Herr

Staatsrat nahm eine Miene an, als ob er einen üblen Geruch wittere.

»Dürfen wir Sie vielleicht bitten, verehrter Herr,« fuhr er, sich an den

Gutsbesitzer aus Kaluga wendend, fort: »Dürfen wir Sie vielleicht

bitten, uns die Einzelheiten eines so merkwürdigen Erlebnisses

mitzuteilen?«

»Warum nicht? Mit Vergnügen!« erwiderte der Gutsbesitzer. Er rückte

seinen Stuhl ungezwungen in die Mitte des Zimmers vor und begann

folgendermaßen:

»Ich besitze, meine Herren, was Ihnen vielleicht bekannt, vielleicht

auch unbekannt ist, ein kleines Gut im Koselskischen Kreise. Vor Jahren

hat es mir etwas eingebracht, doch heutzutage kann es mir

selbstverständlich nichts als Unannehmlichkeiten bringen. Von Politik

will ich übrigens nicht sprechen! Auf diesem Gute also habe ich einen

kleinen Hof, einen Gemüsegarten, einen Teich mit Karauschen und was

sonst noch dazu gehört, ein paar Wirtschaftsgebäude und schließlich ein

Häuschen für meinen eigenen sündigen Leib ... Darin hauste ich als

Junggeselle. Eines Abends, -- so vor sechs Jahren mag es gewesen sein --

kam ich spät nach Hause: hatte beim Nachbar Karten gespielt, war aber,

was ich Sie wohl zu beachten bitte, vollkommen nüchtern; ich kleidete

mich aus, legte mich zu Bett und löschte das Licht aus. Nun stellen Sie

sich vor, meine Herren, -- kaum habe ich das Licht ausgelöscht, als sich

etwas unter meinem Bette zu rühren anfängt! Ich denke mir: eine Ratte?

Nein, keine Ratte: es kratzt, es rumort, es juckt sich ... Schließlich

klappert es mit den Ohren!

Selbstverständlich ist's ein Hund. Wo soll aber ein Hund herkommen? Ich

halte mir keine Hunde; ist's vielleicht irgendein zugelaufener? Ich rief

meinen Diener; Filjka hieß er. Der Diener kam mit einem Licht. 'Was ist

das', sage ich ihm, 'mein lieber Filjka, für eine Unordnung!? Da ist ein

Hund unter mein Bett geraten.' -- 'Was für ein Hund?' sagt er. -- 'Woher

soll ich es wissen?' sage ich. 'Es ist deine Sache darauf zu sehen, daß

dein Herr nicht gestört wird.' -- Mein Filjka bückt sich und beginnt mit

der Kerze in der Hand unter dem Bette zu suchen. 'Hier ist ja gar kein

Hund!' sagt er schließlich. -- Auch ich bücke mich: wirklich keine Spur

von einem Hund. -- Was für ein Unsinn! Ich schaue auf Filjka, er

lächelt. -- 'Dummkopf,' sage ich zu ihm: 'was grinst du? Der Hund ist

wohl, als du die Türe aufgemacht hast, in den Flur geschlüpft. Und du,

Maulaffe, hast es nicht bemerkt, weil du immer schläfst. Vielleicht

denkst du, daß ich betrunken bin?' Er wollte etwas entgegnen, ich jagte

ihn aber fort, rollte mich zu einem Kringel zusammen und hörte in jener

Nacht nichts mehr.

Doch in der nächsten Nacht -- denken Sie es sich nur! -- wiederholt sich

die gleiche Geschichte. Wie ich nur die Kerze ausblies, beginnt es

gleich wieder zu kratzen und mit den Ohren zu klappern. Ich rief wieder

Filjka herbei, er sah wieder unters Bett -- wieder nichts! Ich schickte

ihn weg, blies die Kerze aus und -- pfui Teufel! -- der Hund ist schon

wieder da. Es ist auch ganz sicher ein Hund: ich höre ganz genau, wie er

atmet, wie er mit den Zähnen nach Flöhen sucht ... So ungewöhnlich

deutlich höre ich es! -- 'Filjka!' rufe ich wieder, 'komm mal her, doch

ohne Licht!' Filjka kommt. -- 'Nun, hörst du es?' -- 'Ich höre es wohl,'

sagt er. Ich kann ihn nicht sehen, doch ich fühle, daß er vor Angst am

ganzen Leibe zittert. -- 'Und was sagst du dazu?' frage ich ihn. -- 'Was

soll ich dazu sagen, Porfirij Kapitonowitsch? Es ist Teufelsspuk!' --

'Du dummer Kerl,' sage ich ihm, 'schweig' doch lieber mit deinem

Teufelsspuk ...' Doch wir beide piepsen wie die Vögel und zittern wie im

Fieber; finster ist es auch. Ich zünde das Licht an: nichts zu sehen,

nichts zu hören, wir beide stehen da weiß wie Kalk. So ließ ich die

Kerze bis zum Morgen brennen. Nun erkläre ich Ihnen, meine Herren, --

Sie mögen es mir glauben oder nicht -- von dieser Nacht an wiederholte

sich die Geschichte jede Nacht durch volle sechs Wochen. Schließlich

gewöhnte ich mich daran und ließ sogar die Kerze nicht mehr brennen,

denn ich kann bei Licht nicht schlafen. Soll er von mir aus lärmen,

soviel er will! Er wird mir ja nichts zuleide tun!«

»Wie ich sehe, gehören Sie nicht zu den Feigsten,« unterbrach ihn mit

einem halb spöttischen, halb herablassenden Lächeln Anton Stepanowitsch.

»Man sieht gleich den Husaren!«

»Vor Ihnen würde ich auf keinen Fall Furcht haben,« versetzte Porfirij

Kapitonowitsch und sah für einen Augenblick wirklich wie ein Husar aus.

»Hören Sie aber weiter. Da kommt zu mir ein Nachbar zu Besuch, derselbe,

mit dem ich Karten zu spielen pflegte. Er aß bei mir zu Mittag, was es

eben gab, ließ mir so an die fünfzig Rubel für den Besuch zurück und

wollte sich dann nach Hause begeben, denn draußen wurde es dunkel. Ich

habe aber so gewisse Absichten und sage ihm: 'Bleib doch bei mir zu

Nacht, Wassilij Wassilijewitsch; morgen gewinnst du mit Gottes Hilfe

alles zurück.' Mein Wassilij Wassilijewitsch überlegt sich hin und her

und bleibt. Ich lasse ihm das Bett in meinem Schlafzimmer richten ...

Wir legen uns hin, rauchen und plaudern noch eine Weile -- hauptsächlich

über das zarte Geschlecht, wie es sich unter Junggesellen gehört, --

scherzen ein bißchen ... Ich sehe: Wassilij Wassilijewitsch löscht seine

Kerze aus, und kehrt mir den Rücken; das heißt: Gute Nacht! Ich warte

noch eine Weile und lösche auch meine Kerze aus. Nun denken Sie sich:

ich habe noch gar nicht nachgedacht, was es nun für eine Karambolage

geben wird, als das liebe Geschöpf auch schon zu lärmen anfängt. Es

begnügt sich nicht mit dem gewöhnlichen Lärm, sondern kriecht unter dem

Bette hervor, geht durchs Zimmer, klopft mit den Pfoten auf die Diele,

klappert mit den Ohren und stößt plötzlich an den Stuhl, der neben

Wassilij Wassilijewitschs Bett steht. -- 'Porfirij Kapitonowitsch,' sagt

der, und zwar mit einer ganz gleichgültigen Stimme, -- 'ich wußte gar

nicht, daß du dir einen Hund angeschafft hast. Was ist's für einer? Ein

Hühnerhund oder was?' -- 'Ich habe gar keinen Hund,' sage ich ihm

darauf, 'und habe auch nie einen gehabt!' -- 'Was, du hast keinen Hund?

Und was ist denn das?' -- 'Was das ist? Zünde die Kerze an, so wirst du

es selbst sehen.' -- 'Ist das kein Hund?' -- 'Nein.' -- Wassilij

Wassilijewitsch dreht sich im Bette um. -- 'Du scherzest wohl, mein

Lieber?' 'Nein, ich scherze nicht.' -- Da höre ich, wie er ein

Zündhölzchen an der Schachtel reibt; das Vieh treibt aber noch immer

sein Wesen und juckt sich das Fell. Endlich brennt die Kerze und ...

basta! Keine Spur mehr! Wassilij Wassilijewitsch sieht mich an, -- und

ich sehe ihn an. -- 'Was ist das,' fragt er mich, 'für ein Witz?' --

'Das ist so ein Witz,' sage ich ihm, 'daß, wenn du an die eine Seite

Sokrates in eigener Person und an die andere Friedrich den Großen

hinsetzt, so werden auch die daraus nicht klug werden.' -- Und ich

erzähle ihm alles mit sämtlichen Einzelheiten. Wie da mein Wassilij

Wassilijewitsch aufspringt! Wie wenn er sich verbrüht hätte! Kann

unmöglich mit den Füßen in seine Stiefel hineingeraten. -- 'Einspannen!'

schreit er: 'Einspannen!' -- Ich versuche ihn zu besänftigen, er will

aber auf nichts hören! Er seufzt und ächzt. -- 'Ich bleibe keine Minute

länger hier! Du bist nach alledem ein verdammter Mensch! Einspannen!'

Endlich gelang es mir, ihn zu überreden. Nur mußte ich sein Bett in ein

anderes Zimmer schleppen und in allen Ecken Nachtlichter anzünden

lassen. Am nächsten Morgen beim Tee war er schon einigermaßen ruhiger

und begann, mir Ratschläge zu geben. 'Du solltest versuchen, Porfirij

Kapitonowitsch,' sagte er mir, 'für einige Tage das Haus zu verlassen:

vielleicht wirst du dann diesen Teufelsdreck loswerden.' -- Ich muß

Ihnen aber sagen, meine Herren, daß dieser Nachbar ein Mann von

ungewöhnlichem Verstande war! Unter anderem hatte er seine eigene

Schwiegermutter so ganz wunderbar herumgekriegt: er hatte sie einen

Wechsel unterschreiben lassen, doch so, daß sie es selbst gar nicht

merkte, eine so gefühlvolle Stunde hatte er sich dazu ausgesucht. Sie

wurde weich wie Butter, gab ihm sogar eine Vollmacht zur Verwaltung des

ganzen Gutes -- was hätte er sich noch wünschen können? Und das ist doch

wirklich nicht leicht, eine Schwiegermutter so herumzukriegen! Was

meinen Sie, meine Herren? Er verließ mich aber ziemlich mißvergnügt: ich

hatte ihm nämlich wieder an die hundert Rubel im Kartenspiel abgeknöpft.

Er schimpfte sogar auf mich und sagte, daß ich undankbar und gefühllos

sei. Was traf mich aber für eine Schuld? Nun, das alles versteht sich

von selbst, -- seinen Rat nahm ich aber zur Kenntnis: noch am gleichen

Tage reiste ich in die Stadt und mietete mich in einem Gasthaus, bei

einem mir bekannten alten Sektierer ein. Dieser war ein höchst

ehrenwerter Greis, wenn auch etwas unwirsch infolge seiner

Zurückgezogenheit: seine ganze Familie war ihm ausgestorben. Nur konnte

er in seinem Hause keinen Tabakrauch leiden, und gegen Hunde hatte er

eine ganz schreckliche Abneigung: ich glaube, er würde es vorziehen,

sich selbst eigenhändig in Stücke zu reißen, als einen Hund zu sich über

die Schwelle zu lassen! Er pflegte zu sagen: 'Hier in meiner Kammer

geruht an der Wand die Himmelskönigin in eigener Person zu wohnen; wie

sähe es aus, wenn ein unflätiger Hund seine unsaubere Schnauze gegen die

gleiche Wand erheben wollte!' Man kennt es ja -- Unbildung! Im übrigen

bin ich der Meinung: ein jeder soll sich an die Weisheit halten, die ihm

gegeben ist!«

»Wie ich sehe, sind Sie ein großer Philosoph!« unterbrach ihn schon

wieder Anton Stepanowitsch mit dem gleichen ironischen Lächeln.

Porfirij Kapitonowitsch runzelte diesmal sogar die Stirne.

»Was ich für ein Philosoph bin, das ist noch ungewiß,« versetzte er,

sich nervös den Schnurrbart zupfend. »Aber Sie würde ich gerne in die

Lehre nehmen!«

Wir alle blickten erwartungsvoll auf Anton Stepanowitsch: ein jeder von

uns erwartete eine stolze Antwort oder wenigstens einen strafenden Blick

... Doch der Herr Staatsrat veränderte sein ironisches Lächeln in ein

gleichgültiges, gähnte, schlenkerte etwas mit dem Fuß, -- und das war

alles!

»Bei eben diesem Greis mietete ich mich ein,« fuhr Porfirij

Kapitonowitsch fort. -- »Er gab mir aus Bekanntschaft eine ziemlich

elende Kammer; er selbst hauste dicht daneben, hinter einer dünnen

Bretterwand, doch das paßte mir ausgezeichnet. Diese paar Tage waren für

mich übrigens ein wahres Martyrium! Die Kammer war klein, und dazu die

Hitze, die stickige Luft, die vielen Fliegen, die so eigentümlich

klebrig schienen. In der Ecke stand ein mächtiger Heiligenschrein mit

uralten Bildern; die Beschläge an den Bildern waren trübe, pompös, doch

innen hohl; es roch nach Lampenöl und nach anderen Spezereien. Auf dem

Bette lagen zwei Daunenpfühle, wenn ich aber ein Kissen anrührte, so

lief schon gleich eine Schabe hervor ... Aus lauter Langeweile trank ich

eine Unmenge Tee -- ein wahres Elend! Schließlich legte ich mich hin.

Vom Einschlafen war nicht die Rede, -- denn der Wirt hinter dem

Verschlage wollte gar nicht aufhören zu seufzen, zu stöhnen und Gebete

zu lesen. Schließlich begab er sich doch zur Ruhe. Ich höre: er

schnarcht, aber so ganz leise, ganz bescheiden und altmodisch. Die Kerze

hatte ich schon längst ausgeblasen, vor den Heiligenbildern brennt aber

noch ein Lämpchen ... Also ein Hindernis! Ich stehe leise auf, schleiche

barfuß in die Ecke zum Heiligenschrein und blase das Lämpchen aus ...

Nichts geschieht. -- Aha! -- sage ich mir, -- bei Fremden will es nicht

anbeißen ... Kaum lege ich mich aber ins Bett, als die Geschichte schon

wieder losgeht! Es scharrt und kratzt, und klappert mit den Ohren ...

Mit einem Worte ganz wie es sich gehört! Gut. Ich liege da und warte,

was weiter geschieht. Da höre ich wie der Alte aufwacht. -- 'Herr', sagt

er mir, 'Herr!' -- 'Was denn?' -- 'Hast du die Lampe ausgeblasen?' Und

ohne meine Antwort abzuwarten, fängt er auf einmal an zu schimpfen: 'Was

ist das? Was ist das? Ein Hund? Ein Hund! Ach du verdammter Ketzer!'

'Warte Alter mit dem Schimpfen,' sage ich, 'komme lieber zu mir herüber,

hier gehen erstaunliche Dinge vor.' Der Alte krächzt noch eine Weile und

kommt dann zu mir ins Zimmer, mit einer ungewöhnlich dünnen Kerze aus

gelbem Wachs in der Hand; er macht einen wirklich merkwürdigen Eindruck!

Er ist ganz struppig, die Ohren sind behaart, die Augen böse wie bei

einem Iltis, auf dem Kopfe hat er eine weiße Kappe aus Filz, der Bart

reicht ihm bis zum Gürtel und ist ebenfalls weiß, über dem Hemde trägt

er eine Weste mit Messingknöpfen und an den Beinen Pelzstiefel; und

obendrein riecht er nach Wacholder. In diesem Aufzuge ging er zu den

Heiligenbildern, bekreuzigte sich dreimal nach dem Ritus der

Altgläubigen mit zwei Fingern, zündete das Lämpchen an, bekreuzigte sich

wieder, wandte sich dann zu mir und fuhr mich an: 'Erkläre!' -- Und nun

erzähle ich ihm sofort alles, ohne irgend etwas zu verheimlichen. Der

Alte hört mich aufmerksam an, unterbricht mich mit keinem Wort,

schüttelt nur ununterbrochen den Kopf. Dann setzt er sich zu mir aufs

Bett und schweigt noch immer; kratzt sich die Brust, den Nacken und das

übrige und schweigt. -- 'Nun, Fedul Iwanowitsch,' sage ich ihm, 'was

meinst du dazu? Ist das ein höllisches Blendwerk oder was?' -- Der Alte

sieht mich an und sagt: 'Was redest du von einem höllischen Blendwerk!

Wenn es noch in deinem Hause wäre, du Ketzer -- aber hier! Bedenke doch

nur, wieviel Heiligkeit hier in meinen Räumen ist! Wie könnte hier

höllisches Blendwerk hereinkommen!' -- 'Und wenn es keines ist, was ist

es dann?' -- Der Alte schweigt wieder eine Weile, kratzt sich und sagt

schließlich mit dumpfer Stimme, denn der Bart wächst ihm in den Mund

hinein; 'Begib dich in die Stadt Bjelew. Außer einem gewissen Menschen

kann dir niemand helfen. Und dieser Mensch wohnt in Bjelew: er ist einer

von den Unsrigen. Wenn er dir helfen will, ist es dein Glück; will er

aber nicht, so muß es bleiben, wie es ist.' -- 'Und wie soll ich diesen

Menschen finden?' frage ich ihn. -- 'Das kann ich dir ganz genau sagen,

aber wie kannst du nur von höllischem Blendwerk sprechen? Es ist

entweder eine Erscheinung, oder ein Zeichen; verstehen kannst du es

sowieso nicht, denn dazu reicht dein Verstand nicht aus. Lege dich jetzt

im Namen Christi schlafen, ich werde ein wenig mit Weihrauch räuchern,

und morgen wollen wir sprechen. Denn Morgenstunde hat Gold im Munde.'

Am anderen Morgen besprachen wir noch einmal die Sache, doch war ich von

seinem Weihrauch beinahe erstickt. Und der Alte gab mir folgende

Anweisung: In Bjelew angekommen, sollte ich mich sofort auf den

Marktplatz begeben und im zweiten Laden rechter Hand nach einem gewissen

Prochorytsch fragen. Und diesem Prochorytsch sollte ich ein

Handschreiben übergeben. Dieses Handschreiben bestand aus einem

Papierfetzen, auf dem folgendes geschrieben war: 'Im Namen des Vaters

und des Sohnes und des heiliges Geistes. Amen. An Ssergej Prochorowitsch

Perwuschin. Traue diesem. Feodul Iwanowitsch.' Und unten stand noch:

'Schick mir Kraut, um Christi Willen.'

Ich dankte dem Alten, ließ sofort meinen Reisewagen anspannen und machte

mich auf die Reise nach Bjelew. Denn ich sagte mir: obwohl mir mein

nächtlicher Besucher eigentlich wenig Kummer zufügt, so ist die Sache

doch etwas unheimlich und auch nicht ganz anständig für einen Adligen

und Offizier -- was meinen Sie?«

»Sind Sie denn wirklich nach Bjelew gereist?« flüsterte Herr

Finoplentow.

»Geradewegs nach Bjelew. Ich ging auf den Marktplatz und fragte im

zweiten Laden rechter Hand nach Prochorytsch: 'Gibt's hier so einen

Menschen?' -- 'So einen gibt es schon.' -- 'Und wo wohnt er?' -- 'An der

Oka, hinter den Gemüsegärten.' -- 'In wessen Haus?' -- 'In seinem

eigenen.' Ich ging also zur Oka und fand sein Haus; es war eigentlich

kein Haus, sondern eine baufällige Hütte. Ich sehe einen Mann in blauem

geflicktem Kittel und zerrissener Mütze; wie ein Kleinbürger sieht er

aus. Er steht mit dem Rücken zu mir und gräbt in seinem Krautgarten. Ich

gehe auf ihn zu. -- 'Sind Sie der und der?' -- Er wendet sich zu mir um,

und ich muß Ihnen sagen, daß ich so durchdringende Augen noch nie

gesehen habe. Im übrigen ist das ganze Gesicht so groß wie eine Faust;

hat ein Ziegenbärtchen und eingefallene Lippen, mit einem Worte -- ein

alter Mann. -- 'Ich bin der und der,' sagt er mir, 'und was wünschen

Sie?' -- 'Das werden Sie gleich erfahren,' sage ich und reiche ihm den

Zettel. Er mustert mich sehr aufmerksam und sagt: 'Wollen Sie gefälligst

in die Stube kommen; ohne Brille kann ich nicht lesen.' Wir gingen also

zusammen in seine Hütte; es war tatsächlich eine Hütte: arm, kahl und

schief; die Wände hielten sich kaum zusammen. An einer Wand hing ein

uraltes Heiligenbild, schwarz wie Kohle; nur die Augen leuchteten darauf

weiß. Er holte aus der Tischlade eine runde eiserne Brille, setzte sie

sich auf die Nase, las das Sendschreiben und blickte mich noch einmal

über die Brille hinweg an. -- 'Haben Sie ein Anliegen?' -- 'Richtig, ich

habe ein Anliegen.' -- 'Nun, wenn Sie ein Anliegen haben, so melden Sie

mir alles, und ich werde zuhören.' -- Stellen Sie sich vor: er setzt

sich selbst hin, holt aus der Tasche ein kariertes Tuch und breitet es

über seine Knie aus, -- und das Tuch ist voller Löcher. Und sieht mich

dabei so würdevoll an, wie ein Senator oder ein Minister; mich fordert

er aber gar nicht zum Sitzen auf. Und was noch viel merkwürdiger ist:

ich fühle plötzlich, daß ich ganz schüchtern werde; ich ersterbe

förmlich. Er durchbohrt mich mit den Augen. Ich fasse mir jedoch ein

Herz und erzähle ihm meine ganze Geschichte. Er schweigt eine Weile,

rückt hin und her, kaut ein bißchen mit den Lippen und beginnt mich

auszufragen, wieder wie ein Senator, so würdevoll und ohne sich zu

übereilen. Wie ich heiße? Alter? Wer meine Eltern gewesen? Ob ich ledig

sei oder verheiratet? -- Dann kaut er wieder mit den Lippen, runzelt die

Stirne, hebt einen Finger und sagt: -- 'Verbeugen Sie sich zuerst vor

dem Bilde der heiligen Bischöfe von Ssolowezk, Zosima und Sawwatius.' --

Ich verbeugte mich bis zur Erde und blieb auf den Knien; ich fühlte in

mir eine solche Furcht vor dem Manne und eine solche Demut, daß ich wohl

alles getan hätte, was er mir auch befohlen haben würde!.. Ich sehe,

meine Herren, Sie schmunzeln; mir war aber damals ganz anders zumute,

bei Gott! -- 'Stehen Sie auf, Herr,' sagte er schließlich. 'Ihnen kann

geholfen werden. Dies ist Ihnen nicht als Strafe beschert, sondern als

Warnung; es besteht wohl eine himmlische Fürsorge für Sie;

wahrscheinlich betet jemand für Sie. Gehen Sie jetzt auf den Markt und

kaufen Sie sich einen jungen Hund; diesen Hund halten Sie bei sich Tag

und Nacht. Die Erscheinungen werden aufhören, und außerdem wird Ihnen

der Hund nützlich sein.'

Es war mir, als ob mir ein Licht aufginge; seine Worte machten mir große

Freude! Ich verbeugte mich vor Prochorytsch und wollte gehen, als mir

noch einfiel, daß ich mich ihm doch irgendwie erkenntlich zeigen müsse:

ich zog aus dem Beutel einen Dreirubelschein. Er schob aber meine Hand

von sich fort und sagte: 'Geben Sie das Geld in unsere Kapelle oder an

die Armen, aber mein Dienst ist unentgeltlich.' Ich verbeugte mich

wieder vor ihm, fast bis zum Boden, und begab mich sofort auf den Markt.

Und denken Sie sich: kaum komme ich zu den Marktbuden, begegnet mir

schon ein Kerl in einem Friesmantel und trägt unter dem Arm einen jungen

Hühnerhund, zwei Monate alt, braun mit weißer Schnauze und weißen

Vorderpfoten. 'Halt!' sage ich dem Mann: 'Was willst du für den Hund?'

-- 'Zwei Rubel.' -- 'Da hast du drei Rubel!' Jener wundert sich und

glaubt wohl, daß der Herr verrückt geworden sei; ich drücke ihm aber die

Banknote in die Hand, nehme den Hund und steige sofort in den

Reisewagen. Der Kutscher spannte rasch an, und am gleichen Abend war ich

zu Hause. Der Hund saß auf dem ganzen Wege unter meinem Mantel und gab

keinen Ton von sich; ich sagte ihm immer: 'Tresoruschka, Tresoruschka!'

Zu Hause gab ich ihm sofort zu fressen und zu trinken, ließ Stroh

bringen, richtete ihm das Lager und ging selbst zu Bett. Nun blies ich

die Kerze aus; es wurde dunkel. 'Nun,' sage ich, 'fange an!' Es bleibt

still. 'Fang doch an, du Teufelsvieh!' Kein Ton, wär's auch nur zum

Scherz gewesen. Ich werde kühn: 'Fang' doch an, du verdammtes

Höllenvieh!' Wieder kein Ton -- es ist aus! Ich höre nur, wie mein Hund

schnarcht. -- 'Filjka!' schreie ich, 'Filjka! Komm doch her, du dummer

Kerl!' Er kommt herein. -- 'Hörst du den Hund?' -- 'Nein,' sagt er, 'ich

höre nichts, Herr,' und lacht selbst dabei. -- 'Und wirst ihn auch nie

wieder hören! Da hast du einen halben Rubel für Schnaps!' -- 'Lassen Sie

mich Ihre Hand küssen,' sagt der Narr und geht im Finstern auf mich los

... Die Freude war wirklich groß, sage ich Ihnen.«

»Und damit war die Sache zu Ende?« fragte Anton Stepanowitsch, diesmal

ganz ohne Ironie.

»Die Erscheinungen hörten wirklich auf, und ich hatte meine Ruhe; warten

Sie aber: die Sache war damit noch nicht zu Ende. Mein Tresor begann zu

wachsen, wurde so ein großer ungeschlachter Kerl, mit dicker Rute,

langen Ohren, dicker Schnauze, -- ein richtiger 'Pile avance.' Außerdem

hing er ungewöhnlich an mir. Die Jagd ist in unserer Gegend schlecht; da

ich aber schon einen Hund hatte, so schaffte ich mir auch ein Gewehr an.

Ich fing an, mich mit meinem Tresor in der Umgegend herumzutreiben:

manchmal erbeuteten wir einen Hasen (wie scharf er auf diese Hasen war,

du lieber Himmel!), manchmal auch eine Wachtel oder eine Wildente. Aber

was die Hauptsache war: Tresor folgte mir auf Schritt und Tritt, wo ich

war, da war auch er; selbst ins Dampfbad nahm ich ihn mit, mein

Ehrenwort! Eine von unseren Damen wollte mich wegen dieses Tresors aus

ihrem Salon hinauswerfen lassen, aber ich machte einen großen Krach und

schlug fast sämtliche Fensterscheiben kaput! Da ereignete es sich einmal

im Sommer ... Ich muß Ihnen sagen, es war ein so heißer und trockner

Sommer, wie es seit Menschengedenken keinen solchen gegeben hat; die

Luft war voll Rauch oder Nebel, es roch wie bei einem Brand, die Sonne

hing im Dunst wie eine glühende Kugel, und vor lauter Staub kam man gar

nicht aus dem Niesen! Die Menschen gingen mit offenen Mäulern wie die

Krähen herum. Es war mir zu langweilig, immer den ganzen lieben Tag

völlig entkleidet hinter verschlossenen Fensterläden zu Hause zu sitzen;

auch nahm die Hitze ein wenig ab ... Ich begab mich also zu einer meiner

Nachbarinnen. Sie wohnte etwa eine Werst von mir und war eine recht

angenehme Dame. Auch war sie noch jung, stand in der Blüte ihrer Jahre

und hatte ein gewinnendes Äußere, nur war sie von höchst unbeständigem

Charakter. Bei weiblichem Geschlecht ist das aber kein Unglück; ist

sogar manchmal recht interessant ... So kam ich zu ihrem Haus, -- der

Weg war aber bei der Hitze ein hartes Stück Arbeit! Nun, denke ich mir,

Nymphodora Ssemjonowna wird mich wohl mit Preiselbeersirup laben, auch

mit anderen süßen Sachen -- und ich habe schon die Türklinke ergriffen,

als sich plötzlich hinter der Gesindestube ein Stampfen, Winseln und

Kindergeschrei erhebt ... Ich blicke mich um. Du lieber Himmel! Gerade

auf mich zu rennt ein riesengroßes rotes Tier, welches ich auf den

ersten Blick gar nicht für einen Hund hielt: mit aufgerissenem Rachen,

blutunterlaufenen Augen, gesträubten Haaren ... Ich hatte noch nicht

Zeit, Atem zu holen, als das Ungeheuer schon auf den Flur stürzt, sich

auf die Hintertatzen stellt und mir an die Brust springt -- denken Sie

sich nur die Situation! Mir steht das Herz still, kann nicht einmal die

Hände rühren, bin völlig erstarrt ... ich sehe nur die furchtbaren

weißen Hauer dicht vor meiner Nase, die rote schaumbedeckte Zunge ...

Doch im gleichen Augenblick erhebt sich vor mir ein anderer dunkler

Körper, er springt in die Höhe wie ein Gummiball; es war mein lieber

Tresor, er kam mir zu Hilfe und biß sich wie ein Blutegel dem anderen,

dem Ungeheuer, in die Kehle fest. Jener röchelte, knirschte mit den

Zähnen und prallte zurück ... Ich reiße in einem Nu die Türe auf und bin

schon im Vorzimmer. So stehe ich fast besinnungslos da, stemme mich mit

meinem ganzen Körper gegen die Türe und höre, wie draußen eine

verzweifelte Schlacht vor sich geht. Ich beginne zu schreien, nach Hilfe

zu rufen; das ganze Haus gerät in Aufruhr. Nymphodora Ssemjonowna kommt

mit aufgelösten Zöpfen herbeigerannt, draußen schreien viele Stimmen

durcheinander, und plötzlich hört man: 'Haltet ihn, haltet ihn, sperrt

das Tor zu!' -- Ich öffne ein klein wenig die Türe und sehe: das

Ungeheuer ist nicht mehr auf dem Flur, die Leute rennen auf dem Hofe

umher, fuchteln mit den Armen, heben Holzscheite vom Boden auf -- sind

alle wie besessen -- 'Nach dem Dorf! Nach dem Dorf ist er fortgerannt!'

kreischt ein Weib in einem Kopfputze von ungewöhnlichen Dimensionen,

sich aus einem Bodenfenster herausreckend. Ich ging wieder in den Hof.

-- 'Wo ist mein Tresor?' Und im gleichen Augenblick erblickte ich meinen

Retter. Er kommt vom Tore her, hinkt, ist ganz zerbissen und blutig ...

-- 'Was ist denn eigentlich los?' frage ich die Leute; die rennen aber

noch immer wie besessen auf dem Hofe umher. -- 'Ein toller Hund!'

antwortete man mir schließlich. 'Er gehört dem Grafen ... Seit gestern

treibt er sich hier herum.'

Wir hatten einen Grafen in der Nachbarschaft, der sich furchtbare

ausländische Hunde hielt. Mir zittern die Knie; ich stürze zu einem

Spiegel, um zu sehen, ob ich nicht gebissen bin. Nein, Gott sei Dank,

nichts zu sehen; nur ist mein Gesicht grün. Indessen liegt Nymphodora

Ssemjonowna auf dem Diwan und gluckst wie eine Henne. Das ist auch wohl

begreiflich: erstens die Nerven und zweitens die Empfindsamkeit. Sie

kommt aber wieder zu sich und fragt mich, mit so matter Stimme, ob ich

noch lebe. Ich sage ihr, daß ich noch lebe und daß Tresor mein Retter

ist. -- 'Ach,' sagt sie drauf, 'welch ein Edelmut! Hat ihn also der

tolle Hund erwürgt?' -- 'Nein,' sage ich, 'er hat ihn nicht erwürgt,

aber stark verletzt.' -- 'Ach,' sagt sie wieder, 'in diesem Falle muß

man ihn sofort niederschießen!' -- 'Nein,' sage ich, 'damit bin ich gar

nicht einverstanden; ich will versuchen, ihn zu kurieren ...' Indessen

kratzt Tresor von außen an der Türe; ich will ihn hereinlassen. --

'Ach,' sagt sie, 'was fällt Ihnen ein? Er wird ja uns alle beißen!' --

'Erlauben Sie,' erwidere ich, 'das Gift wirkt nicht so schnell.' --

'Ach,' sagt sie, 'wie kann man nur so was sagen! Sie sind wohl

verrückt!' -- 'Nymphotschka,' sage ich ihr, 'beruhige dich, sei doch

vernünftig ...' Da schreit sie aber auf: 'Hinaus, hinaus, sofort

verlassen Sie das Haus zusammen mit Ihrem ekelhaften Hund!' -- 'Gut,'

sage ich, 'gerne, ich gehe schon.' -- 'Sofort, in dieser Sekunde!

Entferne dich,' sagt sie, 'du Mörder, und wage nicht, mir je wieder

unter die Augen zu kommen. Du kannst ja selbst toll werden!' -- 'Sehr

gut,' sage ich, 'lassen Sie mir nur einen Wagen geben, denn ich fürchte

mich jetzt, zu Fuß nach Hause zu gehen.' -- Sie starrte mich an. --

'Gebt ihm einen Wagen, eine Kutsche, eine Droschke, was er will, nur daß

ich ihn nicht mehr sehe! Diese Augen! Was er für Augen macht!' Mit

diesen Worten rennt sie aus dem Zimmer, gibt einem Dienstmädchen, das

ihr gerade in den Weg kommt, eine Ohrfeige, -- und ich höre, wie sie im

Nebenzimmer einen hysterischen Anfall bekommt. -- Sie mögen es mir

glauben, meine Herren, oder nicht, doch von diesem Tag an brach ich

jeden Verkehr mit Nymphodora Ssemjonowna ab; und bei reiflicher

Überlegung muß ich sagen, daß ich auch für diesen Dienst meinem Freund

Tresor bis an mein Lebensende zum Danke verpflichtet bin.

Ich ließ also einen Wagen anspannen, setzte mich mit Tresor hinein und

fuhr nach Hause. Zu Hause untersuchte ich ihn, wusch seine Wunden aus

und beschloß, ihn am nächsten Morgen zu einer weisen Frau, die im Kreise

Jefremow wohnte, zu bringen. Diese weise Frau war übrigens ein alter

Bauer, ein ganz merkwürdiger Mensch: er flüsterte einige Worte über

Wasser, -- andere sagen, daß er Schlangenspeichel hineintat, -- gab

davon zu trinken, und im Nu war jede Krankheit weg. Bei dieser

Gelegenheit wollte ich mir in Jefremow zur Ader lassen: das ist manchmal

sehr gut gegen Schreck; nur selbstverständlich nicht am Arme, sondern an

der Daumenader.«

»Wo liegt denn die Daumenader?« fragte mit schüchterner Neugier Herr

Finoplentow.

»Das wissen Sie nicht? Das ist eben die Stelle auf der Faust neben dem

Daumen, wohin man Schnupftabak schüttet, bevor man eine Prise nimmt --

hier ist sie! Für den Aderlaß ist es die geeignetste Stelle; denn

urteilen Sie selbst: aus dem Arme kommt frisches Aderblut, aber da kann

nur verbrauchtes Blut herauskommen. Die Ärzte wissen es nicht und

verstehen es nicht; wie sollten sie es auch, diese Deutschen! Bei uns

befassen sich hauptsächlich Schmiede damit. Und was es für geschickte

Leute unter ihnen gibt! So ein Schmied setzt den Meißel an, haut mit dem

Hammer darauf -- und fertig!.. Während ich auf diese Weise überlegte,

war es draußen ganz finster geworden, also höchste Zeit, schlafen zu

gehen. Ich legte mich zu Bett, und Tresor blieb selbstverständlich bei

mir im Schlafzimmer. Ich weiß nicht, war es noch der Schreck, oder kam

es von der stickigen Luft, von den Flöhen, oder weil ich zu viel

Gedanken im Kopfe hatte, -- aber ich konnte nicht einschlafen, wie sehr

ich mir auch Mühe gab! Ich hatte ein so eigentümliches, beklemmendes

Gefühl, daß ich es gar nicht beschreiben kann; ich versuchte alles

Mögliche: trank Wasser, öffnete das Fenster, spielte auf der Gitarre die

Kamarinskaja mit italienischen Variationen ... es nützte alles nicht! Es

trieb mich aus dem Zimmer ... schließlich nahm ich mein Kissen, die

Bettdecke, ein Laken und begab mich durch den Garten in den Heuschuppen

und richtete mich da ein. Es war so angenehm, meine Herren: die Nacht

ist still, ungewöhnlich still, nur ab und zu streicht mir ein Windhauch,

zart wie eine Frauenhand, über das Gesicht; das Heu duftet wie Tee, auf

den Apfelbäumen zirpen die Grillen; mitunter schlägt eine Wachtel, und

man fühlt, daß es auch ihr, der Kanaille, so wohlig zumute ist, während

sie mit dem Weibchen im Tau sitzt ... Und am Himmel eine strahlende

Pracht: die Sternchen flimmern, und zuweilen schwebt ein Wölkchen

vorbei, weiß wie Watte, und bewegt sich kaum ...«

An dieser Stelle mußte Skworewitsch niesen; auch Kinarewitsch, der nie

hinter seinem Freunde zurückblieb, nieste. Anton Stepanowitsch sah die

beiden beifällig an.

»Nun,« fuhr Porfirij Kapitonowitsch fort, »so liege ich da und kann noch

immer nicht einschlafen. Ich muß in einemfort denken und zwar

hauptsächlich über die menschliche Weisheit: wie wunderbar hat mir doch

Prochorytsch das warnende Zeichen gedeutet, und warum solche Wunder

gerade mit mir geschehen?.. Ich wundere mich, weil ich nichts begreife;

Tresor liegt indessen zusammengerollt auf dem Heu und winselt leise;

seine Wunden schmerzen ihn. Ich will Ihnen auch sagen, was mich am

Schlafen hinderte, Sie werden es wohl kaum glauben: der Mond! Er steht

so rund, groß, gelb und flach gerade vor mir, und starrt mich an, bei

Gott! So frech und zudringlich starrt er mich an ... Schließlich zeigte

ich ihm sogar die Zunge. Was bist du so neugierig? -- denke ich mir.

Wenn ich mich von ihm abwende, kriecht er mir ins Ohr, bestrahlt mir den

Nacken, übergießt mich wie ein Regen; und wenn ich die Augen öffne, ist

es noch ärger: jedes Hälmchen, jedes unnütze Ästchen im Heu, jedes noch

so unbedeutende Spinngewebe beleuchtet er so grell, so unverschämt: sieh

dir nur alles recht genau an! Es ist nichts zu machen; ich stütze mich

auf einen Ellenbogen und fange an zu sehen. Ich kann auch nicht anders:

meine Augen sind plötzlich wie die eines Hasen, sie sind so weit

aufgerissen, wollen beinahe aus dem Kopfe herausspringen; sie sind so

unheimlich wach, als ob sie gar nicht wüßten, was Schlaf heißt. Ich

glaube, ich hätte mit den Augen alles verschlingen können. Das Tor steht

weit offen, an die fünf Werst weit kann ich im Felde alles sehen: so

unheimlich deutlich und zugleich undeutlich, wie es immer in einer

Mondscheinnacht ist. So sehe ich, und sehe, und blinzle nicht mal mit

den Augen ... Und plötzlich kommt es mir vor, als ob sich in weiter

Ferne etwas regte. Es vergeht einige Zeit, wieder huscht ein Schatten

vorbei, diesmal etwas näher; und dann noch einmal und wieder näher. Was

kann das sein? Vielleicht ein Hase? Nein, es scheint größer als ein Hase

zu sein, auch springt ein Hase ganz anders. Ich sehe: der Schatten zeigt

sich wieder und huscht schon als dunkler Fleck über die Viehweide -- die

Viehweide liegt aber im Mondlichte ganz weiß da. Es ist ja klar: ein

Tier, ein Fuchs oder ein Wolf. Das Herz steht mir still ... doch was

soll ich mich fürchten? Es treibt sich doch immer allerlei Getier nachts

im Feld umher. Die Neugierde ist aber größer als die Furcht; ich stehe

auf, starre hinaus, und auf einmal überläuft es mich ganz kalt; ich

erstarre, als ob man mich bis über die Ohren in Eis gesteckt hätte; doch

warum? Das weiß Gott allein! Und ich sehe: der Schatten wird immer

größer und wächst und rückt gerade auf meinen Schuppen los ... Und ich

sehe ganz genau, daß es ein großes Tier mit dickem Kopf ist ... Es saust

daher wie ein Wirbelwind, wie eine Flintenkugel ... Du lieber Himmel!

Was mag das sein? Das Tier bleibt auf einmal stehen, als ob es etwas

witterte ... Das ist ja ... der tolle Hund von heute früh! Er ist es, er

ist es! Gott! Und ich kann mich weder rühren, noch schreien ... Der Hund

springt in den Schuppen, seine Augen funkeln, und er stürzt heulend

gerade auf mich los!

Aber da kommt schon aus dem Heu mein Tresor wie ein Löwe heraus; ja das

tut er! Rachen an Rachen beißen sich die beiden ineinander fest und

stürzen wie ein Knäuel zu Boden! Was weiter geschah, weiß ich nicht,

denn ich sprang, wie ich war, über sie weg, und aus dem Schuppen heraus,

und in den Garten, und nach Hause in mein Schlafzimmer!.. Ich muß

gestehen, daß ich mich beinahe unters Bett verkroch. Aber was für Sätze,

was für Pas führte ich im Garten aus! Ich glaube, die erste Tänzerin,

die vor Kaiser Napoleon an seinem Namenstage tanzt, auch die hätte es

nicht besser machen können. Als ich jedoch einigermaßen zur Besinnung

gekommen war, brachte ich gleich das ganze Haus auf die Beine; ich

befahl allen, sich zu bewaffnen und nahm selbst einen Säbel und einen

Revolver. (Ich hatte mir diesen Revolver, offen gestanden, gleich nach

der Aufhebung der Leibeigenschaft gekauft; wissen Sie, für jeden Fall;

nur hatte ich ein ganz miserables Ding erwischt: von drei Schüssen

versagten mindestens zwei.) Ich nahm also das alles und begab mich mit

einer ganzen Schar, mit Knüppeln und Laternen bewaffnet zum Schuppen.

Wir kommen an, rufen, -- nichts zu hören; schließlich gehen wir in den

Schuppen. Und was sehen wir? Mein armer Tresor liegt tot mit

durchbissener Kehle -- und der andere, der Verdammte, ist längst

verschwunden!

Da brüllte ich, meine Herren, wie ein Kalb und ich schäme mich nicht zu

bekennen: ich fiel über meinen sozusagen zweifachen Retter und liebkoste

lange seinen Kopf. Und ich blieb in dieser Stellung so lange, bis mich

meine alte Haushälterin Praskowja wieder zur Besinnung brachte (sie war

mit den andern auf den Lärm herbeigeeilt). -- 'Wie können Sie sich nur,

Profirij Kapitonowitsch,' sagte sie, 'wegen eines Hundes so grämen? Sie

werden sich noch erkälten, Gott bewahre! (Ich war auch in der Tat sehr

leicht gekleidet). Und wenn dieser Hund, als er Sie rettete, sein

eigenes Leben ließ, so ist das für ihn eine große Gnade und Ehre!'

Obwohl ich Praskowja nicht beistimmen konnte, begab ich mich doch nach

Hause. Der tolle Hund wurde aber am nächsten Tage von einem Soldaten

erschossen ... So ein Ende war ihm wohl vorausbestimmt: der Soldat hatte

zum ersten Male in seinem Leben aus einem Gewehre geschossen, obwohl er

eine Medaille für das Jahr 1812 besaß. Also so eine übernatürliche

Begebenheit hat sich mit mir zugetragen.«

Der Erzähler schwieg und begann sich eine Pfeife zu stopfen. Wir sahen

aber einander ganz verdutzt an. -- »Vielleicht führen Sie ein besonders

gottgefälliges Leben,« begann Herr Finoplentow, »und zur Belohnung ...«

Doch bei diesem Worte blieb er stecken, denn er sah, daß Porfirij

Kapitonowitsch seine Backen aufblies, rot wurde und mit den Augen

zwinkerte, wie einer, der sofort in schallendes Gelächter ausbrechen

wird ...

»Wenn man aber die Möglichkeit des Übernatürlichen, die Möglichkeit

seines Hineinspielens in das sogenannte wirkliche Leben zugeben soll,«

begann wieder Anton Stepanowitsch, »welche Rolle soll dann noch der

gesunde Menschenverstand spielen?«

Niemand von uns wußte darauf etwas zu erwidern, und wir verblieben im

Zustande völliger Ratlosigkeit.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 43 / 80 题