Vor Jahren jagte ich mit besonderer Vorliebe in der Nähe des Kirchdorfes
Glinnoje, das etwa zwanzig Werst von meinem Gute entfernt liegt. Es ist
wohl das beste Jagdgebiet im ganzen Landkreise. Nachdem ich alle Felder
und Gebüsche nach Wild abgesucht hatte, ging ich noch regelmäßig gegen
abend zum Moorgrunde -- es war der einzige Moorgrund in der ganzen
Gegend -- und begab mich erst von dort zu meinem gastfreundlichen Wirte,
dem Dorfschulzen von Glinnoje, bei dem ich in der Jagdzeit immer
Quartier nahm. Vom Moor hatte ich bis zum Dorfe kaum zwei Werst zu
gehen; der Weg führte durch eine Niederung, und nur auf der halben
Strecke mußte ich über einen nicht sehr hohen Hügel steigen. Auf diesem
Hügel liegt ein kleiner Landsitz, der aus einem unbewohnten
Herrschaftshaus und einem Garten besteht. Ich kam fast immer während des
Sonnenuntergangs vorbei, und das von den Strahlen der Abendsonne
übergossene Haus mit den vernagelten Fensterläden erinnerte mich
jedesmal an einen blinden Greis, der aus seinem Kämmerchen
hervorgekrochen war, um sich in der Sonne zu wärmen. Der arme Greis
sitzt so allein an der Straße; statt des Sonnenlichtes sieht er schon
längst nur ewiges Dunkel; er fühlt aber noch die Sonne auf seinem
Gesicht, das er zu ihr wendet, und auf seinen erwärmten Wangen. Das Haus
sah so aus, als ob darin schon lange niemand gewohnt hätte; doch im
winzigen Hofgebäude wohnte ein freigelassener Leibeigener, ein
hochgewachsener Greis mit silberweißem Haar und ausdrucksvollem, doch
immer unbeweglichem Gesicht. Er saß meistens auf der Bank vor dem
einzigen Fenster seines Häuschens und blickte nachdenklich und bekümmert
in die Ferne; so oft er mich sah, erhob er sich von der Bank und
verbeugte sich vor mir mit jener langsamen Feierlichkeit, die nur den
Leibeigenen der alten Zeit, die zur Generation unserer Großväter und
nicht zu der unserer Väter gehören, eigen ist. Ich versuchte manchmal,
ihn in ein Gespräch zu ziehen, er war aber ungewöhnlich wortkarg: das
einzige, was ich von ihm erfahren konnte, war, daß das Gut, in dem er
wohnte, der Enkelin seines früheren Herrn gehörte, einer Witwe, die noch
eine jüngere Schwester hatte; daß die beiden irgendwo »hinter dem Meere«
wohnten und das Gut niemals aufsuchten; daß er selbst nur den einen
Wunsch hatte, baldmöglichst sein Leben zu beschließen: »Ich kaue und
kaue meinen Bissen Brot, und manchmal ärgert es mich, daß ich so lange
daran kauen muß.« Dieser Greis hieß Lukjanytsch.
Einmal jagte ich länger als gewöhnlich; es gab besonders viel Wild, ich
schoß gut, auch war das Wetter ganz besonders für die Jagd geeignet --
vom frühen Morgen an war der Tag still, trüb, gleichsam vom Abend
durchdrungen. Ich war weit vom Dorfe abgekommen, und als ich den
bekannten Landsitz erreichte, war es nicht nur ganz dunkel geworden,
sondern auch der Mond war schon aufgegangen, und die Nacht beherrschte
den Himmel. Ich mußte am Garten vorbei; ringsumher war eine seltsame
Stille ...
Ich durchquerte die breite Landstraße, bahnte mir vorsichtig den Weg
durch die staubbedeckten Brennesseln hindurch, lehnte mich an die
niedere Hecke und sah in den Garten hinein. Der nicht sehr große Garten
lag vor mir regungslos, ganz vom silbernen Mondlicht überflutet und
gleichsam beruhigt, feucht und duftend; er war nach alter Mode angelegt
und bestand aus einer länglichen Rasenfläche, die von schnurgeraden
Wegen durchschnitten war; die Wege trafen sich in ihrer Mitte bei einem
runden Beet, auf dem Astern wucherten; hohe Lindenbäume umrahmten das
Ganze wie mit gleichmäßigem Band. Dieses Band war nur an einer Stelle
auf der Strecke von etwa zwei Klaftern durchbrochen, und durch diese
Öffnung konnte man ein Stück des niedrigen Herrenhauses sehen; zwei
Fenster des Hauses waren zu meinem größten Erstaunen erleuchtet. Hie und
da standen auf der Rasenfläche junge Apfelbäume, und durch ihre dünnen
Zweige hindurch blaute der milde Nachthimmel und flutete das
einschläfernde Mondlicht; vor jedem der Apfelbäume lag auf dem silbrig
schimmernden Rasen sein Schatten. Auf der einen Seite des Parkes waren
die Linden vom Mondlicht übergossen und standen bleich und grün da; auf
der anderen Seite waren sie schwarz und undurchsichtig; in ihrem dichten
Laub erhob sich ab und zu ein seltsames verhaltenes Geflüster; es war
mir, als ob sie mich in ihren Schatten auf die sich zwischen ihnen
verlierenden Gartenwege locken wollten. Der ganze Himmel war voller
Sterne; ihr blaues, mildes Licht ergoß sich geheimnisvoll über die Erde,
auf die sie still, doch gespannt herabzublicken schienen. Leichte
Wölkchen zogen ab und zu an der Mondscheibe vorbei und verwandelten
ihren ruhigen Glanz in einen verschwommenen doch hellen Nebelfleck ...
Alles schlief. Die durch und durch warme, durch und durch duftende Luft
war regungslos; ab und zu erzitterte sie so leise, wie das von einem
herabgefallenen Zweig erschütterte Wasser ... In allen Dingen lag eine
eigentümliche Sehnsucht, eine Erwartung ... Ich beugte mich über die
Hecke: gerade vor mir erhob sich aus dem verwilderten Gras eine
Mohnblume auf ihrem schlanken Stengel; ein großer runder Tautropfen
glänzte matt auf dem Boden des Blütenkelches. Alles schlief, alles
träumte einen süßen Traum; alles stand regungslos da, blickte nach oben
und wartete ... Worauf wartete diese warme, wache Nacht?
Sie wartete auf einen Laut; diese lauschende Stille wartete auf eine
lebendige Stimme, -- doch alles schlief. Die Nachtigallen hatten schon
lange zu schlagen aufgehört ... und das plötzliche Summen eines
vorbeifliegenden Käfers, das Schnappen der Fische im Setzteiche hinter
den Linden am anderen Ende des Gartens, das Zwitschern eines
verschlafenen Vogels, ein Schrei in weiter Ferne, so weit, daß kein Ohr
unterscheiden konnte, ob es ein Mensch, ein Tier oder ein Vogel war, --
ein kurzes rasches Getrabe auf der Straße: alle diese schwachen Töne
vertieften nur die Stille ... Mein Herz war von einem eigentümlichen
Gefühl erfüllt; es war wie eine Erwartung und zugleich wie die
Erinnerung an ein entschwundenes Glück; ich wagte mich nicht zu rühren,
ich stand unbeweglich vor dem regungslosen, vom Mondlicht und Tau
übergossenen Garten und blickte, ohne selbst zu wissen warum, unverwandt
auf die beiden Fenster, die rötlich durch das weiche Dunkel schimmerten.
Und plötzlich ertönte im Hause ein Akkord, -- er ertönte und rollte wie
eine Woge durch die Stille ... Die unheimlich klingende Luft antwortete
mit einem lauten Echo ... Ich fuhr unwillkürlich zusammen.
Dem Akkord folgte eine weibliche Stimme ... Ich horchte gespannt auf und
... wie soll ich nur mein Erstaunen schildern? -- vor zwei Jahren hatte
ich in Italien, in Sorrent dasselbe Lied und dieselbe Stimme gehört ...
Ja, ja ...
Vieni pensando a me segretamente ...
Ja, ich habe die Töne erkannt ... Es war damals so gewesen: Nach einem
längeren Spaziergang am Meeresstrande kehrte ich heim. Ich ging mit
schnellen Schritten die Gasse entlang; die Nacht war schon längst
hereingebrochen, -- eine herrliche südliche Nacht, keine stille und
melancholische wie bei uns, sondern eine helle, strahlende und üppige
Nacht, schön wie eine glückliche Frau in der Blüte ihres Alters; das
Mondlicht war ungewöhnlich hell; die großen strahlenden Sterne schienen
sich auf dem dunklen Himmel zu bewegen; die schwarzen Schatten hoben
sich scharf auf der vom Mondlicht fast gelb gefärbten Erde ab. Zu beiden
Seiten der Straße zogen sich Gartenmauern hin; Orangenbäume erhoben
hinter ihnen ihre krummen Äste, mit schweren goldenen Früchten beladen,
die bald aus dem dichten Laube hervorschimmerten und bald unverhüllt, im
vollen Mondlichte, glühten. Auf vielen Bäumen leuchteten zarte weiße
Blüten; die Luft war von einem starken, fast unerträglichen, doch
unbeschreiblich süßen Duft erfüllt. Während ich so nach Hause ging,
waren mir alle diese Wunder, offen gesagt, nicht mehr neu; ich hatte nur
den einen Wunsch, -- möglichst schnell mein Hotel zu erreichen. Und
plötzlich erklang aus einem kleinen Pavillon, der sich über einer
Gartenmauer erhob, eine weibliche Stimme. Sie sang ein Lied, das ich
nicht kannte, doch in den Tönen lag etwas so sehr Lockendes, die Stimme
selbst schien von einer so leidenschaftlichen und glücklichen Erwartung,
die wohl auch in den Worten des Liedes lag, durchdrungen, daß ich
unwillkürlich stehen blieb und den Kopf hob. Im Pavillon waren zwei
Fenster; doch die Jalousien waren herabgelassen, und durch die schmalen
Spalten drang ein ganz schwacher Lichtschein. Die Stimme wiederholte
noch zweimal die Worte »Vieni, vieni« und hielt inne; dann ließ sich
noch ein leises Klirren von Saiten vernehmen, als ob eine Gitarre auf
einen Teppich gefallen wäre, ein Kleid rauschte, ein Dielenbrett knarrte
... Die hellen Lichtstreifen in einem der Fenster erloschen: jemand war
von innen ans Fenster getreten und hatte sich gegen das Fensterkreuz
gelehnt. Ich trat zwei Schritte zurück. Plötzlich knarrte das Fenster,
der Laden wurde aufgeklappt; eine schlanke Frauengestalt, ganz weiß
gekleidet, steckte für einen Augenblick ihren reizenden Kopf heraus und
rief, die Arme gleichsam nach mir ausstreckend: »Sei tu?« Ich war ganz
verwirrt und wußte nicht, was ich sagen sollte, doch die Unbekannte
schrie in diesem Augenblick schwach auf und prallte zurück; der Laden
wurde wieder zugeschlagen, und der Lichtschein wurde auf einmal matter,
als ob man die Lampe in ein anderes Zimmer getragen hätte. Ich blieb
unbeweglich stehen und konnte lange nicht zu mir kommen. Das Gesicht der
Frau, das ich in diesem kurzen Augenblick gesehen hatte, war
unbeschreiblich schön. Es war viel zu schnell meinen Blicken
entschwunden, als daß ich mir jeden einzelnen Zug hätte merken können;
doch der ganze Eindruck war ungemein stark und tief ... Ich hatte schon
damals das Gefühl, daß ich dieses Gesicht nie vergessen werde ... Das
Mondlicht übergoß die Wand des Pavillons und fiel gerade auf jenes
Fenster, in dem ich sie erblickt hatte; mein Gott! -- wie wunderbar
glänzten im Mondlicht ihre großen dunklen Augen! Wie herrlich fielen
ihre halbaufgelösten, schwarzen Flechten auf die runde Schulter herab!
Wie viel verschämte Zärtlichkeit lag in der leichten Neigung ihres
Oberkörpers, wie viel Liebessehnsucht in ihrer Stimme, als sie mich
anrief, -- wie hell klang das rasche Flüstern! Nachdem ich noch recht
lange an dieser Stelle gestanden hatte, trat ich etwas zur Seite, in den
Schatten der gegenüberliegenden Mauer und blickte von dort aus
verständnislos und etwas blöde auf den Pavillon. Ich lauschte ...
lauschte gespannt und aufmerksam ... Ich glaubte hinter dem dunkel
gewordenen Fenster bald ein leises Atmen zu hören, bald ein seltsames
Rascheln und ein leises Lachen. Plötzlich hörte ich in der Ferne
Schritte ... sie kamen immer näher; am Ende der Straße zeigte sich ein
Mann von gleichem Wuchse wie ich; er kam mit schnellen Schritten zu der
Pforte, die in der Mauer dicht neben dem Pavillon angebracht war und die
ich vorher nicht bemerkt hatte, klopfte zweimal, ohne sich umzublicken,
mit dem eisernen Ring, wartete eine Weile, klopfte noch einmal und
stimmte leise an: »Ecco ridente ...« Die Pforte ging auf und er
schlüpfte lautlos hinein. Ich fuhr auf, schüttelte den Kopf, spreizte
die Arme auseinander, drückte mir den Hut in die Stirne und ging
ziemlich mißvergnügt nach Hause. Am nächsten Tage ging ich bei der
gräßlichen Sonnenglut wohl zwei Stunden lang in der Straße am Pavillon
auf und ab, doch ohne jeden Erfolg. Am gleichen Abend verließ ich aber
Sorrent, ohne Tassos Haus besichtigt zu haben.
Mag sich nun der Leser das Erstaunen vorstellen, das mich ergriff, als
ich in der Steppe, in einer der gottvergessensten Gegenden Rußlands die
gleiche Stimme und das gleiche Lied wiedererkannte ... Jetzt wie damals
war es in der Nacht; wie damals erklang die Stimme ganz plötzlich aus
einem erleuchteten unbekannten Zimmer; wie damals war ich ganz allein.
Das Herz klopfte mir und ich fragte mich, ob das Ganze nicht ein Traum
sei. Da erklang das letzte »Vieni« ... Wird denn auch jetzt das Fenster
aufgehen? Wird sich wieder eine Frauengestalt zeigen? Das Fenster ging
auf. In seinem Rahmen erschien eine Frau. Ich erkannte sie sofort,
obwohl ich fünfzig Schritt von ihr entfernt war, obwohl der Mond in
diesem Augenblick von einem leichten Wölkchen verdeckt war. Es war sie,
meine Unbekannte aus Sorrent. Diesmal streckte sie aber nicht wie damals
ihre entblößten Arme vor sich aus, sondern hielt sie auf dem
Fensterbrett gekreuzt und blickte stumm und unbeweglich in den Garten.
Ja, sie war es, es waren ihre unvergeßlichen Züge, ihre
unvergleichlichen Augen. Sie trug wieder ein weites weißes Gewand,
schien aber etwas voller als in Sorrent. Ihr ganzes Wesen atmete
Siegesbewußtsein und Liebe, triumphierende, ruhige, glückliche
Schönheit. Sie blieb ziemlich lange unbeweglich am Fenster stehen,
blickte dann ins Innere des Zimmers zurück, richtete sich plötzlich auf
und rief dreimal mit lauter und heller Stimme: »Addio!« Die herrlichen
Töne ihrer Stimme hallten weit durch die Nacht, zitterten lange nach und
erstarben über den Linden des Gartens, im Felde hinter mir und überall.
Alles um mich her wurde für einige Augenblicke von dieser Frauenstimme
erfüllt, alles widerhallte die Stimme, sie selbst schien in allen Dingen
zu tönen ... Sie schloß das Fenster, und nach einigen Augenblicken
erlosch auch das Licht im Hause.
Als ich wieder zu mir kam -- ich muß gestehen, daß es noch eine ganze
Weile dauerte -- ging ich sofort am Garten entlang zum versperrten Tor
und blickte über den Zaun. Im Hofe konnte ich nichts Außergewöhnliches
wahrnehmen; in einer Ecke stand unter einem Schuppen ein Reisewagen. Der
Vorderteil des Wagens war mit Straßenkot bespritzt und schien im
Mondlichte grellweiß. Die Läden des Hauses waren wie immer geschlossen.
Ich vergaß vorher zu sagen, daß ich vor diesem Tage eine ganze Woche
nicht in Glinnoje gewesen war. Ich ging über eine halbe Stunde ganz
verdutzt vor dem Zaune auf und ab, so daß ich zuletzt die Aufmerksamkeit
des alten Hofhundes auf mich lenkte; er bellte mich aber nicht an,
sondern sah mich ungewöhnlich ironisch mit seinen zusammengekniffenen
halbblinden Augen an. Ich verstand den Wink und zog mich zurück. Ich war
aber noch nicht eine halbe Werst gegangen, als ich plötzlich hinter mir
den Hufschlag eines Pferdes hörte ... Nach einigen Augenblicken sprengte
ein Reiter auf einem Rappen an mir vorbei; für einen kurzen Augenblick
wandte er mir sein Gesicht zu, so daß ich unter der tief in die Stirne
gedrückten Mütze eine Adlernase und einen schönen dichten Schnurrbart
sehen konnte; er schwenkte vom Wege nach rechts ab und verschwand sofort
im Walde. »Das ist er also,« sagte ich mir mit einem eigentümlichen
Gefühl. Ich glaubte ihn erkannt zu haben; seine Figur erinnerte wirklich
an die des Unbekannten, den ich zu Sorrent in die Gartenpforte eintreten
gesehen hatte. Nach einer halben Stunde war ich schon in Glinnoje. Ich
weckte meinen Quartierwirt und begann ihn sofort auszufragen, wer im
Nachbarsgute angekommen sei. Als er endlich begriff, was ich von ihm
wollte, antwortete er mir, daß die Gutsherrinnen eingetroffen seien.
»Was für Gutsherrinnen?« fragte ich ungeduldig.
»Nun, die Herrschaften,« antwortete er sehr träge.
»Ja, was für Herrschaften?«
»Nun, wie Herrschaften eben sind ...«
»Sind sie Russinnen?«
»Was denn sonst? Selbstverständlich Russinnen.«
»Nicht Ausländerinnen?«
»Wie?«
»Sind sie schon lange hier?«
»Nein, erst seit kurzem.«
»Bleiben sie lange hier?«
»Das weiß ich nicht.«
»Sind sie reich?«
»Auch das weiß ich nicht. Vielleicht sind sie reich.«
»Ist nicht auch ein Herr mit ihnen gekommen?«
»Ein Herr?«
»Ja, ein Herr!«
Der Schulze seufzte auf.
»O Gott!« sagte er gähnend. »N--n--nein, ein Herr ist nicht dabei ...
Ich glaube nicht, daß einer dabei ist. Ich weiß es nicht!« fügte er
plötzlich hinzu.
»Was gibt es hier noch für Nachbarn in der Nähe?«
»Was für Nachbarn? Nun, es sind eben verschiedene da.«
»Verschiedene? Und wie heißen sie?«
»Wer -- die Gutsherrinnen oder die Nachbarn?«
»Die Gutsherrinnen.«
Der Schulze seufzte wieder auf.
»Wie sie heißen?« murmelte er. »Gott weiß, wie sie heißen! Die Ältere
heißt, glaube ich, Anna Fjodorowna, und die Jüngere ... Nein, ich weiß
nicht, wie die Jüngere heißt.«
»Weißt du wenigstens, wie sie mit ihrem Familiennamen heißen?«
»Familiennamen?«
»Ja, mit dem Familiennamen, dem Zunamen.«
»Zunamen ... Ja so. Das weiß ich bei Gott nicht.«
»Sind sie noch jung?«
»Nein, das nicht.«
»Wie alt?«
»Ja, die Jüngere wird so über die Vierzig sein.«
»Es ist alles nicht wahr, was du mir sagst.«
Der Schulze schwieg eine Weile.
»Nun, Sie werden es wohl besser wissen. Ich weiß von nichts.«
»Von dir werde ich wohl doch nichts anderes zu hören bekommen!« rief ich
geärgert aus.
Da ich aus Erfahrung wußte, daß man von einem Russen, wenn er schon
einmal angefangen hat, solche Antworten zu geben, nichts herausbekommen
kann (ich hatte übrigens den Mann aus dem tiefsten Schlafe geweckt, er
war noch ganz verschlafen und fiel bei jeder Antwort, die er mir gab,
ein wenig vorn über, während seine Augen kindliches Erstaunen
ausdrückten und er offenbar große Mühe hatte, die vom Honig des ersten
Schlummers zusammengeklebten Lippen aufzureißen), -- so gab ich alle
weiteren Versuche auf. Ich verzichtete auf das Abendbrot und ging in
meine Scheune schlafen.
Ich konnte lange nicht einschlafen. »Wer ist sie?« fragte ich mich in
einem fort: »Eine Russin? Wenn sie eine Russin ist, warum spricht sie
italienisch?... Der Schulze behauptet, sie sei nicht mehr jung ... Er
lügt ... Und wer ist jener Glückliche?... Ich kann wirklich nichts
begreifen ... Welch ein seltsames Abenteuer! Ist es möglich, so zweimal
hintereinander ... Ich muß aber bestimmt erfahren, wer sie ist und wozu
sie hergekommen ist ...« Unter solchen wirren, abgerissenen Gedanken
schlief ich sehr spät ein und hatte sonderbare Träume ... Bald schien es
mir, ich irre irgendwo in einer Wüste, in der drückendsten Mittagsglut
herum und sehe über den glühend heißen gelben Sand einen großen Schatten
huschen ... Ich hebe den Kopf und sehe meine Schöne in den Lüften
fliegen. Sie ist ganz weiß, hat große weiße Flügel und lockt mich zu
sich. Ich stürze ihr nach, sie schwebt aber leicht und schnell vorbei,
ich kann mich nicht von der Erde erheben und strecke vergeblich meine
gierigen Arme nach ihr aus ... »Addio!« ruft sie mir noch zu und
entschwindet. -- Warum habe ich keine Flügel ... »Addio ...« Und von
allen Seiten klingt es: »Addio!« Jedes Sandkörnchen schreit und piepst:
»Addio ...« Das »i« klingt mir als unerträglicher, schneidender Triller
ins Ohr ... Ich bemühe mich, es wie eine Mücke zu verscheuchen, ich
suche _sie_ mit den Augen ... Sie ist aber schon zu einem Wölkchen
geworden und steigt langsam zur Sonne empor; die Sonne zittert,
schwankt, lacht und streckt ihr lange goldene Fäden entgegen ... Nun ist
sie schon ganz von diesen Fäden umsponnen und löst sich in ihnen auf;
ich schreie aber wie besessen: »Das ist nicht die Sonne, das ist nicht
die Sonne, das ist die italienische Spinne; wer hat sie über die
russische Grenze gelassen? Ich werde sie anzeigen: ich habe mit eigenen
Augen gesehen, wie sie in fremden Gärten Orangen gestohlen hat ...« Bald
träumte mir, ich gehe einen schmalen Bergpfad hinauf ... Ich habe es
sehr eilig: ich muß möglichst schnell irgendein Ziel erreichen, wo mich
ein unerhörtes Glück erwartet; plötzlich erhebt sich vor mir ein
riesengroßer, steiler Felsen. Ich suche einen Durchgang, ich suche
rechts, ich suche links, kann aber keinen Durchgang finden! Und
plötzlich erklingt hinter dem Felsen die Stimme: »Passa, passa quei'
colli ...« Die Stimme ruft und lockt mich; sie wiederholt immer den
gleichen traurigen Ruf. Ich bin von Sehnsucht erfaßt, ich werfe mich
unruhig hin und her, will wenigstens einen schmalen Spalt finden ...
Doch wehe! Von allen Seiten erhebt sich die steile Granitwand ... »Passa
quei' colli«, wiederholt wehmütig die Stimme. Mein Herz vergeht vor
Sehnsucht, ich stürze mich mit der Brust gegen den glatten Stein und
kratze wütend mit den Nägeln an ihm ... Plötzlich öffnet sich vor mir
ein dunkler Gang. Ich kann vor Freude kaum atmen und eile vorwärts ...
»Unsinn!« ruft mir jemand zu, »du kommst nicht durch ...« Vor mir steht
Lukjanytsch; er winkt mir mit den Händen und droht ... Ich durchsuche
eilig die Taschen, will ihn bestechen, kann aber keine einzige Münze
finden ... »Lukjanytsch,« sage ich ihm, »laß mich durch, ich werde dich
später belohnen.« -- »Sie irren, Signore,« antwortet mir Lukjanytsch mit
einem seltsamen Ausdruck: »Ich bin kein Leibeigener; erkennen Sie doch
in mir den berühmten fahrenden Ritter Don Quixote von La Mancha. Mein
ganzes Leben lang habe ich meine Dulcinea gesucht und sie nicht finden
können. Ich werde nicht leiden, daß Sie die Ihrige finden ...« Und
wieder ruft die Stimme beinahe weinend: »Passa quei' colli ...« -- »Aus
dem Weg, Signore!« rufe ich wütend aus und stürze mich auf ihn ... Doch
die lange Lanze des Ritters trifft mich ins Herz ... ich falle tot hin,
ich liege auf dem Rücken ... kann mich nicht rühren ... und da sehe ich:
_sie_ kommt mit einer Lampe in der Hand, sie hebt die Lampe mit einer
schönen Gebärde über den Kopf, blickt sich im Finstern um, schleicht
vorsichtig zu mir heran und beugt sich über mich ... »Da ist er also,
der Narr!« sagt sie verächtlich lächelnd: »Er ist's, der erfahren
wollte, wer ich sei ...« Das heiße Öl der Lampe tropft mir auf mein
verwundetes Herz ... »Psyche!« bringe ich mühsam hervor und erwache ...
Ich hatte sehr schlecht geschlafen und war schon beim ersten
Morgengrauen auf den Beinen. Ich kleidete mich schnell an, nahm mein
Jagdgewehr und begab mich direkt zum Landsitz. Meine Ungeduld war so
groß, daß ich das mir bekannte Tor noch während des Sonnenaufganges
erreichte. Ringsherum sangen die Lerchen, und auf den Birken schrien die
Dohlen, doch im Hause schien noch alles in tiefem Morgenschlaf zu
liegen. Sogar der Hund schnarchte noch am Zaune. Von Erwartung und
Ungeduld gequält und beinahe erbost ging ich im taubedeckten Grase auf
und ab und blickte immerfort auf das niedere unansehnliche Haus, das in
seinen Mauern jenes geheimnisvolle Wesen barg ... Plötzlich knarrte
leise die Gartenpforte und auf der Schwelle erschien Lukjanytsch. Er war
mit einem merkwürdigen gestreiften Halbrock bekleidet, und sein
langgezogenes Gesicht erschien mir mürrischer als je. Er sah mich nicht
ohne Erstaunen an und wollte die Pforte gleich wieder schließen.
»Du, mein Lieber!« rief ich ihm schnell zu.
»Was suchen Sie hier um diese frühe Stunde?« fragte er mich gedehnt und
dumpf.
»Sag mir bitte, man sagt, daß eure Herrin angekommen sei?«
Lukjanytsch schwieg eine Weile.
»Ja, sie ist angekommen ...«
»Allein?«
»Mit der Schwester.«
»Hatten sie nicht gestern abend Besuch?«
»Nein.«
Mit diesen Worten zog er wieder die Pforte an sich.
»Warte, warte, mein Lieber ... einen Augenblick ...«
Lukjanytsch hüstelte und krümmte sich vor Kälte.
»Was wollen Sie denn eigentlich?«
»Sage mir bitte, wie alt ist deine Gnädige?«
Lukjanytsch sah mich mißtrauisch an.
»Wie alt die Gnädige ist? Ich weiß nicht. Sie wird wohl über die Vierzig
sein.«
»Über die Vierzig! Und die Schwester?«
»Etwas jünger als vierzig.«
»Ist's möglich! Ist sie schön?«
»Wer? Die Schwester?«
»Ja, die Schwester.«
Lukjanytsch lächelte.
»Ich weiß nicht, das kommt auf den Geschmack an. Ich finde sie nicht
schön.«
»Wieso?«
»Sie ist schon gar zu unansehnlich. Ein wenig kränklich.«
»So! Und ist außer den beiden niemand hergekommen?«
»Niemand. Wer sollte denn noch herkommen?«
»Es kann ja nicht sein!... Ich ...«
»Ach Herr! Sie werden mit Ihren Fragen wohl nie aufhören,« sagte der
Alte geärgert. »Es ist auch zu kalt! Adieu!«
»Warte noch ... Da hast du was!...« Ich reichte ihm einen Viertelrubel,
den ich für ihn vorbereitet hatte; meine Hand stieß aber an die Pforte,
die er mir vor der Nase zuschlug. Das Silberstück fiel zu Boden und
rollte mir vor die Füße.
-- Du alter Schwindler! -- sagte ich mir. -- »Don Quixote von La Mancha!
Man hat dir wohl befohlen, zu schweigen ... Warte nur, mich wirst du
nicht anführen ...«
Ich gab mir das Wort, die Sache um jeden Preis aufzuklären. Etwa eine
halbe Stunde ging ich noch unschlüssig auf und ab. Endlich beschloß ich,
mich zunächst im Dorfe zu erkundigen, wem eigentlich das Gut gehöre und
wer augenblicklich darin wohne; dann wollte ich wieder zurückkehren und
nicht eher fortgehen, als bis ich die Sache aufgeklärt haben würde. --
Die Unbekannte muß doch früher oder später das Haus verlassen, und da
werde ich sie endlich bei Tageslicht als einen lebendigen Menschen und
nicht als Gespenst sehen. -- Bis zum Dorfe mochte es eine Werst sein,
ich begab mich aber schnell und rüstig dorthin: in meinem Blute siedete
es, ich war ungewöhnlich kühn und entschlossen; die frische Morgenluft
wirkte auf mich nach der unruhigen Nacht stärkend und zugleich
aufregend. Im Dorfe erfuhr ich von zwei Bauern, die gerade an ihre
Feldarbeit gingen, alles, was ich überhaupt erfahren konnte: nämlich,
daß das Gut ebenso wie das Dorf, in dem ich mich befand, Michailowskoje
hieß, daß es der Majorswitwe Anna Fjodorowna Schlykowa gehöre, daß diese
noch eine unverheiratete Schwester Pelageja Fjodorowna Badajewa habe,
daß beide reich seien, auf ihrem Gute fast nie lebten, meistens
herumreisten, daß sie bei sich außer zweien leibeigenen Dienstmädchen
und einem Koch niemand hätten und daß Anna Fjodorowna in diesen Tagen
mit ihrer Schwester aus Moskau angekommen sei; sonst sei aber niemand
mitgekommen ... Dieser letztere Umstand machte mich etwas verdutzt: ich
konnte ja nicht annehmen, daß auch der Bauer den Auftrag hatte, über die
Unbekannte zu schweigen. Ebenso unmöglich war auch die Annahme, daß die
fünfundvierzigjährige Witwe Anna Fjodorowna Schlykowa und jene reizende
junge Frau, die ich gestern gesehen hatte, eine und dieselbe Person
seien. Auch Pelageja Fjodorowna zeichnete sich, wie sie mir geschildert
wurde, keineswegs durch Schönheit aus; beim bloßen Gedanken, daß die
Frau, die ich in Sorrent gesehen hatte, den prosaischen Namen Pelageja
und dazu noch Badajewa tragen sollte, zuckte ich die Achseln und lachte
höhnisch. Und doch, dachte ich, habe ich sie erst gestern abend mit
eigenen Augen in diesem Hause gesehen, ja, mit eigenen Augen! Geärgert,
gereizt, doch in meiner Absicht noch mehr gefestigt, wollte ich sofort
zum Gut zurückkehren; doch ich sah auf die Uhr: es war noch nicht sechs.
Daher beschloß ich zu warten. Im geheimnisvollen Hause schlief wohl noch
alles; wenn ich aber schon jetzt in der Gegend herumirren wollte, konnte
ich leicht unnötigerweise Verdacht erwecken; auch stand ich gerade vor
einem Gebüsch, und hinter diesem war ein Espengehölz zu sehen ... Ich
muß zu meiner Ehre sagen, daß trotz der großen Erregung, in der ich mich
befand, die edle Jagdleidenschaft in mir noch nicht völlig verstummt
war. »Vielleicht stoße ich auf ein Nest,« sagte ich mir, »und so wird
die Zeit schneller verstreichen.« Ich ging ins Gebüsch. Offen gesagt war
ich recht zerstreut und beobachtete wenig die Regeln der Kunst: ich
behielt nicht ständig meinen Hund im Auge, vergaß über manchem Strauch
mit der Zunge zu schnalzen, damit daraus mit großem Lärm ein Auerhahn
herausfliege, und sah jeden Augenblick auf die Uhr, was schon durchaus
unerlaubt ist. Endlich zeigte die Uhr über acht. »Es ist Zeit!« sagte
ich mir laut und wollte schon den Weg nach dem Landsitze einschlagen,
als plötzlich kaum zwei Schritte vor mir im dichten Grase ein
riesengroßer Auerhahn auftauchte; ich schoß auf den herrlichen Vogel und
verwundete ihn am Flügel; er fiel beinahe um, überwand aber den Schmerz,
schlug die Flügel und versuchte sich über die Espenwipfel zu erheben,
doch die Kraft versagte ihm, und er fiel wie ein Stein ins Dickicht. Auf
eine solche Jagdbeute zu verzichten, wäre doch ganz unverzeihlich
gewesen; ich ging also ins Dickicht, gab meiner Hündin ein Zeichen, und
nach einigen Augenblicken hörte ich ein verzweifeltes Flügelschlagen:
der unglückliche Auerhahn war bereits unter den Tatzen meiner Diana. Ich
hob ihn auf, steckte ihn in die Jagdtasche, sah mich um und -- blieb wie
angewurzelt stehen ...
Der Wald, in den ich geraten war, war so dicht, daß ich nur mit großer
Mühe die Stelle erreichte, wo der Vogel hingefallen war; in nicht allzu
großer Entfernung schlängelte sich durch den Wald ein Fahrweg, und auf
diesem kamen gerade Seite an Seite und im Schritt meine Schöne und der
Mann, der mich gestern eingeholt hatte, geritten; ich erkannte den Mann
am Schnurrbart. Sie ritten langsam und schweigend und hielten einander
an den Händen; die Pferde gingen im Schritt, schwankten träge von der
einen Seite auf die andere und reckten die schönen Köpfe. Nachdem ich
mich vom ersten Schreck -- ja, es war ein Schreck: eine andere
Bezeichnung kann ich für das Gefühl, das sich meiner plötzlich
bemächtigte, gar nicht finden ... nachdem ich mich vom ersten Schreck
erholt hatte, heftete ich auf sie meinen trunkenen Blick. Wie schön sie
war! Wie herrlich hob sich ihre schlanke Gestalt vom smaragdgrünen
Hintergrund ab! Weiche Schatten, zarte Lichter huschten leise über ihr
langes graues Reitkleid, über ihren feinen, leichtgebeugten Hals, über
ihr zartes Gesicht, ihre glänzenden schwarzen Haare, die in üppigen
Flechten unter dem niederen Hut hervorquollen. Wie soll ich aber jenen
Ausdruck vollkommener, leidenschaftlicher, stummer Seligkeit schildern,
den alle ihre Züge atmeten! Ihr Köpfchen schien von der Last dieser
Seligkeit gebeugt; aus den dunklen, halbgeschlossenen Augen sprühten
feuchtglänzende goldene Funken; sie blickten nirgends hin, diese seligen
Augen, die feinen Brauen senkten sich über sie. Ein unbestimmtes
kindliches Lächeln, das Lächeln grenzenloser Freude schwebte um ihre
Lippen; der Überfluß von Glück hatte sie gleichsam ermüdet, sie schien
beinahe gebrochen, ebenso wie unter einer allzu üppig aufgegangenen
Blüte oft der Stengel zusammenbricht; ihre beiden Hände ruhten kraftlos:
die eine in der Hand ihres Begleiters, die andere auf dem Schopf des
Pferdes. Ich hatte Zeit gehabt, sie zu beobachten und mir genau einen
jeden ihrer Züge zu merken; aber auch _seine_ Züge prägte ich mir ein
... Er war ein schöner großer Mann mit nicht russischem Gesicht. Er sah
auf sie selbstbewußt, befriedigt und, wie ich in seinen Augen lesen
konnte, nicht ohne einen gewissen geheimen Stolz. Er betrachtete sie mit
Wohlgefallen, der Schurke; er weidete sich an ihrem Anblick, war wohl
sehr mit sich selbst zufrieden, schien aber zugleich eigentümlich
gerührt ... Und in der Tat: welcher Mann verdient wohl die Hingebung
eines so schönen Geschöpfes, welche noch so schöne Seele wäre wert,
einer anderen Seele ein solches Glück zu schenken?... Ich muß gestehen,
daß ich ihn beneidete!... Indessen waren die beiden bis zu mir
herangekommen; mein Hund sprang aus dem Gesträuch und bellte sie an. Die
Unbekannte zuckte zusammen, sah sich rasch um, und als sie mich
erblickte, versetzte sie ihrem Pferd einen heftigen Schlag mit der
Reitpeitsche. Das Pferd schnaubte, bäumte sich, warf beide Vorderbeine
empor und flog im Galopp dahin ... Der Mann gab im gleichen Augenblick
seinem Rappen die Sporen, und, als ich nach einigen Augenblicken den
Waldrand erreicht hatte, ritten die beiden schon in golden schimmernder
Ferne über das Feld, sich anmutig in ihren Sätteln wiegend ... sie
ritten aber nicht in der Richtung zum Landsitze.
Ich blickte ihnen nach ... Die Sonne übergoß sie noch zum letzten Male
mit ihren Strahlen, bevor sie hinter dem Hügel verschwanden. Ich blieb
noch eine Weile stehen, kehrte dann langsam in den Wald zurück, setzte
mich am Wege und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Ich wußte, daß es
nach der Begegnung mit einem Unbekannten genügt, die Augen zu schließen,
um sich sofort sein Bild zu vergegenwärtigen; ein jeder kann die
Richtigkeit dieser Wahrnehmung auf der Straße nachprüfen. Je bekannter
uns ein Gesicht ist, um so schwieriger wird es, es sich auf diese Weise
zu vergegenwärtigen, um so verschwommener zeigt sich uns sein Bild; an
ein bekanntes Gesicht können wir uns wohl erinnern, können es uns aber
nicht vergegenwärtigen ... unser eigenes Gesicht können wir uns aber
ganz unmöglich vorstellen ... Wir kennen wohl jeden einzelnen Zug
unseres Gesichtes, können uns aber daraus kein ganzes Bild aufbauen. Ich
setzte mich also hin und schloß die Augen, -- und sofort sah ich die
Unbekannte vor mir, ihren Begleiter, die Pferde, und alles ... Besonders
deutlich sah ich das lächelnde Gesicht des Mannes. Ich betrachtete es
aufmerksamer ... es verwischte sich und verschwand in einem blauroten
Nebel, und gleich darauf zerrann auch ihr Bild und wollte nicht
wiederkommen. -- Ich erhob mich. »Nun, jetzt habe ich sie wenigstens
gesehen, habe beide deutlich gesehen,« sagte ich mir, »nun bleibt mir
nur noch die Namen zu erfahren.« Ja, die Namen! Welch eine kleinliche,
unnötige Neugier! Ich schwöre aber, es war nicht Neugier, die mich so
bewegte: es erschien mir einfach unsinnig, nach diesen seltsamen
zufälligen Begegnungen nicht wenigstens ihre Namen zu erfahren. Mein
früheres ungeduldiges Erstaunen war übrigens verschwunden: ich hatte nur
ein seltsam trauriges verworrenes Gefühl, dessen ich mich ein wenig
schämte ... Es war Neid ...
Ich beeilte mich nicht, zum Landsitze zurückzukehren. Offen gesagt,
schämte ich mich, so hartnäckig einem fremden Geheimnis nachzuspüren.
Auch hatte mich das Erscheinen des Liebespaares bei Tageslicht, so
seltsam es auch war, ich will nicht sagen beruhigt, so doch etwas
abgekühlt ... Ich fand in diesem Erlebnisse nichts Übernatürliches,
nichts Wunderbares mehr ... nichts, was einem unerfüllbarem Traum
ähnlich wäre ...
Ich machte mich wieder an die Jagd, wenn auch mit größerem Eifer als
vorhin, so doch ohne rechte Begeisterung. Ich stieß auch auf eine
Auerhahnfamilie, die für etwa anderthalb Stunden meine Aufmerksamkeit in
Anspruch nahm ... Die jungen Vögel wollten auf meine Lockpfiffe lange
nicht antworten, wahrscheinlich pfiff ich nicht »objektiv« genug. -- Die
Sonne stand schon ziemlich hoch (die Uhr zeigte auf zwölf), als ich
meine Schritte wieder nach dem Landsitze richtete. Ich ging nicht zu
schnell. Da blickte mich plötzlich vom Hügel aus das kleine Haus an ...
Mein Herz begann wieder zu beben. Ich kam näher ... und sah, nicht ohne
eine heimliche Freude, Lukjanytsch wie gewöhnlich auf der Bank vor
seinem Häuschen sitzen. Das Tor war geschlossen ... die Fensterläden
auch.
»Grüß Gott, Onkel!« rief ich ihm noch aus der Ferne zu. »Willst dich
wohl wieder in der Sonne wärmen?«
Lukjanytsch wandte mir sein hageres Gesicht zu und lüftete stumm die
Mütze.
Ich trat näher.
»Grüß Gott, Onkel,« wiederholte ich so freundlich, wie ich es nur
konnte, um ihn milder zu stimmen. »Hast du ihn denn noch nicht gesehen?«
fügte ich hinzu, als ich meinen neuen Viertelrubel noch immer auf der
Erde liegen sah.
Ich zeigte auf die Silbermünze, die aus dem kurzen Grase halb
hervorlugte.
»Hab ihn schon gesehen.«
»Warum hast du ihn nicht aufgehoben?«
»Das Geld gehört nicht mir, darum hab' ich es nicht aufgehoben.«
»Du bist doch wirklich merkwürdig, mein Lieber!« entgegnete ich etwas
verlegen. Ich hob die Münze auf und reichte sie ihm: »Nimm, es ist ein
Trinkgeld für dich!«
»Vielen Dank,« entgegnete Lukjanytsch mit ruhigem Lächeln. »Ich brauch'
es nicht, kann auch ohne das Geld auskommen. Vielen Dank.«
»Ich will dir gern noch mehr geben!« sagte ich etwas verstimmt.
»Wofür denn? Machen Sie sich keine Mühe, ich danke Ihnen für die
Freundlichkeit, habe auch so an meinem Brot genug zu beißen. Und selbst
mit dem werde ich nicht fertig.«
Mit diesen Worten stand er auf und streckte die Hand nach der Pforte
aus.
»Warte, warte noch, Alter,« sagte ich beinahe verzweifelnd. »Wie
wortkarg du doch heute bist ... Sag mir wenigstens, ist deine Gnädige
schon aufgestanden?«
»Die Gnädige sind aufgestanden.«
»Und ... ist sie jetzt zu Hause?«
»Nein, sie sind nicht zu Hause.«
»Macht sie irgendwo Besuche?«
»Nein, sie sind nach Moskau abgereist.«
»Nach Moskau? Heute früh war sie ja noch hier?«
»Ja, sie waren noch hier.«
»Hat auch hier übernachtet?«
»Ja, sie haben hier übernachtet.«
»Und war erst seit kurzem angekommen?«
»Ja, seit kurzem.«
»Wie ist es nur möglich, mein Lieber?«
»Ja, vor etwa einer Stunde sind die Gnädige wieder nach Moskau
abgereist.«
»Nach Moskau!«
Ich sah ganz verdutzt auf Lukjanytsch: das hatte ich, offen gesagt,
nicht erwartet ...
Auch Lukjanytsch sah mich an ... Ein greisenhaftes verschmitztes Lächeln
lag auf seinen trockenen Lippen und leuchtete schwach in seinen
traurigen Augen.
»Ist sie mit der Schwester abgereist?« fragte ich ihn schließlich.
»Mit der Schwester.«
»Also ist jetzt niemand im Hause?«
»Niemand.«
-- Dieser Alte betrügt mich, -- ging es mir durch den Kopf. -- Nicht
umsonst lächelt er so verschmitzt. --
»Hör' einmal, Lukjanytsch,« sagte ich ihm, »willst du mir einen Gefallen
erweisen?«
»Ja, was wünschen Sie?« sagte er gedehnt; meine Fragen ärgerten ihn
offenbar.
»Du sagst, daß im Hause jetzt niemand ist; kannst du mir das Haus
zeigen? Ich wäre dir dafür sehr dankbar.«
»Sie wollen also die Zimmer sehen?«
»Ja, die Zimmer.«
Lukjanytsch wurde nachdenklich.
»Mit Vergnügen,« sagte er nach einer Pause. »Kommen Sie, bitte, mit ...«
Er beugte sich und trat über die Schwelle der Pforte. Ich folgte ihm.
Wir gingen durch den kleinen Hof und stiegen die baufälligen Stufen zum
Flur hinauf. Der Alte stieß die Tür auf; an der Türe war gar kein
Schloß; eine Schnur mit einem Knoten steckte aus dem Schlüsselloch
hervor ... Wir traten in das Haus. Es bestand aus fünf oder sechs
kleinen Zimmern; soviel ich bei dem spärlichen Lichte, das durch die
Ritzen in den Fensterläden drang, sehen konnte, waren die Möbel in allen
Zimmern sehr einfach und alt. In einem der Zimmer (dessen Fenster in den
Garten gingen) stand ein kleines altmodisches Klavier ... Ich hob den
verbogenen Deckel und schlug die Tasten an: ein unangenehmer, zischender
Ton erklang und erstarb, sich gleichsam über meine Frechheit beklagend.
Nichts wies darauf hin, daß in diesem Hause erst eben Menschen gewohnt
hatten; selbst die Luft in den Zimmern war ungewöhnlich dumpf und tot;
nur einige Papierfetzen, die auf dem Boden lagen und noch ganz frisch
und weiß aussahen, ließen darauf schließen, daß sie erst seit kurzem
hergekommen waren; ich hob einen der Fetzen auf. Es war ein Stück von
einem zerrissenen Briefe; auf der einen Seite stand in einer
temperamentvollen weiblichen Handschrift: »se taire?«, auf der anderen
Seite konnte ich das Wort: »bonheur« entziffern ... Auf einem runden
Tischchen am Fenster stand in einem Wasserglase ein welker Blumenstrauß,
und daneben lag ein zerknittertes grünes Bändchen ... Dieses Bändchen
nahm ich mir als Andenken mit. -- Lukjanytsch öffnete eine enge, mit
Tapeten verklebte Türe und sagte:
»Das hier ist das Schlafzimmer, dahinter die Mädchenkammer; mehr Zimmer
gibt's hier nicht ...«
Wir gingen durch den Korridor zurück.
»Und was ist das da für ein Zimmer?« fragte ich, auf eine breite, weiße
Türe mit einem Vorhängeschloß zeigend.
»Das da?« antwortete Lukjanytsch mit dumpfer Stimme. »Das ist nichts.«
»Wieso nichts?«
»Nichts ... Eine Rumpelkammer ...« Und er ging ins Vorzimmer.
»Eine Rumpelkammer? Kann ich sie sehen?...«
»Ich begreife nicht, was Sie da so interessiert,« entgegnete Lukjanytsch
unzufrieden. »Was wollen Sie sehen? Es sind ja nur Koffer darin und
altes Geschirr ... eine Rumpelkammer und nichts weiter.«
»Ich will sie aber doch sehen, zeig' sie mir bitte, Alter,« sagte ich,
obwohl ich mich innerlich meiner unanständigen Beharrlichkeit schämte.
»Siehst du, ich möchte ... ich möchte, auch bei mir im Dorfe ein solches
Haus ...«
Ich schämte mich noch mehr und konnte den angefangenen Satz nicht zu
Ende bringen.
Lukjanytsch stand, den grauen Kopf gesenkt, und sah mich etwas
eigentümlich mit krauser Stirne an.
»Zeig' sie mir doch,« wiederholte ich.
»Nun, von mir aus,« sagte er endlich. Er holte den Schlüssel aus der
Tasche und machte sehr ungern die Türe auf.
Ich blickte in die Kammer hinein. Es war da wirklich nichts
Bemerkenswertes. An den Wänden hingen alte Bildnisse mit dunklen,
beinahe schwarzen Gesichtern und bösen Augen. Auf dem Boden lag
verschiedenes Gerümpel.
»Nun, haben Sie sich sattgesehen?« fragte mich mürrisch Lukjanytsch.
»Ja, danke!« erwiderte ich eilig.
Er schlug die Türe zu. Ich ging ins Vorzimmer und aus dem Vorzimmer in
den Hof.
Lukjanytsch geleitete mich hinaus, murmelte: »Leben Sie wohl!« und begab
sich in sein Häuschen.
»Und wer war die Dame, die gestern hier zu Besuch war?« rief ich ihm
nach. »Sie ist mir erst heute früh im Gehölz begegnet.«
Ich hoffte, ihn durch diese unerwartete Frage zu verirren und von ihm
eine unüberlegte Antwort zu bekommen. Der Alte lachte aber nur und
schlug die Türe hinter sich zu.
Ich kehrte nach Glinnoje zurück. Ich schämte mich wie ein Junge, den man
ausgescholten hat.
-- Nein, -- sagte ich zu mir: -- ich werde das Rätsel wohl nicht lösen
können. Also geb' ich's auf! Will nicht mehr daran denken. --
Nach einer Stunde war ich schon auf dem Wege nach Hause; ich war erregt
und erbost.
Es verging eine Woche. Wie sehr ich mich auch bemühte, die Erinnerung an
die Unbekannte, an ihren Begleiter und an meine Begegnungen mit ihnen
mir aus dem Kopfe zu schlagen, sie kamen immer wieder und belästigten
mich so hartnäckig und zudringlich wie eine Fliege an einem
Sommernachmittag ... Auch Lukjanytsch, mit seinen geheimnisvollen
Blicken und zurückhaltenden Reden, mit seinem kühlen und traurigen
Lächeln kam mir immer wieder in den Sinn. Sogar das Haus, so oft ich
daran dachte, -- sogar das Haus schien mich durch seine
halbgeschlossenen Fenster schlau und stumpf anzublicken, als wollte es
mich necken und mir sagen: Und doch wirst du nichts erfahren! Ich hielt
es schließlich nicht aus: an einem schönen Tag fuhr ich wieder nach
Glinnoje und begab mich von da zu Fuß ... wohin? Der Leser kann es
leicht erraten.
Ich muß gestehen, als ich mich dem geheimnisvollen Landsitze näherte,
spürte ich eine heftige Erregung. Das Haus schien in seinem Äußeren ganz
unverändert: dieselben geschlossenen Fenster, dasselbe traurige und
einsame Bild; doch auf der Bank vor dem Hofgebäude saß statt des alten
Lukjanytsch ein mir unbekannter Bauernbursche von etwa zwanzig Jahren,
in einem langschößigen Kaftan aus Baumwollzeug und in rotem Hemde. Er
saß auf der Bank, den lockigen Kopf auf die Hand gestützt und
schlummerte; von Zeit zu Zeit fuhr er im Schlafe zusammen.
»Grüß Gott, Bruder!« rief ich laut.
Er sprang sofort auf und sah mich starr mit erschrockenen Augen an.
»Grüß Gott, Bruder,« wiederholte ich, »wo ist der Alte?«
»Was für ein Alter?« fragte mich der Bursche gedehnt.
»Lukjanytsch.«
»Ach so, Lukjanytsch!« Er blickte zur Seite. »Sie wollen also
Lukjanytsch?«
»Ja, Lukjanytsch. Ist er zu Hause?«
»N--ein,« sagte der Bursche nach einer Pause. »Er ist ... wie soll ich
... wie soll ich es Ihnen sagen ...«
»Ist er etwa krank?«
»Nein.«
»Was ist denn mit ihm los?«
»Er ist nicht mehr da.«
»Wo ist er denn?«
»Ja, es ist ihm ... ein Unglück zugestoßen.«
»Ist er gestorben?« fragte ich erstaunt.
»Er hat sich erhängt.«
»Erhängt!« rief ich erschrocken aus und schlug die Hände zusammen.
Wir blickten einander an.
»Ist es lange her?« fragte ich schließlich.
»Heute sind es fünf Tage. Gestern wurde er beerdigt.«
»Warum hat er sich erhängt?«
»Gott weiß warum. Er war ja ein freier Mensch, kein Leibeigener mehr, er
bekam sein Gehalt, er kannte keine Not, die Herrschaft behandelte ihn
wie einen Verwandten. Wir haben ja eine so selten gute Herrschaft, Gott
schenke ihr langes Leben! Man kann gar nicht begreifen, was ihm
geschehen war. Der Böse hat ihn wohl verführt.«
»Wie hat er es denn gemacht?«
»Ganz einfach. Hat sich halt erhängt.«
»Und hat man ihm vorher nichts angemerkt?«
»Wie soll ich es Ihnen sagen ... Etwas Besonderes war an ihm nicht zu
sehen. Er war ja immer finster und mißtrauisch. Oft begann er zu
krächzen und zu stöhnen und zu sagen, daß es ihm so traurig zumute sei.
Nun, er war ja auch nicht mehr jung. In der letzten Zeit schien er
wirklich etwas nachdenklicher als sonst. Manchmal kam er zu uns ins
Dorf; ich bin nämlich sein Neffe. -- 'Komm doch mal zu mir, Wassja,'
sagte er, 'und übernachte bei mir!' -- 'Warum denn, Onkelchen?' -- 'Ich
fürchte mich allein zu sein, es ist so langweilig und einsam.' -- Ich
ging also ab und zu zu ihm hin. Manchmal ging er in den Hof hinaus, sah
auf das Haus, schüttelte den Kopf und seufzte ... Auch vor jener Nacht,
das heißt bevor er sich erhängte, kam er zu uns und rief mich zu sich.
Ich ging auch wirklich mit. Wie wir ankamen, saßen wir noch eine Weile
auf der Bank vor seinem Häuschen; dann stand er auf und ließ mich
allein. Ich wartete; als er lange nicht kommen wollte, ging ich in den
Hof und rief: -- 'Onkelchen, he Onkelchen!...' -- Der Onkel gab keine
Antwort. Da denke ich mir: wo ist er nur hingegangen, vielleicht in das
Herrschaftshaus? Es war aber schon Abend geworden. Ich ging also ins
Haus. Es war schon dunkel geworden. Wie ich an der Rumpelkammer
vorbeikomme, höre ich, daß dort jemand hinter der Türe kratzt; ich mache
die Türe auf; richtig, da sitzt er in der Kammer beim Fenster. 'Was
machen Sie hier, Onkelchen?' frage ich ihn. Er dreht sich plötzlich um
und schreit mich wütend an; seine Augen laufen aber nur so hin und her
und leuchten wie bei einem Kater. 'Was willst du? Siehst du denn nicht,
daß ich mich rasiere?' Und seine Stimme klingt dabei so heiser. Mir
standen plötzlich die Haare zu Berge, und es wurde mir, ich wußte selbst
nicht warum, so ängstlich zumute ... Damals hatten ihn wohl schon die
Teufel in ihrer Gewalt. 'Im Finstern?' frage ich ihn, mir beben aber
dabei die Knie. -- 'Es ist gut,' sagt er mir, -- 'geh nur.' Ich ging,
auch er kam aus der Kammer heraus und verschloß die Türe. Wir kamen
wieder in sein Häuschen, und meine Angst war auf einmal wie weggeblasen.
'Was haben Sie, Onkelchen,' fragte ich ihn, 'in der Kammer gemacht?' Er
fuhr zusammen. 'Schweig und kümmere dich nicht um fremde Sachen.' Mit
diesen Worten legte er sich auf die Ofenbank. In der Ecke brennt aber
eine Nachtlampe. So liege ich da, bin gerade beim Einschlafen ...
plötzlich höre ich, wie die Türe leise aufgeht ... ganz wenig geht sie
auf. Der Onkel lag aber mit dem Rücken gegen die Tür; Sie werden sich
wohl erinnern, daß er schwerhörig war. Und doch hörte er, wie die Türe
aufging, und sprang plötzlich auf ... 'Wer ruft mich da? Wer? Er will
mich holen!' Mit diesen Worten lief er wie er war ohne Mütze in den Hof
... Ich dachte mir noch: 'Was hat er nur?' schlief aber sofort wieder
ein. Wie ich am nächsten Morgen erwache, ist Lukjanytsch nicht da. Ich
ging aus dem Hause, rief nach ihm, bekam aber keine Antwort. Ich frage
den Wächter: 'Hast du nicht meinen Onkel gesehen?' -- 'Nein,' sagt er
mir, 'ich hab' ihn nicht gesehen.' -- 'Es ist doch merkwürdig,' sage
ich, 'daß er nirgends zu sehen ist!' Es wurde uns beiden ganz bange
zumute. 'Komm doch, Fedossejitsch, komm doch,' sage ich, 'wollen wir im
Herrschaftshause nachschauen.' -- 'Komm, Wassilij Timofejitsch,' sagt er
drauf und ist dabei weiß wie Kalk. Wir gingen ins Haus ... und wie ich
an der Kammer vorbeikomme, sehe ich, daß das Vorhängeschloß an der Türe
aufgemacht ist; ich will die Türe aufstoßen, sie ist aber von innen
zugeriegelt ... Fedossejitsch lief sofort von außen herum und sah ins
Fenster. 'Wassilij Timofejitsch!' schreit er, 'die Beine hängen, die
Beine ...' Ich laufe sofort zum Fenster. Und es sind wirklich seine
Beine, Lukjanytschs Beine. Er hatte sich mitten im Zimmer erhängt ...
Wir schickten gleich nach der Polizei ... Man nahm ihn aus der Schlinge
heraus: zwölf Knoten waren im Strick.«
»Und was sagte die Polizei?«
»Die Polizei? Die sagte nichts. Sie dachten lange nach, was da für eine
Ursache gewesen war. Es gab aber keine Ursache. Man entschied also, daß
er es im Wahnsinne getan hatte, und dabei blieb's. In der letzten Zeit
hatte er auch wirklich oft über Kopfschmerzen geklagt ...«
Ich sprach noch etwa eine halbe Stunde mit dem Burschen und ging
schließlich heim, verstimmt und verwirrt. Ich muß gestehen, daß ich das
alte Haus nicht ohne eine geheime abergläubische Angst ansehen konnte
... Nach einem Monat reiste ich ab, und alle die schrecklichen Eindrücke
und geheimnisvollen Begegnungen gingen mir allmählich aus dem Kopf.