Ich konnte lange nicht einschlafen und wälzte mich unaufhörlich von der
einen Seite auf die andere. »Hole doch der Teufel das blöde
Tischrücken,« dachte ich, »das greift nur die Nerven an ...« Endlich
begann der Schlummer mich zu überwältigen ...
Plötzlich war es mir, als ob irgendwo im Zimmer schwach und klagend eine
Saite erklänge.
Ich hob den Kopf. Der Mond stand niedrig am Himmel und blickte mir
gerade in die Augen. Sein Licht lag weiß wie Kreide auf dem Fußboden ...
Und wieder ließ sich der seltsame Klang vernehmen ...
Ich stützte mich auf einen Ellenbogen. Eine leise Furcht regte sich in
meinem Herzen. -- Es verging eine Minute, und noch eine ... Irgendwo in
der Ferne krähte ein Hahn; in noch weiterer Ferne antwortete ihm ein
anderer.
Ich ließ den Kopf auf das Kissen sinken. »So weit kann es mit einem
kommen,« sagte ich mir wieder, »daß es in den Ohren zu klingen anfängt.«
Einige Minuten darauf schlief ich ein, oder kam es mir nur so vor, als
ob ich einschliefe?... Ich hatte einen ungewöhnlichen Traum. Mir
träumte, daß ich in meinem Schlafzimmer auf einem Bette läge, nicht
schliefe, nicht einmal die Augen schließen könne. Und nun höre ich
wieder den Klang ... Ich wende mich um ... Der Mondfleck am Boden
richtet sich allmählich auf, rundet sich oben ab ... Vor mir,
durchsichtig wie ein Nebel, steht unbeweglich eine weiße Frau.
»Wer bist du?« frage ich sie mit großer Anstrengung.
Eine Stimme, ähnlich dem Säuseln der Blätter, antwortet mir: »Das bin
ich ... ich ... ich ... Ich bin dich abholen gekommen.«
»Mich abholen? Wer bist du?«
»Komm nachts zur alten Eiche, die an der Ecke des Waldes steht. Dort
werde ich dich erwarten.«
Ich will mir das Antlitz der geheimnisvollen Frau näher ansehen, muß
aber plötzlich zusammenschaudern ... ein kalter Odem weht mich an. Und
ich liege nicht mehr, ich sitze auf meinem Bett, und dort, wo die Vision
erschienen war, liegt ein langer, weißer Mondlichtstreifen auf dem
Boden.